LXXXIX.


Der Kielkropff / oder Wechselbalg.

[937] Am Mancherley / ist der Satan dem heiligen Ehestande feind: Erstlich weil GOtt denselben eingesetzt: Zum Andren; weil die Geburt deß Messiœ dadurch befordert worden / und desselben hochgelobte Mutter / die Jungfrau Maria / hiedurch aus dem Stamm Davids / entsprossen: Drittens; weil der eheliche Heiraht-Stand ein Vorbewahrungs-Mittel / wider Unzucht / und Hurerey. Denn ob schon die ledige Keuschheit eine noch edlere / und desto höhere / als seltenere /Gabe ist / weder die eheliche: so dienet diese doch gleichwol denen / welche mit jener nicht begabt sind /zur Artzeney / wider die Unkeuschheit / wie auch zur Beyhülffe / und Uberwindung vieler Mühen. Vierdtens; weil das menschliche Geschlecht / durch diesen Stand / vermehrt / und fortgepflantzt wird: da hingegen der Teufel / als der Urheber deß Todes / und abgesagter Menschen-Feind / sehr ungern sihet / daß eine vernünfftige Kreatur ins Leben / und auf die Welt / kommt / zumal in der Christenheit. Fünfftens; weil GOtt / aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / ein Lob zugerichtet / zu verderben den Feind /und den Rachgierigen / und weil die lallende Gebetlein der / aus einem gesegneten Ehebette entspriessenden / Oel-Pflantzen / der jungen Kinder / meyne ich /in einem gottsfürchtigen Hause /[938] ja! in der gantzen Christenheit / dem Satan / zu lauter Donnerschlägen gerathen; als / durch welche / seine böse Tücke und Anschläge / am meisten zerschlagen werden.

Die Feindschafft lässt er derhalben / gleichwie / auf vielerley andre Weise / also insonderheit wider die Kindbetterinnen / mehrmalen würcklich blicken / und schiesst / noch auf diesen Tag / auf solche Art / dieser Drach / nach dem Weibe / einen Strom der Anfechtung / um / wo möglich / ein neugebornes Knäb- oder Mägdlein / zu verschlingen. Er strebt / den Säuglingen Schaden zu thun / bevor sie erstarcken; besorgend / es dörfften etliche darunter seyn / die heut oder morgen seinem Reich grossen Abbruch thun mögten. Diesem nach fichtet er die Sechswöcherinnen nicht allein offtmals / mit Schwermut / und Schrecken / an; sondern raubt ihnen auch manches Mal das neugeborne Kindlein von der Seiten hinweg; und legt ihnen ein andres an die Stelle: welches man insgemein einen Wechselbalg / anderswo aber einen Kielkropff nennet; weil es / in ihrem Kropffe stets kielet. Und solchen Raub begeht er gemeinlich / durch seine Sclaven / die Zauberer / oder Zauberinnen: welche er unsichtbar macht; damit sie ungesehn / durch die Gemächer /hinein kommen. Wiewol sie bißweilen auch wol den Kindbetterinnen ins Gesicht kommen / ihnen allerley Plage und Quaal anthun: zumal denen / die nicht recht / durch ein gläubiges Gebet / unter dem Schirm und Schatten deß Allmächtigen / sich wohnhafft machen. Es seynd auch wol die Gottsfürchtige Matronen / von seinen Anfechtungen /[939] nicht frey; widerstehen ihm aber fest / im Glauben / und zwingen ihn / daß er endlich muß von ihnen fliehen / und nur den Spott zur Beute haben.

Daher dann solche Mütter hochbenöthigt werden /bey ihrer Kindbetts-Zeit / von wachen und beten eine feurige Maur um sich her aufzurichten / und wider den Ansatz deß Widersachers / mit dem Lager der heiligen Engel / sich zu umringen: auf daß sie / bey solcher Gefährung und Anfechtung / überwinden /und den Sieg erhalten.

Sigismundus Scherertzius meldet / in seinem Tractätlein von Gespenstern / es sey einer Sechswöcherinn diese Abentheuer begegnet: In der Stuben / da sie ihr Kindbette hielt / schlieff eine gar alte Frau / welche auch / kurtz hernach / ihres Alters / durch den Tod /entladen worden: Dieselbe ward / so wol mit innerlichen / im Gewissen / als mit äusserlichen Versuchungen / von den Gespenstern / jämmerlich geängstigt /also / daß dieser Scherertzius täglich sie / mit tröstlichem Zusprechen / aufrichten musste. Wann nun diese Witwe bißweilen / beydes an ihrem Leibe / und dem Gemüt / einen Anfall ausgestanden; pflag sie die ser / ihr beschwägerten Kindbetterinn / als ihrer Hauswirthinn / eine Warnung zu geben / sie sollte /um Mitternacht / ja nicht schlaffen / sondern fleissig wachen; weil Etwas kommen / und ihr Kind wegraffen würde.

Nach etlichen Tagen / ist ein Gespenst / auf diese Kindsmutter / wie eine schwere Last / gefallen / hat sich / hin und wieder / über ihr gewältzt;[940] hette auch das Kind weggerissen / wenn es die Mutter nicht / mit beyden Armen / umfasst / und fest gehalten. Hierauf hat sie sich nachmals sehr übel befunden / und an dem Ober-Leibe eine schwere Kranckheit erlitten: die gleichwol GOtt endlich gelindert.

Ob schon aber der Satan viel Händel ihnen macht /und hinterlistig nachstellt / hält dennoch GOTT seine Hand über ihnen / und stellet ihnen hingegen / wann sie Ihn ernstlich anruffen / seine Engel zu Hütern. Massen dann / wie derselbige Scherertzius beygefügt / etliche Kindhaberinnen ausgesagt / daß ihnen / bey währender Sechs-Wöchnerey / alle Nächte / etwas erschienen / in Gestalt bald eines holdseligen Knabens /bald eines leutseligen Altens / welches sich ohn einigen Schrecken anschauen liessen.

Mehrbesagter Scherertzius spricht / es seyen ihm selbsten dergleichen gewisse Exempel bekandt: daraus er / um vieler Ursachen willen / schliesse / daß es vielleicht gute Engel seyn müssen / so den Kinds- Müttern Schutz halten.

Unterdessen hat man doch auch Exempel / daß bißweilen der böse Geist seinen Tuck / auf GOttes Verhengniß / würcklich ausgeführt / (weil nemlich die Mütter sich / mit dem Gebet / nicht gnugsam geharnischt) und alsdann ein falsches Kind / der Mutter /an stat ihres weggeraubten Säuglings / an die Stelle gelegt worden. Daß solches sich nicht selten zutrage /bezeugt die Erfahrung: und habe ich / allererst vorm Jahr / dessen ein gewisses Exempel vernommen /nemlich daß einer[941] Soldaten-Frauen ihr Kind hinweg-hingegen ein andres / welches unersättlich gesogen /und immerzu geschrien / an deß vorigen Stat gekommen.

Ausser dem / ist auch kaum eine Frau zu finden /die nicht zu erzehlen wisse / wie sehr der Satan manchen Sechswöchnerinnen zusetze. Denn dieser ist der Dieb / der die arme Kindlein / so etwan / von ihren Müttern / nicht fleissig eingesegnet / noch mit einem christlichem Schutz-Gebet / vor dem nächtlichen Einschlaff / verwahrt worden / hinweg stielt / und zwar mehrmalen / durch die Unholden; hingegen der Mutter ein andres Kind in den Platz legt / welches man einen Wechselbalg / oder Freßbutte (angemerckt / solcher Wechselbalg unerhört zu fressen pflegt) oder einen Kielkropff nennet; weil es / mit seinem Rachen / kirret und röchelt.

Da wüsste nun Mancher wol gern / ob solche Kielkröpffe für rechte Menschen / oder für verlarvte Teufel / anzusehen; und ob sie ein rechter Körper / oder nur eine blosse Larve und Gespenst / wären? Imfall sie aber ein wahrer Körper / woraus derselbe wol mögte erzeugt seyn?

Es ist kaum zu zweifeln / daß wo nicht eben allemal (denn man weiß / daß ein solches Wechsel-Kind bißweilen auch wol verschwunden sey) doch gleichwol gemeinlich der Kielkropff einen recht-körperlichen Leib habe: angemerckt / Manche derselben allgemählich erkranckt / ausgedorrt / und gestorben sind: dazu man / deß Exempels halben / sich nicht weit umsehen / noch in die Ferne gehn[942] dörffte. Dannenhero nicht zu leugnen / daß sie insgemein eine materialische Substantz haben. Woher aber? das bleibt doch noch die unbeantwortete Frage.

Es vermuten etliche behutsame und nachsinnige Theologi, der Satan verstelle die gestohlene Kinder nur mit einer häßlichen Gestalt (gestaltsam sie insgemein von Leibe hager und kurtz / aber einen grossen dicken Kopff haben) und gebe ihnen ihr recht-natürliches Kind wieder; aber darum so verstellt / daß sie es hassen sollen / und bewegt werden / ins Wasser zu werffen / oder zu verbrennen; und also / an ihrem eignem Fleisch / einen Mord zu begehen.

Nun dörffte es vielleicht bißweilen / aber gewißlich wunderselten / also damit ergehen. Denn das Widrige / nemlich / daß es ihr recht-natürliches Kind nicht sey / steht leicht dabey abzuehmen: Weil er / auf ein eyfriges Gebet / offt gedrungen wird / das rechte Kind wieder herbey zu schaffen / nachdem man ihm das falsche / auf die Misten hinaus / geworffen / oder von ihm selbsten hingegen wiederum weggeholet worden. Allermassen ein gewisser geistlicher Scribent deßwegen / weil er solche Kielkröpffe für Teufels-Bruten / oder vielmehr für verstellete Teufel gehalten / sich vernehmen lässt / er habe / als (wo mir recht) zu Dessau ein solcher Wechselbalg der Kindbetterinn hingelegt worden / gerahten / man sollte denselben in die Elbe werffen / und ersäuffen; aber der Churfürst / und seine Rähte nicht drein gewilligt. Daraus ich schliesse / es müssen etwan Etliche / unter den Churfürstlichen Conscientz-Rähten oder [943] Theologis, auch im Zweifel gestanden seyn / ob der Teufel nicht etwan die Aeltern nur also verblende / daß sie ihr leibliches Kind / für ein unnatürliches / ansähen? Welche Sorgfalt denn nicht allerdings zu verwerffen. Unterdessen fällt doch vermutlich / der Wechselbalg sey selten ein natürlichs Kind. Wiewol ich doch auch nicht kecklich darff sagen / er sey ein blosses Gespenst / oder nichts anders / als der Teufel; sondern lieber es / für einen solchen Leib / halte / den der Satan zuwegen gebracht /und daselbst hinein gefahren.

Aber woraus sollte er denselben wol zusammen richten? Darüber fallen mir unterschiedliche Gedancken ein. Der Satan / sprechen Etliche / kann gar leicht dasjenige / was etwan ein gottloser Mensch /ein Weichling nemlich / aus verdammter und sodomitischer Geylheit und Lust-Seuche / ausserhalb fleischlicher Vermischung / oder ehelicher Beywohnung /von sich gelassen / nach Einer von seinen leichtfertigen Vetteln / behände / und aufs allerschnellste /übertragen / und zu dem Ort der Empfängniß hinein parthiren; davon nachmals vielleicht / auf GOttes Verhengniß / ein solcher Wechselbalg geboren werde; Welcher doch darum mit nichten ein Mensch; sondern woferrn er etwan in ihm selbsten ein rechtes Leben habe / nichts anders / als ein Thier / oder etwas / so demselben ähnlich / sey. Andre sprechen / es werde bloß allein / aus dem weiblichen S. und Monats-Geblüt / etwas Solches geboren / welches der Satan / an stat einer Seelen / belebe / bewege / und dadurch rede. Ich will nicht dafür geloben / daß solches nicht bißweilen geschähe;[944] doch gleichwol eben so wenig dafür / daß nicht offtmals der Teufel einen solchen Körper nur / aus einem Aas / oder Schind-Leichen / künstlich zusammen füge / und drein fahre. Denn am allerseltesten wird es das rechte natürliche / aber nur vom Teufel unkenntlich-gemachte / Kind seyn. Hievon soll unten ein Mehrers gedacht werden.

Jedoch begehre ich nicht zu leugnen / daß bißweilen eine solche blosse Verblendung / vom bösen Geist / gespielet werde: und mag seyn / daß man dasjenige Mensch / welches man / unweit von diesem Ort / gehabt / biß es im viertzigsten Jahr seines Alters / allererst gestorben / unrecht für einen Wechselbalg geachtet: zumal weil die Eltern es übel aufgenommen / so man sich solcher Meynung hat drüber vernehmen lassen: ohnangesehn / manche Zeichen / oder Vermutungen eines Wechsel-Kindes / an ihm / hervor geblickt. Etliche setzen dieses / zum gewissen Zeichen eines Wechselbalgs / wann es einen unförmlich-grossen und dicken Kopff hat: und schliessen / daß es die Eltern alsdenn verlassen sollen; wie jämmerlich auch der Teufel sich stelle / härme und kerme / weine und schreye: Unterdessen solle man beten / GOtt wolle die Macht deß Satans brechen / und ihm gebieten / die rechte Geburt wieder herbey zu liefern (Massen solches auch vielmals geschicht.) Woferrn aber die Mutter das Wechsel-Kind einmal angerührt / müsse sie es behalten. Aber wer versichert / daß der unförmlich-dicke Kopff ein unfehlbares Zeichen eines Wechselbalges sey? Es kann die Mutter sich leicht woran versehn / und damit ihrem leiblichem[945] Kinde einen dicken unförmlichen Kopff / oder andre abentheurliche Gestalt / angepflantzt / und angemählert haben.

Dagegen steht einzuwenden: man rede hier nicht durchgehends / von neu-gebornen Kindern; deren freylich manche wol etwas mißgestaltet zur Welt kommen; sondern / von solchen / die / nachdem das geborne hinweg gekommen / hernach an deß weggenommenen Stäte / sich einfinden. Aber wer kann wissen / daß der Satan solches weggeraubte hernach nicht wunderlich verabentheuren / verderben / und verlarven könne? Allein ich bekenne nochmals / wie vorhin / daß solches nur selten vielleicht geschehe / und sich schwerlich der Unterscheid / in die Länge / gäntzlich verhalten oder bergen solte. Denn die Wechselbälge haben nicht allein übel-proportionirte Köpffe / und fressen überaus gierig; welches auch wol sonst eine Mißgeburt thun könnte: sondern bleiben gemeinlich auch stumm; greinen stets / und werden niemals / oder allein / wann Schade geschicht / lachen. Wann nun diß letzte sich / mit der Zeit / eräugnet / hafftet schier kein Zweifel mehr / daß es ein Wechselbald sey.

Man hat mir erzehlt / daß etliche solcher Wechsel-Kinder / nachdem sie zu mundbaren Jahren gelangt /doch nicht reden wollen; biß man ihnen das Fressen vorenthalten: da sie denn unversehen / den Löffel gefordert; sonst aber hernach weiter nichts geredt. Bey solcher Beschaffenheit / erstarcket die Vermutung eines Teufels-Balgs gar seht. Ich sage eine Vermutung / und doch noch keine Unfehlbarkeit. Denn man findet in den Geschichten /[946] daß manche Leute / die sonst ihre Lebtage vor dem nie geredt / bey einem gähen Nothfall / zu reden angefangen. Das allerunbetrieglichste Zeichen einer Wechsel-Brut ist dieses: wann der Teufel wieder abholt / was er hingelegt.

Und giebt es bißweilen solche Wechselbälge / die man nicht wol anders / als für wahre Teufels-Bruten /für rechte Teufel / meyne ich / schätzen kann: er mögen nun gleich solche Teufel / aus einem Aas /einen Körper erkünstlen / und drein fahren / oder sonst den Leuten die Augen verblenden / daß sie einen Leib zu sehen / sich einbilden / da nichts anders / als ein Teuflischer Augen-Betrug vielleicht ist.

Ein solcher verstellter Teufel muß der Knabe gewest seyn / welchen / wie Del-rio erzehlt / zu seiner Zeit / ein Bettler / in Spannien / durch Galerien / und Asturien / mit höchstem Beschwer / und ermüdung /auff den Schultern herum getragen. Als einsmals ein Ordens-Mann / diesen wunderschweren Buben unterwegs an einem seichten Fluß angetroffen / und aus Mitleiden hinter sich auff sein Pferd genommen; hat das / ob gleich sehr starcke / Boß denselben / mit äusserster Mühe und Krafft / zum durch das Fließ-Wasser / hinüber tragen könten / ans jenseitige Ufer. Bald hernach hat man den Bettler ergriffen / und derselbe bekannt / diese wäre kein rechter Knabe / sondern der Teufel gewest: welcher ihm versprochen hette / er wollte alle Leute bewegen / ihm Almosen zu geben /so lange er ihn also / in Gestalt eines krancken Knabens / heren tragen würde.1[947]

Unterdessen lässt sich hierinn kein gewisser Schluß so leicht machen / ob die Eltern ein solches Kind /welches / an Stat ihres verlornen / ihnen hingelegt worden / und dem geraubten nicht gleich siehet / zu behalten verpflichtet seyen / oder nicht. Die blosse Anrührung der Mutter dunckt mich zu wenig / daß sie die Mutter / zur Behaltung deß Wechsel-Balgs / soll verbinden / oder auch die Nicht-Anrührung davon entbinden. Es ist bekandt / daß Etliche den Wechselbalg gleich auff den Misthauffen geworffen / und bald hernach ihr rechtes Kind wieder bekommen. Ob aber einer jedweden Mutter solches von der Obrigkeit /würde gut gesprochen werden / steht dahin: weil die Umstände dabey offt sehr veränderlich fallen. Darum das Sicherste ist / bey solchem Vorfall / verständige Theologos, nechst Göttlicher Anruffung / um Raht zu begrüssen.

Lerchheimerus erstattet hierüber / beym Dedekinno folgendes Bedencken:

Nimmer mögen aus solchem geist- und leiblichem Beyschlaffe / Kinder erzeugt werden: ob wol Etliche meynen / es werden Wechsel-Bälge daraus. Wann die Hexen von sich ausgeben / daß sie solche Kinder geboren haben; so glaube mans nicht: Sie haben sie Andren gestohlen: oder / es seynd nicht rechte Kinder; sondern verschwinden endlich.

Denn daß Etliche meynen / und schreiben / der Satan erwische etwas von dem vergossenen S. (oder männlichen Tinctur / wie ichs zu geben pflege) so er / in einem Augenblick / dem Weibe beybringe / und sie[948] schwängere; das kan nicht seyn: es müssen beyde männ- und weibliche (Tinctur) zur Stunde / ohne Mittel zusammen kommen: sonst verschwindt daraus der lebendige Athem; der drinnen ist / und werden die Tincturen untauglich zur Empfängniß und Geburt. Daß ich geschweige / es möge kein Ding / vom bösen Geist / in einem Augenblick also herzu gebracht werden / daß es nicht verderbe und zu scheitern gehe / in der Lufft / wanns gleich Eisen wäre. Denn ob gleich der Geist selbst für sich / in einem Augenblick / von einem Ort zum andren fähret: muß er doch Weile dazu haben / wann er etwas führet.

Es beziehet sich dieser Lerchheimerus ferner / auf etliche hochverständige Männer / welche in ihren Schrifften / solche Teufels-Buhlschafften / für lauter Träume / und Gespenster / oder auch für diejenige Kranckheit / halten / so man in Lateinisch Incubum, (zu Teutsch / die Nacht-Mar) nennet / und deßwegen die Römisch-catholische Hexen-brenner für betrogen halten. Er scheinet auch solchen Männern zum Beyfall geneigt / und fügt diesen Raht bey an / man solle solche Weiber / die dergleichen Buhlschafft bekennen / und zuvor keines Manns schuldig worden sind /durch die Heb-Ammen besehen lassen: so werde sichs befinden / woferrn der Geist keinen Körper hette angenommen / daß sie noch ihre unversehrte Keuschheit haben: auff daß man erfahre / was / in diesem Handel / wahr und recht / falsch und unrecht sey / und[949] desto weniger unschüldiger Leute getödtet werden.2

Nun hat man zwar Exempel / daß bißweilen nicht nur Römisch-catholische / sondern auch eben so wol Evangelische Richter / durch die Aussage der Unholden / verleitet worden / andre unschuldige Personen anzugreiffen: allein das giebt noch nicht satten Beweiß / daß darum diejenige Truden / welche eine Vermischung mit dem Satan bekennen / und dennoch / an ihrem Geschlechts-Zeichen unversehrt befunden werden / unschüldig / und unsträfflich / seyn solten. Sie seynd so wol solches Greuels schuldig / als diejenige /welchen das Schloß jungfräulicher Keuschheit würcklich auffgesprengt worden: weil ihre Bewilligung und gäntzliche Einbildung sich solcher verdammten Buhlschafft unterworffen / und damit nicht anders belustiget hat / als ob ihnen der Satan / durch einen angenommenen Körper / den Leib besudelt hette. Die Keuschheit bestehet mehr im Gemüt und Hertzen /weder am Leibe: und kan Manche / am Leibe / Jungfrau seyn / die von Gemüt eine Ertz-Hur. Weswegen die welche hierinn den Urtheilen manches Parlements in Franckreich nachgehen / die Alles / was die Hexen / von dergleichen Sachen / gerichtlich aussagen und bekennen / für pur lautere Einbildung / und dergleichen verhafftete Personen für unschüldig erkennen / ja schier gar keine Zauberey glauben wollen / sich / der Gerechtigkeit / und gemeiner Sicherheit / zu grossem Nachtheil / in grossen Irrthum verleiten lassen.[950]

Hiemit aber wird annoch gleichwol nicht zugelassen / daß der Satan sollte etwas gebären können: ob gleich Manche solches / durch unterschiedliche Einwürffe / zu behaupten / sich unterstehen. Denn es lehren Etliche ein solches Geschlecht von Geistern / daß einer Mittel-Natur sey / zwischen den himmlischen und irdischen Körpern; daher solche / vom Beyden /einen Antheil haben / und denselben Einem oder Andrem gemein machen / oder mittheilen können. Allein /wann sie vorher die Gewißheit dessen anders woher /als aus ihrem eigenem Gehirn / dargereicht; so wollen wir hernach weiter davon reden. Denn auff einen blossen Gedancken kann man nichts gründen.

Von Andren wird das Exempel der Kinder GOttes /so die Töchter der Menschen beschlaffen / eingeführt / woraus hernach die Riesen / und gewaltige Leute /geboren worden. Und daß / durch solche Kinder Gottes / keine Menschen / sondern böse Geister verstanden werden müssen / vermeynen sie / durch ein vermeyntes Fragment (oder hinterbliebenes Stück) der Bücher Enoch / zu beglauben: darinn solche Beschlaffung der Menschinnen / oder menschlichen Töchter /den bösen Engeln zugeeignet wird.

Ob / vor der Sündflut / Bücher geschrieben worden; wird / zuforderst unter den Gelehrten / gestritten. Hieran darff man gewißlich nicht zweifeln / daß die Menschen der ersten Welt haben lesen und schreiben können: sintemal solches nicht allein die Vernunfft giebt / sondern auch das einstimmige Geseugniß fast aller Griechischen / Lateinischen / Hebræischen /Chaldæischen / Arabischen / Samaritanischen /[951] Aethiopischen / und Aegyptischen Scribenten bewehret. Suidas macht den Adam selbsten / zum Ersten Erfinder der Buchstaben: welches auch alle Rabbinen thun: denen die Schrifften der Syrer und Araber nicht widersprechen. Massen der gelehrte Jesuit Kircherus / in seinem Obelisco Pamphilio, deßfalls viel Authores anzeucht. Solche Wissenschafft ist / nach und nach von einem Ertz-Vater auff den andren / versetzt / biß auff den frommen Enoch: und hat sich / von Jahren zu Jahren / immer vergrössert.

Viel ein grösserer Zweifel aber fällt / über die Bücher Enoch / vor. Daß Enoch Bücher geschrieben /bemühet man sich / an einer Seiten / zu bescheinigen /aus der Epistel S. Judæ; darinn gemeldet wird / Enoch / der Siebende von Adam / habe geweissagt /der HErr komme / mit viel tausend Heiligen / Gericht zu halten über Alle etc. So gestehet auch Augustinus /3 gleichfalls solches gar deutlich. Origenes und Tertullianus ziehen gantze Bläter daraus an. Was aber selbige Bücher in sich begriffen / weiß man nicht eigentlich. Einige4 wollen / es sey darinn enthalten gewesen eine Prophecey / von dem zwiefachen Untergange der Welt; der ersten / im Wasser; der andren /im Feuer. Origenes5 und Tertullianus / gedencken / es seyen nicht allein Weissagungen darinn gestanden; sondern auch ein Bericht von[952] der Zahl / und von den Namen der Sternen / und derselben geheimen Kräfften; Imgleichen eine Beschreibung / wie die Kinder GOttes / zu den Kindern der Menschen / herunter gekommen; wie / aus der Buhlschafft mit den Engeln /die Riesen erzeuget worden; und wie GOtt / über die Gottlosen / am jüngsten Tage / werde Gericht halten.

Scaliger zeucht6 ein gewisses Stück / aus dem Buch Enoch / an / welches gleichfalls in der Griechischen Bibliotheck eines Klosters zu Messa / und sonst einiger andrer Orten / gezeiget wird. P. Kircherus hat selbiges Fragment / im Jahr 1637 in erwehntem Kloster gesehen / und aus dem Griechischen zu Latein versetzet: weil / vor ihm / wie er sich vernehmen lässt / keiner solches gedolmetschet. Ich will es allhie / in unserer Teutschen Sprache / erzehlen.

Das Stück aus dem Buch Enoch / von den Egregoræis oder bösen Engeln.

Als die Menschen-Kinder sich gemehret / und ihnen schöne wolgebildete Töchter geboren wurden; begab sichs / daß die Egregori, oder böse Engel / zu ihnen Lust gewannen. Einer verführte den Andren / und sprachen untereinander: Lasst uns Weibs-Bilder erwählen / aus den Töchtern /der Menschen auff Erden. Und Semixas, ihr Fürst / sagte zu ihnen: Ich besorge / ihr werdet diesen Handel nicht wagen wollen / sondern mich stecken lassen: da alsdenn die grosse Sünden-Schuld /auff mich allein /[953] kommen würde. Sie antworteten ihm aber alle sämtlich: Wir wollen Alle schweren / und uns eydlich untereinander verbinden / daß keiner vom Andren setzen noch lassen wolle / biß wir unseren Willen gäntzlich vollenbracht. Hierauff haben sie Alle einander geschworen. Ihrer waren aber zwantzig / die in den Tagen Jared /gestiegen auff die Höhe deß Berges Hermonim /welchen sie / von diesem verbindlichem Eyd-Schwur also genannt. Daselbst haben sie sich mit einander eydlich verknüpfft. Die Namen aber der Fürnehmsten sind folgende:

1. Semixas, ihr Fürst / oder Oberster. 2. Atarkuph. 3. Arakiel. 4. Chababiel. 5. Orammame. 6. Rhamiel. 7. Sapsich. 8. Zakiel. 9. Balkiel. 10. Azalzel. 11. Pharmaros. 12. Amariel. 13. Anagemas. 14. Thansael. 15. Samiel. 16. Sarinas. 17. Eumiel. 18. Tyriel. 19. Jamiel. 20. Sariel.

Also haben gleichfalls alle die Ubrigen / im 1170sten Jahr der Welt / ihnen selbsten Weiber genommen / und sich mit denselben / befleckt /biß an die Sündflut / und dreyerley Menschen mit ihnen gezeuget. Das erste Geschlecht bestund in grossen Riesen. Von Riesen aber wurden wiederum erzeuget die Naphilim; von den Naphilim, seynd geboren die Eliud. Und sie vermehrten sich / nach ihrer Grösse. Diese unterrichteten auch (ihre Kinder) und Weiber in der Zauberey / Beschwerungen / und schwartz-künstlichen Verblendungs-Kunst. [954] Exael der Zehende unter den Fürsten / war der Erste / so da lehrete / Schwerter / Brust-Harnische und Pantzer machen / auch sonst allerhand Kriegs-Waffen; imgleichen die Kunst in Metall zu arbeiten; den Gebrauch Goldes und Silbers; wie nemlich beydes / zu macherley überflüssigem Pracht / könnte gebraucht werden. Massen sie den Weibern allerhand Zierrat und Schmuck gezeiget / nebenst der Kunst deß zierlichen Anstrichs; wie man nemlich das Spießglas / zur Wangen-Schmincke / auff mancherley Weise / könnte zurichten; über das ihnen köstli ches Edelgestein-Werck wiesen. Die Kinder der Menschen machten hernach dergleichen / für sich / für ihre Weiber / und Töchter. Wodurch sie auch die Heiligen selbsten sündigen und irren machten: also / daß der Gottlosigkeit / auf Erden /viel / und aller Menschen Weg verdebt ward.

Weiter hat der Oberster unter besagten englischen Fürsten gewiesen7 - - - - - - - - - - - wie auch die Wurtzeln der Erden. Aber der Eylffte mit Namen Pharmarus, hat gelehrt die Hexen- und Verzauberungs-Künste / samt den geheimen teufflischen Hexen-Opffern. Der Neundte offenbarte die Kunst / wie man die Sterne möchte vom Himmel herab ziehen; der Vierdte die Weissagung aus dem Gestirn; der Achte die Kunst / aus der Lufft / zu weissagen: Der Dritte die Zeichen der Erden:[955] der Siebende die Zeichen deß Monds. Diese Alle siengen an / ihren Weibern / und derselben Töchtern / besagte Geheimnissen zu eröffnen.

Nach diesem begunnten die Riesen / Menschen-Fleisch zu fressen; und befanden / daß / durch solche gottlose Mörderey / die Menschen / auf Erden / sehr abnahmen. Die übrige (Menschen) aber schrien / über solche verfluchte Bosheit der Riesen / gen Himmel / und baren / man wollte doch ihrer (in Gnaden) gedencken / (und sich Ihrer annehmen.) Als solches vier von den grössesten Ertz-Engeln hörten; nemlich / Michael / Raphael / Gabriel / und Uriel: schauten sie / vom obersten Himmel herab / auf die Erden: und da sie sahen /daß so viel Bluts / auf Erden / vergossen war /und was für gottloser Frevel daselbst im Schwange ging; traten sie herfür / und redeten untereinander: Sihe! / Die Geister und Seelen der Menschen seufftzen und schreyen zu uns / wegen ihrer Plage und Unterdrückung / daß wir ihr Flehen und Verderben mögen / für den Thron deß Allerhöchsten / bringen. Solchem nach traten diese vier Ertz-Engel herfür / und sprachen zu dem HErrn:

O Du GOtt aller Götter! und HErr aller Herren! König aller Könige! GOtt aller Menschen! Der Thron deiner Herrlichkeit bleibt immer und ewiglich / und dein heiliger gebenedeyter Nam /in alle Ewigkeit! Denn Du hast alles erschaffen /hast[956] Gewalt über Alles. Vor deinem Angesicht /ist Alles bloß und entdeckt: Du sihest alle Dinge /und ist Niemand / der sich / vor Dir / könne verbergen. Also sihest Du auch wol / was Ubels der Exaël thue / was für Sünden und Ubertretungen er einführe und lehre / auf Erden: und wie / auf dem Erdbodem / lauter Betrug herrsche. Denn er hat der Untern Welt gezeiget und geoffenbaret die Geheimnisse / so im Himmel sind: und nun trachten sie / auf allerley Weise und Wege / seine Anstifftungen und Heimlichkeiten zu erfahren. Die Kinder der Menschen haben dem Semixæ Macht gegeben über sich; und allen Denen / welche mit ihm waren.8 Und sie gingen zu den Töchtern der Menschen / beschlieffen sie / und verunreinigten sich / an den jungen Mägdlein; lehreten sie alle Sünden / und zeigeten ihnen die Werck-Mittel der Hurerey. Und sihe! nun gebären die Töchter der Menschen Riesen / so sie von ihnen erzielet haben. Dieses ehebrecherische Huren-Geschlecht von Menschen hat sich über den gantzen Erdbodem ausgebreitet / und denselben überall mit Sünden angefüllet.

[957] Und nun sihe! die Seelen-Geister der verstorbenen Menschen ruffen; ihr Seufftzen steiget herauf gen Himmel: kann aber nicht durchdringen /noch herbey gelangen / um der übermachten Sünden willen / so auf Erden fürgehn. Du weissest /HERR / daß solches von ihnen geschehe: Du sihest sie / lässest es ihnen zu / und leidest es / und sagst nicht / was man dabey thun / oder wie man solchem Ubel abhelffen solle.

Da sprach der Allerhöchste / und der heilig-grosse (GOtt) fing an zu reden; und sandte den Uriel zu dem Sohn Lamech / mit diesem Befehl: Gehe hin / zum Noah / und sprich zu ihm / von Meinet wegen / also: Verbirge dich! Zeige ihm an / daß das Ende aller Dinge vorhanden sey / und der gantze Erdbodem verderbt werden solle. Und sollt ihm sagen / es werde eine Sündflut kommen /zu verderben Alles / was auf dem Angesichte der Erden anzutreffen. Unterweise den Gerechten /was der Sohn Lamech thun müsse. Denn seine Seele soll beym Leben erhalten werden / und er wird dem Tode ewiglich (dem ewigen Tode) entrinnen: und / aus ihm / soll gepflantzet werden eine Pflantze / welche stehen wird / in alle Ewigkeit.

Und / zum Raphael / sprach Er: Gehe hin / Raphael! Binde dem Exaël Hände und Füsse / und wirff ihn hinaus / in die Finsterniß. Du sollt aufthun die Wüste / in der Wüsten Dodoël, und ihn dahin werffen /[958] ihm spitzig-scharffe Steine unterlegen / und mit der Finsterniß ihn bedecken: und da soll er wohnen in Ewigkeit. Und du sollt ihm einen Deckel / über sein Angesicht / legen; auf daß ihm das Liecht nimmermehr scheine. Und am Tage deß Gerichts / da man ihn wird für Gericht ziehen / soll er zum Feuer verurtheilet werden. Die Erde aber / welche / durch die Egregoros, (oder böse Engel) verderbet / geschwächt / und zu Fall gebracht / soll geheilt werden. Darum verkündige (oder weise) Du der Eden das Artzney- Mittel / wodurch sie / von ihrer Wunde oder Kranckheit / genesen könne: damit nicht alle Menschen-Kinder verderben / von den Geheimnissen (der Bosheit) welches die Egregori entdeckt / und den Menschen-Kindern gewiesen haben; wodurch der gantze Erdbodem verwüstet ist; nemlich durch böse Wercke / so Exaël die Menschen gelehrt / und damit alle Sünden ausgebrütet hat.

Zum Gabriel aber / sprach Er: Gehe hin / Gabriel / zu den Riesen / zu den ehebrecherischen und falschen Kindern / aus der Hurerey: und vertilge die Söhne der bösen Engel / vor den Kindern der Menschen. Mache sie miteinander uneins: daß sie einander bekriegen / biß zu ihrem gäntzlichem Untergange und Ausrottung. Die Länge ihrer Tage müsse mit nichten reichen an die Zeit ihrer Väter: wiewol sie ein immerwährendes Leben gehofft / und ein Jedweder /[959] unter ihnen /acht tausend Jahre ihm eingebildet.9

Und / zum Michael / sagte er: Mache dich auf /Michael! bind an den Semixan, und alle seine Gesellen / so viel Ihrer sich / mit den Töchtern der Menschen / vermischet / und dieselbe / mit ihrer Unreinigkeit / beflecket haben. Und / nachdem zuforderst ihre Söhne erwürgt worden / und sie den Untergang ihrer Geliebten gesehen / sollt du sie anbinden / biß in siebentzig Geschlechter / in die verborgene Oerter der Erden / biß auf den Tag / der ihnen verordnet ist / daß sie vor Gericht gestellet werden / auf[960] den Tag nemlich deß Endes aller Dinge; an welchem das Urtheil und Gericht muß vollendet werden / dessen Vollenziehung /von Ewigkeit zu Ewigkeit / wird ausgeführt.10 Alsdenn soll er gestürtzt werden / in den feurigen Pfuhl /11 in die ewige Qual und Gefängniß: und wenn sie / (ihre Gesellen nemlich) von nun an / verdammt worden / soll man sie / samt ihnen / zugleich hinaus werffen / biß ans Ende ihres Geschlechts. Die Riesen aber / welche / vom Geist und Fleisch / geboren sind / sollen / auf Erden /böse Geister genannt werden. (NB. Hie folgen etliche Worte / daraus kein rechter Verstand zu fassen.) Böse Geister werden seyn die Geister / so von ihrem Leibe und Fleische heraus gangen / und zum Theil von den Menschen / zum Theil / von den Egregoris, oder bösen Engeln / geboren worden. Der Anfang ihrer Erschaffung (oder Zeugung) und der Anfang (oder Ursprung) ihres Fundaments / werden böse Geister seyn / auf Erden. Die Geister der Riesen aber / welche sich also haben ausgebreitet / und Alles / durch Ungerechtigkeit /ruiniren / überfallen / sich selbst einander bestreiten / auf der Erden schiessen / rennen und lauf fen: und doch nicht essen; sondern sich der Speise enthalten / und mit mancherley Gespenstereyen /oder gespenstischen Einbildungen[961] die Leuten vexiren ........ Und die Geister sollen auferstehen /mit den Söhnen der Menschen / und Weiber / so von ihnen hergekommen.

Von dem Tage aber an / der Erwürgung / Verderbung / und Todes der Riesen / werden die starcke und gewaltige Naphilim, (oder vielmehr Nephilim) die grosse und berühmte Geister / so von ihrer Seelen ausgegangen / als wie vom Fleische /auf der Erden seyn / und ihr verderbliches Wesen treiben / biß an das grosse Gericht: Mit welchem die grosse Welt-Zeit zugleich ihr Ziel haben wird.12

Um den Berg aber / auf welchem sie sich zusammen verschworen / und eydlich verkuppelt /sollen nimmermehr aufhören Frost / Schnee /Reiff / und Thau! und soll nicht anders auf denselben herab fahren / ohn zum Fluch / biß an den Tag deß grossen Gerichts: An demselbigen Tage /soll er verbrannt / und der Erden gleich geschleifft werden / soll verschwinden und schmeltzen / wie Wachs vor dem Feuer: also soll er ein Ende nehmen / und vernichtet werden / samt allen ihren Wercken.

Ihr Menschen-Kinder aber sollt wissen / daß ich sehr / über euch / und eure Kinder / ergrimmt bin. Eure Geliebten sollen[962] verderbt werden; und eure Wehrteste sollen deß Todes sterben / und umkommen von dem Angesichte deß gantzen Erdbodems. Alle Tage ihres Lebens sollen / von nun an / hinfüro nicht / über 120. Jahre / kommen: und dencket nur nicht / daß ihr länger leben werder. Nun aber werden sie keinen Weg finden /zu entrinnen dem Zorn / womit der König aller Zeiten / wider euch / entbrannt ist. Bildet euch nicht ein / daß ihr diesem allen werdet entfliehen.

So weit das Fragment / oder Stück / aus dem Buch Enoch: Welches ich zwar / aus dem Oedipo Kircheri, genommen; sonst aber / am ersten / vom Scaliger /ans Licht gebracht ist. Herr P. Kircherus stellet zwar in eines Jeden Willkühr / dasselbe / für ein rechtmässiges / oder ertichtetes Fragment / anzunehmen / oder zu verwerffen: aber doch suchet er hernach / demselben einen glaubwürdigen Schein beyzubringen; wenn er erstlich unterschiedliche Authores anführt / um damit zu belegen / daß durch die Egregoros, deren in dem Fragment gedacht wird / die Englische Wächter / und zwar die verworffene / gemeynt werden; hernach Georgium Syncellum, einen alten Scribenten; der / in seiner Histori / das Buch Henoch anziehe / und dabey der Ergregororum gleichfalls gedencke / sprechend /man solle die Schrifften / welche man apocryphas, das ist / die verborgene / oder unbekandte / nennet /fahren lassen: weil derselben verborgener Ursprung nicht bekandt gewesen denen Vätern / von welchen das Ansehn und die Gülte der wahren ungezweiffelten Schrifft-[963] Bücher / gantz gewiß / und vermittelst bekandter Succession / auf uns gelanget ist.

Weiter ziehet Herr Kircherus die Worte Augustini also an. Dasselbe (spricht er) erzehlt Augustinus, fast mit eben so vielen Worten: Etsi enim (inquit) aliqua in hujusmodi apocryphis inveniatur veritas: propter multa tamen subreptitia ejus non esse canonicam authoritatem. Scripsisse autem quædam divinum illum Henoch negari non posse, cùm hoc in epistola Judas Apostolus dicat: Credi tamen et utplurimum posse, præsertim quæ de descensu Egregororum & Gigantum impietate, utpote S. Scripturæ consentientia, & à Mose approbata, recitantur. Das ist: Obschon / in dergleichen apocryphis, oder ungewissen Büchern der Schrifft / etwas Wahres gefunden wird: gilt es doch nicht / für eine Richtschnur; wegen der vielen eingeschobenen Sachen / so darinn enthalten. Daß aber selbiger göttlicher Henoch Etwas geschrieben / mag nicht geleugnet werden: weil der Apostel Judas solches / in seiner Epistel / sagt. Dennoch könne man (spricht nemlich Augustinus) dasjenige mehrentheils gläuben /fürnemlich was von der Egregororum, oder Engli schen Wächter Niderfahrt / und von der Riesen Gottlosigkeit / erzehlet wird: als welches mit der Heil. Schrifft überein / stimmt / und von Mose bestetiget wird.

Den Ort / da Augustinus solche Worte des letzten Anhangs / nemlich man könne dasjenige mehrentheils gläuben / fürnemlich was von[964] der Engel Niderfahrt etc. erzehlet wird; weil es der heiligen Schrifft gleichstimmig laute / setzet; wollte ich gern benennen / wenn er mir bekandt wäre. Denjenigen /welchen Herr Kircherus, im vorhergehendem § benennt / nemlich das 15. Buch von der Stadt GOttes (cap. 23.) weiß ich wol: aber daselbst ist kein Buchstab solches Zusatzes anzutreffen; so wenig als in der 3. Quæstion in Genesin. Massen hernach die völlige Worte Augustini solches werden zu erkennen geben.

Zum Dritten / zeucht P. Kircherus einen alten /aber ungenannten / Scribenten an / dessen Griechische Worte / auf Teutsch / also lauten: Die Kinder Seth /Enoch / und Enos / werden / durch die Kinder GOttes / verstanden / welche / durch ungehaltene Venerische Brunst / überwunden sind / und sich zu den Töchtern Cains gesellet: aus welcher unreinen Vermischung / und unzüchtigen Freyerey /Riesen entsprossen: die zwar / um deß Gerechten willen (das ist / um deß Stamms der Kinder GOttes willen) starck und großmächtig; um deß unge rechten aber und unheiligen (Stamms) willen /boshafft und gottlos waren.

Was dieses Allegat / zum Behelff deß Fragments /diene / kann ich nicht ersehen. Vielmehr wird die Wahrscheinlichkeit desselbigen dadurch ausgeleschet. Dennoch setzt Herr P. Kircherus folgendes hinzu: Aus diesen allen erscheint offenbarlich / daß dieses Fragment / oder Stück / ob es gleich unter den apocryphis ist / gleichwol[965] nicht so gar demselben /was entweder die heilige Schrifft / oder die heiligen Väter / erzehlen / zuwidern laute / als Einige etwan dörfften gedencken. Denn ob gleich deß Enochs Selbst-Schrifft (autographum) durch das Alter der Zeiten umgekommen: so ist doch glaub-und wahrscheinlich / eine so wunderliche Geschicht der Menschen-Kinder / vor der Sündflut /sey / durch eine stetige Tradition / fortgepflantzt /und in Schrifften / von den Alten / dem Mann Gottes übergeben / biß auf deß HErrn Christi Zeiten / und von denselben biß auf uns gelangt. Denn es ist / auch allerdings aus den historischen Schrifften der Ungläubigen bekandt / daß die Buchstaben / und Lehr-Künste mit dem Adam angefangen. So bezeuget auch der Griechische Scribent / Georgius Syncellus, daß die Chaldœer die Stern-Wissenschafft / Buchstaben und Bücher / allbereit drey tausend / sechs hundert / vier und dreyssig Jahre / vor der Monarchia (oder dem höchstem Welt-Reiche) deß grossen Alexanders /gehabt. Gleicher Gestalt meldet Epigies, man habe / sieben hundert Jahrt / und länger / vor dem Nino, und Phoronæo, zu Babylon / gebrannte Steine gefunden / darauf die Anmerckungen deß Gestirns verzeichnet gewesen. Welches Alles / mit dem Mose / übereinstimmet / etc. Daß aber diese apocryphische Histori sagt / es haben sich die Geister / oder Engel (Dæmones) mit den Menschen vermischet / und von[966] denselben Kinder gezeuget; ist nichts Seltsames / noch Neues: sintemal Wir / noch auf den heutigen Tag / sehen / daß solches von den Incubis & Succubis (Teuffeln und Teuffelinnen / beschlaffenden und beschlaffenen Geistern) zu Werck gerichtet werde.13

Diesem füget er hernach bey die Zeugnissen einiger Rabbinen / und deß Arabischen Chronisten Abulhassen. Welche ich aber / zu Abschneidung der Weitläufftigkeit / weglasse: weil sie ohne das von schlechter Gülte sind.

Ob nun gleich / von den Schrifften deß Enoch / unterschiedliche berühmte / und gelehrte / Leute geschrieben / und auch besagtes Fragment /14 in Abyssinischer Sprache / dessen Prophecey annoch vorhanden seyn soll: entsteht dennoch darum nicht gleich hieraus ein sicherer Beweis / daß solches Fragment warhafftig und unertichtet sey.

Was den / dißfalls angezogenen / heiligen Augustinum betrifft; muß der gelehrte P. Kircherus denselben hiebey nicht recht selber nachgesehn / sondern vielleicht einem oder andrem Studioso, den er aufschlagen hat lassen / zuviel getrauet haben. Denn /wie ich vorhin gemeldt / es findt sich / in dem benannten Capittel / kein Wort / das für die Meynung /als ob / durch die Kinder GOttes / welche / mit den Töchtern der Menschen / grosse Riesen erzeugt hetten / die Teufel verstanden würden[967] / zum Zeugniß könnte angezogen werden; sondern vielmehr gantz das Widrige / und eine ausdrückliche Widerlegung solches Fürgebens. Massen solches diese / deß seligen Augustini eigene / Worte gnugsam an Tag geben:

Scripsisse quidem nonnulla divina Enoch illum septimum ab Adam, negare non possumus: cùm hoc in Epistola canonica Judas Apostolus dicat. Sed non frustra non sunt in eo canone scripta, qui servabatur in templo Hebræi populi succedentium diligentiâ Sacerdotum. Cur autem hoc? nisi quia ob antiquitatem suspectæ fidei judicata sunt, nec utrum hæc essent, quæ ille scripsisset, poterant inveniri, non talibus proferentibus, qui ea per seriem successionis reperirentur ritè servâssè. Unde illa, (NB.) quæ sub ejus nomine proferuntur, & continent istas de gigantibus fabulas, quòd non habuerint homines Patres, rectè à Prudentibus judicantur, non ipsius esse credenda, sicut multa sub nominibus & aliorum Prophetarum, & recentiora sub nominibus Apostolorum, ab hæreticis proferuntur, quæ omnia sub nomine Apocryphorum autoritate canoncâ diligenti examinatione remota sunt. Ist / auf Teusch / so viel geredt: Wir können nicht in Abrede seyn / Enoch /der Siebende von Adam an / habe etliche Göttliche Sachen geschrieben: weil solches der Apostel Judas / in der Canonischen Epistel / sagt. Es ist aber nicht umsonst / daß sie nicht demjenigen Canoni, (oder der Zahl Regel-gültiger Schrifft-Bücher) eingezeichnet seyen / so in[968] dem Tempel deß Hebrœischen Volcks / von denen nacheinander folgenden Priestern / fleissig verwahrt ward. Warum ist aber das anders geschehen / (daß man sie nemlich ausgelassen) als weil sie / um deß hohen Alters willen / verdächtig geachtet worden / und man nicht eine Grund-Gewißheit finden können /indem sie nicht von solchen Leuten vorgelegt wurden / an welchen sichs befünde / daß sie /Einer nach dem Andren / dieselbe gebührlich hetten in Verwahrung gehabt. Daher dann die Sachen / so unter seinem Namen hervor gebracht werden / und solche Fabeln von den Riesen / daß nemlich dieselbe keine menschliche Väter gehabt / von Verständigen für unglaubwürdig erklährt werden: Gleichwie sonst viel andre Schrifften / so theils unter dem Namen der andren Propheten; theils / und zwar die neuere / unter der Apostel Namen / von den Ketzern hervor gebracht werden: Welche alle mit dem Namen der Apocryphorum (oder solcher Bücher / derer Verfasser verborgen seynd) nach fleissiger Prüfung / von der Canonischen Authoritet / oder Regel-gültigen Bücher-Zahl / ausgeschlossen seynd.15

Hieraus ersehn wir Zweyerley: Erstlich / daß es ferrn von dem lieben Augustino gewesen / eine Riesen-Erzeugung von den Geistern und das vermeynte oder ertichtete Fragment deß Buchs Enoch / darinn derselben gedacht wird / für glaubwürdig[969] zu erkennen. Massen er dann vorher solches auch mit einer ausdrück- und ausführlichen Widerlegung / übern Hauffen stosst. Zweytens: Daß / ob gleich vorberührter Scaliger diß Fragment am ersten / in einer Bibliothec / wiedergefunden; solches doch schon ein altes Geticht / und allbereit zu deß heiligen Augustini Zeiten / unter den Leuten herum- doch aber verständigen Lehrern nicht eingegangen.

Theodoretus hat so gar nichts drauf gehalten / daß er die Urheber dieses Wahns / nemlich von der englischen oder teuflischen / Riesen-Erzielung nimis stupidos & stolidos titulirt; welche gemeynt / sie würden damit eine Beschönung ihrer Unzucht erhalten /wann sie die Engel für gleicher Mißhandlung schüldig hielten. Massen er dann / mit vielen Zeugnissen heiliger Schrifft / dieselbe widerlegt / welche vorgaben / es wären keine Menschen / sondern Engel gewest / die von der Weiber Schönheit gereitzt / mit ihnen gebuhlt.16 Philastrius will gar eine Ketzerey daraus machen / wenn man sagen will / daß sich die Engel / mit den Weibsbildern / vor der Sündflut / vermischt hetten / und daraus Riesen geboren wären.17

Unterdessen leugnen die ansehnlichste unter den Vätern nicht / daß Enoch einige gottselige Bücher geschrieben: aber dasjenige / so man für deß Enochs Werck / ausgab / achteten sie keines Weges dafür: ob gleich Tertullianus, mit etlichen / wiewol unnachdrücklichen / Schein-Gründen /[970] denen / die solches Buch Enoch für falsch ausgaben / begegnet.18

Wer Lust und Weile hat / in mehr Scribenten sich deßwegen umzuschauen / der schlage auf Sixtum Senensem,19 Pererii Commentarios in Genesin,20 Genebrardum,21 Bellarminum.22

Origenes ziehet dieses Buch gleichfalls an /23 und spricht / Enoch habe einige schrifftliche Weissagungen hinterlassen / daraus der Apostel Judas das Zeugniß vom Jüngsten Gericht angeführt habe. Und anderswo beziehet er sich abermal auf die Schrifft Enochs / von den Engeln / so vom Himmel gefallen /etc.24 Daniel Heinsius pflichtet der Meynung gleich falls bey / daß Enoch warhafftig ein Buch geschrieben; welches / ob es gleich / von den Jüdischen Rabbinen / nach der Hand / durch Einflickung falscher Sachen / verderbt worden / und mans derhalben billig unter die apocryphos gerechnet / dennoch gleichwol der Apostel Judas angezogen habe; nemlich das Gesunde / so annoch darinn hinterblieben. Er beglaubt solches auch / mit dem Exempel etlicher andrer[971] Apostel / welche gleichfalls aus den apocryphis, und so gar aus heidnischen Schrifften / dessen / was sie erbaulich darinn gefunden / sich bedient hetten.

S. Hieronymus berichtet / man habe deßwegen die Epistel Judœ nicht für canonisch halten wollen / weil darinn das Buch Enoch zu Zeugen geruffen worden.25 Sonst haben auch / von dieser Prophecey deß Enoch geschrieben Thomas Bangius,26 Lambecius27 und Pfeifferus, in einer zu Wittenberg gehaltenen28 Disputation.

Ob aber gleich dieses Zeugniß aus dem Buch Enoch verworffen wird / als ein Geticht; stehen denen / welche der Meynung seynd / daß die böse Geister /mit ihren schändlichen Buhlerinnen / würcklich was erzeugten / dennoch ein und andre Exempel in Bereitschafft. Wir wollen jetzt nicht die alte Fabel von der Melusinen / und dergleichen / hervor suchen; noch uns / mit dem Geticht / so zu Jornandis Zeit / von Vielen / für eine Warheit / geglaubt worden / behelffen / nemlich daß / nachdem Filimer / der Gothen König / unter seinen Völckern / etliche Unholdinnen gefunden / er dieselbe / von der Armee / ferne hette weggejagt / und in die Wüsten treiben lassen; Da nun die / in der Wildniß herumgehende böse Geister derselben ansichtig worden / hetten sie sich / mit denselben /[972] schändlich vermischt / und ein Geschlecht der Halb-Teufel hervor gebracht; nemlich die barbarische Hunnen.29 Wir wollen auch auslassen den Englischen Cantzler / Merlin / welchen / weil er ein gewaltiger Hexenmeister gewest / man gleichfalls / für eine Teufels-Brut / ausgegeben: und unterschiedlich andre mehr. Man weiß andre und besser bescheinigte Begebenheiten. Der Author deß Schau-Platzes jämmerlicher Mord-Geschichte / erzehlt / aus der Feder deß Spannischen Scribentens / Chieze, daß / in Peru / der Satan / welchen man daselbst ehedessen Corocote zu nennen pflegen / mit den Weibern selbiges Orts / sich würcklich vermischt / und daß die / von solchem Beyschlaff geborne / Kinder kleine Hörner auf dem Haupt getragen. So will man auch sagen / daß / bey den Türcken / die Nefesoliner den bösen Geist zum Vater haben.30 Welche Rede aber / meines Vermutens / nur davon entstanden / daß sie ins gemein Schwartzkünstler abgeben.

Von einem Bayerischen Edelmann / findt man / in unterschiedlichen Büchern / daß ihm / nachdem er /um seine verstorbene Eh-Liebste / gar zu untröstlich getraurt / dieselbe einsmals / zu Nachts / wiedergekommen / ihm einbildend / sie wäre wieder auf gelebt; Welche ihm auch beygewohnt / und etliche Kinder mit ihm erzeugt; aber ihn auch gewarnet / wann er sich deß Fluchens nicht enthielte / so würde sie alsofort ihm wiederum entrissen werden: Welches auch geschehen: sintemal[973] sie / wie er endlich seine üble Weise zu fluchen und lästern wieder angefangen / im Augenblick / vor seinen Augen / verschwunden / und ihre Kleider dahinden gelassen.

Und dergleichen abentheuerliche Händel könnte man noch mehr beytragen.

Aber man wird / durch solche / und andre diesen ähnliche / Exempel / doch noch nicht verstrickt / zur Bekenntniß und Gestehung / daß die Teufel können /mit den Menschen / Kinder erzielen. Denn was die gehörnte Kinder in Peru betrifft / seynd dieselbe / ohne Zweifel / aus wahrem männlichem Saamen / erzeugt: und kann der Satan rechte Mannsbilder / nemlich seine Zaubrer / zu solchen Peruanerinnen geführt /aber selbige den Weibern / durch eine Augen-Verblendung / in gehörnter Teufels-Gestalt / vorgestellet haben. Deren Gestalt die Weiber nachmals sich so fest eingebildet / daß sie den Kindern darüber die kleine Hörner ersehn: wie sie sonst / durch eingenommene Furcht / oder Schrecken / ihnen leicht ein Anmal verursachen können.

Gedachtem Edelmann hat gleichfalls der Satan Brillen verkaufft / und nachdem er selber / in Gestalt der verstorbenen Frauen / sich mit ihm vermischet /gestohlene oder abgewechselte Kinder ihm unvermerckt zugepartirt. Denn aus dem so unchristlichen und heidnischen trauren ist dem Teufel Gelegenheit und Macht erwachsen / diesem Edelmann eine Mummerey / oder Masquerade / zu spielen.

[974] Paulus Frisius Nagoldanus gedenckt eines wunderlichen Falls.31 Zu Heßloch bey Odernheim in Genf / hatte ein Hofmann / mit seiner Köchinn / heimliche Hochzeit gehalten / und hernach auch mit ihr einen Sohn bekommen. Welchen aber der Teufel hinweg geruckt / und alsofort ein andres Kind hingegen an die Stelle geschafft: das den Eltern / bey Tage und Nacht / die Ohren voll geschrien / und gefressen / wie ein hungriger Wolff / doch gleichwol im geringsten nicht grösser worden. Worüber sie sich sehr bekümmert haben / und nicht gewusst / wie sie ihm helffen mögten. Biß endlich die Mutter auf die Meynung gefallen / daß das Kind / welches sie noch / für ihr eigenes und leibliches / achtete / wiederum zu voriger Gesundheit kommen würde / wann sie es nur nach Neuhaus brächte / und daselbst / in der so genannten / Cyriacs-Wiegen wiegete / auch den Cyriacs-Brunnen ihm zu trincken gäbe. Ihr Ehherr ließ sich solches auch nicht mißfallen / sondern trieb sie selber dazu an / daß sie solche Reise sollte beschleunigen. Also säumte sie desto weniger / und setzte die Reise bald fort.

Aber was begiebt sich? Indem sie / mit dem unartigem Kinde / fortwandert; kommt ihr ein / auf einem Wagen fahrender / Engel / in Gestalt eines Schülers /entgegen / und fragt / was sie da für ein Monstrum und Ungeheur trage? Die armselige antwortet / es sey ihr liebes Söhnlein / und sie gewillet / dasselbe in die Wiegen zu Neuhaus zu legen. Aber Jener versetzt: Das ist[975] dein Kind nicht / sondern ein verlavter Teufel. Nim den Ertzbuben / und wirff ihn ins Wasser. Da sie aber solches nicht thun wollte / als die gäntzlich gläubte / es wäre ihre rechte leibliche Geburt / und das häßliche Kind inbrünstig küssete; hub der englische Jüngling abermal an: Dein Söhnlein ligt daheim / in der neuen Wiegen / und zwar in der Kammer / die nechst bey der Stuben ist. Dieses ist nicht deines Leibes Frucht / die du trägst / sondern eine Teufels-Brut. Darum fort /fort / mit diesem Schelm! wirff ihn angesichts ungesäumt von dir!

Als sie nun endlich solches / wiewol nicht ohne Threnen und Seufftzen / that; erhub sich / im Wasser /ein erschreckliches heulen / und brummen / gleichwie von Wölffen und Bären.

Nachdem sie aber wieder zurück nach Hause gekehrt war; fand sie es Alles / wie ihr der Engel hatte gesagt.

Henricus Salmuth schreibt / daß einer gewissen Gräfinn die Kindeswehen angekommen / Gegenwarts einer Hertzoginn / und etlicher andrer fürnehmer Matronen. Da nun die Geburts-Arbeit herzu genahet /haben sich alle gewöhnliche Zeichen einer obhandenen Gebärung / bey derselben / ereignet / und so wol alle Umstehende / als die Amme / oder Wehmutter ihr treulich beygestanden / und Ihrer keine etwas an ihr verabsäumt.

Indem sie aber allesämtlich augenblicks ihrer glücklichen Entbindung gewärtig waren; massen[976] dann die Amme sich vernehmen ließ / daß sie bereits den Kopff deß Kindes / mit ihren Fingern berührt und ergriffen hette: sihe! da hörten / bey der Kreyssenden /alsofort die Wehen auf / und liesse die Geburts-Schmertzen gäntzlich nach. Die Kreyssende ward schläffrig / und verlangte / man sollte ihr einen Schlaff vergönnen. Welches ihr auch zugelassen worden. Aber / nachdem zwo Stunden vorüber / wird sie wieder geweckt: und wie sie aufgewacht / hebt sie alsofort an / zu schreyen: Ach lieber GOtt! wie ist meinem Leibe geschehen!

Die Hertzoginn / und Andre / erschrecken / lauffen zu / betasten ihr den Leib mit ihren Händen / und verspühren / nach fleissiger Bemerckung / so viel / daß sich der Geschwulst desselben gäntzlich verloren; ja sie finden auch / mit tieff-entsetzter Verwunderung /daß kein Kind mehr vorhanden: da dennoch gleichwol dasjenige / was / nach der Entbindung / von den Gebärerinnen wegzugehn pflegt / behöriger Massen hinweg floß / auch die Brüste von Milch gantz ausgewelbt / und allerley andre Beschaffenheit / oder Zufälle / so den Kindhaberinnen groß Beschwer zu machen pflegen / richtig erfolgten.

Deßwegen fiel ein Verdacht auf die Wehmutter (oder Hebamme) als wann dieselbe / durch Hexerey /und Teufels-Possen / das Kind hette weggepartirt.32

Pater Martinus Bautscherus, ein gelehrtes Mitglied der Societät JEsu / meldet / in seinen [977] Annalibus, daß / in einer adlichen Famili / in derjenigen Crainerischen Landschafft / welche man den Karst heisset /alle Kinder / wenn sie von Mutterleibe kommen / ein Schlangen-Gesicht / oder Schlangen-Gestalt / bekommen. So bald aber solches Kind / zum ersten Mal /gewaschen wird / vergeht die Schlangen-Gestalt / und entdeckt sich die menschliche / welche vorhin / mit einer Schlangen-Gestalt / verlarvt war. Und solches scheinet (wie Er nicht übel urtheilet) nach einem Muster deß ersten erbsündlichen Fleckens / zu riechen.33

Solches bestetiget der hochwolgeborne Herr / Herr Johann Weichard Valvasor etc. in seinem hochansehnlichem Ehren-Werck / darinn Er das Hertzogthum Crain beschreibt; indem Er diese Nachricht deßwegen ertheilt. In einem gewissen Boden / oder District / auf dem Karst / nemlich im Innern Crain / hat sichs bißweilen zugetragen / daß / wann es / mit einem schwangern Weibe / biß an die Geburt gekommen / an stat eines Kindes eine Schlange von ihr gegangen. Solche Schlange wird alsdenn / mit einer gewissen Ruten / gestrichen / und in ein Schaf (oder Butten) voll Wasser getrieben / (welche / zu dem Ende / mitten in die Stuben hingesetzt ist) und hält man so lange / mit Rutenstreichen / an / biß dieselbe in das Wasser geht. Alsdenn soll man allerley Handwercker / und andre Leute / oder vielmehr Aemter der Leute / und mancherley Stände /[978] nacheinander daher nennen / nebenst Befragung / welchen Stand / Amt /oder Handwerck / dermaleins das Kind werde bedienen? Als zum Exempel: Wirst du ein Schneider werden? Wirst du ein Schuster / etc. Kürsner /etc. Barbierer / Rechtsgelehrter / Schreiber / etc. werden? Bey jedwedem Amts- oder Handwercks-Namen / wird der Schlangen / mit der Ruten / ein Streich gegeben / biß so lange / daß sie sich in ein Kind verwandelt. Welches hernach auch dermaleins zu sothanem Handwerck / Amt / oder Würde / und Stande / gelangt / bey dessen Nennung und Namen /die Schlange sich zum Knäblein verbildet hat.

Offt geschichts auch wol / daß die Schlange verschwindt / und sich alsdenn auch kein Kind mehr da finden lässt.

Er fügt diesem einen wunderlichen Fall noch bey /welcher sich / mit demjenigen / den ich kurtz zuvor /aus dem Salmuth / beschrieb / ziemlich überein kommt / und von ihm / für gewiß / geachtet wird. Eine ehrliche Bäurinn / in dem Dorff Nußdorff / so auf obbenannten Karst liget / hat (Anno 1679) nachdem sie sich / durch die eheliche Beywohnung /schwanger befunden / bey guter Zeit sich / wie gebräuchlich / nach Gevattersleuten ungesehn / auch ein saubres Kindbett für sich zugerüstet; auch / als hierauf der Schlaff sie übernommen / sich in solches aufgemachte Bette nidergelegt / und zum Schlaff bequemt.

Nachdem sie / über eine kleine Weile / wiederum aufgewacht; schaut sie sich um / und spührt /[979] daß ihr Leib der weiblichen Bürden entledigt sey; springt deßwegen / voller Bestürtzung / auf / und rufft ihre Nachbaren zusammen. Welche / nachdem sie ihnen den Handel zu vernehmen gegeben / das Bette besichtigt / und sonst nichts / als allein ein Mal oder Spuhr /gefunden / welches ihnen zu mercken gegeben / daß etwas müsste von ihr geschlichen seyn. Woraus man gleich geschlossen / sie müsste / mit einer solchen alten Schlangen-Geburt / nidergekommen / und versäumt worden seyn / daß die Schlange verschwunden / und also kein Kind draus werden können.

Das Weib war damals / als hochgemeldter Herr Baron dieses aufgesetzt / annoch im Leben; hat auch hernach rechte / natürlich-gebildte / Kinder zur Welt gebracht. Ich mache mir aber hierüber dergleichen Gedancken / als wie Jene von der Frucht-Verschwindung obgedachter Gräfinn; nemlich / daß vielleicht dieser Bäurinn / durch eine zaubrische Vettel / das Kind / im Schlaffe / entzogen / und anderswohin vertragen sey.

Fußnoten

1 Del-rio lib. 2. Disquisit. Magic. Quæst. 15. p. 110.


2 Lerchheimerus / in seinem Bedencken von deß Satans Beyschlaff / apud Dedekinnum Vol. II. p. 441. seq.


3 Lib. 15. de Civitate Dei, apud Kircherum.


4 Ut Annius in Comment. super Berosum Apocryphum.


5 apud Sixtum Senensem in 28. Hom. lib. Num.


6 In Annotation. in Euseb.


7 Hie mangeln / im Griechischen / einige Worte.


8 Im Griechischen kommt dieses zwar etwas anders /nemlich also: Οἱ ὺοὶ τῶν ἀνϑρώπων τῷ Σεμιξᾶ τὴν έξοίαν ἔδωκεν ἔχειν τῶν σὺν ἀυτῷ ᾰμα οντων. Das ist: Die Menschen-Kinder haben dem Semixæ Macht gegeben über diejenige / so mit ihm waren. Weil aber dieser Verstand gantz ungeschickt ist / und vermutlich allhie einige Worte mangeln; hab ichs gegeben / wie oben steht.


9 Pater Athanasius Kircherus hat es / im Lateinischen / gar anders gegeben: Et longitudo dierum nequaquam attingat dies patrum ipsorum, qui sperabant vivere vitam sempiternam, & quod unusquisque eorum non ampliùs, quàm centum annis, victurus sit. Aber der Griechische Text führt eine andre Jahr-Zahl / in diesen Worten: ὅτι ιλπίζοσι ζῆσαι ζαὺν αἰώνιον, καὶ ὅτι ζήσεται ἕκαςος άντῶν ἔτκ ή. Wiewol diese Zahl / im Griechischen / auch nicht richtig: weil der Accent über dem η steht: Welches aber nur ein Druckfehler. Denn weil die Griechische Zahlen selten heutigs Tages vorkommen im Druck: hat der Drucksetzer / als er den Accent unter dem η gefunden / ohne Zweifel vermeynt / es wäre verdruckt / oder verschrieben / und müsste über dem η stehen; darum er es auch über diese Zahl-Litter gesetzt. Aber es muß der Accent unten / und nicht oben stehen. Denn wann er unten steht; bedeutets acht tausend: steht er aber oben; so bedeuts nur acht. Daß aber gedachter P. Kircherus hundert Jahre gesetzt; dazu muß er / durch einen Druckfehler seiner gehabten Edition / verleitet worden seyn; darinn vielleicht ein gestanden: wodurch der Griech hundert bemerckt.


10 κείμα τοϋ αἰῶνος τῶν αἰώναν.


11 είς τὸ χάος τοϋ πυρὸς.


12 Ich hette wünschen mögen / diese Worte etwas klärer zu geben: aber sie fallen / im Griechischen und Lateinischen / noch viel tunckler.


13 P. Kircher. Tom. 2. Oedipi Ægyptiaci, Classe 2.


14 Gassendus in vita Peirescii lib. 5. p. 314.


15 August. lib. 15. de Civ. D.e. 23. p. 235.


16 Theodoretus Qu. 47. in Genesin.


17 Philastrius lib. de Hæres. c. 108.


18 Vid. Tertull. lib. de Idolatria c. 4. & 15. Et lib. de Habitu muliebri c. 3.


19 Vid. Sixtus Senensis lib. 2. Biblioth. v. Enoch pag. 68. seq.


20 Perer. lib. 6. Commentar. in Genesin, Disput. de Translatione & Scriptis Henoch.


21 Genebrard. ad Annum Mundi 687.


22 Bellarmin. lib. de Verbo Dei c. 18.


23 Origenes Homíl 28. in Numer.


24 Orig. lib. 5. contra Celsum.


25 Vid. Hieronymus lib. de Scriptoribus eccles.


26 Thomas Bangius, in Cœlo oriente, p. 25.


27 Lambecius in Prodromo, p. 8.


28 Anno 1670.


29 Jornandes de Rebus Gothorum lit. B. iij.


30 S. den II. Theil gemeldten Schau-Platzes / am 137. Bl.


31 Apud Voigtium in Delitiis Physicis c. 8.


32 Henric. Salmuth Cent. 2. Obs. 55.


33 P. Martinus Bautscherus in Annal. Noricis apud Illustrissimum Dominum Baronem de Valvasor, lib. 6. Historico-Topographicæ Descriptionis Carnioliæ fol. 315.


Quelle:
Francisci, Erasmus: Der Höllische Proteus, oder Tausendkünstige Versteller [...]. Nürnberg 1690, S. 937-980.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon