1.

[40] »Entartet ist die junge Brut,

Und – Gott verzeihe mir die Sünde –

Ich habe sehr gewicht'ge Gründe

Und manchen Anlaß, mehr als gut,

Mit meinem eignen Fleisch zu hadern;

Denn Wasser, anstatt heißes Blut,

Rinnt meinen Söhnen durch die Adern,

Seitdem ich, auf der Mutter Bitte,

Den Rechtsverdrehern sie gebracht,

Zu Advokaten sie gemacht

Dort in Sanct-Paul, nach heut'ger Sitte.

Jetzt sind sie modisch angekleidet

Mit engen Hosen und Krawatten;

Doch wilde Hengste abzumatten

Ist ihnen lange schon verleidet;[40]

Statt dessen wird von Politik,

Von Menschenrechten viel gesprochen,

Und von Theater und Musik.

Was soll's? Die Keckheit ist gebrochen –

Verrostet sind der Alten Messer;

Es gilt ihr Wort nur dann und wann,

Denn Kinder wissen alles besser.

Habt Ihr's verstanden, junger Mann?

Vielleicht gehört Ihr auch zu jenen

Spaßvögeln, die mit schlaffen Sehnen

Herüberfliegen, uns zu mahnen

An Fortschritt und an Eisenbahnen

Und andre solche Narrenspossen?

Gleichviel! Laßt die gelehrten Leute,

Und wenn Ihr wollt, erzähl' ich heute

Von einem Freund und Zeitgenossen;

Garcia hieß er als der Sohn

Ehrbarer Eltern (wohlgeraten

War dieser Sprosse – mir zum Hohn!)

Und Januario von dem Paten.

Garcia! – Ha, Ihr sollt erfahren,

Wie der gewußt, sein Recht zu wahren,

Was der auf diesem Grund und Boden

Gethan, um Unkraut auszuroden,

Was der geschworen und gelitten!

Schon gestern hatt' ich's auf der Zunge,

Als wir die kleine Strecke ritten[41]

Von Sorocaba nach Itù;

Staub aber lag auf meiner Zunge

Und klebte mir die Lippen zu.«


Nach solchen Eingangsworten floß

Die Rede von des Alten Munde.

Wir lagen schweigend in der Runde,

Und wenn uns mancher Wink verdroß,

Wir mußten dies und jenes hören,

Es wagte keiner ihn zu stören.

Ein Fazendeiro1 war's, ergraut

In harter Arbeit, heißem Schaffen,

Der seine blankgeputzten Waffen

Zuweilen grimmig angeschaut,

Ein halber Gaucho, rauh und zähe. – –

Wir ruhten aus am Lagerfeuer;

Die Pferde grasten in der Nähe,

Und daß Garcias Abenteuer

Uns, deren Herzen nicht gestählt,

Den Schlaf verscheuchten, glaube jeder,

Der lesen mag, was meine Feder

Mit leichten Strichen nacherzählt.

Denn ich bekenne meine Schwäche,

Die Scene schildern kann ich nicht.


Der Vollmond goß sein Silberlicht

Auf eine waldumkränzte Fläche,[42]

Hier Gräser, von Demanten funkelnd,

Felsblöcke dort auf Blumenmatten,

Mit ihren langgestreckten Schatten

Das wunderbare Bild verdunkelnd.

Des Alten Stimme, bald erschallend

Wie Sturmestoben, bald verhallend

Wie Todesseufzer, dumpf und hohl –

Das alles läßt sich nicht beschreiben;

Mir aber wird die Scene wohl

Auf immer im Gedächtnis bleiben!

Fußnoten

1 Brasilianischer Landbesitzer.


Quelle:
Ludwig Ferdinand Schmid: Dranmor’s Gesammelte Dichtungen, Frauenfeld 41900, S. 40-43.
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