[So bistu endlich, schöne Braut]

[45] Bey dem räderisch-kanizischen Hochzeitfeste.


1714.


Im Nahmen eines andern.


So bistu endlich, schöne Braut,

Eh man es dir noch zugetraut,

Der Venus in das Garn gelaufen;

Du änderst plözlich deinen Schluß

Und wilt um einen leichten Kuß

Die Freyheit und dein Herz verkaufen.


Wo bleibt dein alter Eigensinn,

Wo ist dein steifer Vorsaz hin,

Eh sollte dich der Tod vermehlen

Als der Cythera Tyranney,

Als Amors süße Sclaverey

Dich unter ihre Siege zehlen?


Jezt lacht der kleine Cypripor

Und hält dir jene Worte vor,

Die ihren Nachdruck schon verloren,

So bald du nach gesprochnem Ja

Der Mutter Acidalia

Dich als ein Unterthan verschworen.


Die Einsamkeit, dein alter Gast,

Hält sich bey dir zur Flucht gefast;

Ich tadle nicht dein Unterfangen:

Du wechselst den verhasten Stand,

Bist aus Egypten in ein Land,

Wo Milch und Honig fleust, gegangen.


Zwey Hände tragen noch viel mehr,

Zwey Herzen brennen noch so sehr,

Zwey Seelen lieben um die Wette;

Du und dein Bräutgam theilt den Schmerz,[49]

Du und dein Bräutgam theilt das Herz

Und zieht zugleich in einer Kette.


Dein Kaniz lindert alle Noth,

Du kanst der Götter Zuckerbrodt

Von seiner Gegenwart genießen;

Sein Mund, der voller Anmuth träuft

Und nur von Wollust überläuft,

Kan dir die Wermuth selbst versüßen.


Zieht gleich der Garten deiner Eh

Bisweilen Myrrh und Aloë,

So trägt er doch auch Zuckerrosen;

Ein jeder Tag hat seine Last,

Doch wen der Himmel heute hast,

Den pflegt er morgen liebzukosen.


Verliebter Bräutgam, schau, die Nacht,

So dir die Schönheit zinsbar macht,

Regt schon den Flügel in der Nähe;

Beweise, was die Liebe kan,

Und scherze, bis der muntre Hahn

Dir zu der süßen Arbeit krähe!


Wohl dir, du wohlgebohrnes Paar,

Der Höchste nimmt dein Wohlseyn wahr,

Sein Seegen geht mit dir zu Tische,

Und seine Sorgfalt denckt auf Lust,

Damit er dich und deine Brust

Durch Muscatellersaft erfrische.


Vergnügung und Zufriedenheit

Sey stets in deiner Dienstbarkeit,

Die Sicherheit dein Schlafgeselle;

Die Liebe würze dir die Kost

Und mache, daß der Wollust Most

In deinem Becher täglich schwelle.
[50]

So viel der Himmel Lichter trägt,

So viel das Weltmeer Wellen schlägt,

So vieles Glücke soll dich kennen;

So lange noch die Sonne scheint,

So lange noch der Himmel weint,

So lange soll dein Feuer brennen.


Verzeiht, daß mein verwegnes Blat

Das Küßen unterbrochen hat

Und eure Sehnsucht aufgehalten:

Macht jezund das Versäumte voll;

Ich will indeßen, wie ich soll,

Vor euer Wohl die Hände falten.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 5, Leipzig 1935, S. 45-46,49-51.
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