Grenzphantasie

[189] – N.N.N.N. –


Nunquam retrorsum!


Bis hierher und nicht weiter! Hier die Grenzen, –

Betrachte diesen Pfeiler, dieses Schild!

Siehst du, in Schwarz und Gold gemalt, es glänzen

Des Doppeladlers dräuendes Gebild?

Hier gilt's zu scheiden von der Heimat Lenzen,

Von deines Südens blühendem Gefild, –

Kehr um, wenn dir das Leben lieb geworden,

Denn hier beginnt die Not, die Nacht, der Norden.


Das ist kein Adler, wie die Adler alle:

Dem Licht zuwider geht sein schwerer Flug,

Von Raub und Blut trieft die gewetzte Kralle,

Die schon so manches Wild daniederschlug,

Die jüngst den Nachbar-Aar gebracht zu Falle,

Den weißen, der Polonia's Banner trug ...

Ihn sahn wir sinken, sahn den andern steigen

Und taten, – was wir immer müssen: – schweigen!


Ob er mit seinen breiten Rabenschwingen

Der Sonne Strahl den heitren Durchgang wehrt,

Ob er, gewöhnt zu siegen und zu zwingen,

Mit jedem Tag die Kraft der Fänge mehrt,

Was kümmert's uns, die wir vor andren Dingen

Uns fürchten, westlich stets den Blick gekehrt?

Wir fühlen nicht, bis uns im eignen Nacken

Die Klaun des Unersättlichen erst packen.


Ein Schritt nur, und ich stünd' in seinem Reiche,

Da drüben grünt, wie hier, dasselbe Gras.

Und doch, wo in der Welt wär' eine gleiche

Titanenkluft, so sonder End' und Maß?

Diesseits Europa, das gedankenbleiche,

Jenseits die neue Jugend Asias,

Hier die Kultur, die satte, dort die rohe,

Die ungeübte Kraft, die tatenfrohe!
[190]

Was frommt's, daß auf geduldigem Papiere

Ihr für die Euren fügsam sie erkannt?

Es hat Natur dem Menschen wie dem Tiere

Den Stempel unauslöschlich aufgebrannt,

Behaltet Euer Teil, und sie das Ihre,

Nur sagt nicht, daß Ihr Zwei aus einem Land;

Viel fester stehn als auf gemalten Karten

Im Geist der Völker ihrer Grenze Warten.


Seid ihr verwandt mit Finnen und Kalmücken,

Mit Slawen, die einst Rurik hergeführt?

Wollt Ihr die Hand dem Samojeden drücken,

Der auf dem Schnee nach Bär und Elen spürt,

Und dem Mongolen, dessen Sklaven-Rücken

Alltäglich noch des Zuchtherrn Knute rührt?

Und wollt Ihr flehn, wie sie seit tausend Jahren:

Erst betet Gott an und darauf den Zaren!?


Natur hat selbst den Unterschied gerissen,

Ihn gleicht die Kunst nicht aus, nicht Zeit und Macht.

Dort liegt sie mondenlang in Finsternissen

Des Winters, eh einmal ihr Auge lacht,

Kaum schmilzt das Eis von den gefangnen Flüssen,

Kaum dämmert's in Sibiriens Bergwerks-Nacht,

Ein Todeshauch, wie aus des Nordpols Gegend,

Durchfröstelt alles Land, Schauer-erregend.


Ihr meint, der Nord kann Euer Feld nicht streifen,

Die Nacht nicht Euren Himmel überziehn?

Kurzsichtige! Wenn sie zum Schwerte greifen,

Wohin nur vor der Macht der Masse fliehn?

Schon seh' ich sie durch Eure Städte schweifen,

Wie einst als Freunde, plündernd her und hin, –

Denn Stillstand ist bei Riesenleibern nimmer,

Bewegung heischt die Selbsterhaltung immer.


Wohlan! Ich schleudre ahnend meine Lanze,

Den Liederpfeil, hinüber in dein Reich;

Rück an und fordre uns zum Waffentanze,

Zum Völkerkampf, zum Einzel-Schwerterstreich!

Wir schmücken unser Haar mit grünem Kranze,[191]

Die Brust mit einem muntren Eichenzweig,

Den Spartern ähnlich, die vor Hellas Toren

Ihr Leben im Barbarenkrieg verloren.


Los auf und lasse deine Neu-Barbaren,

Den Strom, den nur mit Müh' ein Damm gehemmt,

Ansprengen, heiß den flüchtigen Tataren

Und den Kausasier, auf's Kamel gestemmt,

Und den Kosacken, welcher raub-erfahren,

Im Don sein Roß, sich selber niemals schwemmt,

Und die von ihres Irtisch öden Steppen

Auf Schlitten mühsam sich zusammenschleppen.


Das balle, dein Geschütz und deine Horden

Und dein Getier, in einen wüsten Knäul,

Und schleudre, einen Blitz aus hohem Norden,

Vernichtend auf uns nieder deinen Gräul.

Geschehe, was da muß! Erfüllt ist worden

Die Zeit! So klagt Kassandra's Wehgeheul,

Und ächzend unter deiner Schlaglawine

Wird Deutschland eine warnende Ruine!

Quelle:
Franz von Dingelstedt: Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, Tübingen 1978, S. 189-192.
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