Der 91. Psalm
Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt, der ist sehr wohl bedecket

[263] 1.

Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt,

Der ist sehr wohl bedecket,

Wenn alles donnert, kracht und blitzt,

Bleibt sein Herz ungeschrecket;

Er spricht zum Herrn: Du bist mein Licht,

Mein Hoffnung, meine Zuversicht,

Mein Turm und starke Feste,

Du rettest mich vons Jägers Strick

Und treibst des Todes Netz zurück

Und schützest mich aufs beste.


2.

Frisch auf, mein Herz! Gott stärket dich

Mit Kraft auf allen Seiten;

Schau her, wie seine Flügel sich

Ganz über dich ausbreiten!

Sein Schirm umfängt und deckt dich gar,

Sein Schild fängt auf, was hie und dar

Von Pfeilen fleugt und tobet:

Der Schild ist Gottes wahres Wort,

Der Schirm ist, was der starke Hort

Versprochen und gelobet.


3.

Wenn dich die schwarze Nacht umgibt,

Kannst du fein sicher schlafen,

Des Tages bleibst du unbetrübt[263]

Von deines Feindes Waffen.

Die Peste, die im Finstern schleicht,

Und des Mittages umherkreucht,

Wird von dir abgeführet;

Und wenn gleich tausend fallen hier,

Und zehentausend hart bei dir,

Bleibst du doch unberühret.


4.

Hingegen wirst du Lust und Freud

An deinen Feinden sehen,

Wenn ihnen alles Herzeleid

Vom Höchsten wird geschehen;

Wer Gott verläßt, wird wiederüm

Verlassen und mit großem Grimm

Zu seiner Zeit geschlagen;

Du aber, der du bleibst bei Gott,

Findst Gnad und darfst in keiner Not

Ohn Hilf und Trost verzagen.


5.

Kein Übels wird zu deiner Hütt

Eingehn und dir begegnen,

Gott wird all deine Tritt und Schritt

Auf deinen Wegen segnen;

Denn er hat seiner Engelschar

Befohlen, daß sie vor Gefahr

Dich ganz genau bewahren,

Daß dein Fuß möge sicher sein

Und nicht vielleicht an einen Stein

Zu deinem Schaden fahren.


6.

Du wirst auf wilden Leuen stehn

Und treten auf die Drachen;

Du wirst ihr Gift und scharfe Zähn

In deinem Sinn verlachen.

Das machts, daß Gott will bei dir sein,[264]

Der spricht: Mein Knecht begehret mein,

So will ich ihm beispringen;

Er kennet meines Namens Zier,

Drum will ich ihm auch nach Begier

Mein Hilf und Rettung bringen.


7.

Er ruft mich an, so will ich ihn

Ganz gnädiglich erhören;

Wenn sein Feind auf ihn aus will ziehn,

So will ich stehn und wehren.

Ich will ihn reißen aus dem Tod

Und nach erlittner Angst und Not

Mit großer Ehr ergötzen;

Ich will ihn machen lebenssatt

Und, wenn er gnug gelebet hat,

Ins ewge Heil versetzen.

Quelle:
Paul Gerhardt: Dichtungen und Schriften, München 1957, S. 263-265.
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