16. Auf Frau Elisabeth Paulsens in Revel Ableben

[279] 1635.


Soll ich trösten oder klagen?

Was denn tu' ich erstlich nun?

Hier ist Jammer, da Verzagen,

dort ein schmerzlichs Kläglichtun,

und wir sehn auf allen Seiten

Tod und Ohnmacht auf uns streiten.
[279]

Kind und Mutter sind erblichen,

ihrer Jugend Glanz wird greis,

sie sind todfarb' angestrichen,

Händ' und Herzen werden Eis.

Wir auch sterben hin mit ihnen,

die wir itzt ihr Grab bedienen.


Hier stehn die verweinten Alten;

beider Herzen sind zerstückt

und durch einen Hieb gespalten:

zwei der Liebsten sind entzückt,

zwei der Liebsten aller Lieben,

Kind und Kindskind, sind geblieben.


Wie des Atlas Töchter gehen

um des Sternenochsens Häupt,

wenn sie unumnebelt stehen

und kein Südwind sie vertreibt,

wie die sieben hellen Kerzen,

die sich in dem Arkas herzen,


also stunds um uns noch gestern;

heute streut sichs in die Luft.

Zweimal drei erblaßte Schwestern

gehn und ächzen um die Gruft;

sie, voll Tränen, sehn von fernen

ihren Teil stehn in den Sternen.


Der Betrübtste der Betrübten

ist alleine nur nicht hier.

Die sich vor so einig liebten

sind geteilt nun für und für,

bis auch er wird hingelangen,

wo die Liebste hin ist gangen.


Wahr ists, daß sein furchtsams Herze

manch betrübter Traum erschreckt,

wenn ihn der geheime Schmerze

aus dem schweren Traum' erweckt,

und das traurige Gesichte

schwebt stets vor dem Augenlichte.


Ursach' ist vollauf zu weinen,

wenn wir sehn, was vor uns liegt,[280]

doch so sollen wir nicht scheinen

als mit Zagen unvergnügt

und den Heiden uns vergleichen,

die kein Trost nicht kan erweichen.


Meine Freunde, klagt mit Maßen!

Sie sind, wo man ewig bleibt,

da wir sie doch müssen lassen.

Tut doch, was ihr feste gläubt:

welche selig sind gestorben

sein und bleiben unverdorben.


Sterben und geboren werden

ist das alte Tun der Welt.

Dieses ist der Brauch der Erden,

das sie Ewigs nichts nicht hält.

Was die Zeit vor hat geboren,

wird mit ihr durch sie verloren.


Laßt dem Himmel seinen Willen,

gebt ihm gütlich, was er gab!

Diß muß doch die Erde füllen,

was nicht gerne will ins Grab.

Das ists, das wir einig wissen,

daß wir einmal sterben müssen.


Wie Viel' sind ihr hingefahren,

wo auch diese zogen hin,

in den sechsthalbtausent Jahren;

Alle waren, was ich bin.

Alle wurden so zu Erden,

wie wir alle werden werden.


Zwar es ist ein großer Schmerze,

doch gedenkt des Schöpfers auch!

Er, das liebe Vaterherze,

hält stets diesen seinen Brauch,

daß er die auch herzlich liebet,

die er herzlich hat betrübet.


Feind der Welt, du kanst den Seelen

ganz mit keiner Sichel zu!

Für die Leiber sind die Hölen,

aber, schöner Himmel, du[281]

bist, alswie du heißest Meister,

Herr und Wirt auch unsrer Geister!


Weil die frommen Leichen rasten

und in ihren Kammern ruhn,

abgetan von allen Lasten,

die uns stets den Tod antun,

unterdeß sind ihre Seelen,

wo man weiß von keinem Quälen.


Die erfreuten Seraphinnen

streichen ihre Zären ab,

und ein Teil der Cherubinnen

gehn als Wächter um das Grab,

daß das schlummernde Gebeine

ganz behalte was ist seine.


Was uns zeitlich wird genommen,

soll einst ewig unser sein,

wenn der große Tag wird kommen,

der schon itzund bricht herein;

denn so wollen wir stets küssen,

das wir itzt stets mangeln müssen.


Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 279-282.
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