Der vier- und sibenzigste Psalm

[35] Herr! willt du uns denn gar verdammen?

Sind wir auf ewig ausgetahn?

Wie schlagen deines Zornes Flammen

Von allen Seiten auf uns an?

Wir ligen schmählich auf der Erde.

Hilf, o Erlöser, hilf geschwind!

Gedenke, daß wir deine Heerde

Und dein erworbnes Erbe sind!


Gedenke deines Zions wieder,

Des Berges, da man dich verehrt;

Und stürze bald die Feinde nider,

Die deinen Tempel so verstört!

Kein Grimm ist ihrem Grimm zu gleichen;

Sie brüllen um dein Haus herum;

Und setzen ihre Graüelzeichen

In deiner Allmacht Heiligtum.
[36]

Ich schaue Beil und Aexte blicken.

Halt innen du verwegne Schar!

Du schlägest einen Schmuck zu Stücken,

Der aller Völker Wunder war.

Umsonst! die Fackeln sind vorhanden.

Der Tempel wird der Flammen Raub.

Wo erst das Heiligste gestanden,

Erscheint ein Hauffe Schutt und Staub.


Sie ruffen: Drauf mit Mord und Bränden!

Dies Volk muß ausgetilget seyn.

Ihr Toben reißt an allen Enden,

Herr! deine Haüser grimmig ein.

Nichts zeiget uns mehr dein Erbarmen,

Wie unsern Vätern vormals, an;

Und kein Prophete sagt uns Armen,

Wie lang dein Grimm noch währen kan.


O Herr! wie lange willt du dulden,

Daß dich ein frevels Volk verlacht?

Sie haüffen immer Schuld auf Schulden,

Und spotten aller deiner Macht.

Kan deine Rache sich verweilen?

Hast du denn keinen Donner mehr?

Auf, spiele doch mit Tausend Keilen

Nach deiner Widersacher Heer!
[37]

Herr! alle Hülfe, die man kennet,

Entspringt doch ja von deiner Hand.

Du hast des Meeres Flut getrennet,

Und Israel hindurch gesandt.

Wie schlugest du den Wasserdrachen

Die stolzen Haüpter schnell entzwey,

Und gabst der wilden Tiere Rachen

Ihr gräßlichs Aß zur Speise frey!


Du bringst aus Felsen starke Flüsse,

Und trocknest grosse Fluten auf.

Du schaffest Licht und Finsternisse,

Und ordnest aller Sterne Lauff.

Die unerforschlich-weiten Grenzen

Des grossen Rundes setzest du.

Du ruffest bald des Sommers Glänzen,

Und bald des Winters Frost herzu.


Doch alle diese Wunderwerke

Verachtet der vermeßne Hauff.

Sie höhnen dich und deine Stärke,

Und gehen immer frecher drauf.

Wie? läßst du deine Daube sterben,

Auf die ein grimmer Adler stößt,

Und dein erwähltes Volk verderben,

Das sonst dein Arm so oft erlöst?
[38]

Herr! soll dein Bund denn nicht mehr gelten,

Den du so heiliglich gelobt;

Und willt du nie den Frevel schelten,

Der stets in deinem Erbe tobt?

O gönn uns einst die süssen Stunden,

Da dir der Arme fröhlich singt,

Und der Bedrängte, nun entbunden,

Dir sein Erlösungsopfer bringt!


Zernichte bald des Feindes Rasen!

Er wagt sich bis an deinen Trohn,

Und spricht, von Hochmuht aufgeblasen,

Dir, Fürst der Ehren! Trotz und Hohn.

Erwache, grosser Herr, erwache!

Es fordert dich dein Feind heraus:

Und führe selbsten deine Sache

Mit Macht auf seinen Scheitel aus.

Quelle:
Carl Friedrich Drollinger: Gedichte. Stuttgart 1972, S. 35-39.
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