Mittwoch

[170] Begleitest du sie gern

Des Pfarrers Lust und Plagen:

Sich gleich an allen Tagen

Triffst du den frommen Herrn.

Der gute Seelenhirt!

Tritt über seine Schwelle;

Da ist er schon zur Stelle

Als des Kollegen Wirt.


In wohlgemeinten Sorgen,

Wie er geschäftig tut!

Doch dämmert kaum der Morgen,

Dies eben dünkt ihm gut.

Am Abend kam der Freund

Erschöpft nach Art der Gäste;

Nun säubre man aufs beste,

Daß alles nett erscheint.


Schon strahlt die große Kanne,

Die Teller blitzen auf;

Noch scheuert Jungfer Anne,

Und horcht mitunter auf.

Ach, sollte sie der Gast

Im alten Jäckchen finden:

Sie müßte ganz verschwinden

Vor dieser Schande Last.


Und was zur Hand tut stehen,

Das reizt den Pfarrer sehr,

Die Jungfer wird's nicht sehen,

Er macht sich drüber her;[170]

Die Schlaguhr greift er an

Mit ungeschickten Händen,

Und sucht sie sacht zu wenden;

Der übermüt'ge Mann!


Schleppt Foliantenbürde,

Putzt Fensterglas und Tisch;

Fürwahr mit vieler Würde

Führt er den Flederwisch.

Am Paradiesesbaum

Die Blätter zart aus Knochen,

Eins hat er schon zerbrochen,

Jedoch man sieht es kaum.


Und als er just in Schatten

Die alte Klingel stellt –

Es kömmt ihm wohl zu statten –

Da rauscht es draußen, gelt!

Fidel schlägt an in Hast,

Die Jungfer ist geflüchtet,

Und stattlich aufgerichtet

Begrüßt der Pfarr den Gast.


Wie dem so wohl gefallen

Die Aussicht und das Haus,

Wie der entzückt von allen,

Nicht Worte drücken's aus!

Ich sag es ungeniert,

Sie kamen aus den Gleisen,

Sich Ehre zu erweisen,

Der Gast und auch der Wirt.


Und bei dem Mittagessen,

Das man vortrefflich fand,

Da ward auch nicht vergessen

Der Lehr- und Ehrenstand.

Ich habe viel gehört,

Doch nichts davon getragen,[171]

Nur dieses mag ich sagen,

Sie sprachen sehr gelehrt.


Und sieh nur! drüben schreitet

Der gute Pfarrer just,

Er hat den Gast geleitet

Und spricht aus voller Brust:

»Es ist doch wahr! mein Haus,

So nett und blank da droben,

Ich muß es selber loben,

Es nimmt sich einzig aus.«


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 170-172.
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