Vanitas Vanitatum!

[103] R.i.p.


Ihr saht ihn nicht im Glücke,

Als Scharen ihm gefolgt,

Mit einem seiner Blicke

Er jeden Haß erdolcht,

Das Blut an seinen Händen

Wie Königspurpur fast,

Und flammenden Geländen

Entstieg des Nimbus Glast;


Saht nicht, wie stolz getragen

Schulfreund und Kamerad

Die Stirn, mit welchem Zagen

Der Fremdling ihm genaht,

Wenn mit Kolosses Schreiten

Das Klippentor er stieß,

Die kleinen Segel gleiten

An seiner Sohle ließ.


Ihr habt ihn nicht gesehen,

Ihr Augen jugendklar,

Du Haupt wo Ringel wehen

Von süßem Lockenhaar;

Jünglinge, blühnde Frauen,

Ihr saht ihn nicht im Glanz,

Ihn, seines Landes Grauen

Und allergrünsten Kranz.


Vielleicht doch saht ihr streifen

Den alten kranken Leun,

Saht seine Mähne schleifen

Und zittern sein Gebein,

Saht wie die breiten Pranken

Er matt und stöhnend hob,[103]

Wie taumelnd seine Flanken

Er längs der Mauer schob.


Und Scheitel saht ihr, weiße,

Am Fensterglase spähn,

Die dann mit scheuem Fleiße

Sich hintern Vorhang drehn,

Vernahmt der Knaben Lachen,

Der Greise schmerzlich Ach,

Wenn er im freien flachen

Geländ' zusammenbrach.


Allein ihr horcht als rede

Ich von dem Tartarkhan,

Mit Augen weit und öde

Starrt ihr mich lange an,

Und einer ruft: »O schauet,

Wie man ein Ehrenmal

Obskurem Burschen bauet!

Wer war der General?«


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 103-104.
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