6. Auf Herrn Peter Kuchens Ableben an die betrübte, auch kranke Witwe

[257] 1632 Sommer.


Betrübte Frau, verzeihet mir,

wo ich zu viel mir nehme für,

indem ich eurem matten Sinne,

der kaum für eigner Krankheit webt,

mehr von des Liebsten Tode bebt,

itzt zuzureden diß beginne!
[257]

Vielleichte wird die wilde Pein

um etwas Lernen milder sein,

wo nur geringster Zuspruch haftet,

wo nur der kleinste Trostes Gran

bei euch trifft guten Acker an

und in dem wunden Herzen saftet.


Vor allen Dingen mein' ich wol,

muß ich, so viel ich kan und soll,

auf gute Vorsicht mich befleißen,

daß nicht der unverharschte Schad'

in einen schlimmern Stand gerat'

und etwan möge weiter reißen.


Ihr, Schwache, klaget euren Man,

um das euch niemand strafen kan.

Was lieb ist, wird mit Ach verloren.

Wer etwas, wes er sich erfreut,

kan missen ohne Traurigkeit,

der soll noch werden erst geboren.


Und wer auch euch verhübe diß,

der müste sein kein Mensch gewiß.

Kein böser Tiger ist so wilde,

kein Leoparde so ergrimmt,

daß, wenn er um den Gatten kömmt,

er sich nicht trage zahm und milde.


Was einmal sich zusammenfügt,

das wird durch Anders nichts vergnügt

als wenn es seinen Freund kan sehen.

Und wenn sein Liebes sich entbricht,

so weiß es auch zu bleiben nicht,

so ists mit seiner Lust geschehen.


Die bulerische Wicke prangt,

wenn sie hat einen Halm erlangt,

den sie darf brünstiglich umschlingen.

Ingleichen seht den Rüstenbaum,

wie daß der liebend' Eppich kaum

von seinem Freunde sich läßt dringen!


Was sich einander herzlich giebt,

das liebt das, was es gleiche liebt,[258]

und kan sich sonst an nichts erlaben.

Das Turteltäublein fleugt und girrt,

wenn sie nicht bald sieht ihren Wirt

und in gewählter Zeit kan haben.


So unbarmherzig bin ich nicht,

daß, was euch heißet eure Pflicht,

ich schlechter Dinge tadeln wolte.

So bin ich auch nicht so betört,

daß ich, was die Natur uns lehrt

und fast gebeut, verdammen solte.


So wenig Gift uns nicht verletzt,

das Feuer brennt, das Wasser netzt,

so wenig kan die Zähren halten

das aus der Ehe hinterbleibt,

wo anders Liebe Liebe treibt

und ihre Gluten nicht erkalten.


Das Weinen ist zu wehren nicht.

Doch daß auch Maße nicht gebricht,

die sonsten selten sich will finden!

Und ist das Pflaster eben diß,

darmit ein Herze seinen Riß

selbselbsten kan und soll verbinden.


Wie sie zu allen Dingen gut,

so steift und hält sie Sin und Mut,

daß sie nicht brechen aus den Schranken.

Wenn ihr auch sie nehmt nicht in Acht,

so habt ihrs zu dem Stande bracht,

daß ihr so sehr nicht werdet wanken.


Ihr habt verloren einen Freund,

den ihr für euren besten meint?

Diß wissen wir ohn' euer Klagen.

Doch daß noch viel ein bessrer sei,

der euch noch mehr als der ist treu,

das heißt euch unser Glaube sagen.


»Ach! seufzet ihr, wär' ich auch hin!«

Diß ist der wahren Liebe Sin,

die ohn' ihr Liebes nicht will leben.

Wie sollet ihr ihm aber tun?[259]

Ihr müßt in Gottes Willen ruhn.

Er nimmt ja recht, was er hat geben.


Ihr nahmt ihn darum ja allein,

daß ihr nicht woltet einsam sein.

Nun kuntet ihr zuvor bedenken,

daß eben seine Sterbenszeit

euch in den Turn der Einsamkeit

auch künftig wider könte senken.


Und eben diß war euer Pfand,

als ihr vermähltet Hand mit Hand,

daß euch nichts solt' als Sterben scheiden.

»Es ist doch aber gar zu bald!«

Euch dünkts; so ward er kaum nicht alt,

das für sich ist ein liebes Leiden.


Hat er kein Kind nicht sollen sehn,

so ist ihm ja so wol geschehn,

daß ihn einst keines dürfte tauren.

Es war ihm nicht um seinen Tod.

Diß wars, daß ihr in solcher Not

euch würdet allzusehr vertrauren.


Ihr kommt zu früh' in Witwenstand?

Was mehr? Gott hat ein großes Land,

er kan euch ferner noch beschenken.

Hats ja so zeitlich sollen sein,

so seis euch lieb, ihr seid allein,

und dieses sollet ihr bedenken.


Gesetzt, ihr hättet lange Zeit

gelebet eins und ohne Leid,

bei großem Gut' und vielen Erben,

wer hätt' euch wollen Bürge sein,

daß ihr, des Weinens euch zu freun,

auf einen Blick hin würdet sterben?


Wenn das Verhängnüß bricht herein

so muß es doch geschieden sein,

es komme gleich auch wie es wolle.

Du seist verfreiet oder loß,

von Gütern reich, von Ehren groß,

geh'! heißt es, wenn dich liest die Rolle.
[260]

Es ist ein Wahn und eitler Schein

zu sehr um Seelge traurig sein.

Wer tot ist, wird nicht mehr gefähret.

Wenn ihr ihn liebtet, wie ihr sagt,

so ließt ihr etwas ungeklagt:

er ist, wo ihr auch hin begehret.


Zu dem, so seid ihr unzerstückt.

Ihr habt ihn nur voran geschickt,

die Stätte droben zu bereiten.

Er lebet, euer bester Teil,

versetzt in jenes lange Heil,

bis er euch holt an seine Seiten.


Der treuen Ehe festes Band

wird auch im Tode nicht zertrant,

es hält noch, wenn wir sein verstorben.

Drum lasset dieses unbereut,

daß ihr euch iemals habt befreit!

Ihr habt euch einen Trost erworben.


Wie mancher hat auf wüster See

durch Raub, durch Mord, in Hitz', in Schnee

sein unverhofftes Teil bekommen,

von dem sein armes Weib und Kind

und die ihm sonst befreundet sind

nicht das geringste Wort vernommen!


Ihr wart bis an den Tod um ihn.

Er zog euch in den Armen hin.

Ihr saht den schwachen Geist aufgeben.

Was nehmt ihr vor den letzten Kuß

und den zwar harten Abscheidsgruß:

»Zu tausent guter Nacht, mein Leben!?«


Beherzigt seine Glückligkeit,

hingegen unser stetes Leid

und stellet euch in Gottes Willen!

Wer weiß, was er an euch noch tut,

erkennt ers ratsamlich und gut,

diß, was ihr wündschet, zu erfüllen!
[261]

Quelle:
Paul Fleming: Deutsche Gedichte, Band 1 und 2, Stuttgart 1865, S. 257-262.
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