Nachruf an Henriette von Hohenhausen1

[101] An deinem Sarge standen wir,

Du fromme milde Leidenspalme,

Wir legten in die Hände dir

Des Lenzes linde Blütenhalme;

An deiner Brust, wie eingenickt,

Die blauen Seidenschleifen lagen;

So, mit der Treue Bild geschmückt,

Hat man dich in die Gruft getragen.


Die Sonne sticht, der Regen rauscht –

Wir sitzen schweigend und beklommen;

Es knirrt im Flur, und jeder lauscht,

Als dächten wir du könntest kommen;

In jedem Winkel suchen wir

Nach deinem Lächeln, deinem Blicke,

Wer lehnte je am Busen dir,

Und fühlt im Herzen keine Lücke?
[101]

Daß dein Erkennen stark und klar,

Auch andre mögen's mit dir teilen,

Doch daß du so gerecht und wahr,

Daß Segen jede deiner Zeilen,

Der Odem den dein Leben sog,

Der letzte noch, ein Liebeszeichen, –

Das, Henriette, stellt dich hoch

Ob andre, die an Geist dir gleichen!


Du warst die Seltne, die gehorcht

Des Ruhmes lockender Sirene,

Und keine Tünche je geborgt,

Und keine süßen Taumeltöne;

Die jede Perl' aus ihrem Hort

Vor Gottes Auge erst getragen,

Um ernstes wie um heitres Wort,

Um keines durft' im Tode zagen.


Am Sarge fällt die Blüte ab,

Zerrinnt der Glorie Zauberschemen,

Dein Lorbeerreis, es bleibt am Grab,

Du kannst es nicht hinüber nehmen;

Doch vor dem Richter kannst du knien,

Die reinen Hände hoch gefaltet:

»Sieh, Herr, die Pfunde, mir verliehn,

Ich habe redlich sie verwaltet.«


Nicht möcht' ich einen kalten Stein

Ob deinem warmen Herzen sehen,

Auch keiner glühen Rosen Schein,

Die üppig unter Dornen wehen;

Des Sinnlaubs immergrünen Stern

Möcht' ich um deinen Hügel ranken,

Und überm Grüne säh' ich gern

Die segensreiche Ähre schwanken.[102]

1

Henriette von Hohenhausen, in Herford geboren, starb im April des Jahres 1843 zu Münster. Sie ist Verfasserin verschiedener Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften, die sich durch sittlich religiöse Richtung und große Gemütlichkeit auszeichnen.

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 101-103.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Die Ausgabe von 1844)
Gedichte
Sämtliche Gedichte (insel taschenbuch)
Geistliches Jahr: Gedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Die schönsten Gedichte (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Anselm von Canterbury

Warum Gott Mensch geworden

Warum Gott Mensch geworden

Anselm vertritt die Satisfaktionslehre, nach der der Tod Jesu ein nötiges Opfer war, um Gottes Ehrverletzung durch den Sündenfall des Menschen zu sühnen. Nur Gott selbst war groß genug, das Opfer den menschlichen Sündenfall überwiegen zu lassen, daher musste Gott Mensch werden und sündenlos sterben.

86 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon