Zweiundzwanzigstes Kapitel

[158] Der Einbruch.


»Hallo!« schrie eine heisere Stimme, als sie den Fuß in den Flur setzten.

»Halt's Maul,« brummte Sikes und verriegelte die Türe hinter sich. »Mach' Licht gefälligst, Toby.«

»Aha, der Sikes,« rief die Stimme wieder. »Barney, 'n Licht! Führ' den Herrn gefälligst rein, Barney. Tür auf da.«[158]

Der Mann, der die Worte sprach, schien allem Anschein nach einen Stiefelknecht oder etwas Ähnliches nach dem angeredeten Mr. Barney zu werfen, wahrscheinlich, um ihn aus dem Schlaf zu wecken, denn ein Geräusch, wie wenn ein Stück Holz irgendwo anpralle, wurde hörbar, und gleich darauf konnte man ein undeutliches Gemurmel vernehmen, wie wenn jemand zwischen Schlafen und Erwachen kämpft.

»Verstanden?« rief die Stimme. »Draußen steht Bill Sikes, und du liegst da und schnarchst, als wenn du Laudanum gefressen hättst. Na also, was is? Bist du schon munter, oder soll ich dir noch nen eisernen Leuchter an den Schädel schmeißen?«

Eiligst schlurrten ein paar Schlappschuhe über die Dielen, und gleich darauf zeigte sich an einer halboffenen Türe, einen Lichtstumpf in der Hand, der bekannte Kellner der Schenke auf dem Saffronhill.

»Gott über die Welt, Mr. Sikes,« rief Barney sichtlich oder wenigstens anscheinend erfreut. »Kommen Se herein in die Stube, kommen Se doch herein.«

»Marsch hinein,« befahl Sikes, Oliver vor sich herstoßend. »Vorwärts, oder ich tret' dir die Fersen ab.«

Sie traten in eine niedrige finstere Stube, in dem ein Kaminfeuer qualmte und blakte und ein paar Stühle, ein Tisch und ein altes Sofa umherstanden. Auf diesem, die Beine weit ausgestreckt, lag ein Mann und paffte aus einer Tonpfeife. Er war gekleidet in einen schnupftabakfarbenen Anzug von modernem Schnitt mit großen Messingknöpfen daran. Ein orangefarbiges Halstuch hatte er um den Hals geschlungen, und seine Brust verdeckte eine grelle großgemusterte Weste. Die Hosen waren von schmutzigem Gelb. Mr. Crackit – so hieß der Gentleman – erfreute sich gerade nicht eines üppigen Haarwuchses, und was er noch von Haaren auf dem Kopf oder im Gesicht besaß, war von rötlicher Farbe und über die Ohren hinweg korkzieherartig gedreht. Der Mann war von mittlerer Größe und, wie es schien, was die Beine anbelangte, ein wenig zurückgeblieben. Trotzdem tat dieser Umstand der persönlichen Bewunderung seiner Stulpstiefel, die er nicht eine Sekunde aus den Augen ließ, in keiner Weise Abbruch.[159]

»Ich freue mich, dich zu sehen, Bill, mein Junge,« sagte der Gentleman, faul den Kopf zur Türe wendend. »Hab' schon gefürchtet, du wollest die Sache sein lassen. In dem Fall hätte ich das Risiko allein übernommen und wär's ohne Begleitung angegangen. Hallo!«

Sein Ausdruck des Erstaunens galt Oliver. Mit einem Ruck richtete er sich auf und fragte, wer der Junge sei.

»Na eben! der Junge,« antwortete Sikes mürrisch und rückte sich einen Stuhl zum Feuer.

»Einer von Fagin seiner Leibgarde,« scherzte Barney grinsend.

»Soso, von Fagin!« rief Toby aus und blickte Oliver forschend an. »Ein Prachtbengel für die ollen Schachteln, wenn sie in die Kirche gehen. Ne Kapitalsvisage!«

»Genug jetzt,« fiel ihm Sikes ungeduldig ins Wort, bückte sich über ihn und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr, über die Mr. Crackit laut auflachen mußte.

»So!« knurrte Sikes und setzte sich wieder zurecht. »Wenn du uns jetzt etwas zu essen und trinken geben willst, kanns uns recht sein. Setz' dich an den Ofen, Bursche, und ruh' dich aus. Heute nacht mußt du dich wieder auf die Beine machen, wenn's auch nicht mehr so weit sein wird, wie's bisher war.«

Stumm und schüchtern blickte Oliver Mr. Sikes an, rückte sich dann einen Sessel ans Feuer und setzte sich, seinen schmerzenden Kopf zwischen die Hände gedrückt, nieder, ganz wirr von all dem, was er erlebt hatte.

»Hier,« sagte Toby, während der Jude ein paar Speisenreste und eine Flasche auf den Tisch stellte. »Prosit und Glückauf!« Dann richtete er sich ein wenig auf, füllte sich ein Glas mit Schnaps und goß es durch die Kehle. Mr. Sikes tat ein Gleiches.

»Da für den Jungen auch en Tropfen,« sagte Toby und goß ein Weinglas halb voll. »Runter damit, junge Unschuld.«

»Wirklich, Sir, – ich –,« hauchte Oliver und blickte dem Strolch mit kläglicher Miene ins Gesicht, – »wirklich, Sir, – ich –«[160]

»Runter damit!« schrie Toby. »Meinst du vielleicht, ich weiß nicht, was dir gut ist? Sag' ihm, Bill, er soll's runtergießen.«

»Möcht' ich dir auch geraten haben,« rief Sikes und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Teufel noch mal! Ob einem der Bengel nicht mehr Schur antut als ein ganzer Schwarm Gassenbuben! Runter damit, Galgenstrick!«

Eingeschüchtert goß Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde gleich darauf von einem so heftigen Husten befallen, daß Toby Crackit und Barney sich vor Lachen gar nicht halten konnten.

Als Sikes seinen Hunger gestillt hatte, – Oliver konnte nur mit Mühe eine kleine Brotrinde hinunterwürgen – streckten sich die beiden Männer auf ein paar aneinandergestellten Stühlen aus, um ein Schläfchen zu halten. Oliver durfte auf seinem Sessel neben dem Ofen sitzen bleiben, und Barney streckte sich in eine Decke eingewickelt auf die Dielen nieder. Eine Zeitlang schien die Gesellschaft zu schlafen, das heißt: niemand rührte sich außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen auf das Feuer zu schütten. Oliver verfiel in einen tiefen Schlummer, und es war ihm, als streife er noch immer durch die finstern Gassen oder wandre über die Kirchhöfe. Plötzlich schreckte er auf, geweckt von dem Geräusch, das Toby Crackit machte, als er auf die Füße sprang und rief: es sei halb zwei. Sofort waren auch die beiden anderen auf den Beinen. Sikes und sein Freund hüllten sich Hals und Gesicht in große Tücher und zogen ihre Mäntel an. Barney schloß einen Wandschrank auf und langte verschiedene Gegenstände daraus hervor, und beide stopften sich damit eilig die Taschen voll.

»Die Bleispritzen, Barney,« mahnte Toby Crackit.

»Do hier sein welche,« erwiderte Barney und reichte ihm ein paar Pistolen. »Geladen hab' jach se selber.«

»Stimmt,« murmelte Toby, nachdem er die Waffen untersucht hatte. »Und jetzt die Chlamones.« Der Jude reichte ihm einen Bund mit Dietrichen. »Und die Bohrer und die Laternen nicht vergessen,« sagte Toby und steckte ein kleines Brecheisen zu sich.

»Alles in Ordnung,« murrte Sikes. Barney reichte[161] einem jedem einen derben Knittel und half dann Oliver in seinen Mantelkragen.

»Also los! Palisieren wir,« sagte Sikes und faßte Oliver wieder an der Hand. Mechanisch ließ der arme Junge alles mit sich geschehen.

»Toby, nimm' ihn an der andern,« knurrte Sikes. »So, jetzt schau mal raus, Barney!«

Der Jude ging zur Türe hinaus und kam gleich darauf mit der Meldung zurück, es sei alles ruhig. Oliver in der Mitte, schritten die beiden Strolche aus dem Haus. Barney schloß sofort hinter ihnen ab. Es war pechfinstere Nacht. Der Nebel war noch dichter und schwerer als in den Abendstunden und die Luft so feucht, trotzdem kein Regen fiel, daß Oliver Haar und Augenbrauen nach wenigen Minuten hart gefroren waren von der schneidenden Kälte. Wortlos schritten sie über die Brücke. Dann schlugen sie die Richtung auf die Lichter der Stadt zu ein und hatten, scharf ausschreitend, Chertsey bald erreicht.

»Nur immer grad mitten durch die Stadt,« flüsterte Sikes. »Heut ist niemand mehr auf, der uns sehen könnte.«

Toby brummte etwas, und sie eilten durch die Hauptstraße der kleinen Stadt, die zu dieser späten Nachtstunde vollständig menschenleer dalag. Von Zeit zu Zeit schimmerte ein trübes Licht aus irgendeinem Fenster heraus, und heiseres Hundegebell unterbrach zuweilen die nächtliche Stille. Als die Kirchturmuhr zwei schlug, hatten sie die Stadt hinter sich. Immer noch ihre Eile beschleunigend, bogen sie in eine Straße ein, die sich linkerhand entlangzog. Nachdem sie ungefähr eine Viertelmeile zurückgelegt hatten, blieben sie vor einem vereinzelten, von einer Mauer umgebenen Hause stehen. Ohne sich Zeit zu lassen, schwang sich Toby Crackit hinauf.

»So! Jetzt den Jungen,« flüsterte er, »heb ihn rauf, Bill, ich werd in schon festhalten.«

Noch ehe Oliver Zeit hatte, sich genauer umzublicken, hatte Sikes ihn bereits unter den Armen gefaßt, und wenige Sekunden darauf lag er mit Toby zusammen auf der anderen Seite der Mauer im Gras. Sikes[162] folgte ihnen auf dem Fuß. Behutsam schlichen sie zum Hause hin.

Vor Schreck und Angst fast von Sinnen, erkannte Oliver, daß es sich um einen Einbruch oder Raub handeln müsse. Er rang die Hände und stieß unwillkürlich einen Ruf des Schreckens aus. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirne, und die Glieder versagten ihm den Dienst. Zitternd brach er in die Knie.

»Aufgestanden,« flüsterte Sikes, schäumend vor Wut, und riß seine Pistole aus der Tasche. »Aufgestanden, sag ich, oder ich spritz dir das Gehirn an die Wand.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, lassen Sie mich gehen,« jammerte Oliver, »lassen Sie mich davonlaufen und lieber auf freiem Feld sterben. Ich will nie wieder nach London kommen. Nie. Ich versprech es Ihnen. Haben Sie Mitleid mit mir und zwingen Sie mich nicht einzubrechen. Um Gottes Barmherzigkeit willen, Gnade, Gnade!«

Er hörte am Knacken, daß Sikes den Hahn spannte, aber gleich darauf schlug ihm Toby die Pistole aus der Hand, hielt Oliver den Mund zu und schleppte ihn zum Hause hin.

»Das Maul gehalten,« krächzte er dabei heiser. »So was können wir hier nicht brauchen. Ein Wort noch, und ich schlag dir den Bregen ein. Das macht keinen Lärm und ist ebenso sicher wie das Schießeisen. Hierher Bill! Brech mal den Laden auf. Der Bursche wird schon das Maul halten; ich steh dir gut dafür. Da hab ich schon ältere gesehen als den Knirps da, die das Maul gehalten haben.«

Flüche vor sich hinmurmelnd, setzte Sikes geräuschlos seine Brechstange an den Laden an. Die Angeln gaben nach.

Ein kleines Gitterfenster in der Höhe von ungefähr fünf und einen halben Fuß über der Erde an der rückseitigen Hauswand wurde sichtbar, und gleich darauf war auch der Rahmen des Fenstergitters aus den Angeln gehoben.

»So, paß auf jetzt, junger Hund du,« flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und richtete ihr Licht direkt auf Olivers Gesicht. »Wir schieben dich[163] durch das Loch da jetzt ins Haus hinein. Das Licht hier nimmst du mit, dann gehst du langsam immer der Nase nach die Treppe hinauf bis zur Haustür, machst sie auf und läßt uns rein. An der Tür oben ist ein Riegel, an den du nicht wirst rauflangen können. Dann nimmst du 'n Stuhl, einen von denen, die im Vorhaus stehen, und stellst dich drauf. Es stehen ihrer nämlich drei dort, Bill, alle mit einem schönen blauen Einhorn drüber und ner goldne Heugabel als Wappen, das ist der ollen Schachtel ihr Wappen.«

»Und daß du dich ruhig verhältst, verstanden?« flüsterte Sikes mit drohender Miene. »Die Stubentür ist offen, nicht wahr?«

»Sperrangelweit offen,« antwortete Toby, nachdem er noch einen Blick durchs Fenster hineingeworfen, um sich zu vergewissern, »und den Hund hat Barney heute Abend stumm gemacht. Fein, sag ich dir.«

Trotzdem Mr. Crackit kaum hörbar flüsterte und ganz geräuschlos lachte, befahl ihm Sikes wütend, zu schweigen und sich lieber an die Arbeit zu machen. Mr. Crackit gehorchte, stellte sich ans Fenster und beugte sich nieder, um für Oliver mit dem Rücken einen Tritt zu bilden. Dann wurde der Knabe mit den Füßen voran behutsam durch das Fenster geschoben und im Innern des Hauses niedergestellt.

»So, da hier nimm die Laterne,« rief Sikes und steckte den Kopf durch das Fenster hinein. »Siehst du die Stiege da vor dir?«

»Ja,« hauchte Oliver, mehr tot als lebendig. Er sah den Lauf von Sikes Pistole blitzen und begriff, daß es ihm nichts helfen würde, davonzulaufen, da er immerwährend in Schußweite sein werde.

»In einer Minute haben wirs,« hörte er Sikes murmeln. »Wenn ich dich loslasse, machst du dich an die Arbeit, verstanden?«

»Horch was ist das!« flüsterte Crackit.

Sie lauschten gespannt.

»Nichts,« murmelte Sikes und ließ Oliver los. »Also, marsch an die Arbeit.«

In der kurzen Spanne Zeit, die ihm geblieben war, sich zu sammeln, hatte Oliver den festen Entschluß gefaßt,[164] sollte es ihm das Leben kosten oder nicht, zu trachten, vom Vorderhause aus die Treppe zu gewinnen, um die im Hause schlafende Familie zu wecken. Von diesem Gedanken angespornt, schlich er sich leise vorwärts.

»Zurück,« schrie Sikes plötzlich mit lauter Stimme. »Zurück, zurück!«

Erschreckt ließ Oliver die Laterne fallen und wußte einen Augenblicklang nicht, sollte er vorwärts laufen oder stehen bleiben.

Sikes wiederholte seinen Ruf – ein Licht tauchte in der Finsternis auf, zwei halb angekleidete Männer erschienen oben auf dem Treppenabsatz – ein Blitz – ein Krach irgendwo – wo konnte Oliver nicht mehr unterscheiden – und dann taumelte er zurück.

Eine Sekundelang war Sikes verschwunden, aber gleich darauf erschien er wieder oben am Fenster, packte den Knaben am Kragen, feuerte seine Pistole auf die beiden Männer ab und zog Oliver in die Höhe. »Leg den Arm fester an,« schrie er und riß ihn durchs Fenster durch. »Ein Halstuch her, Toby – die Kerle haben ihn angeschossen. Rasch, rasch! Verdammt nochmal, er blutet.«

Man hörte eine Glocke tönen, Feuerwaffen knallten, und mitten in einem Getöse von Menschenstimmen wurde Oliver rasch über den holprigen Boden vorwärts geschleppt. Immer verworrener wurde der Lärm, dann schlich sich ein kaltes tödliches Gefühl in Olivers Herz, und einen Augenblick später sah und hörte er nichts mehr.[165]

Quelle:
Dickens, Charles: Oliver Twist. München 1914, S. 158-166.
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