XLI.

Der Tarantismus oder die Tanz-Krankheit.

[82] Die Aerzte gebrauchen nicht jederzeit wider die üblen Zufälle, die sie curiren, alle diejenigen Mittel; welche die nöthige Hülfe leisten könnten; weil sie entweder mehrestentheils gar zu furchtsam, oder gar zu sclavische Nachahmer ihrer Vorfahrer sind: wie wenige würden zum Exempel die Cur gethan haben; welche den Einsichten des Herrn Denis, von dem ich in der vorhergehenden Bemerkung geredet habe, so viel Ehre machet? Kann man wohl glauben, daß die Musik nur blos für die Catalepsie als ein gutes Mittel zu gebrauchen seye? Sie muß vielmehr überhaupts bey allen rasenden, schlafsüchtigen; epileptischen und melancolischen Leidenschaften und Zufällen ihre heilsame Wirkungen haben. Sie zeiget erstaunliche Wirkungen bey der Cur des Tarantismi: Baglivi hat in seinen Werken umständlich von dem Stich des Thieres gehandelt, welches diese Krankheit erreget. Es ist selbiges eine grosse Spinne, die sich hauptsächlich in den Gegenden um Tarent herum, einer Stadt in Apulien in Italien aufhält, von der sie den Namen Tarantel erhalten hat.
[83]

Die, welche von diesem Thier gestochen werden, müssen die verdrüßlichsten Zufälle ausstehen. Sie fallen ohne Kräften, Empfindung und fast ohne Leben hin; ihr Gesicht bekommt ein verwirrtes Ansehen, ihre Einbildungskraft geräth in Unordnung, sie seufzen, sie klagen, und würden in wenigen Tagen daran erliegen, wenn ihnen nicht ein sonderbares Mittel zu Hülfe käme, sie vom Tod zu erretten. Dieses ausserordentliche Mittel bestehet in der Musik, welche die einzige Hülfe in dergleichen Krankheiten ist, welche die Patienten zum Tanzen anreitzen. Man machet einen Versuch mit unterschiedlichen Arien und mit verschiedenen Instrumenten, wenn man diejenigen ausfündig gemachet hat, welche vermögend sind, die Organa des Verwundeten zu rühren, so fängt er an erstlich die Finger, dann die Hände, die Füsse, und nach und nach alle Glieder zu regen, bis er durch die Wirkung der Musik so viel Stärke erhält, sich aufrecht auf seinen Füssen zu halten; alsdann siehet man ihn mit einer erstaunlichen Lebhaftigkeit und Stärke tanzen und springen; er machet solche Verdrehungen und Lufispringe, die ihn über und über in Schweis bringen. Diese ersten Tänze dauren zwey bis drey Stunden, man wiederholet sie des Tages drey bis viermal: Der Kranke unterbricht seine Bewegungen niemals, ausser wenn er einige widrige Töne in der Aria, die man ihm vorspielet, bemerket;[84] es ist erstaunlich anzusehen, was er alsdann für eine ängstliche Empfindung so lang spüret, bis die Musici wieder miteinander einstimmen. Die Erfahrung hat gelehret, daß man mit diesem seltsamen Mittel fünf bis sechs Tage lang anhalten muß, und daß die, welche von der Tarantel gestochen worden sind, wenn sie nicht die Vorsicht gebrauchen, solches alle Jahr, zu der Zeit, da sie gestochen worden sind, zu wiederholen, sich der Gefahr aussetzen, die nämlichen Zufälle wieder von neuen auszustehen, von denen sie die Musik anfänglich befreyet hat.1


Die Wirkungen dieses Tarantismi sind so erstaunlich, daß es der Mühe wohl werth ist, sich noch etwas länger dabey aufzuhalten. Ich will hier einen Brief zum Theil abschreiben, in welchem der Herr von Saint Andree alle Zufälle, die von dem Tarantel-Stich entstehen, so wie er sie selbsten gesehen hat, umständlich beschreibet. »Wir haben hievon, sagt dieser Schriftsteller, an der Person eines Neapolitaners, der bey dem Infanterie-Regiment de la Marre als Soldat diente, ein Exempel gesehen. Man sahe diesen Soldaten[85] allezeit, wenn der Gift, welchen der Tarantelstich der Wunde beygebracht hatte, in Bewegung kam, in eine tiefe Melancolie verfallen. Seine Farbe wurde röthlich, sein Gesicht wild und verwirret, sein Athemholen wurde schwer und mit Schlucken und Seufzen unterbrochen; er fiel auf die Erde ohne Sinnen, Bewegung und Empfindung, und fast ohne Puls und Athemholen das Blut lief ihm zum Mund und der Nase heraus, und er würde in kurzer Zeit des Todes gewesen seyn, wenn man ihm nicht auf der Stelle zu Hülfe gekommen wäre.


Man muste, um ihn von diesem Zustand zu befreyen, so gleich einige Violinisten kommen lassen, die ihre Instrumente ihm an die Ohren hielten, und solche mit ihren Fiedelbögen recht stark angriefen. Nachdem die Lebensgeister durch den Ton dieser Instrumenten in Bewegung gebracht worden waren, so fiengen sie an sich in den Händen zu äussern, die er anfänglich bewegte, um den Tact der Aria, die man spielte, anzuzeigen, darauf zeigten sie sich auch in den Füssen, welche die nämliche Bewegung machten: endlich richtete er sich auf, und tanzte mit einem seiner Cammeraden so richtig und geschickt, als die besten Tänzer. Dieser Tanz dauerte fast zweymal vier und zwanzig Stunden ohne Nachlaß[86] fort, ausser einigen wenigen Augenblicken, in denen er ausruhete, wenn er gar zu sehr abgemattet war: da man ihm ein wenig Wein und bisweilen ein in Milch gesottenes frisches Ey gab. Wenn man bemerkte, daß er seine ersten Anfälle wieder bekommen wollte, so fiengen die Violinisten wieder an zu spielen, und er fieng seinen Tanz wieder wie vorher an.


Wenn der Tanz geendiget war, so gieng er von dem Ort, wo er sich befande, weg, und lief in das Feld, um dadurch die Ausdünstung, und damit zugleich die von dem Gift angesteckte Feuchtigkeiten vollends zu zertheilen – – –. Ich habe diesen Soldaten, fähret der Herr von Saint Andree ferner fort, wenn man aufhörte auf diesen Instrumenten zu spielen, oder wenn eine Saite entzwey riese, wieder in eben diesen Zustand verfallen sehen, von welchem ihn die Violinisten befreyet hatten, und man konnte ihn nicht anderst als mit recht starken Strichen der Fiedelbögen wieder zurechte bringen. Ich habe auch gesehen, daß ihm eben dieser Anfall wieder zustiese, wenn jemand mit einem schwarzen Band an den Ort kam, wo er sich aufhielte, oder wenn man einen Spiegel von seinem Platz nahme, vor welchem er sich oft niederwurfe, indem er die Spinne, die ihn gestochen hatte, darinnen[87] zu sehen glaubte – – –. Und man konnte ihn nicht eher wieder aus diesem Zustand bringen, wenn die Violinisten gleich immer fort spielten, als bis man das schwarze Band weggenommen, und den Spiegel wieder an seinen Platz gestellet hatte. Ich bemerkte, daß er an der rothen Farbe viel Vergnügen hatte, und daß ihn solche noch mehrers zum Tanz aufmunterte.


Die mehresten Zuschauer hielten diesen Soldaten für einen verzauberten Menschen. Sie schrieben alle seine Bewegungen dem Teufel zu: und ich wäre beynahe mit einem Andächtigen in einen weitläuftigen Handel gerathen, weil ich zu ihm sagte, daß diese ganze Sache natürlich wäre, und von dem Gift herkäme, welcher in dem Theil, der von der Tarantel verwundet worden war, zurückgeblieben wäre.


Dieser Soldat bekam diesen Anfall, der ihn in Italien nur jährlich einmal zustiese, nachgehends in Frankreich des Jahrs über viermal – –. Er starb einstmalen auf dem Marsch, da sein Anfall wieder kam, und man ihm nicht wie gewöhnlich zu Hülfe kommen konnte.«


Lettres de Monsieur de Saint André au sujet de la magie, des maléfices et des sorciers. p. 26. etc.

Fußnoten

1 S des Baglivi Dissert. de anatome, morsu et effectu tarentulae epiphan. Ferdinand. histor. 81.

Lieutaud precis de la Medicine pratique Rich. Mead. Examen venenorum mechanicorum, p. 63


Quelle:
[Dumonchaux, Pierre-Joseph-Antoine] : Medicinische Anecdoten. 1. Theil, Frankfurt und Leipzig 1767 [Nachdruck München o. J.], S. 82-88.
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