Als er gegen seine Schöne sich etwas zu frey aufgeführet hatte

[147] Hat jemahls Furcht und Scham, du angenehmes Kind,

Dem wenig an Verstand und Schönheit ähnlich sind,

Den angesezten Kiel mir in der Hand verrücket,

So ist es warlich wohl auf diesen Tag geschehn,

Da meine Grobheit es um deine Gunst versehn

Und meine Demuth sich vor deinem Eifer bücket.


Ich fühle deinen Zorn, der als ein scharfes Schwerd

In meine Seele dringt und durch das Herze fährt,

Ein jeder Blick von dir verweist mir das Verbrechen;

Mich deucht, ich sehe schon, wie heftig, wie erhizt

Der Augen Wetterstrahl auf meine Scheitel blizt,

Mich deucht, ich höre dich schon zu dir selber sprechen:


Ist dies der schöne Mensch, der sich so heilig stellt

Und der kein Waßer trübt, bis er ins Waßer fällt?

Das, warlich, hätt ich mir von ihm nicht träumen laßen,

Das hätt ich auch in ihm mit Spießen nicht gesucht.

O großer Aberwiz, o Junggesellenzucht!

Ach, möchte doch ein Strick ihn bey der Gurgel faßen!


Ach, keusche Marilis, dein Eifer ist gerecht,

Die Strafe noch zu klein, und dein gefallner Knecht

Nicht würdig, nur ein Wort vor dich mehr aufzusezen.

Ruf alle Hencker auf, sprich mir das Leben ab,

Stoß den zerfleischten Leib in ein beschimpftes Grab,

Auch dieses müst ich noch vor eine Gnade schäzen.


Allein was nüzt dir wohl die schlechte Hand voll Blut

Des Sünders, der in Staub und Asche Buße thut?

Zum Creuze kriech ich jezt wie gestern in das Bette.

Erwege meine Reu, schau meine Thränen an

Und glaube, daß kein Mensch so ernstlich weinen kan,

Wenn er wie Petrus gleich auch Gott verleugnet hätte.
[148]

Ich rede fast zuviel; jedoch der herbe Schmerz

Beraubt mich der Vernunft, und mein beklemmtes Herz

Hat in der Brust nicht Raum, weil es der Kummer schwängert.

Erbarme dich, wo noch Erbarmung übrig ist;

Du weist es ohnedem, der ist kein guter Christ,

Der, wenn er helfen kan, des Nechsten Pein verlängert.


Es stirbt kein Mensch so jung, den nicht ein Fall gedenckt;

Kein Weiser ist so klug, den nicht ein Irrthum kränckt;

Den Salomon beschämt die Weißheit seiner Bücher.

Wie leichtlich wird doch nicht die Jugend übereilt;

Wer weis, wer heute noch mit mir die Strafe theilt;

Es lebt kein Sterblicher vor Tod und Fehlern sicher.


Vergieb, vergiß und nimm vor das, was ich verübt,

Dies Blat, so meine Faust dir zitternd übergiebt,

Und schencke meiner Haut vor dieses Mahl die Strafe;

Entreiß mir deinen Zorn, der mich wie Feuer schmerzt.

Schweig, doch wo jemand fragt, ob Günther dich geherzt,

So gieb zur Antwort: Ja, er that es nur im Schlafe.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 147-149.
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