2. Gröben und Siethen unter den neuen Schlabrendorfs

[327] Die vorstehenden Auszüge schließen mit dem Jahre 1786.

In eben diesem Jahre war auch Gröben – wie Siethen schon acht Jahre früher – der alten Schlabrendorfschen Linie verlorengegangen, aber nur um im Gegensatze zu Siethen, das auf Jahrzehnte hin der Familie verloren blieb, unmittelbar auf eine andere, jüngere Linie der Schlabrendorfs überzugehen.

Eine Klarstellung dieser Punkte fordert einen kleinen genealogischen Exkurs.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Gröbenschen Schlabrendorfs, die bis dahin, den Bischof abgerechnet, in unserer Landesgeschichte von nicht sonderlicher Bedeutung gewesen waren, einen Aufschwung genommen und zwar in dem Brüderpaare: Gustav Albrecht von Schlabrendorf und Ernst Wilhelm von Schlabrendorf.

Des ersteren (Gustav Albrecht) ist in vorstehendem bereits ausführlich Erwähnung geschehen. Er war, um in Kürze zu[327] rekapitulieren, einer der Helden des Siebenjährigen Krieges, kommandierte bei Zorndorf das Alt-Platensche Dragonerregiment und wurde später Generalmajor und Chef der zu Breslau garnisonierenden Kürassiere. Nach seinem 1765 erfolgten Ableben ward er nach Gröben übergeführt und in der Kirche daselbst in unmittelbarer Nähe des Altars beigesetzt. Es würde nun dem einen oder andern seiner überlebenden drei Söhne zugestanden haben, auf dem alten Familiengute sich niederzulassen, alle drei jedoch zogen den Dienst und ihre städtischen Garnisonen einem Gröbener Aufenthalte vor und einigten sich unschwer dahin, ein ihnen aus mehr als einem Grunde begehrenswert erscheinendes Besitztum an einen schlesischen Vetter, einen Sohn des vorgenannten Ernst Wilhelm von Schlabrendorf abzutreten.

Dieser Ernst Wilhelm von Schlabrendorf nun, ein jüngerer Bruder Gustav Albrechts, hatte sich, während dieser in der Armee von Stufe zu Stufe stieg, im Staatsdienste zu der hohen Stellung eines dirigierenden Ministers von Schlesien emporgeschwungen und blieb in dieser bis zu seinem 1770 erfolgenden Tode. Von seinen fünf Söhnen49 stellten sich die vier ältesten um nichts günstiger zu der Besitzergreifungs-Frage von Gröben als ihre drei Gustav Albrechtschen Vettern und nur der jüngste, dem, wie wir in der Folge sehen werden, ein gewisser romantischer[328] Zug innewohnte, zeigte sofort eine Neigung, das altschlabrendorfsche Familiengut auch bei den Schlabrendorfs erhalten zu sehen. Und so brachte er es käuflich an sich.


Heinrich Graf Schlabrendorf

Dieser jüngste Sohn Ernst Wilhelms, des dirigierenden Ministers von Schlesien, war Heinrich von Schlabrendorf, der in demselben Jahre 1786, in dem er Gröben käuflich an sich gebracht, auch den Grafentitel erhalten hatte. Seine Mutter war ein Fräulein von Otterstedt, während seine drei ältesten Brüder, und unter ihnen Graf Gustav »der Pariser Graf«, aus der ersten Ehe seines Vaters mit dem Fräulein von Blumenthal geboren waren.

Graf Heinrich trat früh in das Regiment Czettritz-Husaren, die jetzigen braunen oder Ohlauschen Husaren, und machte als junger Offizier die Bekanntschaft eines durch Schönheit, Geist und Wissen ausgezeichneten Fräuleins von Mütschephal, deren Vater in demselben Husarenregiment ein oberes Kommando bekleidete. Diese Bekanntschaft führte bald zur Verlobung und Vermählung; um welche Zeit indes, ist nicht mit Bestimmtheit ersichtlich. Erst um 1792, also sechs Jahre nach Ankauf von Gröben, wurde das älteste Kind geboren, und abermals zwei Jahre später (1794) ein Sohn: Graf Leopold von Schlabrendorf.

Es war wohl keine Neigungsheirat gewesen, wenigstens nicht von seiten des Fräuleins, und so wurden aus Geschmacks- und Meinungsverschiedenheiten alsbald Zerwürfnisse. Man mied sich, und wenn der Graf in Gröben war, war die Gräfin in Berlin und umgekehrt. Aber auch in diesem sich Meiden empfanden beide Teile noch immer einen Zwang und ihre Wünsche sahen sich erst erfüllt, als gegen Ende des Jahrhunderts aus der bloß örtlichen Trennung auch eine gesetzliche geworden war. Der Sohn verblieb dem Vater, die Tochter folgte der Mutter, welche letztere, noch eine schöne Frau, bald danach einem thüringischen Herrn von Schwendler ihre Hand reichte. Doch auch Graf Heinrich vermählte sich bald wieder und zwar mit einem Fräulein von Mecklenburg, aus welcher Ehe demselben abermals eine Tochter: Gräfin Johanna von Schlabrendorf geboren wurde.

Dies war 1803, am 22. April, nachdem bereits einige Zeit vorher das nur etwa fünfzehn Jahre lang in erneutem Schlabrendorfschen Besitz gewesene Gröben in nunmehr völlig fremde Hände, die des Oberrechnungsrates Schmidt übergegangen war.[329] Es blieb freilich auch diesem nicht, kehrte vielmehr, wie gleich hier bemerkt werden mag, nach Ablauf einer bestimmten Frist (und dann einige Jahre später auch Siethen) ein drittes Mal in den Besitzstand der Schlabrendorfschen Familie zurück; eh' ich jedoch die zu dieser dritten und letzten Schlabrendorfschen Gutsübernahme führenden Verhältnisse schildere – Verhältnisse, daran Graf Heinrich, trotzdem er damals noch lebte, nicht mehr beteiligt war – versuch' ich es zuvor dem Lebensgange des Grafen einzig und allein im Hinblick auf seine Person einen Abschluß zu geben.

Unmittelbar nach dem Verkauf des Gutes war er nach Berlin übersiedelt, um daselbst seinen oft wechselnden, im übrigen aber immer harmlosen Passionen leben zu können. Von Erfüllung eigentlicher ihm nahe liegender Pflichten, beispielsweis auf dem Gebiete der Erziehung, war dabei wenig die Rede, solche Pflichterfüllungen fanden nur statt, wenn die Passionen, was gelegentlich vorkam, damit zusammenfielen.

Über die Dauer seines Berliner Aufenthalts sind nur Mutmaßungen gestattet; er fand nicht, was er suchte, langweilte sich inmitten aller Zerstreuungen, oder erkannte sie wenigstens nicht als angetan, ihn alle damit verbundenen Unbequemlichkeiten vergessen zu lassen. Und so wandt' er sich denn einer neuen Passion zu, der Reisepassion, und beständiger Ortswechsel wurd' ihm Lebensbedürfnis. Aber auch hierin verfuhr er abweichend von andern und anstatt sich auf Alpentouren oder Weltfahrten einzulassen, wozu wenigstens anfangs die Mittel vorhanden gewesen wären, gefiel er sich darin, Entdeckungsreisen zwischen Oder und Elbe zu machen und in praxi märkische Heimatskunde zu treiben.

Aber freilich auch diese Reiseperiode schloß ab, und wahrnehmend, daß er die gewünschte Rast in der Unrast nie finden werde, beschloß er probeweise den umgekehrten Weg einzuschlagen und die Ruhe ganz einfach in der Ruhe zu suchen. Er fing deshalb an, auf Hausstand und selbständige Wirtschaftsführung zu verzichten und sich statt dessen bei kleinen Familien auf dem Lande, denen sein Rang und sein Vermögen imponieren mochte, für länger oder kürzer in eine halb freundschaftliche, halb patronisierende Pension zu gehen. In der Neumark, in Pommern, in Mecklenburg, überall wiederholten sich diese Versuche, bis er endlich in dem ihm ebenbürtigen und aus alter Zeit her befreundeten General von Thümenschen Hause zu Kaputh ein Ideal und die Verwirklichung aller seiner Wünsche fand.[330] Es kam dies daher, daß der alte General von Thümen, auch ein Original, ihn ruhig gewähren ließ und immer nur beflissen war, »ihm seine Kreise nicht zu stören«. Beide lebten denn auch ein ebenso kameradschaftliches wie zwangloses Leben, in dem jeder seiner Lust und Laune nachhing und kein andres Haus- oder Tagesgesetz anerkannte, wie rechtzeitiges Erscheinen am Mittags- und abends am Bostontisch.

In Kaputh war es denn auch, daß Graf Heinrich seine Tage beschloß: eh' ich aber von diesem seinem Ausgang erzähle, versuch' ich vorher noch eine Charakterskizze.

Graf Heinrich hatte den Schlabrendorfschen Familienzug, oder doch das, was damals als schlabrendorfisch galt, im Extrem. Er übertraf darin noch seinen Sonderlingsbruder in Paris. Im Grunde gut und hochherzig, dazu nicht ohne Wissen und Verstandesschärfe, gestaltete sich sein Leben nichtsdestoweniger weder zum Glücke für ihn noch für andere, weil er jenes Regulators entbehrte, der allen Dingen erst das richtige Maß und das richtige Tempo gibt. Er ging immer sprungweise vor, war launenhaft und eigensinnig, und bewegte sich sein Leben lang in Widersprüchen. Er liebte, wie das Sprichwort sagt, die Menschen und Dinge »bis zum Totdrücken« und bedauerte hinterher »es nicht getan zu haben«. Am meisten zeigte sich dies in seinen jüngeren Jahren, wo das sehr bedeutende Vermögen, über das er damals noch Verfügung hatte, das Erkennen eines von ihm mit Vorliebe gepflegten Gegensatzes zwischen einem extremen Luxus- und einem extremen Einsiedlerleben außerordentlich erleichterte.

In Gröben erzählt man davon bis diesen Tag. Entsann er sich beispielsweise, daß es mal wieder an der Zeit sei, gräflich Schlabrendorfscher Repräsentation halber nach Berlin zu fahren, so wurde der alte Staatswagen aus der Remise geholt und der berühmte Trakehnerzug, vier Isabellen, mit aller Feierlichkeit eingespannt; ein Jäger saß auf dem Bock, zwei Heiducken standen rechts und links auf dem Tritt und ein dritter lief als Läufer der Kavalkade vorauf. Alles in Gala. So mahlte man durch den Sand, und die Dorfleute sahen dem Zuge nach. War man aber wieder daheim, so warf er diese Repräsentationslast als unbequem von sich, und las und las oder lud Leydener Flaschen an einer halbmannshohen Elektrisiermaschine, bis er sich eines Tages wieder all seiner Vornehmheit und Vornehmheits-Verpflichtungen entsann und nun aufs neue Boten über Boten schickte, die die Nachbarschaft zu großer Tafel »invitieren« mußten. Indessen[331] das waren Ausnahmen oder Anfälle, die Regel war und blieb, es gehen zu lassen, wie's eben ging. Er hatte mindestens sieben Diener im Haus, aber nicht für einen gab es zu tun, so daß das Umherliegen die Leute schlecht und übermütig machte. Das Ganze, seinem Zuschnitt und Wesen nach, mehr polnisch als preußisch. Zerschlug das Hagelwetter in den leerstehenden Oberzimmern ein Dutzend Fenster, so wurden Lappen eingestopft, weil es sich nicht verlohnte, den Glaser kommen zu lassen; allabendlich aber, als ob es sich um die Zeit der Burgverliese gehandelt hätte, rückte, Punkt zehn Uhr, die ganze Dienerschaft in die Front, um die Parterrefenster zu verbolzen und den Eingang überhaupt zu verrammeln. Ein zu diesem Behufe immer bereit stehender Palisadenpfahl wurde dann, von innen her, schräg gegen die Tür gestemmt, und in dieser primitiven Weise, selbstverständlich unter ungeheurem Gelärme, die Schließung und nächtliche Sicherstellung des Hauses vollzogen.

Anscheinend ohne Grund, denn es war nichts da, was auf den ersten Blick hin zu Diebstahl und Einbruch hätte reizen können. Aber hierin irrte nun freilich dieser »erste Blick«, da sich vielmehr umgekehrt in den auf Flurgängen und Bodenräumen massenhaft umherstehenden Schränken und Truhen eine ganze Welt allerwertvollster Dinge barg: Spitzen und Staatsröcke, kostbare Schuhschnallen und seidene Strümpfe, des reichen Tafelgeschirrs zu geschweigen, das in Kisten und Kasten verpackt war und fleckig wurde, weil's niemand putzte.

Welcher Art seine Beziehungen zu seinem berühmten Pariser Bruder waren, darüber verlautet nichts; sehr wahrscheinlich ähnelten sie sich zu sehr, um Gefallen aneinander zu finden. Ihre Sonderbarkeiten waren nicht gleich, aber in der Art, in der sie sich gaben, zeigte sich doch die Verwandtschaft.

Unter Graf Heinrichs vielen und sich immer ablösenden Passionen war eine Zeitlang auch die landwirtschaftliche, der er sich hingab, ohne nach Wissen und Erfahrung oder auch nur nach wirklicher Neigung ein Landwirt zu sein. Immer wollt' er kaufen und meliorieren, am liebsten aber Wunder tun, und verfiel dabei regelmäßig in bloße Skurrilitäten, auch wenn er ausnahmsweise leidlich verständig begonnen hatte. Nur ein Beispiel. Unter den ihm verbliebenen Besitzungen war auch ein Gut in der Neumark, auf dem er – wohl infolge von Anregungen, wie sie gerade damals durch Thaer und Koppe gegeben wurden – eine Förderung der Schafzucht und vor allem die Beseitigung der sogenannten Drehkrankheit erstrebte. Diese wegzuschaffen,[332] war er nicht bloß ernst und fest entschlossen, sondern lebte zuletzt auch des Glaubens, ein wirkliches Präservativ gegen dieselbe gefunden zu haben. Er gab zu diesem Behufe, so heißt es, allen Schafen täglich drei Hoffmannstropfen auf Zucker und ließ ihnen rote Leibchen und ebensolche Mützen machen, um sie gegen Erkältung und namentlich gegen »Kopfkolik« zu schützen.

Er war in allem apart, und apart wie sein Leben gewesen war, war denn endlich auch sein zu Kaputh, bei General von Thümen erfolgender Tod. Im Gefolge seiner vielen Passionen befand sich auch die Badepassion, die bei jemandem, der von Jugend auf über einen zu heißen Kopf geklagt und als Knabe schon nichts Schöneres gekannt hatte, als »unter die Tülle gestellt zu werden«, nicht groß überraschen konnte. Von Mai bis Oktober, ob die Sonne stach oder nicht, schwamm er, der inzwischen ein hoher Sechziger geworden war, in der Havel umher, und freute sich der ihn erlabenden Kühle. Mal aber geriet er ins Binsengestrüpp, und als er über Mittag nicht kam und man zuletzt mit Fackeln nach ihm suchte, fand man ihn, in fast gespenstischer Weise, den Körper im Moor und nur Kinn und Kopf über dem seichten Wasser.

Er wurde den dritten Tag danach auf dem Kirchhofe zu Kaputh begraben und sein Tod hatte noch einmal eine Teilnahme geweckt, die seinem Leben seit lange gefehlt hatte.


Graf Leo Schlabrendorf

Das war 1829.

Schon sieben Jahre vorher (1822) war das zu Beginn des Jahrhunderts veräußerte Gröben abermals an einen Schlabrendorf übergegangen und zwar an Graf Heinrichs einzigen Sohn: den Grafen Leopold von Schlabrendorf.

Graf Leopold, oder Graf »Leo«, wie man ihn in Gröben in üblicher Abkürzung nannte, war um das Jahr 1794 geboren worden, und zwar unter Vorgängen, die nicht bloß charakteristisch an sich, sondern auch in gewissem Sinne maßgebend für den Gang seines ganzen Lebens waren. Er, Graf Leo, wies oft auf diese Vorgänge hin, und der von ihm allezeit mit Vorliebe wiederholte Satz: »Ich bin für Gröben bestimmt« schrieb sich von diesem seinem Geburtstage her. Es hatte damit folgende Bewandtnis.[333]

Als nämlich die Zeit herangekommen war, daß die Gräfin eines Knäbleins genesen sollte (denn auf einen Stammhalter wurde mit Sicherheit gerechnet) und sogar das Dorforakel, die »Treutschen«, in aller Bestimmtheit erklärt hatte: »es daure keine Woche mehr«, befahl Graf Heinrich das Erscheinen der Staatskutsche, nicht ganz unrichtig davon ausgehend, daß ein junger Graf Schlabrendorf unmöglich anders als unter Assistenz des Leibmedikus und berühmten alten Entbindungsdoktors Dr. Ribke geboren werden könne. Die Gräfin war es zufrieden und schon zwei Stunden später erschien die Kutsche ganz in dem früher beschriebenen Aufzuge: zwei Heiducken auf dem Wagentritt und ein Läufer in Gala vorauf. Und so ging es auf Groß-Beeren zu. Bevor aber dieses Dorf, das erst ein Drittel des Weges war, erreicht werden konnte, versicherte die Gräfin schon: »es gehe nicht weiter«, auf welche nur allzu glaubhafte Versicherung hin der Wagen gewandt und der Läufer unter Zusicherung eines doppelten Wochenlohnes angewiesen wurde: »Citissime nach Gröben zurückzukehren, um daselbst die nunmehr wohl oder übel an die Stelle des alten Dr. Ribke tretende ›Treutschen‹ ins Herrenhaus zu befehlen.« Und wirklich das heimische Dorf wurde noch gerad' ohne Zwischenfall erreicht; aber kaum daß die Heiducken abgesprungen und die Teppiche vom Wagen aus bis zum Portale gelegt worden waren, so war auch schon die Stunde gekommen und in dem dicht am Eingange gelegenen Wohn- und Arbeitszimmer des Grafen, in das man die Gräfin nur eben noch hatte schaffen können, genas sie wirklich eines Knäbleins, des Grafen Leo, des erwarteten Schlabrendorfschen Stammhalters. Es hatte nicht in Berlin sein sollen; »er war für Gröben bestimmt«.

Über seine Kindheit verlautet nichts, auch nichts über seine Knaben- und Jünglingsjahre; sehr wahrscheinlich, daß er vorwiegend unter Zutun seiner Mutter – die trotz ihrer zweiten Ehe den Kindern aus der ersten eine große Zärtlichkeit und Treue bewies – in Pension kam und nach absolvierter Schulzeit in juristisch-kameralistische Studien eintrat. Aber ehe er diese vollenden konnte, kam der Krieg und bot ihm Veranlassung als Volontär bei den Towarczys einzutreten, einem Ulanenregiment, das vielleicht noch aus den Tagen der »alten Armee« her diesen etwas obsoleten und nur in den neunziger Jahren unter General Günther (der der »Vater der Towarczys« hieß) vielgenannten Namen führte.

Nach dem Kriege begegnen wir ihm alsbald als Regierungsassessor[334] in Trier, wo das durch Gastlichkeit und Feinheit der Sitte sich hervortuende Haus des Generals von Ryssel50 ihn anzog, am meisten aber des Generals Tochter, Fräulein Emilie von Ryssel, mir der er sich denn auch, nach kurzem Brautstand, im Sommer 1820, vermählte. Zwei Jahre verblieb er in Trier im schwiegerelterlichen Hause, bis er 1822 unter freudiger Zustimmung seiner jungen Frau, die die landwirtschaftliche Passion mit ihm teilte, nach Gröben hin übersiedelte, das wieder an die Schlabrendorfs zu bringen – ein von Jugend auf von ihm gehegter Wunsch – ihm um eben diese Zeit gelungen war.

Die Verhältnisse waren ihm bei diesem Wiederankauf ebenso günstig gewesen, als sie sich für den Vorbesitzer und seine Nachkommen einundzwanzig Jahre lang eminent ungünstig erwiesen hatten. Alle Leiden und Nachwehen einer langen Kriegs- und Invasionsepoche waren zu tragen gewesen und hatten zu solcher Verschuldung des Gutes geführt, daß der nunmehrige Kaufpreis desselben in nichts weiterem bestand, als in Übernahme der darauf eingetragenen Hypotheken, die sich freilich, wie gesagt werden muß, hoch genug beliefen.

Es gab nun also wieder eine wirkliche Gröbener Gutsherrschaft und zwar eine, wie man sie lange nicht im Dorfe gekannt hatte, richtiger noch, wie sie nie dagewesen war. Ordnung und Sitte waren mit dem jungen Paare gekommen, auch Beistand in Rat und Tat, und soweit es in Menschenhände gegeben ist, dem Unglück und dem Unrecht zu wehren, so weit wurd' ihm gewehrt.

Aber nicht nur die Dorfgemeinde durfte sich der neuen Gutsherrschaft freuen, die neue Gutsherrschaft wußte mit der Erfüllung ihrer nächstliegenden Pflichten auch Schönheitssinn und Sinn für das Allgemeine zu verbinden und erreichte dadurch, daß das Gröbener Herrenhaus auf drei Jahrzehnte hin ein Sammel- und Mittelpunkt geistiger Interessen wurde. Von dem[335] Leben der großen Welt hielt man sich geflissentlich fern, aber was sich darin hervortat, insonderheit als ein »erst Werdendes« hervortat, das empfing entweder aufmunternde Zustimmung oder wohl auch Pflege, solang es solcher Pflege bedurfte. Junge Kräfte wurden unterstützt, Bilder und Büsten in Auftrag gegeben, Reisestipendien erwirkt oder persönlich bewilligt, und wie die Türen allezeit offenstanden, so standen auch die Herzen auf in dem immer sonnigen und immer gastlichen Hause. Diese Gastlichkeit enthielt sich jedes Luxus, ja, verschmähte denselben, aber so schlicht sie sich gab, so grenzenlos gab sie sich auch. Und lag schon hierin ein Zauber, so lag er viel, viel mehr noch in der einfach distinguierten Lebensauffassung, die hier still und ungesucht um die Herzen warb, und in dem Ton, der der Ausdruck dieser Lebensauffassung war. Es war ganz der gute Ton jener Zeit (einer über- aber freilich auch unterschätzten Epoche), ein Ton, der das heutzutage so sehr hervortretende spezialistisch Einseitige vermied und umgekehrt in dem Geltenlassen anderer Beschäftigungen und Richtungen die Pflicht und Aufgabe der Gesellschaft erkannte. Nichts war ausgeschlossen, und Scherz und Anekdote – selbst wenn sich etwas von dem Übermute der damaligen Witzweise darin spiegelte – hatten so gut ein Haus- und Tischrecht, wie die Fragen über Kunst und Wissenschaft oder die speziell auch in dem Gröbener Kreise mit Vorliebe gepflegten altpreußischen Thematas von Armee und Verwaltung, von Staat und Kirche.

Sogar Landwirtschaftliches interessierte lebhaft, am meisten freilich den Grafen selbst, der, im Gegensatz zu seinem dilettantisch und skurril herumexperimentierenden Vater, eine große theoretische Kenntnis und alsbald auch ein reiches Erfahrungswissen innehatte, das ihn zu den mannigfachsten Reformen, Einrichtungen und Ankäufen gleichmäßig befähigte.

Bei dieser großen Tüchtigkeit und Umsicht in praktischen Dingen konnt' es nicht ausbleiben, daß ihm mehr als einmal, und zwar jedesmal aus Regierungskreisen her, der Antrag gemacht wurde, sich seiner Gröbener Einsamkeit begeben und in die große Welt, in der er in seiner Jugend gelebt und mit der er die Fühlung nie verloren hatte, wieder eintreten zu wollen. Aber er lehnte jedes dahin zielende Wort mit der Erklärung ab: »Ich bin für Gröben bestimmt.«

Auch das Jahr 1848, das verdoppelt die Forderung einer Rückkehr in das staatliche Leben an ihn stellte, riß ihn nicht heraus; im Gegenteil, er schloß sich inniger an die Seinen an,[336] die seine Treue mit Treue lohnten, und während das ganze Preußen erschüttert hin und her schwankte, wurde Gröben von keinem anderen Sturm getroffen als von einem wirklichen Orkan, der denn auch die mehrhundertjährige, vor dem Herrenhause wachehaltende Linde niederwarf. Er sah sie den Morgen darauf entwurzelt am Boden liegen und ordnete an, daß sie zu Brettern geschnitten und ein Teil derselben für seinen Sarg beiseite gelegt werde. Lächelnd gab er diese Weisung und er durft' es wie wenige, denn er sah auf das Ende der Dinge mit jener Ruhe, die nur das gute Gewissen gibt. Und wie von seltner Integrität des Charakters, so war er auch von seltner Reinheit der Sitten und von noch seltnerem Edelmut. Ein Beispiel für viele. Bei Kauf und Übernahme von Gröben war ein armes Fräulein, das der Vorbesitzer als Erbin eingesetzt hatte, leer ausgegangen. Es waren eben, wie hervorgehoben, nur Schulden da. Den Grafen rührte das harte Los der Armen, und er gab ihr aus freien Stücken 6000 Taler als ein Geschenk, was in jener geldarmen Zeit als eine große Summe gelten konnte.

Dazu war er heiter und humoristisch. Als die Brennerei, zu der man sich um besserer Gutserträge willen endlich hatte bequemen müssen, unter Dach und Fach war, erhielt sie die Berliner Bibliothekinschrift: Nutrimentum Spiritus.

Und diese gute Laune zeigte sich ganz besonders auch, als er in seine letzte Krankheit eintrat. Es fehlte selbstverständlich nicht an Aufforderungen, es, ärztlicher Behandlung halber, mit einem Berliner Aufenthalte versuchen zu wollen, aber er antwortete bloß: »Ihr wißt ja, ich bin für Gröben bestimmt; ich war es im Leben und will es auch im Tode sein«.

Und er hatte recht gesprochen. Eine Woche später und Meister Schreiner hobelte schon die Lindenbretter, wie's Graf Leo gewollt, und am 27. Juli 1851 stand sein Sarg an derselben Stelle, wo damals, als die große Kutsche von Groß-Beeren her zurückgeschwankt war, seine Wiege gestanden hatte.

Viele Freunde kamen, und sie begruben ihn auf dem Gröbener Kirchhof und gaben dem Platz ein Gitter. Eine Stelle daneben aber ließen sie leer: eine Ruhestätte für seine Witwe.


Gräfin Emilie von Schlabrendorf geb. von Ryssel

[337] Diese Witwe war Gräfin Emilie von Schlabrendorf geb. von Ryssel. An sie ging jetzt Gröben über, in dem ihr noch, durch volle sieben Jahre hin, ein segensreiches Wirken gestattet war.

In brieflichen Mitteilungen über sie find' ich das Folgende: »Die Gräfin, wie sie kurzweg genannt wurde, war eine Dame von seltener Begabung und Bildung. Was Gröben durch drei Jahrzehnte hin war, war es, ohne den mitwirkenden Verdiensten anderer zu nahe treten zu wollen, in erster Reihe durch sie. Sie gab den Ton an, sie bildete den geistigen Mittelpunkt, und war – übrigens ohne schön zu sein – mit jener anmutenden Vornehmheit ausgestattet, wie wir uns etwa die Goethesche Leonore denken.

Ihr Interesse wandte sich allen Gebieten des Wissens zu, was ihr aber, meines Erachtens, eine noch höhere Stellung anwies, das war ihre mustergültige Hausfrauenschaft und ihr unbegrenzter, auf Näh und Ferne gerichteter Wohltätigkeitssinn. Immer bereit zu helfen, war doch die gleichzeitig von ihr gewährte geistige Hilfe fast noch trost- und beistandsreicher als die materielle, so reichlich sie diese bot. Es konnte dies geschehen, weil ihr die seltene Gabe geworden war, den ihr aus der Fülle der Erfahrung beinahe mehr noch als aus der Fülle des Glaubens zu Gebote stehenden Rat immer nur in einer allerschonendsten Weise zu spenden. In Grundsätzen streng, war sie mild in ihrer Anwendung und überall richtete sie die Herzen auf, wo ihre vertrauenerweckende Stimme gehört wurde.

Selbstverständlich eigneten einer solchen Natur auch erzieherische Gaben, und da ihre Ehe kinderlos geblieben war, so war nichts natürlicher, als daß sie – wie zur Erprobung ihrer pädagogischen Talente-Kinder, namentlich junge Mädchen, ins Haus nahm. Es waren dies Töchter aus achtbaren aber einfach bürgerlichen Häusern, und ihr Erziehungstalent erwies sich in nichts so sehr, als in der Art und Weise, wie sie diese jungen Mädchen an allem, was das Haus gesellschaftlich gewährte, teilnehmen ließ und sie doch zugleich für die Lebensstellungen erzog, in die sie, früher oder später, wieder zurücktreten mußten. Es gelang ihr, ihren Pfleglingen eine Sicherheit im Auftreten und in den Formen zu geben, ohne daß infolge davon der gefährliche, weil so selten zu Vorteil und Segen führende Wunsch in ihnen aufgekeimt wäre, die bescheidenere Geburtsstellung mit einer anspruchsvolleren[338] zu vertauschen. All das, ohne jemals durch Hervorkehrung dessen, was man Standesvorurteile nennt, auch nur einen Augenblick verletzt zu haben. Es war ihr eben einfach die Gabe geworden, in Liebe den Glauben zu wecken: ›in allem lebt Gottes Wille, und wie es ist, ist es am besten‹«.

So die Mitteilungen solcher, die die Gräfin noch persönlich gekannt haben. Aber eines vermiss' ich darin: ein Hervorheben dessen, was ihr, ich will nicht sagen ausschließlich oder auch nur vorzugsweis, aber doch jedenfalls mitwirkend ihren Einfluß sicherte. Dies war ihr Katholizismus. Zunächst ihr Katholizismus als einfache Tatsache.

Wer ein Auge für diese Dinge hat, dem kann es nicht entgehen, daß der Katholizismus, all seiner vielleicht berechtigten Klagen und Anklagen unerachtet, eine nach mehr als einer Seite hin bevorzugte Stellung unter uns einnimmt, und zwar am entschiedensten in dem Gesellschaftsbruchteile, der sich die »Gesellschaft« nennt. Es geht dies so weit, daß Leute, die sonst nichts bedeuten, einfach dadurch ein gewisses Ansehen gewinnen, daß sie Katholiken sind. Wie gering ihre sonstige Stellung sein mag, sie werden einer Art Religionsaristokratie zugerechnet, einer Genossenschaft, die Vorrechte hat und von der es nicht bloß feststeht, daß sie gewisse Dinge besser kennt und weiß als wir, sondern der es, infolge dieses Besserwissens, auch zukommt, in eben diesen Dingen den Ton anzugeben. Also zu herrschen.

Unserer Gräfin Herrschaft aber verdoppelte sich und wurd' erst recht eigentlich, was sie war, aus der weit über die bloße Tatsächlichkeit ihres Katholizismus hinausgehenden schönen und klugen Betätigung desselben. Sie war eine strenge Katholikin für sich, in der Berührung mit der Außenwelt jedoch, insonderheit mit der ihr in gewissem Sinne wenigstens unterstellten Gemeinde betonte sie stets nur das, was beiden Konfessionen das Gemeinschaftliche war, und übte die hohe Kunst einer Religionsäußerung, die der eigenen Überzeugung nichts vergab und die der andern nicht kränkte. Sie hatte dies am sächsischen Hofe gelernt und zeigte sich beflissen, diesem Vorbilde schöner Toleranz in allen Stücken nachzuahmen. Es geschah dies in einer ganzen Reihe von Guttaten und kleinen Stiftungen, am erkennbarsten in dem einem Neubau gleichkommenden Umbau der lutherischen Gröbener Kirche, den sie, von der Vorahnung erfüllt, daß sie das Ende desselben nicht mehr erleben würde, durch Kapitalsdeponierungen sicherstellte.

Den 2. September 1858 starb sie, sechzig Jahre alt, und wurde,[339] den dritten Tag danach, ihrem ausdrücklichen Willen gemäß, auf dem protestantischen Kirchhofe der Gemeinde beigesetzt.

Gröben selbst aber fiel an die Schwägerin der Gräfin, an die noch lebende Schwester des bereits 1851 verstorbenen Grafen Leo.


Frau Johanna von Scharnhorst, geb. Gräfin von Schlabrendorf

Diese noch lebende Schwester des Grafen Leo war Frau Johanna von Scharnhorst, geb. Gräfin von Schlabrendorf. Sie trat ihr Erbe (Gut Gröben) an und da sie, wie weiterhin erzählt werden wird, einige Jahrzehnte vorher auch in den Besitz von Siethen gekommen war, so waren jetzt beide altschlabrendorfschen Güter wieder in den Händen einer geborenen Schlabrendorf vereinigt. Freilich nur auf kurze Zeit. Ein Jahr nur von 1858 bis 1859. Eh' ich aber von diesem Wiederaufgeben des Gesamtbesitzes spreche, sprech' ich, zurückgreifend, über den Lebensgang der Frau von Scharnhorst bis zu jenem Zeitpunkte (1858), wo Gröben ihr zufiel.

Komtesse Johanna wurde, wie schon hervorgehoben, am 22. April 1803 aus der zweiten Ehe des Grafen Heinrich von Schlabrendorf, die derselbe mit einem Fräulein von Mecklenburg geschlossen hatte, geboren. Es scheint, die Mutter starb früh und überließ Erziehung und Fürsorge dem exzentrischen Vater, der sich dieser Aufgabe denn auch auf seine Weise, d.h. widerspruchsvoll unterzog. Er liebte die Kleine schwärmerisch und duldete beispielsweise nicht, daß sie von jemand anderem als von ihm oder einer ihr beigegebenen Bonne berührt wurde. Sollte sie spazierenfahren, so stand er bereit, um ihr kavaliermäßig die Hand zu reichen, oder sie, solange sie noch klein war, in den Wagen hineinzuheben. Aber diese Galanterien erfuhren doch auch wieder Ausnahmen und waren jedenfalls von nicht allzu langer Dauer. Als die Reisepassion über ihn kam, schwand ihm die Lust, sich um das Komteßchen noch weiter zu kümmern, und er begnügte sich von nun an damit, sie nach hierhin und dorthin in allerlei Pensionen zu geben, am liebsten in ländliche Pfarrhäuser, in denen oft die wunderlichsten Zustände herrschten und Albernheiten und Unpassendheiten um den Vorrang stritten. Aber all dies berührte sie wenig, und[340] glücklichere Tage kamen, als der alte Graf mehr und mehr zurücktrat, und die mütterliche Verwandtschaft der immer reizender werdenden Komtesse sich dieser anzunehmen begann. In Sommerzeit war sie mit in den Ostseebädern, am häufigsten in Doberan, und in einer Vierschimmel-Equipage ging es dann über die Felder hin oder auch wohl bis an den Heiligen Damm, wo zweierlei gleich wichtiges und gleich großes zu sehen war: der Hof und das Meer.

Aber dies alles liegt unbestimmt zurück und klarere Bilder treten uns aus dem Jugendleben der Gräfin erst von dem Tag an entgegen, wo sich die gesamte Familie, Geschwister und Vetterschaft, in Trier zusammenfand, um im Hause des alten General von Ryssel die Vermählung zwischen Emilie von Ryssel und Graf Leo von Schlabrendorf zu feiern. Unter den Schlabrendorfs, die mit erschienen waren, war auch Komtesse Johanna, damals erst siebzehn Jahr alt, und der alte Spruch sollte sich bei dieser Gelegenheit aufs neue bewahrheiten »auf jeder Hochzeit eine neue Verlobung«. Ihr Tischnachbar war August von Scharnhorst, Rittmeister in dem damals zu Trier in Garnison stehenden 8. Ulanenregiment, und ungefähr um dieselbe Zeit, in der Graf Leo das schwiegerelterliche Haus in Trier aufgab, um das kurz zuvor erstandene Gröben zu beziehen, erfolgte die Verlobung und bald danach auch die Verheiratung des tischnachbarlichen Paares: des Rittmeisters August von Scharnhorst und der Komtesse Johanna von Schlabrendorf.

Aber auch die Tage dieses Paares waren in Trier gezählt. Wie Gröben, so geriet auch Siethen, das seine Besitzer innerhalb der letzten dreißig Jahre mehrfach gewechselt hatte, mal wieder zu Verkauf und Graf Leopold, als er davon hörte, fragte sofort bei Schwester und Schwager an, »ob sie vielleicht geneigt seien, das plötzlich wieder frei gewordene Siethen käuflich an sich zu bringen?« Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde die Frage wahrscheinlich mit einem »Nein« beantwortet oder noch viel wahrscheinlicher gar nicht gestellt worden sein, in Trier aber lagen die Dinge bereits außerhalb des Gewöhnlichen, indem August von Scharnhorst durch einen Sturz vom Pferde sich sehr erheblich und zwar bis zur Dienstunfähigkeit verletzt, auch infolge davon sein Entlassungsgesuch bereits eingereicht hatte. So wurde denn freudig zugestimmt und 1825 der Ankauf von Siethen bewerkstelligt, das nun – so wenigstens ging der Plan – für das junge Scharnhorstsche Paar eine gleich glückliche Heimstätte werden sollte, wie das Schwesterdorf Gröben es für das[341] Schlabrendorfsche bereits war. Aber dieser Plan scheiterte. Des um diese Zeit bereits als Major aus dem Dienste geschiedenen Rittmeisters von Scharnhorst gesundheitliche Störungen waren größer als geglaubt, er kränkelte viel, und schon ein halbes Jahr nach Übernahme des Gutes starb er in Berlin (Oktober 1826), wohin er sich in ärztliche Behandlung begeben, und ließ in Siethen ein kaum einjähriges Töchterchen und eine dreiundzwanzigjährige Witwe zurück.

Ein hartes Los war dieser gefallen. Und doch hatte sie dreierlei, was ihr das Leben allmählich wieder lebenswert machte: das Kind, die Schwägerin drüben in Gröben und als drittes den Wetteifer mit dieser in allen guten Werken. Im Beglücken anderer erhob sie sich zu neuer Kraft, und als die Tochter (auch eine Johanna) zu jedermanns Freude heranwuchs und immer mehr das Licht ihres Lebens wurde, da kam ihr auch ein Gefühl des Glückes wieder und in und mit ihm die Hoffnung, die mehr ist als das Glück.

Aber diese Hoffnung erblaßte vor der Zeit und schwand endlich hin für immer. Die Tochter erkrankte, von einem hitzigen Fieber befallen, und starb im schwäbischen Wildbad, wohin sie sich in Begleitung ihrer damals noch lebenden Gröbener Tante begeben hatte.

Das war im Herbst 1857. Untröstlich war die Mutter, die nun in Einsamkeit den Rest ihres Lebens durchlebte.

Eh' ich aber diesen Lebensausgang schildere, versuch' ich zuvor ein Bild der zu früh heimgegangenen Tochter zu geben.


Johanna von Scharnhorst
(Nach Aufzeichnungen einer Kaiserswerther Diakonissin)

Johanna von Scharnhorst war eine Mariennatur. Ihre Erscheinung schon gewann die Herzen und war der Ausdruck selbstsuchtsloser Güte. Mutter und Tochter glichen sich in diesem Punkte vollkommen und leben, um dieser selbstsuchtslosen Güte willen, in der Erinnerung der Gröben-Siethener Gemeinde fort.

Im Oktober 1854 kam Fräulein Johanna nach Kaiserswerth, um Diakonissin zu werden. Was sie dazu bestimmte, waren zunächst wohl unerfüllt gebliebene Hoffnungen, Enttäuschungen, über die sie sich nur einmal, in Andeutungen wenigstens, zu mir aussprach; aber weit über eine solche nächste Veranlassung hinaus[342] ruhte der eigentliche Grund zu diesem Schritt in ihrer ganz auf Barmherzigkeit und Liebe gestellten Natur. Sie war, wie wenige, zum Diakonissendienste bestimmt.

In ihrer ersten Jugend schon, so hört' ich später, nahm sie sich der Armen und Verlassenen an, und wenn sie durch das Dorf ging und die Kinder mit stumpfem Gesichtsausdruck in der Haustür sitzen sah, sagte sie: »Die Kinder sehen aus, als ob sie keine Seele hätten. Wie helf' ich ihnen?«

Es war wohl ein Erinnern daran, was sie jetzt, nach einem schmerzlichen Erlebnis, unserer Kaiserswerther Anstalt, deren Einrichtung und Dienst sie kennenlernen wollte, zuführte. Noch entsinn' ich mich des Tages als sie kam. Ich empfing gleich den Eindruck von ihr, etwas so Lieblichem noch nie begegnet zu sein, und wurde nicht müde, sie anzusehen. Auch weiß ich noch, daß ich in allen Briefen an die Meinigen immer nur von ihr erzählte, trotzdem sie noch kein einzig Wort zu mir gesprochen hatte. Sie trat als Pensionärin ein, beschränkte sich jedoch nicht, wie diese sonst zu tun pflegen, auf Krankenpflege, sondern griff überall ein; sie nahm teil an den Stunden der Seminaristinnen, war in der Kleinkinderschule tätig und wirkte mit im Asyl. Ihre Hauptarbeit freilich gehörte den Kranken und hier stand sie bald einzig da. Sie war unermüdlich, daneben freundlich und fröhlich, und schon ihre bloße Nähe beglückte.

Nach Ablauf eines Jahres kehrte sie von Kaiserswerth nach Siethen zurück, um daselbst ein Kinderasyl ins Leben zu rufen. Ein in dem reizenden Uetz bei Potsdam befindliches Haus, darin schon zwei Kaiserswerther Diakonissinnen in Tätigkeit waren, sollte zum unmittelbaren Vorbilde genommen werden. Und dies geschah auch. Es war aber ein schweres Beginnen, am schwersten infolge von allerlei Kritik, die das Unternehmen gerade von befreundeter oder doch halb befreundeter Seite her zu erfahren hatte. »Das solle Hilfe sein«, hieß es, »aber es sei keine. Für die Tagelöhner sei nun mal das beste, wenn ihre Kinder auch wieder aufwüchsen wie sie selber aufgewachsen seien. Und was die Mütter angehe, so taug' es nichts, ihnen die Sorge für ihre Kinder abnehmen zu wollen.« All dies traf um so tiefer, als ihm ein Teil Alltagswahrheit zur Seite stand, aber sie kämpfte treu gegen alle laut werdenden Zweifel an, besonders auch gegen die eigenen, und rang sich immer wieder zu dem schönen Glauben durch, daß sich ihr Wunsch mit dem Willen Gottes vereinige.

Ich hatte das Glück gehabt, ihr in den letzten Monaten ihres[343] Kaiserswerther Aufenthaltes näher zu treten, und so kam es, daß sie mich bei sich zu sehen wünschte. Sie schrieb in diesem Sinne von Siethen aus an Pastor Fliedner und ich selbst erhielt einen Brief, aus dem ich hier folgende Stelle gebe: »Nichts ist schwerer, als in Einfalt des Herzens bleiben; es muß vor allem erbeten werden, und das wollen wir treulich für einander tun.«

In diesen wenigen Zeilen spricht sich ihr allereigenstes Wesen aus; sie hatte von dieser Herzenseinfalt mehr denn irgendwer, den ich kennengelernt, aber freilich zugleich auch die vollkommenste Demut und sah in sich nichts von all dem Schönen und Bevorzugten, das ihr durch Gottes Gnade so reichlich zuteil geworden war. Es war ihr eben Bedürfnis, andere Menschen höher zu stellen als sich selbst, und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, daß sie selber ein Vorbild sei.

Ich durfte der an mich ergangenen Aufforderung folgen und traf noch zur Einweihung der Anstalt in Siethen ein. Es war zur Begründung derselben ein Müllerhaus angekauft worden, dessen Besitzer, ein streng kirchlicher Mann, einige Jahre vorher nach Amerika ausgewandert war. Alles gedieh in diesem seinem ehemaligen Heim, und als er nach einiger Zeit davon hörte, schrieb er zurück: »Wie freut es mein altes Herz, daß meine vier Wände nun die Heimstätte für so viel Gutes geworden sind.« Und er rief den ferneren Segen Gottes dafür an.

Ich sagte, daß ich noch zur Einweihung eintraf. Diese fand im August statt. Es war ein schöner Tag und der Geistliche sprach über die Wichtigkeit unseres Berufes, und daß dieser »Beruf des Erziehens zu Gott« ein Glück und eine Ehre für uns sei. Von der Gemeinde fehlte niemand und unter den erschienenen Gästen war auch Agnes von Scharnhorst (eine Cousine Johannas) und der Verlobte derselben, Baron von Münchhausen. Als Schlußgesang war Johannas Lieblingslied gewählt worden, und während die Kinderstimmen es intonierten, wurde sie, der es galt, tief bewegt und sie weinte lang und schmerzlich. Gedachte sie doch, wie sie mir später in vertraulichem Gespräche mitteilte, nunmehr zurückliegender Tage, deren Schmerz sich ihr in diesem Augenblick erneuerte. Sie nahm eben Abschied von manchem, was ihr lieb gewesen, und erbat sich Kraft und Mut und Ausdauer zu dem Wege, der nun dunkel vor ihr lag.

Aber er hellte sich auf, dieser Weg, und es kamen auf eine gute Weile, wenn auch freilich nicht auf lange genug, jene glücklichen und gesegneten Tage, die der alte Müller für uns erbeten hatte. Mutter und Tochter wetteiferten alsbald und halfen überall.[344] Es war ein frisches, fröhliches Arbeiten und ich konnte nach Haus und nach Kaiserswerth hin schreiben, »daß mir ein lieblich Los gefallen sei.« Wir hatten vorsorglich und ängstlich fast mit einer Kleinkinder- und Sonntagsschule begonnen, aber der Feuereifer beider Scharnhorstschen Damen konnte sich kein Genüge tun, und ehe noch viel Zeit ins Land gegangen war, war aus jenen ersten Anfängen auch schon ein Krankenhaus und bald danach auch ein Waisenhaus geworden.

Unter den vielen Gaben, die Johanna für ihren Beruf mitbrachte, war auch die des Erzählens. Sie wußte Geschichten aller Art mit einer ihr eigentümlichen, zu Herzen gehenden Einfachheit vorzutragen und dabei jeden Ton zu treffen, am glücklichsten vielleicht den humoristischen. Es war eine Lust, ihr zuzuhören, wenn sie Grimmsche Märchen oder Glaubrechts hübsche Geschichte von Küppels Michel erzählte.

Dieser heitre Zug, in den sich selbst ein Anflug von Ironie mischen konnte, sprach sich auch sonst noch in ihrem Wesen aus. Einmal hatt' ich Urlaub in meine westfälische Heimat genommen, schrieb von dort her und erhielt alsbald einige Zeilen, in denen es hieß: »Es freut mich, daß Sie so treulich an unser kleines und einsames Siethen denken, von dem ich Sie nur noch bitte, den lieben Ihrigen kein allzu sibirisches Bild entwerfen zu wollen.« Sie kannte die komisch-falschen Vorstellungen, die man wenigstens damals noch in Süd- und Westdeutschland von der Mark Brandenburg unterhielt, und widerstand dem Anreize nicht, diese Vorstellungen zu persiflieren.

Ja, sie hatte diesen humoristischen Zug, aber streuete doch nur ein weniges von Frohsinn und Heiterkeit über ihr Leben aus, und was sie, wenn wir über Feld gingen, am liebsten sah: ein weißes Mohnfeld mit ein paar roten Mohnblumen dazwischen – das war recht eigentlich sie selbst. Der Grundton ihrer Seele war elegisch und blieb es auch in ihrer glücklichsten Zeit.

In dieser standen wir jetzt, in jenen Wochen und Monaten, die der Gründung der Anstalt unmittelbar folgten, und wie jegliches um uns her gedieh, so gedieh auch Fräulein Johanna selbst. Es erschien uns oft, als ob ihr unter immer neuer Arbeit auch neue Kräfte kämen. Sie sah frisch aus, frischer als sonst, und als nach einjähriger Tätigkeit ihr Geburtstag unter Teilnahme vieler lieber Gäste gefeiert wurde, flüsterte mir eine Nachbarin zu: »Wie blühend Johanna aussieht«. Und es war so. Freilich täuschten diese blühenden Farben und bargen recht eigentlich die Gefahr, aber noch waren wir ahnungslos und der[345] Tag selbst verlief uns in ungestörter Freude. Die Kinder sangen ihre Lieder und weil Johanna selber nicht singen konnte, sagte sie scherzend: »Ich könnte böse sein, keine Stimme zu haben.« »Ach, du willst zuviel«, antwortete ihr ihr ehemaliger Lehrer und Erzieher in liebevollem Vorwurfe. »Man muß auch nicht alles haben wollen.« So vergingen die Stunden in schöner und gehobener Heiterkeit, was ihr aber im Laufe des Tages die größte Freude gemacht hatte, das waren ein paar Spätrosen gewesen, die man ihr, für den Geburtstagstisch, von den schon überschneiten Stämmen geschnitten hatte. Denn es war der 16. November.

Und der Winter verging und der Frühling kam. Und als der Sommer da war, da war sie matt, so matt, daß sie, was sie sonst nicht kannte, zu klagen begann. Auch von ihrem Tode sprach sie häufiger und bestimmte, welches Lied an ihrem Grabe gesungen werden solle. So ging es durch Wochen und durch Monate hin. Aber freilich auch hoffnungsreichere Stunden kamen wieder und als im Juli die Tante Schlabrendorf in Gröben auf ärztlichen Rat ins Wildbad reiste, gehorchte Johanna gern dem Wunsche der alten Gräfin und schloß sich ihr als Begleiterin an.

Anfangs erhielten wir nur gute Nachrichten, sehr gute sogar, und mit einer großen und beinah kindlichen Freudigkeit sprachen ihre Briefe von ihren Erlebnissen, auch von den Auszeichnungen und Ermutigungen, die man ihr hatte zuteil werden lassen. »Und so sehen Sie denn, wie viel Liebes mir begegnet ist.« »Aber«, so hieß es eine Woche später, »es sind auch schwere Tage für mich angebrochen; ich habe sehen müssen, wie leicht es ist, mich aus der Sammlung heraus und in die Zerstreuung hinein zu bringen, und wie lieb ich noch die Welt habe. Die dunklen Tiefen unseres Herzens können uns ordentlich erschrecken, und ist kein anderer Trost als der einzig eine, daß Er, der diese Dunkeltiefen in aller Deutlichkeit erkennt, auch so viel Geduld und Liebe hat.« Und daran reihten sich dann Worte der Sehnsucht nach Siethen und dem ihr lieb gewordenen Wirkungskreise.

Das war Anfang September. Aber schon am 6. hörten wir allerlei Beunruhigendes über ihr Befinden, und am 9. eilte Frau von Scharnhorst an das Krankenbett ihrer Tochter. Sie fand sie besser, als zu hoffen gewesen war, und ich empfing gleich danach einen Brief, der dies bestätigte: »Johanna ist noch recht schwach, aber alles Fiebers unerachtet ruhig. Meine Pflege besteht eigentlich in nichts andrem, als sie vor allem Störenden zu hüten. Ich sitze neben ihr und wehre die Fliegen und richte dann[346] und wann ein beruhigendes Wort an sie. Bitten Sie Gott, daß er uns gnädig ist und seinen Willen tut nach seinem Rat und nicht nach unserem verkehrten Denken.«

Und dieser Rat und Wille war, daß sie von uns genommen werden sollte. Wenige Tage, nachdem dieser Brief geschrieben, stellten sich heftige Fieberphantasien ein, in denen die Kranke wunderbare Gesichte hatte; sie sah Gott und Christum und sprach mit ihnen, und nach einer dieser Erscheinungen sagte sie fest und freudig: »Und wenn du gefragt wirst, ob die Herrlichkeit des Herrn wirklich so groß sei, dann sage getrost und getreulich: ja.«

Wir aber waren daheim mit unseren Gedanken unausgesetzt um sie, geteilt zwischen Furcht und Hoffnung. Und auch am 13. Oktober abends versammelten wir uns alt und jung wieder in der erleuchteten Kirche zu Siethen und beteten unter vielen Tränen um Erhaltung ihres teuren Lebens. Aber um eben diese Stunde ging ihre Seele in die ewige Heimat ein.

Ihre Hülle wurde nach Siethen übergeführt und im Beisein vieler Hunderte von nah und fern begraben. Auch das alte Fräulein von Görtzke kam von Groß-Beuthen her herüber und sagte bewegt: »Es war doch ein reich gesegneter Tag, an dem sie auf diese Erde kam.«


*


Alles, was der Mutter noch an Lebensfreude geblieben war, war nun dahin, und das einfache Haus, das seitens der Tochter vor wenig Jahren erst zum Troste Verwaister gegründet worden war, es war jetzt wie mitgegründet für sie. Denn sie war auch verwaist, eine verwaiste Mutter, und der Tochter zu folgen der einzige Wunsch noch, der ihr Herz erfüllte. Sie sehnte sich nach Wiedervereinigung mit ihr und als der Todesjahrestag gefeiert werden sollte, sagte sie: »Mir ist, als ob wir heut ihren Geburtstag feierten. Ich fühle mich fremd und allein hier und möchte sie doch nicht wiedersehn auf dieser armen Erde.«

Von Aufgaben war ihr nur noch eine geblieben: Ausführung alles dessen, was der Tochter einst ein Wunsch gewesen. Und sie begann damit. Aber eh' ein Jahr um war, unterbrach ein neuer Todesfall das eben erst Begonnene: die verwitwete Gräfin Schlabrendorf starb und hinterließ ihr, der Schwägerin, das Gröbener Erbe. Dies hätte nun unter Umständen eine Freude sein können,[347] aber es entsprach wenig den Frau von Scharnhorstschen Ansprüchen und Neigungen, und von dem Augenblick an fast, wo sie das Erbe hatte, beschäftigte sie der Wunsch, es wieder los zu sein. Sie fühlte sich durch dasselbe nicht gefördert und gehoben, sondern nur beengt und gebunden in dem, was ihr einzig und allein noch in der Seele lag, und so kam sie zu dem Entschlusse, beide Güter zu verkaufen. Aber an wen? »Nur an einen Wohlhabenden«, so schrieb sie, »der meinen braven Leuten, wenn sie des Beistandes bedürftig sind, diesen Beistand auch leisten kann und leisten will – nur an einen wohlhabenden Mann von ehrenwerter und frommer Gesinnung will ich die Güter verkaufen, ohne Rücksicht auf einen höheren oder geringeren Preis.« Einen solchen Käufer glaubte sie schließlich in Herrn von Jagow-Rühstaedt, Erbjägermeister der Kurmark Brandenburg, gefunden zu haben, der denn auch, nach längeren Unterhandlungen, die beiden Güter für die Summe von 120000 Talern an sich brachte. Sie selbst erhob nur noch den Anspruch: in Gröben das Herrenhaus beziehen und es auf Lebenszeit als ihren Witwensitz ansehen zu dürfen. Diese Bedingung wurde gern erfüllt und im Frühjahr 1860 erfolgte Frau von Scharnhorsts Übersiedelung aus dem Herrenhause zu Siethen in das zu Gröben. Es wurd' ihr sehr schwer, dieser Umzug und Ortswechsel, und ich finde darüber in einem mir vorliegenden Schwesternbriefe das Folgende. »Frau v. S. ließ mich rufen, und wir waren nun das letzte Mal in dem traulichen Siethner Herrenhause zusammen, in dem sie vierunddreißig Jahre lang in Segen gewirkt hatte. Sie war sehr ernst, las mit mir das zweiundvierzigste Hauptstück aus Thomas a Kempis Nachfolge Christi und rief dann ihre Leute herein, um sich von ihnen zu verabschieden. Alles weinte. Danach erhob sie sich, sah sich noch einmal in den alten Räumen um und ging endlich, meine Hand ergreifend, mit mir nach dem Asylhause hinüber. Da legte sie sich nieder und erst als sie wieder Fassung gewonnen hatte, fuhr sie nach Gröben, das nun, wider ihren Willen, ihr neues Heim geworden war.«

In diesem lebte sie noch sieben Jahre, all jenen Aufgaben hingegeben, die die schöne Hinterlassenschaft ihrer Tochter Johanna bildeten. An die Stelle des alten Fachwerkhauses in Siethen, das fünf Jahre und länger als Zufluchts- und Pflegestätte gedient hatte, trat ein massiver Neubau, der den Namen »Tabea-Haus« erhielt, auf dem Kirchhof ebendaselbst entstand eine Grabkapelle nebst einer daran anschließenden geräumigen Leichenhalle, vor allem aber wurd' ein Kapital angesammelt und deponiert,[348] aus dem, nach Ablauf einer bestimmten Frist, ein Pfarrhaus und eine selbständige Siethner Pfarre gegründet werden sollte. Die Durchführung aller dieser Pläne bot ihr das, was ihr ein immer einsamer werdendes Leben überhaupt noch bieten konnte: den Trost und die Freude der Arbeit. Ebenso wuchs ihre Liebe zu den Kindern, deren Heiterkeit sie suchte wie der Fröstelnde die Sonne sucht.

Endlich aber war die Stunde da, nach der sie sich seit lange gesehnt. »Als ich von Siethen herüberkam und ihre Hand faßte, kannte sie mich nicht mehr; sie war ohne Bewußtsein. Der Geistliche las ihr, wie sie's in gesunden Tagen eigens gewollt hatte, Bibelsprüche vor, von denen sie den schönen Glauben unterhielt, daß dieselben auch ihren umnachteten Geist durchdringen, ihr Herz erbeben und Trost und Heil ihr spenden müßten. Und unter diesen schönsten und schlichtesten Litaneien schlief sie hinüber.«


»An geistiger Bedeutung«, so darf ich brieflichen Mitteilungen entnehmen, »stand Frau von Scharnhorst der Gräfin Leo Schlabrendorf nach, aber sie war dieser an Gemüt und Zartheit überlegen. Und dieser Zartheit unerachtet auch an Originalität. Es war dies der Schlabrendorfsche Zug in ihr, etwas Geniales, Sprunghaftes und Blitzendes, das, so gemildert es auftrat, doch gelegentlich an den exzentrischen Vater erinnerte.

Ihrer Liebenswürdigkeit vermochte nicht leicht wer zu widerstehen, und Personen gegenüber, zu denen sie sich hingezogen fühlte, bezeigte sie sich von einer Anmut, von der schwer zu sagen war, ob sie mehr aus ihrer Gefühls- oder ihrer Denkart entsproß. Sie hatte den ganzen Zauber der Wahrhaftigkeit und einer christlich edlen Gesinnung.

Am ausgesprochensten aber erwies sich ihr Wesen in ihrer Pflichterfüllung und Hingebung, die vielfach den Charakter absoluter Selbstverleugnung an sich trug. Es war ihr Bedürfnis, ihr eigenes Glück dem andrer zum Opfer zu bringen. Vielleicht (wenn dies je möglich ist) ging sie hierin um einen Schritt zu weit.«

Ein anderer Zug ihres Charakters war ihre Gleichgültigkeit gegen irdischen Besitz, ja fast ihre Verachtung desselben, und noch ihre letzten Lebensjahre gaben einen glänzenden Beweis davon. In derselben Stunde fast, in der seitens des Herrn von Jagow die Kaufsumme für Gröben und Siethen an sie gezahlt worden war, erschien ein Anverwandter von ihr, um ihr seine[349] Verlegenheiten zu schildern. Verlegenheiten, die nicht klein waren und ungefähr wenigstens an die Höhe der eben empfangenen großen Summe heranreichten. Einen Augenblick zögerte sie, weil die Plötzlichkeit und Berechnetheit des Überfalls ihr eine nur zu begreifliche Mißstimmung bereitete, dann aber holte sie mit nervöser Hast alle die kaum erst in ihren Taschen untergebrachten Päckchen aus eben diesen Taschen wieder hervor und schob sie hastig und stoßweise dem fast ebenso verdutzt wie glückselig und verhimmelnd Dastehenden zu, der aus jeder dieser Bewegungen entnehmen mußte, daß sie das Geld aber freilich auch den Empfänger so bald wie möglich los zu sein wünsche.

Hieran knüpf' ich noch, was ich den Aufzeichnungen einer schon an anderer Stelle zitierten Kaiserswerther Schwester entnehmen konnte: »Mit Frau von Scharnhorst zu verkehren oder sie zu kennen, ohne sie zu lieben, wäre für jeden Menschen unmöglich gewesen. Wenn eins unserer Kinder erkrankte, bestand sie darauf, die Nachtwachen mit uns zu teilen. Ein andermal, als Fräulein Johanna noch spät am Abend nach einem eine Stunde Wegs entfernten Dorfe gerufen wurde, wollte sie die Tochter bei so später Stunde den einsamen Weg nicht machen lassen, und als diese hinwiederum nicht abließ, auf die Hilfe hinzuweisen, die zu bringen ihre Pflicht sei, ging die Mutter selbst, aller Tagesmüdigkeit unerachtet.

Unter dem vielen, was ihr oblag, war auch das Ökonomische, die gesamte Wirtschaftsführung, und es zählte mitunter zu den allerschwierigsten Aufgaben, alle Kranken und sonstigen Hausinsassen aus ihrer, der Frau von Scharnhorst Küche, mit zu versorgen. Als ich dann später selbst das Wirtschaftliche lernte, schien es mir mitunter, als verführe sie zu peinlich und akkurat und mache mir die Lehrzeit schwerer als nötig. Aber später hab ich einsehen gelernt, wie dankbar ich ihr gerade für diese strenge Schule zu sein hatte.

Schön war auch das an ihr, daß sie durch Enttäuschungen und Fälle von Vertrauensbruch – immer vorausgesetzt, daß es ein Sachliches war und nicht allerunmittelbarst ihre Person traf – in ihrem Allgemeinvertrauen nicht erschüttert wurde. Sie beklagte dann wohl das einzelne Vorkommnis, ließ es aber keinen Einfluß auf ihre nur auf Trost und Hilfe gerichteten Entschlüsse gewinnen.«

Selbstverständlich mischten sich auch menschliche Schwächen in ihr Tun, und das Nachstehende, das mir von anderer Seite[350] her zugeht und ihrem Bildnis ein paar Schattentöne gibt, wird dasselbe nur um so sprechender und anziehender machen.

»Unzweifelhaft, Frau von S. war eine durchaus vornehme Natur und ausgerüstet mit allen Tugenden eines edlen und großmütigen Herzens. Aber eines fehlte ihr: die rechte Freudigkeit der Seele, was ich doch mehr als einmal als einen wirklichen Mangel empfunden habe. Sie stand nicht nur in der Melancholie, nein, sie pflegte sie direkt, und das alte Fräulein von Görtzke traf es durchaus, als sie mal in ihrer humoristisch-treuherzigen Weise sagte: ›Frau Johanna fühlt sich nur wohl, wenn sie neben ihrer alltäglichen Sorge noch ein ganz besonderes Unglück in der Tasche hat.‹ In der Tat, es war ihr von Jugendtagen an viel auferlegt worden, indessen doch nicht so viel, daß nicht ein glücklicheres Naturell es hätte bemeistern können. Sie wollt' es aber nicht und suchte nur umgekehrt nach allem Bittren des Daseins, das für sie längst das Süße geworden war. In ihrem feinen Nervenleben auf jedes Kleinste reagierend, leicht empfindlich und verletzt und als echte Schlabrendorf auch Stimmungen und selbst Launen unterworfen, gelang es ihr nicht, zu jenem schönen Frieden der Seele durchzudringen, nach dem sie sich beständig sehnte. Sie verzieh Kränkungen völlig, aber sie vergaß sie nicht, und so blieb ihr beständig ein Stachel im Gemüte, der sein Wesen dadurch nicht einbüßte, daß er sich zumeist und in erster Reihe gegen sie selber richtete. So wurde sie denn, alles Kämpfens und Strebens unerachtet, von Jahr zu Jahr immer bitterer, und viele kleine Züge legen Zeugnis davon ab. Einer, als besonders charakteristisch, mag hier seine Stelle finden. Es existierten zwei Bilder von ihr, die der Düsseldorfer Professor Hildebrand in den Tagen seiner und ihrer Jugend gemalt hatte. Das eine dieser Bilder besaß sie selbst, das andere war eine Kopie, die sich ihr Bruder, Graf Leo, bei demselben Maler bestellt hatte. Auch dies zweite Bild kam in ihren Besitz, als sie nach dem Tod ihrer Schwägerin, der Gräfin Emilie von Schlabrendorf, die Gröbener Erbschaft angetreten. Aber davon ausgehend, daß ihr Andenken und Gedächtnis in keinem Herzen, ihre Siethener Gemeinde vielleicht ausgenommen, liebevoll fortleben werde, war es ihr widerwärtig, ihre Bilder in die Hände fremder und gleichgültiger Menschen übergehen zu sehen. Und so ließ sie denn im Sommer 66, in demselben Sommer, der ihrem Tode vorausging, beide Bilder wohlverpackt in eine Gondel bringen, stieg selbst hinein, fuhr mitten auf den Gröbener See hinauf und versenkte sie daselbst. Mit den Bildern[351] zugleich allerhand Briefschaften und Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit.«

Auf dem Siethener Kirchhofe ruht sie neben der ihr voraufgegangenen Tochter, und die Schöpfungen beider umstehen ihr Grab. An den Schluß ihrer Lebensschilderung aber stell' ich folgende Worte: »Zu dem seltenen Glück einer harmonischen Übereinstimmung in Lebensauffassung, häuslichem Verkehr und Freundesumgang gesellte sich hier als seltenste der Gnaden eine jeden Tag neu gesegnete Tätigkeit, eine Wirkungssphäre, wie sie sich einer stillen und hingebenden Liebe zwar nicht ohne Müh und Arbeit, aber doch ihrer ganzen Natur nach fast wie von selber erschloß.«

49

Einer dieser Söhne (der dritte) Gustav Graf Schlabrendorf, geboren 1750, preußischer Kammerherr und Stiftsherr zu Magdeburg, ist der durch seine Schriften, insonderheit auch durch seine Pariser Schicksale während der Revolutionszeit berühmt gewordene Graf Schlabrendorf. Er war ein Anhänger der Girondisten, weshalb er sich, in den Schreckenstagen, auf Antrag Robespierres eingekerkert sah. An dem Tage, wo der Karren vorfuhr, um ihn und andere Verurteilte zum Schafott abzuholen, fehlten ihm seine Stiefel, worauf hin er erklärte: »man könne doch am Ende verlangen in Stiefeln guillotiniert zu werden.« Es hatte das seine Wirkung, und der Scherge, der infolge dieser Bemerkung in eine gute Laune gekommen war, antwortete: »eh bien; demain matin«. Am andern Morgen aber, wo des Grafen Name nicht mehr auf der Liste stand, wurd' er vergessen und bald danach, nach dem inzwischen erfolgten Sturze Robespierres, in Freiheit gesetzt. Unter Napoleon, obwohl dieser von Schlabrendorfs scharfer Kritik über ihn hörte, blieb er als »Sonderling« unangefochten. Er war Philosoph und Philanthrop und verwendete seine nicht unbedeutenden Einkünfte zu wohltätigen Zwecken, besonders für seine Landsleute. Nach den Befreiungskriegen (er blieb immer in Paris) empfing er das Eiserne Kreuz. Er starb daselbst am 22. August 1824. In Gröben befand sich ein Porträt von ihm, Kniestück, das um seiner storren Frisur und seiner Glotzaugen willen das Entsetzen aller Kinder war, die des Bildes daselbst ansichtig wurden. Es kam später fort und befindet sich jetzt auf dem Kalkreuthschen bei Landsberg a. W. gelegenen Schloß Hohenwalde.

50

Es gab damals zwei Generäle von Ryssel in der preußischen Armee, beide katholischer Konfession und beide Divisionäre, von denen der eine zuletzt in Neisse, der andre (der im Text erwähnte) in Trier stand. Beide waren früher in sächsischen Diensten gewesen und einer derselben hatte noch bei Groß-Beeren eine sächsische Brigade gegen uns kommandiert. Der Triersche nahm Anfang der zwanziger Jahre seinen Abschied und starb in Giebichenstein bei Halle. Der Berliner Witz gefiel sich übrigens damals, unter Ausnutzung des Namens »Ryssel«, in folgendem etwas gewagtem Wortspiele: »Welcher Unterschied ist zwischen einem Elefanten und Friedrich Wilhelm III.?« »Der Elefant hat einen Ryssel und Friedrich Wilhelm hat zwei.«

Quelle:
Theodor Fontane: Sämtliche Werke. Bd. 1–25, Band 12, München 1959–1975, S. 327-352.
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