Die Erzstufe

[126] Ja, Blitze, Blitze! der Schwaden drängt

Giftiges Gas am Risse hinaus,

Auf einem Blitze bin ich gesprengt

Aus meinem funkelnden Kellerhaus.

O, wie war ich zerbrochen und krank,

Wie rieselt's mir über die blanke Haut,

Wenn langsam schwellend der Tropfen sank,

Des Zuges Schneide mich angegraut!


Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm,

Dem auf der Schulter das Antlitz kreist?

Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm,

Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt.

O, er ist böse, tückisch und schlimm!

Mit dem Gezähe1 hackt er am Spalt,

Bis das schwefelnde Wetter im Grimm

Gegen die weichende Rinde schwallt.


Steiger bete! du armer Knapp',

Dem in der Hütte das Kindlein zart,

Betet! betet! eh ihr hinab,

Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt.

Sieben Nächte hab' ich gesehn

Wie eine Walze rollen den Nacken,[126]

Und die Augen funkeln und drehn,

Und das Gezähe schürfen und hacken.


Dort, dort hinter dem reichen Gang

Lauert der giftige Brodem; da

Wo der Kobold den Hammer schwang,

Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah.

Gleich dem Molche von Dunste trunken

Schwoll und wackelt' der Gnom am Grund,

Und des Gases knisternde Funken

Zogen in seinen saugenden Schlund.


Bete, Steiger, den Morgenpsalm

Einmal noch, und dein »Walt's Gott«,

Deinen Segen gen Wetters Qualm,

Gäh' Verscheiden und Teufelsrott'.

Schau noch einmal ins Angesicht

Deinem Töchterchen, deinem Weib,

Und dann zünde das Grubenlicht.

»Gott die Seele, dem Schacht der Leib!«


Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund

Wie Irrwischflämmchen aufgestellt.

Die Winde keucht, es rollt der Hund,2

Der Hammer pickt, die Stufe fällt,

An Bleigewürfel, Glimmerspat

Zerrinnend, malt der kleine Strahl

In seiner Glorie schwimmend Rad

Sich Regenbogen und Opal.


Die Winde keucht, es rollt der Hund. –

Hörst du des Schwadens Sausen nicht?

Wie Hagel bröckelt es zum Grund –

Der Hammer pickt, die Stufe bricht; –

Weh, weh! es zündet, flammt hinein!
[127]

Hinweg! es schmettert aus der Höh'!

Felsblöcke, zuckendes Gebein!

Wo bin ich? bin ich? – auf der See?

Und welch Geriesel – immer immerzu,

Wie Regentropfen, regnet's?

1

»Gezähe« das Handwerkszeug der Bergknappen.

2

»Der Hund« der kleine kastenähnliche Karren, auf dem die Erzstufen aus dem Stollen zu Tage gefördert werden.

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 126-128.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Die Ausgabe von 1844)
Gedichte
Sämtliche Gedichte (insel taschenbuch)
Geistliches Jahr: Gedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Gedichte (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Holz, Arno

Phantasus / Dafnis

Phantasus / Dafnis

Der lyrische Zyklus um den Sohn des Schlafes und seine Verwandlungskünste, die dem Menschen die Träume geben, ist eine Allegorie auf das Schaffen des Dichters.

178 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon