Fünftes Kapitel.

[164] Eine Schutzrede für alle Helden, welche sich bei guter Eßlust befinden, nebst der Beschreibung eines Zweikampfs von der verliebten Gattung.


Was für eine hohe Meinung die Helden, durch Schmeichler verwöhnt, von sich selbst haben, oder in welch erhabenem Licht sie[164] auch bei der Welt stehen mögen, so haben sie doch immer mehr von menschlicher als bloß geistiger Natur an sich. Sei ihr Geist auch noch so erhaben, so ist doch wenigstens ihr Körper (und der macht bei den meisten noch immer den vornehmsten Teil aus) den niedrigsten Bedürfnissen und den gemeinsten Verrichtungen der menschlichen Natur unterworfen. Unter diese letzten gehört die Handlung des Essens, welche von verschiedenen weisen Männern als niedrig und gemein, und der philosophischen Würde für unanständig geachtet worden ist und dennoch gewissermaßen von den größten Fürsten, Helden oder Philosophen auf dem Erdboden verrichtet werden muß. Ja zuweilen hat die Natur ihren Spaß so weit getrieben, daß sie von diesen, mit der höchsten Ehre bekleideten Personen einen weit übertriebnern Grad dieses Frohndienstes erzwungen, als sie den Menschen von der niedrigsten Klasse aufgelegt hatte.

So viel ist gewiß, sowie kein bekannter Bewohner dieses Erdballs dem Wesen nach mehr ist als ein Mensch, so sollte auch niemand sich schämen dürfen, sich demjenigen zu unterwerfen, was die Bedürfnisse eines Menschen erheischen. Wenn aber solche erhabne Personen, deren ich eben erwähnt habe, sich so weit herablassen, diese niedrigen, gemeinen Verrichtungen bloß und allein auf sich selbst einschränken zu wollen (wie es denn ihre Willensmeinung zu sein scheint, durch ihre Verheerungen und Verwüstungen alle übrige Menschen von der Verrichtung des Essens zu befreien): so werden sie wirklich sehr gemein, niedrig und verächtlich.

Nach dieser kurzen Vorrede halten wir es also für keine Herabwürdigung unsers Helden, wenn wir der übermäßigen Hitze erwähnen, womit er bei dieser Gelegenheit zu Werke ging. Man darf es in der That bezweifeln, ob Ulysses (welcher im Vorbeigehen gesagt, der eßlustigste von allen Helden in dem mahlzeitreichen Gedichte, genannt Odyssee, gewesen zu sein scheint) jemals eine tüchtigere Mahlzeit gethan hat.

Drei Pfund zum wenigsten von dem Fleische, welches vorhin das Ganze eines Ochsen ausmachen half, hatten jetzt die Ehre, einen Teil von Herrn Jones' leibhafter Person ausmachen zu helfen.

Wir haben uns verbunden erachtet, dieses besondern Umstandes zu gedenken, weil solcher über die kurzwährende Vernachlässigung seiner schönen Gefährtin einen Aufschluß geben kann, welche nur sehr wenig aß und wirklich mit Gedanken von einer ganz andern Art beschäftigt war, auf welche Jones nicht eher merkte, bis er den Appetit völlig gestillt, den ihm ein vierundwanzigstündiges Fasten verschafft hatte. Er hatte aber nicht so bald seine Mahlzeit vollendet, als seine Aufmerksamkeit auf andre Dinge wieder erwachte. Wir[165] wollen also dazu schreiten, unsern Leser nunmehr mit diesen andern Dingen bekannt zu machen.

Herr Jones, von dessen persönlichen Vollkommenheiten wir bisher nur noch wenig gesagt haben, war nach aller Wahrheit eine der schönsten jungen Mannspersonen von der Welt. Ueberdem daß sein Gesicht ein Bild der Gesundheit selbst war, hatte es auch noch die auffallendsten Züge von Sanftmut und Menschenfreundlichkeit. Diese Eigenschaften leuchteten wirklich so auszeichnend aus seiner Gesichtsbildung hervor, daß, wenn auch die Lebhaftigkeit und der Verstand in seinen Augen (welche allerdings der Beobachtung eines etwas genauen Bemerkers nicht entgehen konnten) von einem ungeübtern Physiognomisten hätten übersehen werden können, doch seine Gutmütigkeit so deutlich auf allen seinen Mienen gemalt war, daß sich fast niemand darin irren konnte, der ihn nur einmal ansah.

Vielleicht lag es ebensoviel hierin, als in seiner sehr feinen blühenden Farbe, die seinem Gesichte eine Delikatesse gab, welche sich fast nicht beschreiben läßt und ihm fast ein zu weibliches Ansehen verliehen hätte, wenn solche nicht mit einem sehr männlichen Wuchs und Körperbau verknüpft gewesen wäre, welcher letztere ebensoviel von einem Herkules, als die erste von einem Adonis hatte. Dabei war er gewandt, artig, munter und aufgeräumt und von einem so lebhaften Witze, daß er eine jede Unterredung beseelte, woran er Anteil nahm.

Wenn der Leser alle diese verschiedenen Reize, die in unserm Helden vereinigt waren, gehörig überlegt und dabei zugleich die eben erhaltenen Verbindlichkeiten bedenkt, welche Madame Waters ihm zu verdanken hatte, so würde es mehr Ziererei als Aufrichtigkeit verraten, wenn man deswegen schlecht von ihr denken wollte, weil sie eine sehr gute Meinung von ihm faßte.

Mit was für Tadel man sie aber zu belegen geneigt sein mag, meine Pflicht ist, die Sachen so zu erzählen, wie sie sich der That und Wahrheit nach verhalten. Madame Waters hatte, wie die Wahrheit zu sagen befiehlt, nicht nur eine gute Meinung von unserm Helden, sondern hatte auch für ihn eine sehr große Zuneigung. Ohne weitere Zurückhaltung geradeheraus zu sagen, sie war in ihn verliebt, nach dem jetzt allgemein angenommenen Sinne der Redensart, nach welchem das Wort »verliebt sein« ohne Unterschied von jedem Verlangen nach einem gewünschten Gegenstande gebraucht wird, bestehe es in Hunger oder Lecker, und eigentlich den Vorzug bezeichnet, den wir einer Art von Leibesnahrung vor der andern geben.

Ob aber gleich die Liebe zu allen diesen verschiedenen Gegenständen in allen Fällen eine und dieselbe sein mag, so muß man doch zugestehen, daß ihre Wirkungen verschieden sind. Denn so groß[166] auch unsre Liebe zu einem vortrefflichen Stück Rindfleisch oder einer Flasche Burgunder, zu einer Muschrose oder zu einer Cremonesergeige sein mag, so suchen wir doch niemals, weder durch Lächeln noch Liebäugeln, noch Schmücken und Putzen unsrer Person, noch durch Schmeichelei, noch durch andre Künste und Griffe die Gegenliebe des besagten Stücks Rindfleisch u.s.w. zu erwerben und zu gewinnen. Seufzen mögen wir darnach wohl zuweilen, das geschieht aber gewöhnlich in der Abwesenheit und nicht in der Gegenwart dieser geliebten Gegenstände. Sonst möchten wir uns wohl mit ebenso gutem Recht über ihre Undankbarkeit beklagen, wie ehemals Pasiphae mit ihrem Stier that, den sie durch alle Koketterien zu reizen suchte, welche mit gutem Erfolg in den Besuchzimmern, bei den verständigern sowohl als zärtlichern Herzen der besuchenden feinen jungen Herren, angewendet werden.

Bei der Liebe, welche zwischen zwei Personen von einerlei Gattung, aber von verschiedenem Geschlechte ihr Wesen treibt, ergibt sich gerade das Gegenteil. In diesem Falle sind wir nicht so bald verliebt geworden, als es unsre hauptsächlichste Sorge wird, die Zuneigung des geliebten Gegenstandes zu gewinnen. Denn zu was andern Endzwecken würde wohl unsre Jugend in allen den Künsten, sich angenehm zu machen, so sorgfältig unterrichtet? Wäre es nicht in Rücksicht auf diese Liebe, so zweifle ich sehr, ob irgend eins von den Gewerben, womit es auf das Zieren und Schmücken menschlicher Personen angesehen ist, seinen Mann oder seine Frau ernähren würde. Ja sogar diese großen Verfeinerer unsrer Sitten, welche nach einiger Meinung uns dasjenige lehren, was uns hauptsächlich von unvernünftigen Geschöpfen unterscheidet, sogar die Tanzmeister, möchten nicht einmal in der menschlichen Gesellschaft mehr ihre Stätte füllen. Kurz, alle die Grazien, welche junge Damen (und selbst junge Herrn nicht ausgenommen) von andern lernen, und die mancherlei Kunstverbesserungen, welche sie vermittelst des Spiegels ihren eignen natürlichen Annehmlichkeiten geben, sind die eigentlichen wahren Spicula et faces amoris, von welchen Ovid so mancherlei zu sagen weiß, oder, wie man solche oft in unsrer Sprache zu nennen pflegt, das ganze schwere Geschütz der Liebe.

Nun hatten sich Madame Waters und unser Held kaum bei einander niedergesetzt, als die erste dieses schwere Geschütz auf den letzteren loszubrennen begann. Jedoch, da wir hier im Begriffe stehen, uns an eine Beschreibung zu wagen, dergleichen bisher weder in Prosa noch Versen versucht worden ist, so halten wir es für nötig, den Beistand eines gewissen geistigen Wesens anzurufen, welches, wie wir zuversichtlich hoffen, uns bei dieser Gelegenheit seine gütige Hilfe nicht versagen wird.[167]

Sagt also, ihr Grazien, ihr, die ihr den himmlischen Sitz, Seraphinens Angesicht bewohnt, denn von göttlicher Abkunft seid ihr wirklich und umschwebt unaufhörlich ihre Gegenwart und verstehet alle die Künste durch himmlische Reize zu bezaubern; sagt, welches waren die Waffen, wodurch Jones, unser Held, jetzt überwunden und gefangen genommen wurde?

Zuerst flogen fort von zwei lieblich blauen Augen, deren glänzende Kreise beim Abfeuern zuckende Blitze verschossen, zwei wohlgezielte Blicke. Aber Heil für unsern Helden, sie prallten ab von ihrem Ziele und fielen auf ein mächtiges Stück Rindfleisch, das er auf seinen Teller holte, und so brach sich ihre Gewalt, ohne weiteres Unheil zu stiften. Die schöne Kriegerin merkte bald, daß sie ihres Endzwecks verfehlt, und zog gleich darauf aus ihrem schönen Busen einen tödlichen Seufzer hervor, einen Seufzer, den niemand ohne empfindsames Gefühl hätte hören können, und der Kraft genug hatte, ein halb Dutzend gepuderter süßen Herrn zu Boden zu strecken, so süß, so lind, so zärtlich, daß die davon säuselnde Luft ihren Weg zum Herzen unsres Helden hätte finden müssen, wäre sie nicht durch das laute Gesprudel des kräftigen Malzsaftes, den sich eben Jones aus einer frischgeöffneten Flasche ins Glas goß, von seinen Ohren abgetrieben worden. Noch versuchte sie der andern Waffen viele, aber die Göttin des Essens (wenn es eine solche Gottheit gibt, wie ich nicht so ganz zuversichtlich behaupten mag) beschützte ihren Verehrer: oder vielleicht ist es nicht dignus vindice nodus, und gegenwärtige Sicherheit des Herrn Jones mag sich wohl auf eine mehr natürliche Weise erklären lassen; denn so wie Liebe sehr oft vorm Anfall des Hungers schützt, so mag auch wohl in einigen Fällen der Hunger uns gegen die Liebe bewahren.

Die Schöne, welche ihre häufigen, fruchtlosen Bemühungen nicht wenig ärgerten, entschloß sich zu einem kurzen Waffenstillstand. Diese Zeit wandte sie an, jedes Werkzeug des Liebeskrieges in Bereitschaft zu setzen, um nach vollendeter Mahlzeit den Angriff zu erneuern.

Kaum war auch das Tischtuch abgenommen, als sie ihre Operationen von neuem begann. Zuerst, nachdem sie ihr rechtes Auge seitwärts gegen Herrn Jones gerichtet, schoß sie aus dessen Winkel einen scharfdurchdringenden Seitenblick, der, obgleich ein großer Teil seiner Gewalt verloren ging, bevor er unsern Helden erreichte, doch nicht ganz und gar ohne Wirkung zerflatterte. Da die Schöne dies merkte, zog sie plötzlich ihre Augen zurück und richtete solche bis zum niedrigsten Grade, so, als ob sie das, was sie gethan hatte, bereute, obgleich sie hierdurch bloß zur Absicht hatte, seine Wachsamkeit einzuschläfern, oder vielmehr ihn sicher zu machen, daß er seine Augen öffne, wodurch sie willens war, sein Herz zu überrumpeln. Und[168] nunmehr, indem sie die glanzvollen Sterne ihrer Augen sanft emporhob, welche schon anfingen, einigen Eindruck auf Jones zu machen, brannte sie eine Generalsalve von kleineren Reizen von allen Mienen und Zügen ihres ganzen Gesichts mit einem Lächeln ab. Nicht war's ein Lächeln von Scherz oder von Freude, sondern ein Lächeln empfindsamen Gefühls, dergleichen die meisten Damen beständig zu ihren Befehlen bereit haben, und das ihnen zu gleicher Zeit dient, ihr sanftes Gemüt, ihre schönen Grübchen in den Wangen und ihre weißen Zähne bemerken zu lassen. Dieses Lächeln traf unsern Helden geradeswegs in die Augen, und er ward durch seine Gewalt unmittelbar wankend gemacht. Nunmehr begann er die Absicht des Feindes zu merken und wirklich zu fühlen, daß ihm solche gelinge. Darauf ward von beiden Teilen beliebt, eine Kapitulation zu bewirken, während welcher Zeit die schlaue Schöne ihren Angriff so unbemerkt und listig fortsetzte, daß sie das Herz unsres Helden beinahe völlig eingenommen hatte, ehe sie die Feindseligkeiten von neuem wieder anzufangen schien. Die Wahrheit zu bekennen, fürchte ich, machte Herr Jones nur eine schwache Verteidigung und übergab verräterischerweise die Garnison der Festung zu Kriegsgefangenen, ohne die pflichtmäßige Treue gehörig zu erwägen, die er seiner schönen Alliierten, der liebenswürdigen Sophie, schuldig war. Kurzum, die verliebte Unterhandlung war kaum geendigt, und kaum hatte die Dame ihre Hauptbatterie dadurch demaskiert, daß sie nachlässigerweise ihr Halstuch vom Busen fallen ließ, als das Herz des Herrn Jones völlig eingenommen ward und die schöne Siegerin die gewöhnlichen Früchte ihrer Viktorie einerntete. – Hier erachten die Grazien für diensam, ihrer Beschreibung ein Ende zu machen, so wie wir dem Kapitel.

Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 2, S. 164-169.
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