Zwölftes Kapitel.

[20] Erzählt, daß Herr Jones wider Rebhuhns Rat seine Reise fortsetzt, nebst dem, was sich bei dieser Gelegenheit zutrug.


Sie entdeckten jetzt in einiger Entfernung ein Licht, zur großen Freude des Herrn Jones und zu Rebhuhns nicht geringer Beängstigung, welcher sich steif und fest einbildete, er sei behext und dies Licht wäre ein Tückebote mit einer Laterne, oder ein noch ärgeres Ungetüm.

Aber wie sehr ward diese Furcht vergrößert, als, da sie dem Lichte (oder Lichtern, denn so kam es ihnen jetzt vor) näher kamen, sie ein verwirrtes Geläut von menschlichen Stimmen hörten. Es sang, es lachte, es kreischte, es war dabei ein seltsames Getöne, als wie von Instrumenten, das man aber nicht füglich Musik nennen konnte. In der That konnte man es, um Rebhuhns Meinung ein wenig zu begünstigen, gar wohl eine verhexte Musik nennen.

Es ist unmöglich, sich einen viel höheren Grad von Angst und Grausen vorzustellen, als derjenige war, welcher jetzt den Rebhuhn ergriff, und auch der Vorreiter war davon angesteckt worden, denn er war auf viele Dinge sehr aufmerksam gewesen, welche der andre gesprochen hatte. Er legte sich also jetzt gleich falls aufs Bitten bei[20] Herrn Jones, daß sie umwenden möchten, und sagte, er glaube ganz gewiß an das, was Rebhuhn eben gesagt hätte, nämlich daß, obgleich die Pferde vorwärts zu gehen schienen, sie doch nicht einen Schritt von der Stelle gekommen wären, zum wenigsten seit der letzten halben Stunde nicht.

Bei allem seinem Verdrusse konnte sich doch Jones über die Furcht dieser armen Schlucker des Lachens nicht erwehren: »Entweder,« sagte er, »wir nähern uns den Lichtern, oder die Lichter haben sich uns genähert, denn wir sind jetzt gar nicht mehr weit davon. Aber, gute Bursche, wie könnt ihr euch vor einem Haufen Leute fürchten, die sich lustig zu machen scheinen?«

»Lustig machen, Herr!« rief Rebhuhn. »Wer könnte sich wohl lustig machen zu dieser späten Nachtzeit, an solch einem Orte und in solchem Wetter? Es kann in der Welt nichts andres sein als Gespenster oder Hexen, oder sonst dergleichen verdammte Geister. Das lass' ich mir nicht ausreden.«

»Mag es sein was es will,« rief Jones, »ich bin nun einmal entschlossen, hinzuzureiten und mich des Wegs nach Coventry zu erkundigen. Nicht alle Hexen, ehrlicher Rebhuhn, sind solche hämische Wettermacherinnen, als die, welcher wir zu unsrem Unglück da kürzlich begegnet sind.«

»O lieber Gott! Herr!« krächzte Rebhuhn, »wer kann wissen, in was für einer Laune man sie eben antreffen mag! Wohl wahr, am sichersten ist's immer, wenn man ihnen hübsch und schön thut! Aber wie wird's uns gehen, wenn wir noch was Aergeres anträfen als Hexen, wenn's gar ewig verdammte Geister wären, Gott sei bei uns! – O, ich bitte, Herr, lassen Sie sich raten! ich bitte, bitte, bedenken Sie sich. Wenn Sie so manche schauderige Geschichte über diese Sache gelesen hätten als ich, so würden Sie nicht so vermessen sein. – Gott weiß, wo wir schon hingeraten sind, oder wo wir noch hingeraten werden! Denn solch eine Finsternis ist doch ganz gewiß noch nicht auf Gottes Erdboden gesehen worden, und ich zweifle, ob's einmal in der andern Welt dunkler sein kann.«

Jones ritt so scharf drauf los als er nur konnte, ungeachtet aller Winke und Warnungen, und der arme Rebhuhn war genötigt, ihm zu folgen, denn ob er's gleich kaum wagte, vorwärts zu reiten, so wagte er's doch noch weit weniger, allein zurückzubleiben. Endlich langten sie an dem Orte an, wo sie die verschiedenen Töne gehört hatten. Dieser war, wie Jones gewahr ward, nichts andres als eine Scheune, in welcher eine große Anzahl Männer und Weiber versammelt waren, die sich mit viel anscheinender Fröhlichkeit ein gesellschaftliches Vergnügen machten.

Jones erschien nicht so bald vor den großen Thüren der Scheune,[21] welche offen stand, als eine männliche und sehr rauhe Stimme von innen heraus fragte, wer da wäre – worauf Jones ganz höflich antwortete, ein guter Freund, und gleich darauf sich nach dem Wege nach Coventry erkundigte.

»Wenn Ihr ä kuter Freund seind,« rief ein andrer Mann in der Scheune, »so thunt 'r Ihr bässer, Ihr sitzt ob, bes d'r Sturm vorbei äs« (in der That war der Sturm jetzt sehr heftig), »Ihr mögt kerne Eure Röß' ins Treuge zieh'n, denn 's is Raum kenug dazu an einem Ende der Tenne.«

»Sie sind sehr gütig,« erwiderte Jones, »und ich werde Ihr Anerbieten auf ein paar Minuten annehmen, solange der Regen dauert, und ich habe hier noch ein paar Freunde, denen Ihr gütiges Anerbieten gleichfalls sehr zu statten kommen wird.« Dies ward gutwilliger zugestanden als angenommen, denn Rebhuhn hätte sich lieber der ärgsten Feindseligkeit des Wetters unterworfen, als sich der Freundschaft solcher Wesen anvertraut, die er für Gespenster und Poltergeister hielt. Auch der Vorreiter war jetzt schon von eben der Furchtsamkeit angesteckt, unterdessen sahen beide sich genötigt, dem Beispiele des Herrn Jones zu folgen, der eine, weil er's nicht wagen durfte, seine Pferde zu verlassen, und der andre, weil er nichts so sehr fürchtete, als daß er allein gelassen werden möchte.

Wäre diese Geschichte in den Tagen des Aberglaubens geschrieben, so hätte ich zu viel Mitleiden mit dem Leser gehabt, um ihn solange in ängstlichem Zweifel zu lassen, ob wirklich Beelzebub oder Satan in gehörnter Majestät mit ihrem ganzen höllischen Hofstaat leibhaftig erscheinen würden oder nicht; da aber heutzutage diese Lehren allerlei Unglück erfahren, und nur wenige oder gar keine Gläubige mehr finden, so bin ich eben nicht sonderlich auf meiner Hut gewesen, dergleichen Angst und Schrecken zu vermeiden. Die Wahrheit zu sagen, so haben sich die Direktoren der Schauspielhäuser schon längst das ganze Heergeleit der höllischen Region zugeeignet und scheinen den Plunder seit einiger Zeit in einen Winkel auf den Rumpelboden geworfen zu haben, weil er auf niemand mehr Wirkung thun will, als auf die Herren auf der obersten Galerie, ein Platz, auf welchem von unsern Lesern wohl nur sehr wenige sitzen.

Ob wir nun gleich eben nicht besorgen, bei dieser Gelegenheit sonderliche Angst und Schrecken zu erregen, so haben wir doch Ursache zu befürchten, ein oder der andre von unsern Lesern möchte auf Besorgnisse geraten, wozu wir ihn nicht gern vorsätzlich verleiten möchten, nämlich daß er dächte, wir ständen im Begriff, eine Reise ins Feenland zu thun und ihm in unsrer Geschichte eine Reihe von Wesen vorzuführen, an welche zu glauben wohl schwerlich jemand kindisch genug gewesen ist, obgleich viele thöricht genug gewesen sind,[22] beim Schreiben und Lesen ganzer Geschichten von ihren Abenteuern die liebe Zeit zu vergeuden.

Um also allem dergleichen Argwohn vorzubeugen, welcher der Glaubwürdigkeit eines Historikers, der von sich bezeugt, daß er seine Materialien bloß und allein von der Natur entlehne, so nachteilig ist, wollen wir jetzt dem Leser berichten, was es für Leute waren, deren unerwartete Erscheinung dem Rebhuhn solche Angst eingejagt, den Pferdeburschen mehr als halb erschreckt und Herrn Jones selbst ein wenig stutzig gemacht hatten.

Das in dieser Scheune versammelte Volk war demnach nichts mehr und nichts weniger als eine Bande Zigeuner, oder wie sie in andern Gegenden genannt werden, Tatern, welche eben die Hochzeit eines Mitgliedes ihrer Gesellschaft feierten.

Es ist unmöglich, sich einen glücklichern Haufen Volks zu denken, als das hier versammelte zu sein schien. Aus jeder Miene und Gebärde leuchtete wirklich die äußerste Fröhlichkeit hervor; auch war ihr Ball nicht gänzlich ohne Ordnung und Anstand. Vielleicht hatte er davon mehr, als man bei mancher Landassemblee antreffen möchte; denn dieses Volk steht unter einer eignen Regierung und eignen Gesetzen und alle leisten einer obrigkeitlichen Person, wel che sie ihren König, zuweilen auch nur Hauptmann nennen, freiwilligen Gehorsam.

Ein größerer Ueberfluß war gleichfalls nirgends zu finden als der, welcher in dieser Scheune herrschte. Man sah hier freilich weder große Zierlichkeit noch Eleganz; denn der scharfe Appetit der Gäste machte solche ganz entbehrlich. Hier war ein großer Vorrat von Schinken, von Geflügel und von Schöpsenfleisch, zu welchen ein jeder von den Gegenwärtigen eine bessere Brühe mitbrachte, als der beste und theuerste französische Koch zuzubereiten versteht.

Aeneas wird unter nicht größerm Erstaunen im Tempel der Juno beschrieben:


Dum stupet obtutuque haeret defixus in uno,


als was unsern Held bei dem, was er in der Scheune sah, ergriff. Als er mit großer Verwunderung allenthalben umhersah, näherte sich ihm eine sehr ehrwürdige Person unter freundschaftlichen Begrüßungen, welche viel zu herzlich waren, um sie höflich zu nennen. Dies war niemand anders als der Zigeunerkönig selbst. In seiner Kleidung war er von seinen Unterthanen nur sehr wenig unterschieden, führte auch keine königliche Kleinodien, um die Würde seiner Majestät zu unterstützen; und dennoch schien sich (wie Herr Jones sagte) in seinem ganzen Wesen etwas zu befinden, welches Würde und Ansehn ausdrückte und den Betrachter mit einer Art von Ehrfurcht erfüllte. Doch konnte alles dieses vielleicht nur in[23] Herrn Jones' Einbildung liegen und die Wahrheit ist vielmehr nur, daß dergleichen Ideen an den Begriff von Macht geknüpft sind und sich fast niemals davon trennen lassen.

In den offenen Gesichtszügen und dem höflichen Betragen des Herrn Jones befand sich ein gewisses Etwas, welches, begleitet von großer persönlicher Anmut, ihn jedermann beim ersten Anblick schon außerordentlich empfahl. Dies wurde vielleicht bei den gegenwärtigen Umständen noch durch den tiefen Respekt verstärkt, welchen er dem Zigeunerkönig von dem Augenblick an bezeigte, da er mit seiner Würde bekannt gemacht worden und welche Seiner Zigeunerischen Majestät um so behaglicher war, da solche nicht gewohnt waren, dergleichen Homagium von jemand anders, als von Dero eignen Unterthanen geleistet zu erhalten.

Der König befahl, einen Tisch mit dem Besten von den vorrätigen Speisen für Herrn Jones' Bewirtung zu besetzen, und nachdem Seine Majestät sich zu seiner rechten Hand gesetzt hatten, begannen Sie unsern Helden folgendermaßen mit einem Gespräch zu unterhalten.

»I denk' mer, mein blanker Brüdel, du sollst wohl scho mehrers unsern Leutn gsehn hon. Sö steiche jo bei enk so gut herum, als sunstwo. Abe, das bildst dör wohl net ein, daß Unse so fül Köpf haben, ind daß wör uns so guet unsre Haut wöhre kunte, wöngs deruf ankäm, als dö Franzosn, ode Preuse, ode Turkä. Inte uns gsagt, du wiest Maul und Aug'n aufspörn, wan I dör sag, daß dö Zigaina so guet ieri Obrikait ind ieri Härn han, dö's verstähn, wie mer dö Leut in Zucht und Ordnin halt.«

»Main Wänikeit is, oni Ruhm z' melde ier Künig1 sind wol kener von Mainsgleichen kan si so grossi Stück aufn Ghorscham und Träu saner Unterdana ainbilde, als I. Ob I's um so verdiene thue, mag an andre sagn. Abe das kan I mör wol nachsage, daß I's mit ienen guet meinen thu, ind daß ihne in ierer Hand wol sahn mücht, wanns auf Mi' allan ankäm. I bild mör abe eb'n nicks drauf ain. 's g'schicht mör ja selbst wohl dabei, wenn's den arman Taif'ln wohl geht, dö johraus johrein alli Händvoll Arbät han, um mör das Bösti zu gäbe, was sö erwinden2 könne. Drum[24] hab'n so mi a lieb änd halt'n grossi Stück auf mi, bloß wail I so lieb hab: sonst wust I nit, warum?«

»S' wärn wohl tausend ode gar zwöntausend Jahr san – auf a Haar kan I enks eb'n nit angeb'n – (Gottlob! I han wed'r les'n no schreib'n, ind was das böse niksnutzige Zaig fur a Nama hat, g'lärnt): da war a großi – wie haißt mörs do? – ä Voluzian, glaub' I, unter den Zigainan. Do hat's no Grafn in Härrn inter uns'rn Leut'n gäb'n, ind do hab'n si imma baim Kopf'n g'habt, wail aine dön anern übern Kopf wachse wollt. Abe König Ziehegahn verstund sain Handwerk ind fluggs war ain Zigaina so viel ind so groß als der anere. Sint san insri Leut so guet ind so friedli, wi dö Schaf. S' fallt kain mer ain a Künig san ze wolle. S' is a wohl 's bösti fur sö! Bai main Aid! blanker Brüderl, 's is kain Spaß a Künig san ind Recht ind Gerechtigkait imma bai der Hand han. Han of gewunschn, a g'mainer Zigaina ze san, wenn's not war, maine Freind ind Sippleut z' straf'n. Fraili giht's bai ins nie ans Leb'n3, abe drum san insre Straf'n do niks klains. Sö san alli druf aing'richt, daß der Zigaina si vor si selber schäme mueß, ind das, denk I, mueß wohl aingreif'n. I wüeßt nit, daß ä Zigaina, dör aimal so herg'nommen wor'n, wieda ainkommen wär.«

Der König fuhr drauf fort, seine Verwunderung zu bezeigen, daß in keiner andern Regierungsform die Beschämung als Strafe eingeführt wäre. Worauf ihn Jones des Gegenteils versicherte weil in den engländischen Gesetzen auf manches Vergehen Beschämung verordnet sei, und wäre solche auch wirklich eine von den ordentlichen Folgen aller Bestrafungen. »S' is do närr'sch!« sagte der König; »I hör' do a, was bai enk vorgeht, wan mör schon nit inter enk leb'n, ind da han I oft g'hört, daß ihr bald Sünd ind Schand belohnt, bald enkre Belohning a Schand is. Is dann bai enk Belohning ind Straf ain Ding?«

Als Seine Zigeunerische Majestät noch solchergestalt im Gespräch mit Jones begriffen waren, entstand ein plötzlicher Aufruhr in der Scheune und, wie es scheint, auf folgende Veranlassung: das höfliche[25] Benehmen dieses Volks hatte nach und nach dem Rebhuhn alle Furcht benommen und ihn dahin gebracht, nicht nur ein Erkleckliches von ihren Speisen zu sich zu nehmen, sondern auch von ihrem herzerfreuenden Getränk zu kosten, wodurch er denn allen Kummer und alle Sorgen aus Leib und Seele verbannte und dagegen weit angenehmern Gefühlen Raum gab.

Eine junge Zigeunerin, merkwürdiger wegen ihres Witzes als wegen ihrer Schönheit, hatte den ehrlichen Schlag unterm Vorwande, ihm gut Glück zu sagen, auf die Seite gelockt. Ob nun, als sie sich in einem entfernten Winkel der Scheune zusammen allein befanden, das starke Getränk wirkte, welches niemals so fähig ist, unordentliche Begierden zu entflammen, als nach einer mäßigen Leibesbewegung, oder ob die schöne Zigeunerin selbst die Zucht und Wohlanständigkeit ihres Geschlechts beiseite setzte und mit ausdrücklichem Verlangen den jugendlichen Rebhuhn in Versuchung führte – kurz, sie wurden von dem Ehegatten der Zigeunerin in einer sehr unschicklichen Lage entdeckt. Besagter Ehegatte, scheint es, hatte aus Eifersucht ein wachsames Auge über seine Ehegemahlin gehalten und hatte ihr bis an den Ort nachgespürt, woselbst er sie in den Armen ihres Buhlen ertappte.

Rebhuhn ward jetzt zur großen Beschämung des Herrn Jones vor den König geschleppt, welcher die Klage anhörte und auch die Verteidigung des Beklagten, welche freilich sehr lahm ausfiel: denn der arme Kumpan war durch den deutlichsten Beweis, der gegen ihn geführt wurde, beschämt und überführt und konnte wenig oder nichts zu seiner Rechtfertigung beibringen. Seine Majestät wandten sich hierauf an Jones und sagten: »Blanker Mann, hast g'hört, was m'r sagen thut: was für ä Straf'n thust meinen, hab' dein Mann verdient?«

Jones antwortete: Das Vorgefallene thäte ihm leid und Rebhuhn sollte zur Befriedigung des beleidigten Ehemanns alles thun, was nur in seinem Vermögen stände. Er habe eben nur wenig Geld bei sich, sagte er, griff mit der Hand in die Tasche und bot dem klagenden Zigeuner eine Guinee, worauf jener alsobald antwortete: er hoffe, der gnädige Herr und blanke Bruder würd' ihm nicht weniger geben als fünfe.

Nach einigem hin und wieder Dingen und Handeln ward die Summe moderiert bis auf zwei, und nachdem Jones die völlige Verzeihung sowohl für Rebhuhn als für die straffällige Zigeunerin zur Hauptbedingung gemacht hatte, wollte er das Geld auszahlen, als Seine Zigeunerische Majestät ihm die Hand zurückhielten, sich an den Zeugen wandten und solchen fragten: zu welcher Zeit er die Verbrecher zuerst entdeckt habe? Worauf er antwortete: der Ehemann[26] habe ihn gebeten, gleich beim ersten Augenblick, da seine Frau mit dem Fremden gesprochen habe, er möchte auf alle ihre Bewegungen achtgeben, und also habe er sie nicht aus den Augen gelassen, bis das Verbrechen verübt gewesen wäre. Der König fragte ferner: ob denn der Ehemann die ganze Zeit über bei ihm in dem Lauschewinkel gewesen sei? worauf er bejahend antwortete. Seine Zigeunerische Majestät wendeten sich hierauf an den Ehemann wie folgt: »S' thut mer laid, an Zigaina ze seg'n, der so wäni Ehr im Laib hat, daß iem die Ehr von sain Ehwai' fur Geld fail is. Hättst du dain Wai' lieb g'habt, so wär aus'n ganz'n Hand'l niks wor'n ind du hättst sö kain Hur wern lass'n, um sö zu d'ertapp'n. Drum is main Befelch: man soll dir kain Geld geb'n, denn du hast Straf' verdient ind kain Lohn. Dain Urtel is: du sollst ain Schandfleck han ind a paar Hörnl auf'n Kopf trag'n an ganz Monat lang; dain Waib soll die Zeitlang Hur heiß'n ind de Leut soll' mit Fingern uf sö zaig'n; dann du bist a schandlicher Zigaina ind sö is nit wäniger a Schandhur.«

Die Zigeuner schritten augenblicks dazu, den Urteilsspruch zu vollziehen, und ließen Herrn Jones und Rebhuhn bei Seiner Majestät allein.

Jones gab der Gerechtigkeit des Spruchs seinen innigsten Beifall, worauf der König zu ihm sagte: »I kan mer's wohl vorstell'n, daß dir das Ding hübsch im Kopf rumgeh'n mag. Dann I waiß wohl, daß ös blanken von unsren Leuten niks guet's denkts ind enk ainbild'ts, dö Zigaina wern niks als a Diebsg'sindl.«

»Ich muß gestehen, Herr König,« sagte Jones, »was ich von Ihnen und Ihrem Volke gehört habe, lautete nicht so günstig, als Sie es wirklich zu verdienen scheinen.«

»Will dör's wohl sag'n,« erwiderte der Autokrat, »was für an Unterschied zwischen enk Blanken is ind unsern Leut'n. Unsri Leut schnipfen bai den Enkern und do Enkern schnipfen ananner selber.«

Jones verbreitete sich hierauf in vollem Ernste über die Glückseligkeit derjenigen Unterthanen, welche unter einer solchen Obrigkeit lebten.

In der That scheint ihre Glückseligkeit so vollkommen gewesen zu sein, daß wir fast besorgen, ein oder der andre Advokat für die willkürliche Gewalt möchte einst in der folgenden Zeit das Beispiel dieses Volks als einen Beweis von den großen Vorteilen anführen, welche diese Regierungsart vor allen übrigen den Unterthanen gewähre.

Und hier wollen wir etwas einräumen, welches man vielleicht von uns nicht erwarten möchte: daß nämlich keine eingeschränkte Regierungsform vermögend sei, sich zu eben der Stufe von Vollkommenheit[27] zu erheben, oder der bürgerlichen Gesellschaft ebenso wohlthätig werden könne wie jene. Das menschliche Geschlecht ist niemals so glücklich gewesen, als da der größte Teil der bekannten Welt unter der Alleinherrschaft eines einzigen Herrn stand; und dieser Glückseligkeitszustand dauerte fort unter den Regierungen von fünf auf einander folgenden Prinzen4. Dies war die eigentliche Aera des goldnen Zeitalters, und das einzige goldne Zeitalter, das die Welt jemals gehabt hat (ausgenommen in der erhitzten Einbildungskraft der Dichter) seit der Verjagung unsrer ersten Eltern aus dem Paradiese bis auf den heutigen Tag.

In Wahrheit kenne ich nur einen triftigen Einwurf gegen die unumschränkten Monarchieen. Der einzige Fehler in dieser vortrefflichen Konstitution scheint in der Schwierigkeit zu liegen, irgend einen Sterblichen zu finden, der dem Amte eines absoluten Monarchen durchaus gewachsen wäre; denn dies Amt erheischt unnachläßlicherweise drei Eigenschaften, welche, wie aus der Wahrheit aller Geschichte erhellt, sehr schwer in prinzlicher Natur bei einander angetroffen werden: erstlich, einen hinlänglichen Vorrat von Mäßigung in dem Prinzen, um sich mit aller der Macht, welche er möglicherweise haben kann, begnügen zu lassen; zweitens Weisheit genug, seine eigne Glückseligkeit nicht zu verkennen; und drittens genug Güte des Herzens, um die Glückseligkeit andrer zu befördern, wenn solche nicht nur mit seiner eignen sehr verträglich, sondern auch selbiger sogar höchst zuträglich ist. Wenn man sonach zugesteht, daß ein unumschränkter Monarch mit allen diesen großen und seltenen Eigenschaften fähig sei, der bürgerlichen Gesellschaft das meiste und größeste Gute angedeihen zu lassen, so muß man hingegen auch ohne Widerspruch einräumen, daß uneingeschränkte Gewalt, wenn sie den Händen eines Sterblichen anvertraut ist, der aller jener Eigenschaften ermangelt, auch wahrscheinlicherweise von ebenso vielen Uebeln begleitet sein werde.

Kurz, unsre eigene Religion gibt uns hinlänglich richtige Begriffe von dem Segen sowohl, als dem Fluche, welchen eine absolute Gewalt über uns bringen kann. Die Beschreibung des Himmels und der Hölle stellen uns ein lebendiges Bild von beiden vor die Augen; denn obgleich der Fürst der letztern keine andre Macht haben kann, als welche er von dem allmächtigen Beherrscher des erstern ursprünglicherweise hat verliehen erhalten, so erhellt doch deutlich aus der Schrift, daß im Reiche der Hölle seinem satanischen Beherrscher eine umumschränkte Macht verwilligt sei. Dies ist wirklich die einzige absolute Gewalt, welche nach der Schrift erwiesen[28] werden kann, daß sie vom Himmel eingesetzt worden. Wenn also die verschiedenen Tyrannen auf Erden ihr Recht, als von göttlicher Autorität entsprungen, beweisen können, so muß es von dieser ursprünglichen Belehnung des Fürsten der Finsternis hergeleitet werden, und diese Unterdeputierten müssen folglich unmittelbar ihre Gewalt aus den Händen desjenigen empfangen haben, dessen Namen und Zeichen sie so sichtbarlich an der Stirne führen.

Da uns nun schließlich die Beispiele aller Zeiten zeigen, daß die Menschen überhaupt nur nach Gewalt streben, um Böses thun zu können, und wenn sie solche erhalten haben, sie zu keinem andern Endzweck anwenden, so reimt es sich selbst mit dem kleinsten Grade von Klugheit nicht, eine Aenderung in der Regierungsform zu wagen, wobei unsre Hoffnung nur auf dem schwachen Nutzen von zwei oder drei Ausnahmen unter tausend Beispielen beruht, welche uns die gegründetste Furcht verursachen. In diesem Falle ist es viel weiser gehandelt, sich den wenigen Unbequemlichkeiten zu unterwerfen, welche aus der unbeweglichen Taubheit der Gesetze entstehen, als solchen durch Bitten vor den beweglichen offenen Ohren eines Tyrannen abzuhelfen. Auch kann das Beispiel der Zigeuner hier nicht füglich angeführt werden, obgleich solche vielleicht seit undenklichen Zeiten unter dieser Regierungsform glücklich gewesen sein mögen; denn wir müssen den sehr wesentlichen Umstand nicht vergessen, in welchem sie sich von allen übrigen Völkern unterscheiden, und auf welche vielleicht ihre Glückseligkeit ganz und völlig beruht, nämlich, daß unter ihnen keine falsche Ehre eingeführt ist, und daß sie die Schande als die schrecklichste Strafe von der Welt betrachten.

Fußnoten

1 Seine Zigeunerische Majestät irren sich entweder, oder wollen nicht mit der rechten Sprache herausgehn. Wer Höchstdero Reich kennt, und dessen bis auf diesen Tag geheim gehaltenen Ursprung aus Aegypten durch die Priester der Isis, der weiß auch so viel, daß der Monarch nicht König, sondern Imperator genannt wurde.

Bolingbroke.


2 Se. Geheime Majestät, sieht man, haben wenigstens über die Wissenschaften ihrer Nation einen sehr decenten Ausdruck.

Arnold.


3 Da sieht man's! Alle Weisheit kommt doch aus dem Orient, wie William Hutchinson sagt. Todesstrafen hat also diese unbekannte Monarchie nicht mehr. Ob sie noch die Question ordinaire et extraordinaire haben mag, wie die aufgeklärteste Nation in Europa? – Sollten die Unbekannten so viel weiser sein als die Bekannten? Je nun! warum sollte man nicht wahre Weisheit selbst von Zigeunern und Juden lernen wollen, obgleich der Name der Letztern mit einem großen J anfängt?

Ketmia Vere.


4 Nerva, Trajan, Hadrian und die beiden Antonine.


Quelle:
Fielding, Henry: Tom Jones oder die Geschichte eines Findelkindes. Stuttgart [1883], Band 3, S. 20-29.
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