Mein Beruf

[83] »Was meinem Kreise mich enttrieb,

Der Kammer friedlichem Gelasse?«

Das fragt ihr mich als sei, ein Dieb,

Ich eingebrochen am Parnasse.

So hört denn, hört, weil ihr gefragt:

Bei der Geburt bin ich geladen,

Mein Recht soweit der Himmel tagt,

Und meine Macht von Gottes Gnaden.


Jetzt wo hervor der tote Schein

Sich drängt am modervollen Stumpfe,

Wo sich der schönste Blumenrain

Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe,

Der Geist, ein blutlos Meteor,

Entflammt und lischt im Moorgeschwele,

Jetzt ruft die Stunde: »Tritt hervor,

Mann oder Weib, lebend'ge Seele!


Tritt zu dem Träumer, den am Rand

Entschläfert der Datura Odem,

Der, langsam gleitend von der Wand,

Noch zucket gen den Zauberbrodem.

Und wo ein Mund zu lächeln weiß

Im Traum, ein Auge noch zu weinen,

Da schmettre laut, da flüstre leis,

Trompetenstoß und West in Hainen!


Tritt näher, wo die Sinnenlust

Als Liebe gibt ihr wüstes Ringen,[83]

Und durch der eignen Mutter Brust

Den Pfeil zum Ziele möchte bringen,

Wo selbst die Schande flattert auf,

Ein lustiges Panier zum Siege,

Da rüttle hart:›Wach auf, wach auf,

Unsel'ger, denk an deine Wiege!


Denk an das Aug', das überwacht

Noch eine Freude dir bereitet,

Denk an die Hand, die manche Nacht

Dein Schmerzenslager dir gebreitet,

Des Herzens denk, das einzig wund

Und einzig selig deinetwegen,

Und dann knie nieder auf den Grund

Und fleh um deiner Mutter Segen!‹


Und wo sich träumen wie in Haft

Zwei einst so glüh ersehnte Wesen,

Als hab' ein Priesterwort die Kraft

Der Banne seligsten zu lösen,

Da flüstre leise: ›Wacht, o wacht!

Schaut in das Auge euch, das trübe,

Wo dämmernd sich Erinnrung facht‹,

Und dann: ›Wach auf, o heil'ge Liebe!‹


Und wo im Schlafe zitternd noch

Vom Opiat die Pulse klopfen,

Das Auge dürr, und gäbe doch

Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, –

O, rüttle sanft!›Verarmter, senk

Die Blicke in des Äthers Schöne,

Kos einem blonden Kind und denk

An der Begeistrung erste Träne.‹«


So rief die Zeit, so ward mein Amt

Von Gottes Gnaden mir gegeben,

So mein Beruf mir angestammt,

Im frischen Mut, im warmen Leben;[84]

Ich frage nicht ob ihr mich nennt,

Nicht frönen mag ich kurzem Ruhme,

Doch wißt: wo die Sahara brennt,

Im Wüstensand, steht eine Blume,


Farblos und Duftes bar, nichts weiß

Sie als den frommen Tau zu hüten,

Und dem Verschmachtenden ihn leis

In ihrem Kelche anzubieten.

Vorüber schlüpft die Schlange scheu

Und Pfeile ihre Blicke regnen,

Vorüber rauscht der stolze Leu,

Allein der Pilger wird sie segnen.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 83-85.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Die Ausgabe von 1844)
Gedichte
Sämtliche Gedichte (insel taschenbuch)
Geistliches Jahr: Gedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Gedichte (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Elixiere des Teufels

Die Elixiere des Teufels

Dem Mönch Medardus ist ein Elixier des Teufels als Reliquie anvertraut worden. Als er davon trinkt wird aus dem löblichen Mönch ein leidenschaftlicher Abenteurer, der in verzehrendem Begehren sein Gelübde bricht und schließlich einem wahnsinnigen Mönch begegnet, in dem er seinen Doppelgänger erkennt. E.T.A. Hoffmann hat seinen ersten Roman konzeptionell an den Schauerroman »The Monk« von Matthew Lewis angelehnt, erhebt sich aber mit seiner schwarzen Romantik deutlich über die Niederungen reiner Unterhaltungsliteratur.

248 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon