Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

[675] Ev.: Vom Gichtbrüchigen.

Und da Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: »Sei getrost mein Sohn, deine Sünden werden dir vergeben!« Und da Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: »Nun was denket ihr Arges in euren Herzen? was ist leichter zu sagen, deine Sünden werden dir vergeben, oder, steh auf und wandle? Damit ihr aber sehet, daß des Menschen Sohn Macht hat im Himmel und auf Erden, die Sünden zu vergeben« – so sprach er zu dem Gelähmten: »Steh auf, nimm dein Bett, und geh in dein Haus.«


Wenn Tau auf reifen Ähren glänzt,

Die satten Körner schwellen nicht;

Und wenn den Toten man bekränzt,

Die starren Pulse zucken nicht;

Wenn über Trümmer geht das Licht,

Nicht eine Säule wird ergänzt,

Und dennoch, schau!

Dünkt reiche Gabe Licht und Kranz und Tau!


So nimmer Reue mag erbaun,

Was einmal Schuld gebrochen hat,[675]

Und dennoch Gottes Engel schaun

Mitleidig auf die wüste Statt;

So ragt auch wohl ein grünes Blatt

Durch eines Kerkergitters Graun

Zu dem Gefangnen und

Er lächelt, seine Seele wird gesund.


O könnte alle Sünde nur

Wie überm Ast der Mistel stehn,

Der wurzellos durch die Natur

Sich selber blühn darf und vergehn!

Doch wie am dürren Baume sehn

Man wird des Schlinggewächses Spur,

So ein Vampyr

Dorrt sie die Seele und den Körper dir.


Wer frischt dir deinen Glauben auf,

Versengt an ihrem Odem heiß?

Wer bringt dir der Gedanken Lauf

Zurück ins fromm beschränkte Gleis?

Und deiner Menschenkenntnis Eis,

Den starren Strom, wer löst ihn auf,

Den wahren Fluß,

Der Himmel stets und Hölle scheiden muß?


Und was dein Körper büßte ein

In nagender Gefühle Joch,

Das bleibt nun für dies Leben dein

Und nach dem Drüben greift es noch;

Und wie an einem Haare doch

Wirst immer du gehalten sein,

Wenn frischer Geist

In frischem Körper wie ein Adler kreist.


Sprach doch der allertreuste Mund:

»Vergeben leicht, und Heilen schwer.«

Das ist der Sünde alter Bund,

Die zehrend wie Gomorrhas Meer[676]

Ertötet alle Frucht umher.

Und dennoch kann das Mark gesund

Und himmelwärts

Kann treiben seinen Zweig des Baumes Herz.


O, nur Ergebung, nur Geduld!

Zu tragen meiner Narben Schmach,

Um was gebrochen meine Schuld,

Zu trauern still und reuig nach:

Auch über mir steht ja das Dach

Des Himmels und der Sonne Huld

Und ach, der Tau,

Er fällt ja auch auf meine heiße Brau'!


Nicht wirst du Herr mich wandeln gehn,

Nicht heißen heben mich die Hand,

Doch eine Säule darf ich stehn,

Ein Zeichen an dem öden Strand,

Und hoffen, daß wenn Sonnenbrand

Die morschen Trümmer ließ vergehn,

An jenem Tag

Dein Strahl die Stäubchen aufwärts ziehen mag.


Quelle:
Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 1, München 1973, S. 675-677.
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