Am Weihnachtstage

[705] Durch alle Straßen wälzt sich das Getümmel,

Maultier', Kamele, Treiber; welch Gebimmel!

Als wolle wieder in die Steppe ziehn

Der Same Jakobs, und Judäas Himmel,

Ein Saphirscheinen über dem Gewimmel,

Läßt blendend seine Funkenströme sprühn.


Verschleiert Frauen durch die Gassen schreiten,

Mühselig vom beladnen Tiere gleiten

Bejahrte Mütterchen; allüberall[705]

Geschrei und Treiben, wie vor Jehus Wagen.

Läßt wieder Jezabel ihr Antlitz ragen

Aus jener Säulen luftigem Portal?


's ist Rom, die üpp'ge Priesterin der Götzen,

Die glänzendste und grausamste der Metzen,

Die ihre Sklaven zählt zu dieser Zeit.

Mit einem Griffel, noch vom Blute träufend,

Gräbt sie in Tafeln, Zahl auf Zahlen häufend,

Der Buhlen Namen, so ihr Schwert gefreit.


O Israel, wo ist dein Stolz geblieben,

Hast du die Hände blutig nicht gerieben,

Und deine Träne war sie siedend Blut?

Nein, als zum Marktplatz deine Scharen wallen

Verkaufend, feilschend unter Tempels Hallen,

Mit ihrem Gott zerronnen ist ihr Mut!


Zum trüben Irrwisch ward die Feuersäule,

Der grüne Aaronsstab zum Henkerbeile;

Und grausig übersteint das tote Wort

Liegt, eine Mumie, im heil'gen Buche,

Drin sucht der Pharisäer nach dem Fluche,

Ihn donnernd über Freund und Fremdling fort.


So Israel bist du gereift zum Schnitte,

Wie reift die Distel in der Saaten Mitte,

Und wie du stehst in deinem grimmen Haß

Genüber der geschminkt und hohlen Buhle,

Seid gleich ihr vor gerechtem Richterstuhle

Von Blute sie und du von Geifer naß.


O tauet Himmel, tauet den Gerechten,

Ihr Wolken regnet ihn den wahr und echten

Messias, den Judäa nicht erharrt,

Den Heiligen und Milden und Gerechten,

Den Friedenskönig unter Hassesknechten,

Gekommen zu erwärmen was erstarrt!
[706]

Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen

Der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen,

Wann Judas mächtiger Tyrann erscheint;

Dann lüftet er den Vorhang starrend lange

Dem Sterne nach, der streicht des Äthers Wange

Wie Freudenzähre, die der Himmel weint.


Und fern vom Zelte über einem Stalle

Da ist's, als ob aufs niedre Dach er falle,

In tausend Radien sein Licht er gießt.

Ein Meteor, so dachte der Gelehrte,

Als langsam er zu seinen Büchern kehrte:

O weißt du wen das niedre Dach umschließt?


In einer Krippe ruht ein neugeboren,

Ein schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren

Die Mutter knieet, Weib und Jungfrau doch.

Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert

Das Lager ihnen; seine Rechte zittert

Dem Schleier nahe um den Mantel noch.


Und an der Türc stehn geringe Leute,

Mühsel'ge Hirten, doch die Ersten heute,

Und in den Lüften klingt es süß und lind,

Verlorne Töne von der Engel Liede:

Dem Höchsten Ehr', und allen Menschen Friede,

Die eines guten Willens sind!
[707]

Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 705-708.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon