Buß- und Trostlied
Weg, mein Herz, mit den Gedanken als ob du verstoßen wärst

[148] (Luc. 15)


1.

Weg, mein Herz, mit den Gedanken,

Als ob du verstoßen wärst;

Bleib in Gottes Wort und Schranken,

Da du anders reden hörst.

Bist du bös und ungerecht,[148]

Ei, so ist Gott fromm und schlecht;

Hast du Zorn und Tod verdienet,

Sinke nicht! Gott ist versühnet.


2.

Du bist, wie die Menschen alle,

Angesteckt mit Sündengift,

Welches Adam mit dem Falle

Samt der Schlangen hat gestift't;

Aber so du kehrst zu Gott

Und dich besserst, hats nicht Not!

Set getrost! Gott wird dein Flehen

Und Abbitten nicht verschmähen.


3.

Er ist ja kein Bär noch Leue,

Der sich nur nach Blute sehnt,

Sein Herz ist zu lauter Treue

Und zur Sanftmut angewöhnt.

Gott hat einen Vatersinn,

Unser Jammer jammert ihn,

Unser Unglück ist sein Schmerze,

Unser Sterben kränkt sein Herze.


4.

»So wahrhaftig als ich lebe,

Will ich keines Menschen Tod,

Sondern, daß er sich ergebe

An mir aus dem Sündenkot.«

Gottes Freud ist, wenn auf Erd

Ein Verirrter wiederkehrt;

Will nicht, daß aus seiner Herde

Das Geringst entzogen werde.


5.

Kein Hirt kann so fleißig gehen

Nach dem Schaf, das sich verläuft;

Sollst du Gottes Herze sehen,

Wie sich da der Kummer häuft,[149]

Wie es dürstet, jächt und brennt

Nach dem, der sich abgewendt

Von ihm und auch von den Seinen,

Würdest du für Liebe weinen.


6.

Gott, der liebt nicht nur die Frommen,

Die in seinem Hause seind,

Sondern auch die ihm genommen

Durch den grimmen Seelenfeind,

Der dort in der Hölle sitzt

Und der Menschen Herz erhitzt

Wider den, der, wenn sich reget

Sein Fuß, alle Welt beweget.


7.

Dennoch bleibt in Liebesflammen

Sein Verlangen allzeit groß,

Ruft und locket uns zusammen

In den weiten Himmelsschoß;

Wer sich nun da stellet ein,

Suchet frei und los zu sein

Aus des Satans Reich und Rachen,

Der macht Gott und Engel lachen.


8.

Gott und alles Heer hoch droben,

Dem der Himmel schweigen muß,

Wenn sie ihren Schöpfer loben,

Jauchzen über unsre Buß.

Aber was gesündigt ist,

Das verdeckt er, und vergißt,

Wie wir ihn beleidigt haben;

Alles, Alles ist vergraben.


9.

Kein See kann sich so ergießen,

Kein Grund mag so grundlos sein,[150]

Kein Strom so gewaltig fließen,

Gegen Gott ist alles klein,

Gegen Gott und seine Huld,

Die er über unsre Schuld

Alle Tage lässet schweben

Durch das ganze Sündenleben.


10.

Nun, so ruh und sei zufrieden,

Seele, die du traurig bist,

Was willst du dich viel ermüden,

Da es nicht vonnöten ist.

Deiner Sünden großes Meer,

Wie dirs scheinet, ist nicht mehr

(Gegen Gottes Herz zu sagen)

Als was wir mit Fingern tragen.


11.

Wären tausend Welt zu finden,

Von dem Höchsten zugericht't,

Und du hättest alle Sünden,

Die darinnen sind, verricht't,

Wär es viel; doch lange nicht

So viel, daß das volle Licht

Seiner Gnaden hier auf Erden

Dadurch könnt erlöschet werden.


12.

Mein Gott, öffne mir die Pforten

Solcher Gnad und Gütigkeit,

Laß mich allzeit aller Orten

Schmecken deine Süßigkeit;

Liebe mich und treib mich an,

Daß ich dich, so gut ich kann,

Wiederum umfang und liebe

Und ja nun nicht mehr betrübe!

Quelle:
Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 148-151.
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