Schule des Lebendigen

[22] O Loos der Märtyrer, so bittersüß! Sei's

Denn d'rum gewagt! Der schlanke Würfel fiel.

Ça ira – weine nicht, Ulrich-Odysseus!

Nur im Exil ist heute noch Asyl.

Der alte Ocean wird dich umrauschen,

Dich hat die schale Welt verkannt;

Nur seinen Liedern sollst fortan du lauschen,

Mit Menschen nimmer eitle Worte tauschen,

Seit jedes Herz ein Sykofant.


Einst grollt' auch ich: Vom Haupt die Nebelkappen!

Zum Teufel mit der kahlen Klerisei!

A bas! so warnt' ich, mit dem kecken Wappen!

Und frei zu sein, seid einmal nur so frei.

Jetzt kann euch meine Stimme nimmer retten,

Seitdem versäumt der Augenblick –

O knirschet nur in eure Sclavenketten,

Ihr macht nicht mehr die größte aller Wetten!

Verlor'ner Donner: république!


Ein Bess'rer war zu rechter Zeit ein Tadler,

Im Alpenschnee ging seine Spur verlor'n –

Noch hass' ich den Verrath und seine Adler,

Doch Jene trifft mein einsam keuscher Zorn,[22]

Die halben Weges feige stehen bleiben

Und mit Proclamationen nur

Ihr eig'nes Todesurtheil unterschreiben,

Der Freiheit Genius muß sich selbst entleiben,

Seitdem die Freiheit Sinekur.


Reißt ihr die Throne aus dem Dung der Erden,

Sie wuchern nach – das ist das Weltgericht.

So wird Europa niemals urbar werden,

Ihr Herren seid die rechten Pflüger nicht!

Ihr werdet nun und nimmermehr Hellenen,

Das ist des Pudels letzter Kern –

So wenig als die Liebe mit Typhönen,

Cultur mit Barbarei sich läßt versöhnen,

Als Judith mit dem Holofern.


Ihr wollt den Geist in kranke Hürden pferchen,

Im Angesicht des jungen Morgenroths?

Ihr wahrlich hört nicht schmettern seine Lerchen,

Seht unter Rosen nicht das Schwert des Tod's!

Noch ward kein Feldherr unter Euch geboren,

Denn eure Schlachten waren Hohn;

Ich habe kühnern Fahnen zugeschworen,

Zehntausend Griechen waren nicht verloren,

Doch Ihr habt keinen Xenophon.


Kredenze, Lieb', die Qual nicht zu verlängern,

Die letzte Zähre uns'res Vater Rhein!

Ein Pereat Europens Müßiggängern!

So – lass' mich schlürfen diese Neige Wein.

Von nun an soll mein Lied verblutend feiern,

Das einst der Freiheit eine Gasse war,

Das Lied des Müden, welcher nicht mit euern

Befleckten Flaggen wollte planlos steuern,

An Geist allein nicht Proletar.
[23]

Es blüht kein Lenz aus bleichen Tricoloren,

Millionen Oriflammen will der Lenz –

Ich aber predigte nur tauben Ohren,

Und eine Metze ward die Permanenz.

Der Weise zieht mit trauernden Standarten

Auf stilles Eiland fern im Meer,

Des Herzens Frühling mag allein er warten,

Und der Entsagung rettende Kokarten

Stet er sich auf und liest Homer!

Quelle:
Ludwig Eichrodt: Lyrische Karrikaturen, Lahr 1869, S. 22-24.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Weiße, Christian Felix

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Brüder Atreus und Thyest töten ihren Halbbruder Chrysippos und lassen im Streit um den Thron von Mykene keine Intrige aus. Weißes Trauerspiel aus der griechischen Mythologie ist 1765 neben der Tragödie »Die Befreiung von Theben« das erste deutschsprachige Drama in fünfhebigen Jamben.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon