Am Neujahrstage

[569] Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden:

»Fahr wohl, du altes Jahr, mit Freud' und Leiden!

Der Himmel schenkt ein neues, wenn er will.«

So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte,

Die alte fällt, es keimt die neue Blüte

Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes, still.


Die Nacht entflieht, der Schlaf den Augenlidern:

»Willkommen junger Tag mit deinen Brüdern!

Wo bist du denn, du liebes neues Jahr?«

Da steht es in des Morgenlichtes Prangen,

Es hat die ganze Erde rings umfangen

Und schaut ihm in die Augen ernst und klar.


»Gegrüßt du Menschenherz mit deinen Schwächen,

Du Herz voll Kraft und Reue und Gebrechen,

Ich bringe neue Prüfungszeit vom Herrn!«

»Gegrüßt du neues Jahr mit deinen Freuden,

Das Leben ist so süß, und wären's Leiden,

Ach, alles nimmt man mit dem Leben gern!«


»O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen!

Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen,

Wie magst du wohnen in so wüstem Graus!«

»O neues Jahr, ich bin ja nie daheime!

Ein Wandersmann durchzieh ich ferne Räume,

Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus.«


»O Menschenherz, was hast du denn zu treiben,

Daß du nicht kannst in deiner Heimat bleiben

Und halten sie bereit für deinen Herrn?«

»O neues Jahr, du mußt noch viel erfahren;

Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren!

Und meine liebsten Sorgen wohnen fern.«
[569]

»O Menschenherz, kannst du denn alles zwingen?

Muß dir der Himmel Tau und Regen bringen,

Und öffnet sich die Erde deinem Wort?«

»Ach nein! ich kann nur sehn und mich betrüben,

Es ist noch leider nach wie vor geblieben

Und geht die angewiesnen Wege fort.«


»O tückisch Herz, du willst es nur nicht sagen,

Die Welt hat ihre Zelte aufgeschlagen,

Drin labt sie dich mit ihrem Taumelwein.«

»Der bittre Becher mag mich nicht erfreuen,

Sein Schaum heißt Sünde und sein Trank Gereuen,

Zudem läßt mich die Sorge nie allein.«


»Hör an, o Herz, ich will es dir verkünden,

Willst du den Pfeil in seinem Fluge binden?

Du siehst sein Ziel nicht, hat er darum keins?«

»Ich weiß es wohl, uns ist ein Tag bereitet,

Da wird es klar, wie alles wohl geleitet,

Und all die tausend Ziele dennoch eins.«


»O Herz, du bist von Torheit ganz befangen!

Dies alles weißt du, und dir kann noch bangen!

O böser Diener, treulos aller Pflicht!

Ein jeglich Ding füllt seinen Platz mit Ehren,

Geht seinen Weg und läßt sich nimmer stören,

Dein Gleichnis gibt es auf der Erde nicht!


Du hast den Frieden freventlich vertrieben!

Doch Gottes Gnad' ist grundlos wie sein Lieben,

O kehre heim in dein verödet Haus!

Kehr heim in deine dunkle wüste Zelle,

Und wasche sie mit deinen Tränen helle,

Und lüfte sie mit deinen Seufzern aus!


Und willst du treu die Blicke aufwärts wenden,

So wird der Herr sein heilig Bild dir senden,[570]

Daß du es hegst, in Glauben und Vertraun,

Dann darf ich einst an deinem Kranze winden,

Und sollte dich das neue Jahr noch finden,

So mög' es in ein Gotteshäuslein schaun!«


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 569-571.
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