Je böser mensch / ie besser glück.

[151] Es geschicht gmeynlich / wann ein vnglück vom himel herab fiele / es fiel auff einn frommen. Item /Wann gemeyn vnglück über die leut gehet / als Tyrannei / wassers nöt / hagel / brunst / theurung / pestilentz / krieg / etc. so gehts gemeynlich über die frömbsten. Also daß diß die erfarung lernet / daß man spricht: Das vnglück trifft nur den armen / Gott halt es mit den reichen / Je böser mensch / ie besser glück. Christus hett kein glück auff erden / Was die herrn sünden / das büssen die armen / Je frömmer mensch /ie böser glück. Kan vnser Herr Gott regnen / so künnen die reichen auff steltzen gehn. Brennet es / sie haben gůte gemaurte heuser darfür. Er schlegt der schaut alles vnnd wirt theur / er hat jhn auff dem kasten nichts erschlagen / sonder zůgeschlagen / was das glück jhenem genommen hat / daß es so vil theurer wirt / vnn ist jn auff dem kasten gewachsen on mühe / was jhene mit müh vnd arbeyt auff dem acker haben erbawen / Kompt ein sterben ode pestilentz /sie fliehen daruon / der arm behanget vnnd burtzelt ernider / als wann einer vnder die kegel wurfft. Zancken die herren / der arm mann leihet das haar dar. Der krieg gehet allein über sie / vnd über jrn beutel / weib vnd kind / etc. Vnnd ie frömmer / ir weniger glück /Je böser / ie besser glück / welchs auch vil heylige leut hat geärgert / vnn bekümmert / biß sie Gottes willen darinn haben verstanden / Abacuc 1. Hiere. 12. Psal. 37. 73. Hiob 21.

Es geschicht aber auß disem grund vnnd tabulatur: Gott hat den creutzweg zum lebē gebawt / Luc. 24. Act. 14. 2. Tim. 3. Dann es ist nit müglich wo es dem menschen fleyschlich wol / vnd nach all seim willen gehe / daß er von jm selbs stehe / von seim eygenthumb vnn art laß / die welt vrlaube vnd feinde / vnnd sich nit etwas dran hencke / vnd herauß laß füren von Gott in die creatur / weil des fleyschs vnd eusserlichen dings art ist / daß sie eusserlich vnn fleyschlich machen. Das zufürkommen schaffet Got den frommen ie ein vnglück über das ander auff der außerwelten hals /dz sie weltlich nach dem fleysch niendert auff vnnd fort mögen kommen / darmit sie dises lebens satt vnd vrtrützig werden / vnd sich allein in Gott erlustigen /vnd in den jr růh bawen vnnd allein anhangen.

Mit dem gotlosen halt es sich aber nit also: Gott sihet / erfert vnnd weyß / daß er ein galgenstrick ist /vnnd sich nit ziehen laßt / Ja die straff so gar nit annimpt / wie Got offt mit jm versůcht / daß er nur ärger dardurch wirt. Er wil kurtzumb hie leben / vnnd seinn theyl vom vatter / wie der verlorn sun / hie haben / so gibt jhm der vatter das sein / wil jhm kein vrsach zu klagen vnd lästern geben / pfeisst vnd zärtelt[152] jm. Gibt jm was er nur wil / weil er ie nit anders wil / wie dem reichen mann. Gemeyne růt vnd vnglück trifft jhn nit /Psal. 73. Summa / es ist ein kind der welt vnd dises glücks / darumb überhupfft jhn alles vnglück / er soll seinn theyl vnd himel hie haben. Sie seind so leiß gebachen / so bald sie Got mit der růt anrüret / so werden sie noch ärger / lästern vnnd werden vngedultig /darzů jn dann Gott kein vrsach geben wil / noch jnen wider jren willen gwalt anlegen / vnd beim haar gen himel ziehen / sonder mästet sie wie die auffgelegtē sew zum stich vnd bösen tag / Prouer. 16. dann steigen sie in einem punct in die hell / Job 21. Sie loben jn doch heuchlerisch / wann er jn wolthůt / lästern jn aber / wann er sie mit der růten antastet / so wil er sie faulen aller bürde entladen / vnd nicht auffladen / sonder jhr heuchlerische erbarkeyt vnn frommkeyt vor der welt / mit gleich eusserlichen heuchlerischen gütern bezalen / belonen vnd wett machen. Kein vnglück soll sie treffen / armůt / krieg / not / brunst / pestilentz /sol vor jrn thürn nit gehört werden / all jr winckel vol sein / etc. all jr töchter / schaaff / ochsen / fruchtbar inn vil tausent / kein riß / kein außgang / kein geschrey soll auff jrn gassen gehört werden / sonder sie sollen den lohn vnd namen haben der frommen vor aller menschen augen / Psal. 144. Jetz hastu den grund vnd vrsach / warumb fromme leut kein glück haben / warumb ie böser mensch / ie besser glück. Item: Warūb Gott dem beladenen noch mehr aufflade / vnd die faulen / so nit gern tragen wöllen / entlade.

Nun versůchts Gott eben offt mit den gotlosen / ob sie sich wöllen lassen züchtigen / vermischt jn jhr seligkeyt mit gallen hie / laßt jhn nicht zulieb werden /vnnd diß alles auß liebe. Es ist eitel liebe vnd gnad auff Gottes seiten: Er laßt sie darumb kein růh vnnd genügen / wie Salomonem / in den eitlen creaturen finden / auff daß sie mit einem verdruß vrlaubē / vnd sich jm gäntzlich ergeben / da sie allein ein fülle / genüge / vnnd ewige růh finden werden jrer seele. Das ander alles soll sie nit sättigen vnnd befriden / so sie die gantz welt vnder sich brächten / summa sie sollen kein růh vnnd frid in allen creaturen / ständen / vnd leben finden / biß sie in Gott kommen.

Darumb hencket Gott eim ieden ein kläpperim an /vnn laßt niemandt on creutz hin / Du darffst nit gedenckē / daß die reichen ein solch creutzloß leben füren / wie es der arm von aussen ansihet / sie seind gemeynlich von leib vnnd gemůt kranck / voller angst / anfechtung / vnd bösem gewissen / Werden auch gmeynlich ehe graw dann arme leut / auch nicht so frölich.

Es kan kein mensch glauben was für not vnd angst in der reichen leut heuser steckt / sie wissens am besten / Was Gott jnen am gůt gibt / das nimpt er jn am můt. Es ist ein gleiches elendes leben auff erden / wie anderßwo gehört.[153] Es kan gesein vnd geschicht offt /daß den reichen das leben verdreußt / vnnd jm die weil lenger ist auff seinen polstern / lotterbetlin / liderin sässel / so sie allein die knöpff vmbträhen / oder so sie annfenstern ligen / Ja hinderm wein sitzen / silber vnd goldt vor jhn haben / vnd nicht thůn dann wein trincken / gulden vnnd gelt zelen / als einem bauren hinder dem pflüg / Ja einem hirten hinder den schaaffen. Das wissen sie am besten / vnd weyß daß sie mir des zeugkniß werden geben. Das hat der groß Alexander erkannt / der sprach frei / wann er nit Alexander were / vnd ein anderer mensch zusein solt wünschen / so wolt er vor allen menschen auff der erden am liebsten Diogenes sein. Der war ein armer Philosophus / hett weder hauß noch hoff / hielt hauß meiner kůff / vnd hett kein ander trinckgschirr dann sein eygen hand / vnnd kein ander beth / dann sein eygen gewand.

Mann sagt noch von einem Fürsten / der sei für einen Hirten geritten / vnnd jn an eim stück brots (das jm freilich lebkůchen ist gewesen / vnnd jhm baß geschmäckt / dann dem Fürsten sein Forhen vnd wildpret) sehen nagen / erseufftzet / vnnd sich gewünscht /daß er der hirt an seiner statt were. Wunder ist es wie Gott so wunderharlich vndern menschen kindern ist /daß niemands weyß / wer reich oder arm / gůt oder böß leben habe. Es ist keiner den nit heymlich ein schůch truckt / der nit einn nagenden wurm / vnnd heymlich leiden habe. Es ist dem armen sein armůt nimmer so ein groß creutz / es plagt den reichen so hart die sorg vnnd angst / seinen pracht zuerhalten /daß er nicht verderbe / zu spott vnnd schanden werde / Gehet jhn nur ein klein vnglück zů / so seind sie so zart / vnleidenlich / vnd des creutzs vngewont / daß sie vngeschlaffen ligen vnnd das hertz entpfelt / Ja das dem armen (so im creutz erstorben / vnd gleich zum übel vnentpfindtlich worden ist) ein gelächter vnd küler Meyen daw were / das ketzert vnnd marterr den weychen reichen über die maß. So gar laßt Gott niemand hin / so gar haben die reichen auch jhr creutz / not / sorg / vnnd angst / vil hefftiger dann etwan ein armer / der kein brot im hauß hat / vnd siben kind. Gott henckt eim ieden sein kletten schellen vnd schletterlin an. Er laßt keinem seinn schůch so gerecht sein / dz er jn nit etwa truckt. Es ist ein gleicher vnparteischer Gott / drumb regiert er auch den erdboden in gleicher straff / güte vnnd leben / also daß wir alle so vngleich leben vnn gesinnet sein / wie vngleich wir einander vnder augē sehen. Es můß iederman etwas haben / das er nit gern hat / Der ein zerschlagen langwirig gmüt / der einn bösen fůß / der armůt / der reich / vnd ein vnfruchtbar weib / der gnůg / vnd ein zänckisch häderisch weib darzů / die jm keinn friden laßt /der übel gerathne kinder / der feindschafft. Diß leben laßt nicht glidgantz sein.[154]

Auß diser vrsach kompt kein vnglück allein: Wann Gott dem menschen ein kappen gibt / daß er sich vmbtrehet vnnd ligt / so bald jm der schwindel auß dem kopff kompt / vnd er sich wider in die welt auffrichten wil / gibt er jm bald wider eins zum kopff /biß er jhn gar fellet vnd abwürgt. Zuckt er dir einn abgott / vnnd du tappest bald nach eim andern / darauff du bawest / vnd mit zůuersicht stehest / bald laßt Gott disen auch zu grund gehn / auff dz du bloß jhm gelassen werdest. Also geht es Christo / dem entgehen alle seine freund vnnd verwandten / Es ist alles wider jn /darauff ein mensch möcht fůssen / vnd wirt von innen vnd aussen so nackend außzogen vnnd entblößt / vor Gott vnd der welt / daß er in der hell steckend /schreiet: Vatter wie hastu mich verlassen: Psalm. 22. Matth. 26. In welcher not er auch Joan. 12. steckt.

Also wirt Hiob entblößt / vnnd aller seiner freund vnd abgötter entsetzt. Da er jm selbs entpfiele / vnd keinn vnuerserten blůtstropffen im leib hett / alles voller geschwer / hett er sich auff sein weib / kind /güter / vnd freund mögen verlassen / das entpfelt jhm zumal alles / vnd kompt immerzu ein sturm / lerme /vnd böß geschrey über das ander / vnnd entgeht jm alles / darauff sich ein mensch möcht vertrösten / alle sein freund / weib / kind / güter / schaaff vnn ochsen /er sitzt da iedermā zu spott / allein Got erlassen / wie auch der arm Lazarus vor des reichen mans thür. O da wirt der glaub klein vnd geschmagen / Also daß es gnaw zůgeht / dz der gerecht nit verzweifelt / vnn selig wirt / 1. Pet. 4. Darumb er eim gloschenden brādt / der noch einfüncklin hat / vnnd ietz erleschen wil / vergleicht wirt / so nider / klein / geschmagen /vnnd zu nicht müssen wir werden / vnnd auch vnser glaub / daß vns glat nicht überig sei / dann Gott /vnnd ein vnaußsprechlicher seufftz zu Gott / Roma. 8.

So es nun dem gerechten also zůstreicht / vnd nahend ligt / Wo wil der gottloß bleiben: Prouer. 11. 1. Pet. 4. So diß im grünen holtz geschicht / was wirt im dürren geschehen:

Quelle:
Egenolff, Christian: Sprichwörter / Schöne / Weise Klugredenn. Darinnen Teutscher vnd anderer Spraach-en Höfflichkeit [...] In Etliche Tausent zusamen bracht, Frankfurt/Main 1552. [Nachdruck Berlin 1968], S. 151-155.
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