Am Grünendonnerstage

[611] Ev.: Von der Fußwaschung.


O Wundernacht, ich grüße!

Herr Jesus wäscht die Füße,

Die Luft ganz stille stand,

Man hört den Atem hallen

Und wie die Tropfen fallen

Von seiner heil'gen Hand.


Da Jesus sich tut beugen,

Ins tiefe Meer sich neigen

Wohl Inseln diesem Gruß.

Ist er so tief gestiegen,

So muß ich ewig liegen

Vor meines Nächsten Fuß.


Herr, ob sich gleich betöret

Die Seele mein empöret

Vor aller Niedrigkeit,

Daß ich vielmehr mein Leben

In Qualen aufzugeben

Für deinen Ruhm bereit:


So gib, daß ich nicht klage,

Wenn du in meine Tage

Hast alle Schmach gebannt,

Laß brennen meine Wunden,[611]

So du mich stark befunden

Zu solchem harten Stand!


O Gott, ich kann nicht bergen,

Wie angst mir vor den Schergen,

Die du vielleicht gesandt,

In Krankheit oder Grämen

Die Sinne mir zu nehmen

Zu töten den Verstand!


Es ist mir oft zu Sinnen,

Als wolle schon beginnen

Dein schweres Strafgericht,

Als dämmre eine Wolke,

Doch unbewußt dem Volke,

Um meines Geistes Licht.


Doch wie die Schmerzen schwinden,

Die mein Gehirn entzünden,

So flieht der Nebelduft,

Und mit geheimem Glühen

Fühl' ich mich neu umziehen

Die frische starke Luft.


Mein Jesu, darf ich wählen,

Ich will mich lieber quälen

In aller Schmach und Leid,

Als daß mir so benommen,

Ob auch zu meinem Frommen,

Die Menschenherrlichkeit.


Doch ist er so vergiftet,

Daß es Vernichtung stiftet,

Wenn er mein Herz umfleußt,

So laß mich ihn verlieren,

Die Seele heimzuführen,

Den reichbegabten Geist.
[612]

Hast du es denn beschlossen,

Daß ich soll ausgegossen

Ein tot Gewässer stehn

Für dieses ganze Leben,

So will ich denn mit Beben

An deine Prüfung gehn.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 611-613.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon