Am Karfreitage

[613] Weinet, weinet, meine Augen,

Rinnt nur lieber gar zu Tränen,

Ach, der Tag will euch nicht taugen,

Und die Sonne will euch höhnen!

Seine Augen sind geschlossen,

Seiner Augen süßes Scheinen.

Weinet, weinet unverdrossen,

Könnt doch nie genugsam weinen!


Als die Sonne das vernommen,

Hat sie eine Trauerhülle

Um ihr klares Aug' genommen,

Ihre Tränen fallen stille.

Und ich will noch Freude saugen

Aus der Welt, der hellen, schönen?

Weinet, weinet meine Augen,

Rinnt nur lieber gar zu Tränen!


Still, Gesang und alle Klänge,

Die das Herze fröhlich machen!

»Kreuz'ge, kreuz'ge!« brüllt die Menge,

Und die Pharisäer lachen.

Jesu mein, in deinen Schmerzen

Kränkt dich ihre Schuld vor allen;

Ach, wie ging es dir zu Herzen,

Daß so viele mußten fallen!
[613]

Und die Vöglein arm, die kleinen,

Sind so ganz und gar erschrocken,

Daß sie lieber möchten weinen,

Wären nicht die Äuglein trocken;

Sitzen traurig in den Zweigen,

Und kein Laut will rings erklingen.

Herz, die armen Vöglein schweigen,

Und du mußt den Schmerz erzwingen!


Weg mit goldenen Pokalen,

Süßem Wein vom edlen Stamme!

Ach, ihn sengt in seinen Qualen

Noch des Durstes heiße Flamme!

Daß er laut vor Schmerz muß klagen,

Erd und Himmel muß erbleichen,

Da die Henkersknecht' es wagen,

Gall' und Essig ihm zu reichen!


Weiche Polster, seidne Kissen,

Kann mir noch nach euch verlangen,

Da mein Herr, so gar zerrissen.

Muß am harten Kreuze hangen?

O wie habt ihr ihn getroffen,

Dorn und Nagel, Rut' und Spieße!

Doch das Schuldbuch liegt ja offen,

Daß sein heilig Blut es schließe.


In der Erde alle Toten

Fahren auf wie mit Entsetzen,

Da sie mit dem heil'gen, roten

Blute sich beginnt zu netzen.

Können nicht mehr ruhn die Toten,

Wo sein köstlich Blut geflossen;

Viel zu heilig ist der Boden,

Der so teuren Trank genossen.
[614]

Er, der Herr in allen Dingen,

Muß die eigne Macht besiegen,

Daß er mit dem Tod kann ringen,

Und dem Tode unterliegen.

Gänzlich muß den Kelch er trinken,

Menschenkind, kannst du's ertragen?

Seine süßen Augen sinken,

Und sein Herz hört auf zu schlagen.


Als nun Jesu Herz tut brechen:

Bricht die Erd' in ihren Gründen,

Bricht das Meer in seinen Flächen,

Bricht die Höll' in ihren Schlünden,

Und der Felsen harte Herzen

Brechen all mit lautem Knalle.

Ob in Wonne, ob in Schmerzen?

Bricht's der Rettung, bricht's dem Falle?


Und für wen ist denn gerungen

In den qualenvollen Stunden,

Und der heil'ge Leib durchdrungen

Mit den gnadenvollen Wunden?

Herz, mein Herz, kannst du nicht springen

Mit den Felsen und der Erde,

Nur, daß ich mit blut'gen Ringen

Neu an ihn gefesselt werde?


Hast du denn so viel gegeben,

Herr, für meine arme Seele?

Ist ihr ewig, ewig Leben

Dir so wert trotz Schuld und Fehle?

Ach, so laß sie nicht gefunden

Sein, um tiefer zu vergehen!

Laß sie deine heil'gen Wunden

Nicht dereinst mit Schrecken sehen!
[615]

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 613-616.
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