1780

[158] 4/878.


An Charlotte von Stein

Darmstadt d. 1. Jan. 1780.

Seitdem wir uns an den Höfen herumtreiben und in der sogenannten grosen Welt hin und her fahren ist kein Seegen für die Correspondenz. Das schöne Jahr haben wir in Dieburg mit kleinen Spielen angefangen, wo Diedens der Stadthalter seine Schwägerinn, Graf Nesselrodt zusammen waren. Heut sind wir wieder hier, morgen in Homburg, Dienstag wieder hier, wo die Erbprinzess das Melodrama geben wird.

[158] Seit einigen Tagen hat eine herrliche Kälte Himmel und Erbe aufgeklärt. Der Herzog ist munter und erkennt sich nach und nach im alten Elemente wieder, beträgt sich vortrefflich, und macht köstliche Anmerckungen. Von mir kann ich das nicht rühmen ich stehe von der ganzen Nation ein für allemal ab, und alle Gemeinschafft die man erzwingen will, macht was halbes, indess fuhr ich mich so leidlich auf als möglich. Hier gefällt mir die Prinzess Charlotte (der verwünschte Nahme verfolgt mich überall) doch hab ich auch nichts mit ihr zu schaffen aber ich seh sie gerne an, und dazu sind ia die Prinzessinnen.

Wenn Sie iezt von dieser Welt wären könnt ich mit einer schönen Anzahl Schilderungen aufwarten coll amore dell odio gezeichnet. Es ist unglaublich was der Umgang mit Menschen die nicht unser sind den armen Reisenden abzehrt, ich spühre ietzt manchmal kaum dass ich in der Schweiz war. Adieu und Glückliches neues Jahr. Ich muss aufhören meine Feder ist zu elend und in einem Schloss ist wie Sie wissen nichts zu haben.


Homburg d. 3. Jan.

So ziehen wir an den Höfen herum, frieren und langeweilen, essen schlecht und trincken noch schlechter. Hier iammern einen die Leute, sie fühlen wie es bey ihnen aussieht und ein fremder macht ihnen bang. Sie sind schlecht eingerichtet, und haben meist Schöpfe[159] und Lumpen um sich. Ins Feld kan man nicht, und unterm Dach ist wenig Luft. Ihren Brief vom 27. Dez. erhielt ich gestern, schreiben Sie mir nun ich bitte nach Eisenach bey Streibern abzugeben Wir sind übrigens sehr wohl, die Bewegung, die frische Lufft thun das ihrige und die Sorglosigkeit ist eine nährende Tugend.

Hab ich Ihnen schon geschrieben, dass ich unterweegs eine Operette gemacht habe? Die Scene ist in der Schweiz, es sind aber und bleiben Leute aus mei ner Fabrick. Kayser soll sie komponiren und wenn ers trifft, wird sichs gut spielen lassen es ist eingerichtet dass es sich in der Ferne, bey Licht gut ausnimmt.

Den sogenannten Weltleuten such ich nun abzupassen worinn es ihnen denn eigentlich sizt? Was sie guten Ton heisen? Worum sich ihre Ideen drehen, und was sie wollen? und wo ihr Creisgen sich zuschliest? Wenn ich sie einmal in der Tasche habe werd ich auch dieses als Drama verkehren. Interessante Personae dramatis wären

Ein Erbprinz

Ein abgedanckter Minister

Eine Hofdame

Ein apanagirter Prinz

Eine zu verheurathende Prinzess

Eine reiche und schöne Dame

Eine dito hässlich und arm.

[160] Ein Hofkavalier der nie etwas anders als seine Besoldung gehabt hat.

Ein Cavalier auf seinen Gütern der als Freund vom Haus bey Hofe tracktirt wird. Ein Avanturier in französchen Diensten eigentlicher: in französcher Uniform.

Ein Chargé d'affaires bürgerlich.

Ein Musickus, Virtuoso Komponist beyher Poete.

Ein alter Bedienter der mehr zu sagen hat als die meisten.

Ein Leibmedikus

Einige Jäger, Lumpen, Cammerdiener und pp.


Diese Nachricht bitte als ein Geheimniss zu verwahren denn ob es gleich nicht viel gesagt ist so könnte mir doch ein andrer den Braten vorm Maul wegnehmen. Adieu beste. In Eisenach find ich was von Ihnen. Bald wirds von uns nicht mehr heissen sie kommen sondern sie sind da.


4/879.


An Christian Friedrich Schwan

Franckfurt d. 10. Jan. 1780.

Herr Bruire hat mir die verlangten Zeichnungen geschickt, ich habe ihn wegen der Zahlung des was ich ihm dafür schuldig geworden an Sie gewiesen.

[161] Haben Sie die Güte soviel als er verlangt von den Herren Schmalz, die darüber Ordre haben, zu erheben, und es ihm zuzustellen. Die viele Mühe die ich Ihnen mache beschämt mich, doch hoff ich die Nothwendigkeit wird mich entschuldigen.

Goethe.


4/880.


An Johann Friedrich Krafft

Weimar, den 13.[-17.] Januar 80.

Wir sind glücklich, wohl und vergnügt wieder angekommen. Ihre Packete habe ich in Frankfurt richtig erhalten und danke recht sehr. Durch Ihre Aufmerksamkeit auf diese Dinge, und Ihre Bemühungen mit Petern, leisten Sie mir einen wahren Dienst und vergelten mir reichlich alles was ich etwa für Sie gethan habe. Sein Sie wegen der Zukunft ohne Sorgen, es werden sich gewiß Gelegenheiten finden, wo Sie nützlich sein können, indeß fahren Sie wie bisher fort.

Nächstens will ich Rieden das verflossne Vierteljahr schicken, auch Ihnen was Sie etwa nebenher schuldig geworden; melden Sie mir wie viel, und einiges Taschengeld auf das Gegenwärtige. Für Petern will ich auch sorgen. Nur so viel diesmal in Eile.

G.

[162] Ich erhalte Ihren Brief und will das Nöthige besorgen; bleiben Sie ruhig. Nächstens schick ich Geld und schreibe mehr.

G.


Der Brief ist zurückgeblieben und ich entschließe mich gleich das Geld zu schicken. Ihren Wirth bedaur ich. Die Frau Ried erhält durch dieses das verflossne Vierteljahr. Ihnen schicke ich auch 25 fl. Ihre Schulden zu bezahlen und sich weiters fortzuhelfen. Nächstens, wenn das Wetter besser wird, will ich Ihnen einen Wagen schicken und Sie abholen lassen, wenn ich nicht selbst komme. Wegen Petern schrieb ich an Herrn v. Staff. Fahren Sie fort das möglichste mit ihm zu thun.

Die Strafe wegen des leidigen Handels bezahlen Sie nur ohne Umstände, ich will Ihnen lieber das Geld dazu geben, als daß Sie um Abolition einkommen. Die Sache wird nur dadurch wieder lebendig und ich möchte nicht, daß der Herzog Ihren Namen bei so einer Gelegenheit zu sehen kriegte. Bezahlen Sie nur und schreiben was es macht.


4/881.


An Charlotte von Stein

[Mitte Januar.]

Ich schicke Ihnen was ich von alten Krizzeleien von Franckfurt mitgebracht. Ein Kupfer nach Raphael,[163] und einen Epheu der in den Zeitungen steht und bitte mich zu Gaste.


4/882.


An Charlotte von Stein

Die Ungeschicklichkeit des Glücks zu ersezen. d. 19. Jan. 80.

G.


4/883.


An den Herzog Carl August,die Herzoginnen Amalie und Louise,

Prinz Constantin,

Carl Ludwig von Knebel,

Christoph Martin Wieland und

Karl Theodor von Dalberg

An Herrn Hauptmann von Knebel

zu geneigter weitern Beförderung.

G.


Weimar, den 19. Januar 1780.

Den 4. Mai 1778 schrieb der Herr Statthalter v. Dalberg ein Billet in folgendem:


»Müller, der Maler, geht nach Italien. Wünscht Unterstützung, braucht sie. Verspricht dagegen Zeichnungen, Nachrichten von seiner Reise, warmes Dankgefühl. Also bis zu seiner Rückkunft eine jährliche Pension: Ich wage es eine Subscription zu eröffnen.«


Es unterzeichneten sich:


Durchl. Herzogfür20Louisd'ors.

Durchl. Herzogin Mutter " 10Louisd'ors.[164]

Durchl. Reg. Herzogin " 10Louisd'ors.

Durchl. Prinz Constantin " 10Ducaten.

Goethe " 5Ducaten.

von Knebel " 2Louisd'ors.

Wieland " 5Ducaten.

von Dalberg " 10Ducaten.


Müller, der im August nach Italien gieng, erhielt durch mich den größten Theil der Pension fürs erste Jahr im September, mit dem Versprechen, daß jährlich fortgefahren werden sollte, und er also seine Einrichtung darnach machen könne.

Er erwartete also vergangenen September die versprochene Summe zum zweiten Mal; da aber in meiner Abwesenheit Niemand war, der das Geld einsammelte und besorgt hätte, so gerieth Müller dadurch in große Verlegenheit.

Er schrieb einen Brief von Rom den 16. vergangenen Oktobers, den ich bei meiner Rückkunft antraf.

Er klagt, daß man zu Manheim übel mit ihm umgehe und wie er seine einzige Hofnung auf die Beihülfe von Weimar setze.

Ich zeichne einige Stellen des Briefes aus:


»Ich habe ein Stück für Sie fertig; was es ist, will ich Ihnen jetzo gleich sagen, hernach können wir weiter fortreden. Dieß Stück ist aus der Epistel Judä genommen, stellt den Streit des Erzengels Michaelis mit Satan über den Leichnam Mosis vor, ein Subjekt das[165] Raphael oder ein Michel Angelo hätte malen sollen. – Kurz ich habs gemacht, und wie ich's gemacht, werden Sie bald sehen, wenn ichs künftiges Frühjahr durch meinen Freund Mechau nach Weimar werde überbringen lassen. – Wers einmal gesehen, kommt immer und siehts wieder, und ob ich gleich nur ein Jahr hier bin, hat mirs doch so viel zuwege bracht, daß mein Wort immer unter denen, die zwölf und funfzehn Jahr schon hier studiren, gilt.

Wie wollen Sie's denn künftig mit meiner Pension einrichten, daß ich sie hier zu gewissen Zeiten ziehen und darnach meine Maßregel in Ansehung der Ausgaben zu meinem Studio nehmen kann. – Seyn Sie versichert, ich werde Ihnen als ein ehrlicher Mann immer so viel Arbeit dagegen liefern, daß Sie gewiß nicht zu kurz dabey kommen sollen. Das erste Jahr konnt ich nicht sogleich wie ich wolte, bis mann Rom kennen lernt, alle Gallerien, Willen, Monumenten . bis man sich zum Arbeiten eingericht, eine Werckstelle gefunden (wie ich denn bis dato noch keine eigene habe und immer noch zu Gast arbeiten muß, das im Grunde sehr verdrüßlich ist,) alles das nimmt Zeit hinweg und dann wird auch die erste Arbeit nicht gleich so, daß mann sie einem brafen Mann zuschicken mag. Auf künftiges Frühjahr hoff ich werden Sie mit mir zufrieden seyn. Denken Sie also darauf, mein lieber Goethe, wie Sie's mit meiner Pension einrichten wollen. Der Winter bricht jetzt heran, da verdoppeln sich viele Ausgaben, ich muß mir eine eigene Werckstätte anschaffen, sollt ich mirs auch am Maul abspahren. Wir Deutsche müssen unsere eigene Akademie hier unterhalten . Glauben Sie, daß zu dem Gemälde, das ich Ihnen überschicken werde, die[166] Studien allein an Modellen, Gipfe, Malereien, die ich copirte, und für die Erlaubniß bezahlen müssen, sich über dreißig Zechinen belaufen – das ist, so wahr Gott lebt, die Wahrheit.«


Unter diesen Umständen habe ich sogleich bei meiner Rückkunft die ganze Summe, die 304 Thlr. 12 Gr. nach hiesigem Gelde ausmacht, an ihn nach Rom übermacht und erbitte mir von seinen toten Gönnern gnädigen und gefälligen Ersatz.

Ich bin überzeugt, daß er der wohlthätigen Gesellschaft in der Folge sowohl Ehre als Vergnügen ma chen wird.

Wegen einer Einrichtung für die Zukunft will ich mich mit ihm abreden und seine Antwort vorzulegen nicht verfehlen.

G.


4/884.


An Philipp Christoph Kayser

Weimar den 20. Januar 1780.

Ihren Brief lieber Kaiser vom 16. Dez. habe ich erst bei meiner Rükreise in Weimar gefunden, da schon von Frankfurt die versprochne Operette mit dem neuen Jahr abgegangen war die Sie schon lange haben müssen und worüber ich Ihre Gedanken erwarte. Nach Ihrem Verlangen schike ich Ihnen ein zweites Exemplar, wo ich an die Gesänge mit rother Dinte das allgemeinste des Tons beigezeichnet habe, freilich[167] nicht viel mehr als Ihnen die Verse selbst sagen werden. Den Charakter des Ganzen werden Sie nicht verkennen, leicht, gefällig, offen, ist das Element worinn so viele andre Leidenschaften, von der innigsten Rührung biss zum ausfahrendsten Zorn u.s.w. abwechseln. Edle Gestalten sind in die Bauernkleider gestekt und der reine einfache Adel der Natur soll in einem wahren angemessenen Ausdruk sich immer gleich bleiben. Sie haben in dem Augenblik da ich dieses schreibe, vielleicht schon mehr über das Stük nachgedacht als ich Ihnen sagen kann, doch erinnre ich Sie nochmals machen Sie sich mit dem Stüke recht bekannt ehe Sie es zu komponiren anfangen, disponiren Sie Ihre Melodien Ihre Accompagnements u.s.w. dass alles aus dem Ganzen und in das Ganze hinein arbeitet. Das Accompagnement rathe ich Ihnen sehr mässig zu halten nur in der Mässigkeit ist der Reichthum, wer seine Sache versteht thut mit zwei Violinen, Viole und Bass mehr als andre mit der ganzen Instrumentenkammer. Bedienen Sie sich der blassenden Instrumenten als eines Gewürzes und einzeln; bei der Stelle die Flöte, bei einer die Fagot, dort Hautbo, das bestimmt den Ausdruk und man weis was man geniesst, anstatt dass die meisten neure Componisten, wie die Köche bei den Speissen einen Hautgout von allerlei anbringen, darüber Fisch wie Fleisch und das Gesottne wie das Gebratne schmekt. Recitatif brauchen Sie nach meiner Anlage gar nicht,[168] wenn Sie an einem Orte den Gang einhalten, die Bewegung mässigen wollen, so hängt es von Ihnen ab solches durchs Tempo, allenfalls durch Paussen zu bewürken, doch bleibts Ihnen ganz frei wie sichs Ihnen im geistigen Ohre vorstellt. Ich bin neugierig Ihre Gedanken über das Stük zu hören. Ich bitte Sie währender Arbeit mir immer manchmal was zu melden, es erregt eines in dem andern einen guten Gedanken.

Noch muss ich eins anführen! Von dem Moment an da Thomas das Quodlibet zu singen anfängt geht die Musik ununterbrochen biss zu Ende fort und wird wenn man es mit einem Kunstterm stempeln wollte zu einem ungeheuren langen Final. Ich bin gewiss dass ich mit iedem andern Musikus ausser Ihnen viel Händel haben würde, weil so mancherlei Melodien und Ausdrüke auf einander folgen, ohne dass die schiklichen Pantomimen zu langen Vorbereitungen Ausführungen und Übergängen Plaz liesen. Mit Ihnen ist es mir aber Gott sei Dank gar nicht bange. Was ich an Ihren Sachen am meisten schäze ist eben diese Keuschheit, die Sicherheit mit wenigem viel hervorzubringen und mit einem einzigen veränderten Griff mehr zu thun als wenn andre sich in weitläufigen Orgeleien den Zügel schiessen lassen. Bei dieser Gelegenheit wird Ihnen das variiren eben derselben Melodie grosse Dienste thun und es ist ein sehr schöner einfacher Eindruk den man am rechten[169] Orte durch einen minor durch eine gewandte Harmonie hervorbringt. Ich sage Ihnen lauter Sachen die Sie besser wissen können als ich, doch ist es auch gut dass Sie in der Ferne bestimmt wissen in wie fern wir eines Sinnes sind. Lassen Sie dieses kleine Stük Ihr anhaltend Studium sein, und zeigen Sie dadrinne Ihren ganzen Reichthum dass Sie nicht mehr hineinlegen als ihm gehört. Schreiben Sie mir ia bald.

Bald hätte ich das Nothwendigste zu sagen vergessen.

Die Aktrice, der Bätelys Rolle zugedacht ist hat einen schönen Umfang von Stimme und ist eine geübte Sängerinn, die beiden Mannsleute sind Tenore, zwar nur Liebhaber, doch aber Leute die sich zu finden wissen. Thomas sollte eigentlich eine Basstimme sein, diese aber haben wir nicht. Die Mutter ist eine gute Sängerinn.

G.[170]


4/884a.


An N.N.

Sie sind so gütig was an Extrackten, und Manualen abgeht zusammen zu schaffen, und den allgemeine Auszug zu fertigen.

d. 23 Jan. 80.

G.[9]


4/885.


An Charlotte von Stein

[Ende Januar.]

Ich dancke lieber Engel für die Vorsorge. Hierhausen bin ich soweit ganz gut, hab auch alles beysammen. Der Kopf ist mir nur gar sehr eingenommen ich darf nicht einmal Bilder sehen. Wenn Sie etwa mit einigen guten Freunden gegen Abend zu mir[170] kommen wollten, die Stunden werden mir immer am sauersten. Adieu.


4/886.


An Charlotte von Stein

Wie gehts Ihnen heute und was fangen Sie an. Gestern Abend hätt ich Sie gerne besucht, ich musste aber hin wo die Kutsche hinwollte. Es ist mir gar leidlich. Gestern trieb ichs schon wieder ein bissgen zu arg, hörte das Alexander Fest, und schwazzte zu viel bey der Herzoginn und erzählte, dass mirs gegen Abend nicht ganz recht war. Gehn Sie heut nach Hof? d. 6. Febr. 80.

G.


Schicken Sie mir doch das Stückgen Reisebeschreibung vom Münsterthal, Lac de Joux, und Savoyen! ich schreibe am Wallis.


4/887.


An Johann Kaspar Lavater

Weimar den 7. Febr. 1780.

Ich muss dir von dem, was bisher vorgefallen Nachricht geben. Angekommen ist ausser deinem lezten Transport von dem du schreibst wo bei der Correge ist, alles ganz glüklich. Der Hamilton zulezt, und zugleich dein Paquet mit der Abschrift der Offenbahrung.[171] Ich muss sagen ie mehr ich die erste Capitel lese ie mehr gefallen sie mir, auch finden sie bei iedermann Beifall. Nicht so ist es mit der zweiten Helfte des Buchs. Ich glaube aber auch zu finden, worinn mich andre bestärken, dass die andre Helfte des Buchs bei weitem nicht den Werth wie die erste hat. Ihr habt, wie ich höre eure Stimmen über Herders Buch viritim gesammelt und ihm zugeschikt. Ich habe sie noch nicht zu sehen gekriegt.

Deine Albrecht Dürers, Martin Schön und Lukas von Leiden, die du von Toggenburg und von Heideggern hast sind alle schon recht schön von ihren alten Papieren losgelöst und warten nur drauf bis der lezte Transport deines eignen ankommt um wieder in recht schöner Ordnung aufgetragen zu werden. Ich hoffe du sollst an dieser Sammlung, wenn sie fertig ist ein Vergnügen haben. Ich werde dir ieden Meister besonders halten und von denen wo ichs wissen kann den Werth der Blätter und Abdrüke bestimmen. Bei der Albrecht Dürerischen Sammlung, will ich so viele Blätter als mir Stüke fehlen frei lassen und die Nummern drauf schreiben, dass du sie wenn du sie künstighin bekömmst nur einkleben darfst. Von den Martin Schöns und Lukas von Leiden kenn' ich keinen kompletten Catalogus kann es also damit nicht eben so machen. Einige Blätter die dem Herzog in seiner Sammlung fehlen, werd ich dir zurükbehalten, dafür wirst du aber die er doppelt besizt und die ich sonst[172] für dich auftreiben kann bei den deinigen mit eingeheftet finden. Das getuschte Portrait von dir, das in der Offenbahrung lag hab' ich sogleich als wenn dus vor mich hinein gelegt hättest angenommen. Es ist wenn man sich erst mit der Trokenheit und Bestimmtheit verglichen hat, wie mich dünkt, ein sehr gutes Bild.

Ich bitte dich mir auf das baldeste ein kleines producibles Avertissement zu schreiben deine französische Phisiognomik betreffend, sowohl, welchen Weeg du einschlägst das Buch dem Publiko nüzlich zu machen, als auch vorzüglich wie viel man dafür bezahlen soll und wann man das Buch erhalten wird, was ich dir alsdenn auf diese bestimmte Anzeige für Subscribenten verschaffen kann will ich gerne thun, denn gegenwärtig scheut sich iedermann, sich in ein Wert ein zulassen das so weit wie dein teutsches Werk führen und so theuer zu stehen kommen könnte.

Aus beiliegendem Briefe wirst du ersehen dass dein befehlendes Gebät nicht überall durchgeht. Lass, ich bitte, die Sache ruhen, und thue wenn du ihm wieder schreibst weiter nicht als wenn was gewesen wäre. Wenn wir einander was zu Gefallen thun können wollen wir's thun und andre ungeplagt lassen.

Semlers ganzen Brief an dich mögt ich sehen.

Ich habe vierzehn Tage eine Art von Catharfieber gehabt und muss noch iezo mit meiner Arbeit ganz sachte zugehen. Vergiss doch ia nicht mir die[173] Lotte kopieren zu lassen. Schmieds Bibel wirst du haben.

Die Cenci und zwei Gluks warten auf einen Fuhrmann.

Grüse deine Frau und deine Kleinen, Bäben und Pfenningern. Schreib mir manchmal was du machst dass wir beisammen bleiben.

G.


NB. Einige meiner Freunde denen ich sagte du hättest dem Buche wollen, Messiade Johannis zum Titel geben, haben ihn sehr schicklich gefunden, sie sagen zwar auch mit mir dass der Seitenblick auf Klopstock einen Augenblick anstose, es sey aber weil doch dieses Buch weit mehr als ein andres und in deiner Behandlung tausendmal mehr als Klopstocks Gedicht den Messias vergöttre, ein guter Gedancke dies Buch Messiade zu heissen, und dadurch das Licht auf den Leuchter zu stecken. Thu was du meinst. Ich habe offt für lauter Recht würcklich unrecht.

G.


4/888.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen meine beste. Haben Sie Sich wohl erlustigt, haben Sie ein angenehmes Tarock gespielt und bey irgend einem Thiere mein gedacht?

d. 9ten Febr. 80.

G.[174]


4/889.


An Johann Friedrich Krafft

Ich habe so viel zu thun daß ich nicht sagen kann als, ich bitte sich zu beruhigen.

Sie haben den Fehler der zu grosen Ängstlichkeit und daß Ihre immer geschäftige Immagination alles aneinander hängt, und überall Sturz und Fall und das Ende aller Dinge zu sehen gewohnt ist. So lang der Amtmann rechtschaffen handelt, hat er nichts zu fürchten. Was diese Sache für eine weitere Wendung nimmt, wird zu erwarten sein. Mischen Sie sich in weiter nichts und bleiben still auf Ihrem Platz.

Weimar, den 10. Febr. 80.

G.


4/890.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Ew. Excellenz

nehme mir die Freiheit mit einer Bitte zu behelligen. Schon lange hatte ich einige Veranlassung zu wünschen, daß ich mit zur Gesellschaft der Freimaurer gehören möchte; dieses Verlangen ist auf unserer letzten Reise viel lebhafter geworden. Es hat mir nur an diesem Titel gefehlt um mit Personen, die ich schätzen lernte, in nähere Verbindung zu treten- und dieses gesellige Gefühl ist es allein, was mich um die Aufnahme nachsuchen läßt. Wem könnte ich[175] dieses Anliegen besser empfehlen, als Ew. Excellenz? Ich erwarte, was Sie der Sache für eine gefällige Leitung zu geben geruhen werden, erwarte darüber gütige Winke und unterzeichne mich ehrfurchtsvoll

Ew. Excellenz

Weimar,

ganz gehorsamster Diener

den 13. Febr. 1780.

Goethe.


4/891.


An Christian Friedrich Schwan

Wohlgebohrner

Hochzuehrender Herr

Von Frankfurt aus hab' ich mir die Freiheit genommen Sie wegen des Mahler Bruins zu beschweeren, ich habe Sie gebeten ihm wegen seiner Bemühungen etwas anzubieten und die Auslagen auf ordre derer Herren Bettmänner wieder einzukassiren. Ich habe die Zeit nicht gehört ob er etwas angenommen und wünschte doch eh' ich ihm wieder schreibe es zu wissen. Wollten Sie doch die Güte haben mir mit wenigen Worten Nachricht zu geben. Grüsen Sie Müllern in Rom vielmals, wenn Sie ihm die hundert Dukaten überschiken und verzeihen Sie die doppelten Beschweerden die ich Ihnen verursache.

Ew. Wohlgeb.

Weimar

ergebenster Diener

den 18ten Febr. 1780.

Goethe.[176]


4/892.


An Samuel Wyttenbach

Mit Vergnügen erinnere ich mich der wenigen angenehmen und lehrreichen Stunden, die ich bei Ihnen zugebracht, und nehme mir die Freiheit Sie an das versprochene Exemplar Wagnerischer Prospekte zu erinnern. Sollte es etwa schon abgegangen sein, so bitte ich um einige Worte Nachricht. Auf unserer übrigen Reise durch die Schweiz bin ich Ihrem guten Rathe gefolgt, und habe mich sehr wohl dabei gefunden. Wir sind so glücklich gewesen bei schönstem Wetter und ohne den mindesten Zufall auf Genf, Chamouni, über Trient ins Wallis, dasselbe ganz hinauf, über die Furka und Gotthardt und den vier Waldstättersee nach Luzern zu kommen. Haben Sie die Güte wenn Ihnen die Zeit übrig bleibt mir in der Folge Ihre merkwürdigen Entdeckungen mitzutheilen und bleiben Sie meiner Hochachtung versichert.

Weimar den 18. Febr. 1780.

Goethe.


4/893.


An C. von Düring

Weimar den 20. Febr. 1780.

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr

Ich verfehle nicht Ihnen sogleich die Nachricht zu ertheilen dass Herr v. Scholley endlich das Legat für[177] Peter im Baumgarten ausgezahlt hat. Den 14. Jan. und 15. Febr. sind iedesmal 200 St. Louis d'or zu 5 rh. und also 2000 rh. an meinen Banquier in Eisenach eingegangen. 1000 rh. hab ich sogleich davon als ein Capital bei der Eisenacher Landschaftskasse angelegt, von den andern 1000 ist folgende Verwendung zu machen.

Herr von Salis zu Marschlins hat laut beyliegender Rechnung eine Forderung von 60 1/3 alte französche Louis d'or die nach des seeligen Lindaus leztem Willen und nach den ersten Äusserungen des Herrn v. Scholley von dem Legate abgekürzt werden sollen. Ich habe dem Herrn v. Salis sogleich dieses Geld in Frankfurt angewiesen und diesen Mann der mir in der lezten Zeit die dringendste Briefe geschrieben und mir eine förmliche Substitutions Urkunde geschikt befriediget.

Ferner ist Peter an einen gewissen Ramont in Colmar auch noch 8 neue Louis d'or schuldig, welche Post ich auch untersuchen und abtragen werde.

Die Rechnung meiner eignen baaren Auslagen für den Knaben biss ult. 1779 beträgt 367 rh. 12 gr. 5 pf. Daraus denn zusammen beiliegende Berechnung entsteht.

Ich überlasse es nunmehr denen gegen mich geäusserten gnädigen Gesinnungen in wie fern es denen Frauen und Fräul. Schwestern meines seeligen Freundes gefällig sein wird dieses Kapital wieder zu komplettiren und in der Folge während der Erziehung dieses Knabens ganz zu erhalten.

[178] Es lässt sich derselbe gegenwärtig ganz gut an und ich habe einen Verständigen und braven Mann der sich in Ilmenau aufhält bewogen dass er ihm im Französchen Rechnen Schreiben Zeichnen auch den nothwendigsten Anfangsgründen der Wissenschaften eine beständige Übung unterhalte.

Noch muss ich bemerken dass die Forderung des Herrn von Salis an meinen seeligen Freund durch die 60 1/3 Louis d'or nicht völlig getilgt ist. Nach obgedachter beyliegenden Rechnung steht noch vor Andreas Feurer die Summe von 678 fl. 43 kr. Churer Valuta oder 62 1/2 alte französche Louis d'or zurük. Ich habe diesen Posten bei Herrn von Schollei in Erinnerung gebracht und bitte gleichfalls um baldige Berichtigung. Es kan das Geld an mich ausgezahlt werden, indem ich eine gerichtliche Vollmacht des Herrn v. Salis in händen habe.


4/894.


An C. L. A. von Scholley

[20. Februar.]

Hochwohlgebohrner

Hochzuehrender Herr

Mit Vergnügen habe aus einem Brief des Herrn Commerzienrath Streibers ersehen dass das Legat für Peter im Baumgarten nunmehro wirklich ausgezahlt worden. Er wird dagegen Ihnen die Generalquittung[179] überschikt haben. Von dieser ist mir auf der Reise das Concept verlegt worden, ich bitte daher zu Complettirung meiner Ackten um eine gefällige Abschrift.

Zugleich werden Ew. Hochwohlgebohren aus beiliegender Rechnung des Herrn von Salis ersehen, was für Forderungen derselbe an die Erben meines seeligen Freundes formirt. Die Erste Post Petern im Baumgarten betreffend die nach dem Testamente sowohl als auch nach der ersten dem Herrn v. Salis gethanen Eröfnung von dem Legate abgezogen werden sollte habe ich gleich mit 60 1/3 Louisdor durch die Herren Bettmann in Frankfurt an ihn übermachen lassen. Was nun aber den Überrest von 60 1/2 Louis d'or für Andreas Feurer betrift so bitte ich Ew. Hochwohlgebohren ia sehr auch diese Post auf das baldigste zu berichtigen und den Herrn von Salis der sein Geld so lange entbehren müssen zufrieden zu stellen. Er hat mir auch dieses Geld einzunehmen eine legale Vollmacht überschikt, wovon ich auf Erfordern eine vidimirte Abschrift mittheilen kann.

Ich wiederhole meine Bitte um baldige geneigte Antwort und um eine bei denen grosmüthigen Gesinnungen der von Lindauischen Geschwister so leicht mögliche völlige Beendung dieses Geschäfts. p.[180]


4/895.


An Karl Ulysses von Salis

[20. Februar]

Hochwohlgebohrner

Hochzuehrender Herr

Vor wenigen Tagen hat endlich Herr von Schollei das Legat von 2000 rh. berichtiget. Ich verfehle nicht sogleich unter dem heutigen dato an die Herren Bettmänner in Frankfurt am Main 60 1/3 alte Louis d'or für Sie anweissen zu lassen so viel beträgt nach Ihrer mir eingeschikten Rechnung die rükständige Pension für Petern im Baumgarten. Wegen der andern Post für Andreas Feurer will ich das möglichste thun um Ihnen dieselbe auch bald einzukassiren doch steh' ich nicht davor dass der schläfrige und unbehülfliche Herr von Scholley uns nicht auch wieder einige Jahre herumzieht. So bald Sie das Geld erhalten, bitte ich um gefällige Nachricht und Quittung. Behalten Sie mich in gutem Andenken. Es hat mir sehr leyd gethan dass meine lezte Reise in die Schweiz mich nicht in Ihre Gegend geführt hat. Sie hätten gewiss einen Besuch von uns erhalten, wenn die Jahrszeit uns nicht zum Rükzug genötigt hätte.[181]


4/896.


An J. L. Streiber

[20. Februar.]

Wohlgebohrner

Hochzuehrender Herr

Für die gütige Besorgung der verschiedenen Aufträge bezeige ich Ew. Wohlgeb. meinen grössten Dank und bitte Sie zugleich von dem bei Ihnen noch vors räthig liegenden Gelde 60 1/3 St. alte Louis d'or für Herrn Ulysses von Salis in Marschlins bei Chur in Graubündten an die Herren Bettmann nach Frankfurt zu übermachen. Es werden dieselben solche weiters an Herrn Schulthes nach Zürich in der Limmatburg anweisen, von welchem sie sodann Herr von Salis empfangen wird. So viel ich weis haben die Herren Bettmänner schon geraume Zeit Nachricht von diesen einzugehenden Geldern. Den Überrest bitte ich sodann an den Herrn Landschafts Cassier Kern abzugeben der mir solchen mit dem ersten Transport herüber zu schiken die Güte haben wird.

Mit Vergnügen kann ich Ihnen melden dass ich von meiner kleinen Unpäslichkeit vollkommen wieder hergestellt bin, und danke für den Antheil den Sie an meinem Wohlsein nehmen wollen. Empfehlen Sie mich Ihrer ganzen werthen Familie zu geneigtem Andenken.

[182] N. S.

Wollten Sie die Güte haben mir gelegentlich einige Duzend von denen feinen Pappen wozwischen die Risse gepresst werden zu überschiken, ich kann solche um Zeichnungen drauf zu tragen gar wohl benuzen.


4/897.


An Charlotte von Stein

[24. Februar.]

Ich bin zwar wieder kranck will aber doch fahren. Sagen Sie obs noch ist und wann. Und lassen Sie mir Hauptmanns Schliten† bestellen ich bitte. Denn es ist so weit.

† und Vorreuter.

Er mag nur bereit seyn ich will ihn hohlen lassen.


4/898.


An den Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha

Durchlauchtigster Herzog,

Gnädigster Herr

Die funfzehn Bände Herzoglich Bernhard'scher Papiere habe ich am vorigen Freitage erhalten und übersende sogleich den schuldigen Empfangschein mit unterthänigstem Danke. Sie sind durch Ew. Durchl. gnädige Vorsorge zum leichteren Gebrauche so bequem eingerichtet, daß sie ganz appetitlich aussehen, und[183] ich wünschte mit meinen Vorarbeiten so weit zu sein, daß ich gleich dran gehen und sie nach einander durchsehen dürfte. Um aber nicht das Hinterste zu vorderst und unnöthige Arbeit zu thun, muß ich mich davon zurückhalten. Sie sind, wie ich beim flüchtigen Durchsehen finde, insgesammt von den letzten Jahren des Herzogs, und nun bedaure ich erst, aus eignem Antheile, den Verlust der Schlacht bei Nördlingen, die nun auch mir nach so langer Zeit schädlich wird. Dagegen habe ich aus dem Diarium des von Grün, das mir Ew. Durchl. anvertraut, schon manches Merkwürdige ausgezeichnet, es wird mir, so viel ich noch übersehen kann, wohl die wichtigste Quelle bleiben, woraus ich meine Anlagen wässern kann. Der Antheil, den Ew. Durchl. an meiner Arbeit gnädigst nehmen wollen, macht mir sie doppelt werth, und ich wünschte auf die würdigste Weise dem Hause Sachsen, dem ich mich gewidmet habe, in einem seiner größten Männer meine Verehrung bezeugen zu können, ob ich gleich mir nicht mehr zutraue, als daß vielleicht meine Bemühung einen Andern, der diesem Geschäfte mehr gewachsen ist, aufweckt und reizt. Erhalten mir Ew. Durchl. fernerhin guten Muth durch das unschätzbare Wohlwollen, dessen gnädige Zeichen und Ausdrücke ich auf das Dankbarste empfinde.

Von dem Hofbildhauer Clauer habe ich gehört, daß Durchl. vielleicht einige Stücke Stein zu einem[184] Camine brauchen könnten, sollte der Fall kommen, so bitte um ein accurates Maas, um sehen zu können, ob dergleichen Steine vorräthig sind und sie alsdann auf Ew. Durchl. Befehl entweder roh oder von unserem Künstler, nach einer genehmigten Zeichnung gearbeitet, übersenden zu können. – Der Herzogin und des Prinzen Durchlauchten empfehle ich mich zu Gnaden und unterzeichne mich mit wahrster Ehrfurcht und Ergebenheit

Ew. Durchl.

Weimar,

unterthänigster Diener

den 28. Febr. 1780.

Goethe.


4/899.


An Charlotte von Stein

Der Sturm hat mich die Nacht nicht schlafen lassen, das Treiben der Wolcken ist aber iezt gar schön. Die Zeichnung steht oben beym Herzog, ich bin nicht weit mit der meinigen gekommen. Wenn Sie zeichnen wollen; so lassen Sie das Original nur holen, sonst lassen Sie mirs noch heute. d. 29. Febr. 1780.

G.


4/900.


An Charlotte von Stein

Es ist sehr artig dass wir unsre alten Meubles wechseln, ich dancke fürs überschickte. Gestern hätt[185] ich wohl mitgehn können der Schlaf überwältigte mich als ich nach Haus kam und konnte nichts mehr thun. Vielleicht locken Sie mich durch den Regen nach Tiefurt. Adieu meine liebste beste.

d. 29 Febr. 80.

G.


4/901.


An Charlotte von Stein

Diese aufblühende Blume wird die schönste Amarillis genant. stellen Sie sie an das Fenster es wird nicht lange so zeigt sie sich. Sagen Sie mir wie Sie Sich befinden.

d. 2. März 80.

G.


4/902.


An Wolfgang Heribert von Dalberg

Weimar den 2. Merz 1780.

Das verbindliche Schreiben von Ew. Excellenz mit den angenehmen Zeichnungen würde mich beschämt haben, wenn ich nicht seit meiner Rükkunft bedacht gewesen wäre mein Versprechen zu erfüllen. Ich habe die Mitschuldigen, das Stük womit wir einen Versuch machen wollen, erst selbst nochmals durchgelesen und von Freunden durchlesen lassen, und wir haben verchiedene Verse und Stellen bezeichnet, die einiger[186] Hülfe bedurften. Ich habe sie nach und nach verbessert, wie mich der Trieb dazu anwandeln konnte, und mein Exemplar ist nunmehro beim Abschreiber. Es wird nicht lange währen so erhalten Sie's und ich bitte um Ihre Gedanken und was Sie etwa sonst vor der Aufführung von mir zu wissen verlangen. Sollt' ich nur so weit zu Ihnen haben als zu Ihrem Herrn Bruder, so wollten wir freilich manche Erfahrung zusammen machen.

Unser Theater rükt nach und nach zusammen und wir denken in wenigen Wochen das erstemal drauf zu spielen. Das lezte was ich gemacht habe ist eine kleine Operette, worin die Akteurs Schweizerkleider an haben und von Käs und Milch sprechen werden. Sie ist sehr kurz und blos auf den musikalischen und Theatralischen Effekt gearbeitet. Auch die will ich Ihnen schiken; wenn Sie sie brauchen können so steht sie zu Diensten. Ich höre überall dass Rosenmund gut gegangen sein soll.

Den iungen Schlicht werd' ich mir merken und im Fall unser Künstler etwa abgehen sollte mich an ihn wenden.

Verzeihen Sie dass dieser Brief nicht von meiner eignen Hand ist. Ich habe mirs so angewöhnt, dass ich dicktire wenn ich mich mit Abwesenden unterhalte, dass mir das Schreiben recht zur Pein wird.

Empfehlen Sie mich der gnädigen Frau.

[187] Grüsen Sie Herrn Kobeln viel, er mag doch ia bald etwas von sich hören lassen.

Ew. Excell.

ganz gehorsamster

Diener

Goethe


4/903.


An Sophie von Schardt

[2. oder 3. März.]

Ich will gern in Ihrer Gesellschaft das Fest Ihrer lieben Tante begehn helfen. Kündigen Sie mich auch nur dort an, dass ich nicht als ein ungeladener Gast erscheine. Adieu, liebe Kleine!


4/904.


An Charlotte von Stein

Hier schick ich Stahl den man zur Abwechslung statt der Juwelen in die Haare zu stecken pflegt. Wie ist Ihnen das gestrige Fest bekommen? Mir sehr wohl.

d. 4. März 80.

G.


4/905.


An Charlotte von Stein

[4. März.]

Ich dancke Ihnen dass Sie mir Frizzens Angesicht haben sehen Lassen. Diesen Mittags hab ich Misels[188] und der Probstin Bruder von Leipzig. Die Landschafft die ich schicke, schencken Sie mir wieder, denn ich muss sie der Herzoginn geben, und sie ist doch für Sie gezeichnet.

G.


4/906.


An Sophie von Schardt

[5. März?]

The soft musik of the concert and his pomp should not have invited me to leave my hermitage, but the voice of my beautifull ladies is fit to awake deaths and to change all resolutions of solitude. I shall at your commands, as soon as possible, furnished with tales of old comic and serious, hoping some agreable news of your lips.

G.


4/907.


An Johann Kaspar Lavater

Weimar den 6. Merz 1780.

Es ist nun lieber Bruder alles nach und nach angekommen und ich vermisse nichts als den schönen Hieronymus des Herzogs von Füeslien gekauft. Hast du ihn etwa aus dem Rahmen gethan und unter die andern Kupfer gelegt? Unter deinen sind vier Abdrüke von diesem Stük, doch keiner der mir so schön deucht als die Erinnerung von ienem. Deine lezten Albrecht[189] Dürers sind endlich auch angekommen, sind beim Buchbinder der sie los weicht und es soll nicht lange mehr währen so sind sie in Ordnung, doch hätt' ich geglaubt du wärst reicher als du nicht bist. Ich will dir deswegen gleich ein Verzeichnis der Fehlenden schiken damit du von deiner Seite, wie ich von der meinigen arbeiten kannst sie zusammen zu schaffen. Denn ich verehre täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Menschen der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt an Wahrheit Erhabenheit und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines gleichen hat. Dieses wollen mir nicht laut sagen. Lukas von Leyden ist auch ein allerliebster Künstler. An dem Bild der Madonna in Egypten das du geschikt hast ist alles vortreflich wo die Spur der ersten Hand noch sichtbar ist, und wenn es nicht so viel von Ausbesserern übermahlt wäre sollt es ein unschäzbar Bild seyn. Lass mir doch lieber Bruder einen Riss von eurer Dörrmaschine machen und einen kleinen Aufsaz darüber fertigen. Für die Skizen von Füesly dank ich dir recht herzlich.

Heideggern magst du im Namen des Herzogs danken. Was soll des Menschen Zuthulichkeit? Ich glaube es ist das gescheutste man lässt ihm einmal ein paar hübsche Landschaften von Krause ausführen und schikt's ihm dagegen.

Ich habe selbst eine schöne Sammlung von geistigen Handrissen, besonders in Landschaften, auf meiner[190] Rükreise zusammengebracht, passe doch ein wenig auf, dir geht ia so viel durch die Hände, wenn du so ein Blat findest, woraus die erste schnellste unmittelbarste Äusserung des Künstler Geistes gedrukt ist, so lass es ia nicht entwischen wenn du's um leidliches Geld haben kannst. Mir macht's ein besondres Vergnügen.

Deine Offenbahrung findet überall vielen, und den rechten Beifall, wegen des übrigen sei unbesorgt dein Buch muss sein und bleiben was es ist. Meine Grillen gehören nicht hierher, denn wenn mir auffällt dass durch den Text so wohl als durch deine Arbeit die rasche Gesinnung Petri worüber Malchus ein Ohr verlohr, durchgehet, so hat das bei tausend und tausenden nichts zu bedeuten. Ich will auch nicht behaupten dass mein Gefühl das reinste ist, ich kann mich aber nicht überwinden den Innhalt des Buchs für evangelisch zu halten. Jezt da es andre lesen und mir sagen wie es ihnen vorkommt, seh ich erst recht die trefliche Art wie du es behandelt hast und dein poetisches Verdienst bei der Sache ein. Schreib mir doch wer der Rammont in Colmar ist der an Petern noch was zu fordern hat. Ich habe endlich das Geld gekriegt und auf der Frankfurter Messe wird unser Banquier auch die Schuld an Salis berichtigen, obgleich das er von Thomas Feurern zu fordern hat, das nicht ich sondern Lindaus Erben zu bezahlen haben, zurükbleibt.

[191] Halte künftighin meine Briefe hübsch in Ordnung und lass sie lieber heften wie ich mit den Deinigen auch thun werde, denn die Zeit vergeht und das wenige was uns übrig bleibt, wollen wir durch Ordnung, Bestimmtheit und Gewissheit in sich selbst vermehren. Dass du so geplagt bist mit kleinen Geschäften ist nun einmal Schiksal. In der Jugend traut man sich zu dass man den Menschen Palläste bauen könne und wenn's um und an kömmt so hat man alle Hände voll zu thun um ihren Mist beiseite bringen zu können. Es gehört immer viel Resignation zu diesem ekeln Geschäft, indessen muss es auch sein.


Steiner ist nicht zu uns gekommen, sondern wie ich höre in Dresden. Ich habe die zwei Carolin an Herdern bezahlt, der sie ihm übermachen wird. Grüse Bäben, ich schreib und schick ihr bald. Grüse Frau und Kinder, und was Kayser dir giebt schick mir bald. Adieu.

G.


Dein Brief vom 26. kommt noch vor Abgang dieses. Verdirb nichts an der Apokalypse. Wercke des Gedanckens feilt und saubert man nie genug, aber so was verliert wenn du das wegnimst was Auswuchs scheinen könnte. Ich müsste zu weitlaufig werden um das bestimmt zu sagen, ich weis es und du verstehst mich. Es thut dein Werck den Menschen wohl und zeugt von dir.

[192] Dass du mit meinem Jeri nichts gemeines hast versteht sich, ich dachte nicht dass dus lesen würdest. Es sind so viel Stufen Gänggen, Treppgen und Thürgen von deiner Giegelspizze bis zu so einem Hauswinckelgen, die du Gott sey Danck nie auch nur aus Neugierde herunter gehen kanst.

Adieu! Adieu!

Der Herzog hat sich die Haare abschneiden lassen, es ist eine ganz neue Dekoration, ich will dir zum Spas die Silhouette schicken.

Des armen schlesischen Schaafs erbarme sich Gott und des Lügenpropheten der Teufel.

G.


4/908.


An Charlotte von Stein

Diesen Nachmittag dacht ich Sie ins Kloster zu locken aber der Wind ist zu arg. Et puisque sans Vous tuer, on ne scauroit Vous persuader a une telle partie, will ich allein in der Welt herumlaufen und schicke die erste Liebe des Frühlings.

d. 7. März 80.

G.


4/909.


An Adam Friedrich Oeser

Weimar den 10. Merz 1780.

Meinen besten Dank werthester Herr Professor bezeige ich Ihnen für das gütig überschikte. Das[193] Gefängniss soll abgezeichnet sogleich wieder zurükkommen.

Sie schreiben: »Das mitfolgende auf Papier entworfene soll Schuman in des obigen Tone ausführen« ich finde aber nichts worauf sich diese Linien beziehen können.

Die Zeichnung des Tischfuses liegt wieder bei ich wähle die terms und bitte Sie versprochnermassen so wohl um die Reinlichkeit des Details als um die Stellung, Construktion und Verbindung des Ganzen.

Auch ersuche ich Sie mir bald möglichst einen Theaterleuchter zu schiken, denn wir sind bald so weit dass wir des Lichts bedürfen.

Sie stehen mein lieber Herr Professor mit noch verschiednen andern Sachen auf meinem Zettelein und ich bitte Sie aber und abermal ia Ihren Plan sicher zu machen, dass Sie mit eintretendem Frühiahr bei uns sein können.

Den Brief werd' ich besorgen und die Kiste erwarten.

Goethe.


4/910.


An Charlotte von Stein

[17? März.]

Schicken Sie mir doch die Bücher Sren Anticipation pp. und sagen mir wie Sie sich befinden.

G.[194]


4/911.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Aus beyliegendem Brief werden Ew. Excell. ersehen was der Herr von Billoifon an Durchl. den Herzog für eine Bitte gebracht hat.

Vielleicht ist Ew. Excell. ein Weeg bekannt wie man diesem Manne am nächsten zu seinem sehnlichen Wunsche helfen könnte.

Serenissimus werden selbst von dieser Sache weiter sprechen.

Ew. Excell.

d. 18. März

ganz gehorsamster

1780.

Goethe.


4/912.


An Charlotte von Stein

[20. März.]

Ich dancke dass Sie mir ein Zeichen des Lebens und der Liebe geben. Auf Ihr schönes Gebet kann ich nichts erwiedern, als dass ich heut früh spaziren gelaufen bin, dass ich mich über Knebeln geärgert habe der Gott weis was für eine Confusion angefangen hat als ob heut nicht Probe seyn sollte. Ich probire heut gewiss, und sollten die Helden fehlen, mit den Vertrauten, ich habe alsdan ihrer 3 zu meiner Disposition. Adieu liebste seh ich Sie heut Abend.

G.


Der Prinz ist mir im Webicht begegnet wenn er artig gewesen wäre hätte er mich zu Gaste gebeten.[195]


4/913.


An Charlotte von Stein

Nach meinem schönen Spaziergang heut früh, mögt ich auch einen guten Mittag bey Ihnen haben, wenn Sie zu Hause essen so komm ich und bringe Ihnen Schneeglöckgen.

d. 21. März 1780.

G.


4/914.


An Christoph Martin Wieland

[23. März.]

Ich wünsche Glück zu deiner Rückkehr mit einem guten Morgen.

Unter Lesung deines Oberons hätt ich offt gewünscht dir meinen Beyfall und Vergnügen recht lebhafft zu bezeugen, es ist so mancherley was ich dir zu sagen habe dass ich dir's wohl nie sagen werde. Indessen weisst du fällt die Seele bey langem Dencken aus dem manichfaltigen ins einfache, drum schick ich dir hier statt alles, ein Zeichen das ich dich bitte in seinem primitiven Sinne zu nehmen, da es viel bedeutend ist. Empfange aus den Händen der Freundschafft was dir Mitwelt und Nachwelt gern bestätigen wird.

d. Grünendonnerstag

1780.

G.[196]


4/915.


An Charlotte von Stein

[26. März.]

Heut ist der erste rechte Frühlings Tag, ich will gleich in die weite Welt laufen. Ich habe mit dem Schlaf mich kurirt, und hoffe durch den Lauf noch mehr, es stickt aber wieder etwas irgendwo das ich nicht kenne. Sagen Sie mir ein Wort was Sie heut angeben.

d. Ostertag 80.

G.


4/916.


An Charlotte von Stein

[Ende März?]

Ich bitte um meine Briefe die ich Ihnen auf der lezten Reise geschrieben. Sie haben wohl heimliche Zusammenkunft das Werck zu lesen. Diesen Mittag hohl ich Sie ab zu Ihrer Mutter. Wie befinden Sie Sich.

G.


4/917.


An Charlotte von Stein

Gestern Abend hat mich das schöne Misel, gleich einem Cometen, aus meiner gewöhnlichen Bahn mit sich nach Hause gezogen. Es war viel übler Humor[197] in der Probe. Besonders der Autor und die Heldinn schienen zusammen nicht zufrieden zu seyn. Ich habe den Aeolischen Schlauch der Leidenschafften halb geöffnet, und einige herauspipfen lassen, die stärcksten aber zur Aufführung bewahrt. Ich will diesen Morgen fleisig seyn um zu Mittag ein freundlich Wort in Tiefurt von Ihnen zu verdienen.

d. 30. März 80.

G.


4/918.


An Karl Ulysses von Salis

Unter dem 20sten Merz dieses Jahrs habe ich eine Quittung von den Gebrüdern Schulthess in Zürich erhalten über 60 1/3 Stück alte Louisdors, die Sie vielleicht schon vor diesem Brief werden empfangen haben.

Der Herr von Scholley schreibt mir auch, dass er die Post für Feurern baldigst an mich abtragen werde bittet nur noch um einige Nachsicht biss seine vormundschafftliche Casse sich wieder in etwas erholet. Er verlangt eine vidimirte Abschrift Ihrer Vollmacht an mich, die ich ihm auch gleich überschiken werde um ihm von meiner Seite keine Ausflucht zu lassen. So bald ich das Geld erhalte, werde ich es sogleich überschiken.

Ich empfehle mich zu freundlichem Andenken.

Weimar den 31. Merz 1780.

Goethe.[198]


4/919.


An C. L. A. von Scholley

Hochwohlgeb.

Hochgeehrter Herr

Ew. Hochwohlgeb. Danke recht sehr für die mir überschikte Abschrift und übersende sogleich die verlangte vidimirte Copie iener Vollmacht wodurch der Herr v. Salis mir so wohl die Angelegenheit des Peters im Baumgarten als auch seine eigne Schuldforderung zu betreiben und einzunehmen überträgt. Ich bin überzeugt dass Sie die Güte haben werden auch diese Post auf das baldmöglichste zu berichtigen. In welcher Hofnung ich mich unterzeichne

Weimar den 31. Merz 1780.


4/920.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen beste. Knebel lässt Sie recht inständig ersuchen heut sich nicht nach Belvedere zu versprechen, und wenn Sie's gethan haben, eine Wendung zu nehmen und sich loszusagen. Ich bitte mich bey Sie zu Gast. d. 3. Apr. 80.

G.[199]


4/922.


An Johann Heinrich Merck

Weimar, den 7. April 1780.

Auf deinen Brief, den ich gestern durch den Herzog erhalten habe, will ich dir gleich antworten, damit du auch wieder einmal Etwas von mir vernimmst. Durch meine letzte Krankheit hat sich die Natur sehr glücklich geholfen. Schon in Frankfurt, und als wir in der Kälte an den Höfen herumgezogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise und der ersten Tage ließ es aber nicht zum Ausbruche kommen. Doch hatte ich eine böse Zusammengezogenheit, eine Kälte und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel und gar nicht natürlich war. Jetzo geht wieder alles ganz gut. Der Herzog ist wohl, trägt, wie du vielleicht schon weißt, einen Schwedenkopf, und wir führen unsere Sachen getreulich und ordentlich weiter. Ich war gleich wieder zu Hause gewohnt, als wenn ich gar nicht weg gewesen wäre. Für Lavatern suche[200] ich jetzt eine Sammlung von Albrecht Dürers zu komplettiren. Auf beiliegendem Zettelchen sind die Nummern nach Hüsgen, die er schon besitzt; wo c dabei steht, ist eine Copie. Sei doch ja so gut, wenn du mir von denen fehlenden einige schaffen kannst, es zu thun; ich möchte dem Alten gern das Vergnügen machen. Von den Holzschnitten kriegst du auch ehstens ein Verzeichniß. Vor Dürern selbst und vor der Sammlung, die der Herzog besitzt, krieg ich alle Tage mehr Respekt. So bald ich einmal einigen Raum finde, will ich über die merkwürdigsten Blätter meine Gedanken aufsetzen, nicht sowohl über Erfindung und Composition, als über die Aussprache und die ganz goldne Ausführung.

Ich bin durch genaue Betrachtung guter und schlechter auch wohl aufgestochner Abdrücke von Einer Platte auf gar schöne Bemerkungen gekommen. Außer dem gewöhnlichen Tagewerk, das ich mich nach und nach, mit der größten Geschwindigkeit, Ordnung und Genauigkeit von Moment zu Moment abzuthun gewöhne, habe ich, wie du dir leicht vorstellen kannst, immerfort eine Menge Einfälle Erfindungen und Kunstwerke vor.

Der wichtigste Theil unserer Schweizerreise ist aus einzelnen im Moment geschriebenen Blättchen und Briefen, durch eine lebhafte Erinnerung komponirt. Wieland deklarirt es für ein Poëma.

[201] Ich habe aber noch weit mehr damit vor und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele Vögel fangen.

Zur Geschichte Herzog Bernhard's habe ich viel Documente und Collectaneen zusammengebracht. Kann sie schon ziemlich erzählen, und will wenn ich erstlich, den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anekdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt und eine Menge schönes Rauchwerks und Wohlgeruchs drauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner, trockner Nachtzeit anzünden und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen.

Von Dramas und Romanen ist auch Verschiedenes in Bewegung.

Den Oberon wirst du nun gelesen und dich dran erfreut haben. Ich habe Wielanden davor einen Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr gefreut hat.

Die Epochen de la nature von Buffon sind ganz vortrefflich. Ich acquiescire dabei, und leide nicht, daß Jemand sagt, es sei eine Hypothese oder ein Roman. Es ist leichter das zu sagen, als es ihm in die Zähne zu beweisen. Es soll mir keiner etwas gegen ihn im Einzeln sagen, als der ein größeres und zusammenhängenderes Ganze machen kann. Wenigstens scheint mir das Buch weniger Hypothese . als das erste Capitel Mosis zu seyn.

[202] Es schleicht ein Manuscript von Diderot: Jacques le fataliste et son maitre herum, das ganz vortrefflich ist. Eine sehr köstliche und grobe Mahlzeit mit grobem Verstand für das Maul eines einzigen Abgottes zugericht und aufgetischt. Ich habe mich an den Platz dieses Bel's gesetzt und in sechs ununterbrochenen Stunden alle Gerichte und Einschiebeschüsseln in der Ordnung und nach der Intention dieses künstlichen Koches und Tafeldeckers verschlungen. Es ist nachhero von mehreren gelesen worden, diese haben aber leider alle, gleich den Priestern, sich in das Mahl getheilt, hier und da genascht und jeder sein Lieblingsgerichte davon geschleppt. Man hat ihn verglichen, einzelne Stellen beurtheilt, und so weiter. –

Gezeichnet wird nicht viel, doch immer etwas, auch neulich einmal nach dem Nackten. Bald such' ich mich in dem geschwinden Abschreiben derer Formen zu üben, bald in der richtigern Zeichnung, bald such' ich mich an den mannigfaltigern Ausdruck der Haltung theils nach der Natur, theils nach Zeichnungen, Kupfern auch aus der Imagination zu gewöhnen und so immer mehr aus der Unbestimmtheit und Dämmrung heraus zu arbeiten.

Mit Beroldingen, dächt ich, machten wir's so: Ich will nichts bestellen, denn ich wüßte nicht auf was für Art man ihm Commission geben und sich auf ihn verlassen könnte. Kommt er einmal zurück, und du findst unter seinen Sachen Etwas, das für mich[203] wäre, und er entbehren wollte, so schafftest du mir's ja wohl um einen billigen Preiß. Laß den jungen Menschen, von dem er schreibt, doch ja gleich von Paris zurückgehn und einen Weg einschlagen, welchen er will, in Frankfurt kann er so viel lernen, als in Paris, wenn er Genie hat. Mach, daß ihm die Augen aufgehn an der Natur, laß ihn von ihr zu Zeichnungen, Gemälden und Radirungen gehen und wieder zu ihr zurück und sollt er auch zulezt kein Künstler des Lebendigen werden, sollte er blos verdammt seyn, fremde Werke nachzukritzeln, so kriegt er doch immer eher Auge, Begriff und Biegsamkeit.

Schreibe ja dem Herzog manchmal was, es unterhält ihn.

Aus einem Brief an Wielanden habe ich dein Hauskreuz schon gesehen und ist mir sehr lieb, daß es sich wieder erleichtert.

Schick doch ja was von Mineralien und sieh zu, ob du um einen geringen Preiß die merkwürdigsten Erscheinungen der Frankfurter Lava von Dr. Müllern erhaschen kannst. An Schrautenbachen will ich dir ehster Tage einige Silhouetten schicken, ich habe schon vor zwei Monaten einen Brief und eine flüchtige Zeichnung an ihn abgehen lassen. Ich habe die Zeit nicht gehört, ob er sie erhalten hat.

Für die Geh. Räthin will ich dir auch einmal ein Landschäftchen schicken. Es ist ein unglückliches Geschöpf, die eben ohne Hülse zu Grunde geht.

[204] Der an den Herzog überschickte Vorschlag zur großen poetischen Casse ist vortrefflich ausgeführt und wird auf der Leipzigermesse, wohin er sogleich gedruckt abgeht, einen ganz besondern Effect machen. Halt also das Maul und zeig ihn Niemand weiters, damit du dir nicht die Wespen auf den Hals ziehst.

Zur Beendigung der Geschichte des Herrn Oheim wird dir hiermit bis Ende Julius Frist gegeben. Ist den 1sten August das Manuscript nicht eingelangt, wodurch die Geschichte zu völliger Zufriedenheit vernünftiger und unvernünftiger Leser, wes Stands und Alters sie sein mögen, abgeschlossen ist, so werd ich mich gemüsiget sehen, solches ex officio zu thun. Nun lebe wohl und laß, wenn sich wieder was gesammelt hat, gelegentlich von dir hören.

Weimar, den 3. April 1780

G.[205]


4/921.


An Charlotte von Stein

Hier schick ich Band und Handschue zurück, gegen Mittag folg ich, danck fürs Frühstück.

d. 7. Apr. 80.

umgeben vom Pylades dem Unfurm.

G.[200]


4/923.


An Charlotte von Stein

[7 April.]

Knebel lässt Ihnen sagen Sie möchten die Werthern nicht, wohl aber die Herdern mitbringen, und hübsch zeitig kommen. Guten Morgen liebe! Ich will nur meine Sachen in Ordnung bringen dann komm ich auch nach Tiefurt.

G.[205]


4/924.


An Charlotte von Stein

Die Briefe folgen in Ordnung gehefftet zurück, bis ich sie weiter zu meiner Reise Beschreibung brauche.

Verzeihen Sie mir meine gestrige lezte Dunckelheit, ich bin bey solchen Gelegenheiten, wie ein Nachtwandler dem man zuruft. ich falle gleich alle Stockwercke herunter. Sie haben aber recht. Und weil wir doch am abgewöhnen sind, wollen wir auch das mit aufschreiben, und am Ende vom Thau leben wie die Heuschrecken.

d. 8. Apr. 80.

G.


4/925.


An Charlotte von Stein

Es war so hübscher dass ich kam ohne Ihr Zettelgen gefunden zu haben. Gern schickt ich Ihnen Blumen, das kalte Wetter hält alle zurück. Adieu beste. Ich sehe Sie heute es sey zu Tisch oder nachher.

d. Apr. 80.

G.


4/926.


An Wolfgang Heribert von Dalberg

Endlich kann ich Ew. Excell. das versprochne Stük überschiken, ich wünsche nur dass es Ihnen recht brauchbar sein möge. Wenn Sie es gelesen haben und etwa auch die Akteurs die Sie zu diesen Rollen geschikt[206] finden so bitte ich mir Ihre Gedanken drüber aus, und sollten Sie einige Zweifel haben und Erläuterung verlangen so stehe ich zu Diensten, ob ich gleich hoffe es wird ziemlich von selbst sprechen.

Sollten bei der gnädigen Frau, wenn es gut vorgestellt wird einige Erinnerungen an das französche Theater wieder lebendig werden; so wird sie ia wohl auch geneigt sein, es einigermassen unter ihren Schuz zu nehmen. Ich bitte mich Ihr und meinem kleinen Freunde zu empfehlen und Sich meiner Hochachtung versichert zu halten.

Goethe.

Weimar den 10ten Aprill 1780.


4/927.


An Charlotte von Stein

Es ist sehr schön! gehn Sie ia spazieren etwa um 10 Uhr. Ich bin zwar wieder auf der Musterung, allein besuchen Sie doch meine Gegend. Mir gehts leidlich heute. Der Theil von Buffon kommt mit.

d. 13. Apr. 1780.


4/928.


An Charlotte von Stein

Es ward mir gestern zulezt ganz unleidlich dass ich Sie nicht sehen konnte, und hätt ich nicht enge Schue angehabt ich wäre gegen 8 zu Fuse hereingekommen.[207] Übrigens waren wir artig lustig und gesprächig. Heut ess ich bey der Herzoginn Mutter. Hier schick ich drey Veilchen, es blüht alles so langsam auf.

d. 14. Apr. 80.

G.


4/929.


An Charlotte von Stein

[Mitte April?]


Wollen Sie heute Mittag mit den Kleinen und Kestnern eine Schnepfe bey mir verzehren? Lassen Sie sich vom Wind nicht abhalten.

G.


Ich habe das Essen zeitig bestellt.


4/930.


An Charlotte von Stein

Was halten Sie von dieser neuen Himmels Erscheinung. Es sieht hier hausen gar artig aus, wenn Sie nur einen Blick aus meinem Fenster thun könnten. Die Blumen werden sich freuen aus dem Schnee in Ihre Athmosphäre kommen.

d. 20. Apr. 1780.

G.[208]


4/931.


An Charlotte von Stein

[22. April.]

Liebste noch einen guten Morgen. Wir werden bösen Weeg haben. Ich seh Sie bald wieder. gegen 4 Uhr.

G.


4/932.


An Charlotte von Stein

[27 April]

Guten Morgen allerliebste. Zu Mittag seh ich Sie. Wir sind in dem entsezlichsten Wetter gestern um Mitternacht angekommen. Ihren Brief hab ich bey Naumburg erhalten. Adieu.

G.


4/933.


An Charlotte von Stein

Sie waren nicht zu hause als ich gestern Abend anfragte, denn ich verlangte mit Ihnen zu seyn. Ich dancke fürs überschickte. Und wünsche viel Vergnügen auf heute.

Hier schick ich Blumen. Adieu. Das Wasser war gros heute früh und das Flosholz hätte fast die Brücke weggerissen.

d. 28. Apr. 80.

G.[209]


4/934.


An Charlotte von Stein

[30. April.]

Hätten Sie mirs vorausgesagt ich hätte mich eingerichtet und wäre gern mitgeritten. Glückliche Reise! Abends seh ich Sie wieder. Ich lese meinen Werther! Adieu.

G.


Grüsen Sie die Schleusingen ich wünsche Glück zur Kur.


4/935.


An Charlotte von Stein

Ich schicke Ihnen das höchste und das tiefste eine Hymne und einen Schweinstall. Liebe verbindet alles.

G.

d. 1. May 80.


4/936.


An Johann Kaspar Lavater

Weimar den 1. Mai 1780.

Deine Briefe und Beilagen hab' ich erhalten.

Hier schik' ich dir einige neue trefliche Bogen von Hamann. Ich weiss nicht ob dich die Sache interessirt. Auf alle Fälle wird's viel Vergnügen machen.

Deine Albrecht Dürer sind nunmehr schön geordnet.[210] Bertuch hat sie aufgetragen und nummerirt. Auf der Leipziger Messe hat dir der Herzog noch funfzehn Kupfer von deinen Fehlenden gekauft worunter besonders einige Marienbilder sind davon dir fast die ganze Sammlung abgeht. Von den hundert Blättern die von ihm in Kupfer ausgehen besizest du iezt schon drei Quart. Die 25 die noch fehlen werden sich auch herbeischaffen lassen. Ich schike dir sie noch nicht bis die Sammlung erst kompletter ist. An Holzschnitten bist du gar arm. Suche du übrigens von deiner Seite durch das Treiben Jehu so viel du kannst von dieser Sammlung zusammenzubringen. Wenn du sie auch schon hättest so schadet's nichts, es ist vielleicht ein besserer Abdruk und auf alle Fälle kann man sie vertauschen. Denn das versichre ich dir, ie mehr man sich damit abgiebt und beim Handel auf Copie und Original acht geben muss, desto grössere Ehrfurcht kriegt man für diesem Künstler. Er hat nicht seines gleichen.

Das Manuskript das beiliegt sind einzelne flüchtig hingeworfene phisiognomische Bemerkungen des Statthalter von Dalberg. Schreib' doch, wenn du Muse hast, deine Gedanken auf den Rand und schik' mir's wieder zurük. Ermuntre ihn und gieb ihm Winke, wo du glaubst, er ist sehr für die Sache passionirt kommt viel in der Welt herum und kann, wie mir's vorkommt auch von seiner Seite dir einigermassen nüzlich sein. Er wird das was er bei seinem Umgang[211] mit der Welt zu bemerken glaubt nach und nach aufzeichnen.

Dass es mit Haugwiz so ausgegangen ist freut mich. Die Sache hat in Sachsen und Preussen das scheuslichste Aufsehen gemacht.

Hüte dich für dem Lumpen und wenn du iemals Ursache haben solltest ihn wieder auf und anzunehmen, so bedenke unter andern auch vorher dabei dass ich von dem Augenblik an aufhören werde gegen dich ganz frei und offen zu sein.

Lass mich doch die Folge der Geschichte mit Wasern wissen.

Die Lotte und die indianischen Zeichnungen erwart' ich.

Von Matthäi hab ich Auskunft.

Wenn ich an deiner statt die lateinische Oration halten müsste gäb ich den Entwurf dazu, lies mir sie machen und läs sie ab, und hielt' es gar nicht geheim, denn am Ende ist's doch nur ein Talent, und ich sehe nicht ein wie man von mir prätendiren könnte, bei einer Feierlichkeit die pedantische Prätension auszuhängen und auf einem Instrument Solo zu spielen das ich in zwölf Jahren nicht in die Hand genommen hätte.

Von dem Herzog schik' mir Abdrüke so viel du willst, das Kupfer ist nun schon wieder etliche Schritte weiter vom Original in einen ganz fremden Charakter hinein.

[212] Halte doch ia das was du für den Herzog und mich auslegst in Ordnung. Meine Auslagen für dich sind auch aufgeschrieben. Lass uns etwa Johanni abrechnen und auch so wieder ein neues Hemd anziehen. Grüse deine Frau und Kinder und wenn dein Knabe gelegentlich schreibseeliger wird so lass mir ihn manchmal etwas von eurer Haushaltung schreiben wie's ihm vor die Feder kommt.

An Bäben gieb Inliegendes vielleicht erhält sie einen Brief mit der reitenden Post noch eh'r als du dieses.


4/937.


An Charlotte von Stein

Morgen früh um achte, wenn's Ihnen nicht zu früh ist, will ich einen Augenblick kommen um über des Prinzen und Knebels Sache mit Ihnen zu sprechen. Knebel ist nicht hier, wenn er wiederkommt reden Sie wohl ein beruhigend Wort mit ihm bis ich zurück binn. d. 1. May 1780.

G.


Gute Nacht beste! In den Ring bitt ich um die Buchstaben C. v. S.


4/938.


An Charlotte von Stein

Mit dem Boten der ein Pferd nach Weimar führt schick ich Ihnen einen Grus.

[213] Das Wetter ist sehr schön, hier blüht schon alles, und ich hoffe viel guts von der freyen Lufft für Seel und Leib. Bleiben Sie meinem Thal getreu, und fühlen Sie dass ich mich offt mit Ihnen unterhalte. Auf dem Weege nehm ich nun alle Verhältnisse in Gedancken durch, was gethan ist, zu thun ist, mein Welt Treiben meine Dichtung und meine Liebe. Adieu grüsen Sie Steinen. Erfurt d. 2. May 1780.

G.


4/939.


An Charlotte von Stein

Heut reiten wir gegen Gotha zu und essen in Dietendorf. Christoph soll sehen ob er Spargel auftreiben kan und sie Ihnen schicken. Laden Sie iemand guts drauf ein und dencken mein. Dass nur nicht etwa Knebel im Unmuth gegen den Prinzen herausfährt, ich möchte nicht dass ich Gelegenheit zu einer Scene gäbe. Suchen Sie's ruhig zu halten bis ich komme. Grüsen Sie den Herzog! Des Stadthalters Schecken sind sehr schön, und alles ist hier in Blüte und Trieb. Morgen Abend wird getanzt, es wird ia wohl hübsche Misels geben. Grüsen Sie Steinen. Lieben Sie mich es ist mir zur Nothdurft worden.

3. May 1780. Erfurt.

G.


Es ist mir auf die gestrige Bewegung und Luftänderung schon viel besser als die lezten acht Tage.

Grüsen Sie die kleine Schwägerin und die Waldnern.[214]


4/940.


An Charlotte von Stein

Wir sind im Lande herumgeritten, haben böse Weege gesehen in die viel verwendet worden ist und die doch nicht gebessert noch zu bessern sind, haben gute in der Stille lebende Menschen gefunden und an Leib und Seele Bewegung gehabt.

Gestern Abend gab der Graf Ley den Frauen und Fräuleins ein Abendessen und Tanz. Es waren niedliche Misels dabey und es ging lustig zu Der kleine hat seine schöne Gäste mit unendlichen Kinderpossen geneckt und sie haben sich mit ihm herumgerollt. Der Stadthalter war vergnügt. Wir haben schon was rechts geschwäzzt, für mich ist sein Umgang von viel Nuzzen. Durch die Erzählungen aus seinem manigfaltigen politischen Treiben, hebt er meinen Geist aus dem einfachen Gewebe in das ich mich einspinne, das ob gleich es auch viele Fäden hat, mich doch zusehr nach und nach auf Einen Mittelpunckt bannt. Der Stadthalter ist doch eigentlich auch kein rechtes Kind dieser Welt, und so klug und brav seine Plane sind, fürcht ich doch es geht einer nach dem andern zu scheitern. Er hat eine treffliche Gewandtheit in bürgerlichen und Politischen Dingen, und eine beneidenswerthe Leichtigkeit. Wir haben gekannegiesert und gegörzt, und aus allem was ich von den vier Enden der Erde höre, zieh ich immer meine eigne[215] Nuzzanwendung. Im Stillen Krafft und Fähigkeit [darüber: Fertigkeit] (das heist Gewalt) zu sammlen, zu halten [darüber: spaaren], und auszuarbeiten und auf Glück zu warten wo das mögte zu brauchen seyn!! Zum Laufen hilft nicht schnell seyn. u.s.w. Adieu Liebste! Da Sie von der Welt so weit entfernt sind, werden wir Ihnen Kinder scheinen die das Wasser aus dem Fluss in's Meer tragen, es liefe wohl geschwinder von selbst. Bleiben Sie mir nah und verzeihen Sie dass ich immer über mein eigenstes mit Ihnen rede, hätt ich Sie nicht ich würde zu Stein. Adieu. Ich habe hundert Plane die ganz sachte in mir lebendig werden und meine Existenz scheint mir immer noch einförmig. Die Paar Tage Wechsel und Menschen und Sachen bekommen mir wohl. Ich komme mir vor wie der Steinfresser der um satt zu werden, nach der reichlichsten Mahlzeit noch Kiesel verschlucken muss Adieu. Morgen Sonnabends Mittag ess ich mit Ihnen.

d. 5. May 80. Erfurt.

G.


4/941.


An Charlotte von Stein

[6. Mai?]

Sehr gut ists dass ich wieder einen Bissen aus Ihrer Hand erhalte. Dagegen schick ich eine Blume die während meiner Abwesenheit so weit aufgeblüht[216] ist. Wenn ich meine Hausgötter sattsam geehrt habe komm ich zu Ihnen.


4/942.


An Charlotte von Stein

Schicken Sie mir doch meine zusammen geschriebnen Gedichte. Es haben sich schöne Misels bey mir eingefunden. Heut Abend seh ich Sie bey Hofe. Es ist sehr schön bey mir. d. 7. May 1780.

G.


4/943.


An C. von Düring

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr,

Ew. Hochwohlgeb. Brief vom 4ten Merz hab' ich seiner Zeit richtig erhalten und daraus die fortdaurenden gnädige Gesinnungen für meinen Zögling mit Vergnügen ersehen.

Was die 750 rh. betrift die zu Wiederkomplettirung des Capitals noch abgehen, überlasse ich es Ew. Hochwohlgeb. und übrigen Interessenten völlig, ob sie solche an mich sogleich oder in der Folge auszahlen wollen. Würde iezo das zweite 1000 rh. ergänzt so würde ich es wie das erste bei der Landschaft anlegen, und die Interessen für den Knaben verwenden. Die gütige Verwilligung der 200 rh. von Ostern 80 biss[217] dahin 81 wünscht' ich in Leipzig erheben zu können. Es wird Ew. Hochwohlgeb. ia nicht beschwerlich sein, sie mir daselbst durch irgend ein Handelshaus auszahlen zu lassen.

Sollte der iunge Baumgarten in das Alter kommen wo er mit Nuzen reisen kann so wird er die Erlaubniss Ihnen aufwarten zu dürfen gewiss benuzen.

Ich empfehle mich Ihnen bestens und unterzeichne mich mit aller Hochachtung

Ew. Hochwohlgeb.

Weimar den 8. Mai 1780.

gehorsamster Diener


4/944.


An Charlotte von Stein

[etwa 10. Mai ]

Hier schick ich Blumen wie sie das Regenwetter erlaubte zu pflücken. Doch dass ich Ihrer und der verlohrnen Wette gedencke bin.

G.


4/945.


An Charlotte von Stein

Diesen Abend hätt ich gern mit Ihnen zu gebracht, wenns nicht so regnerisch wäre ging ich Ihnen entgegen. Die Probe ging so ziemlich, Knebel ist nm unwilligsten sich ins dramatische Joch zu schmiegen. Ins Kloster hatte das Wetter Böcke und Schafe zusammen[218] getrieben. Morgen Mittag soll ich in Tiefurt essen und sehe Sie also wieder nicht. Adieu Liebste. Gute Nacht. d. 11. May 1780.

G.


4/946.


An Charlotte von Stein

Was Sie wollen will ich gerne machen.

Vielleicht geh ich doch nach Tiefurt, wo nicht, so komm ich zu Ihnen. Auch im Regen ists sehr schön hier. Lieben Sie mich. d. 12. May 1780.

G.


4/947.


An Charlotte von Stein

Sehr ungern verzehr ich meinen Theil Spargel alleine, das kommt aber daher wenn man sich ganze Tage nicht sieht. Mein Morgen war zwischen Ackten dem Messias und Volgstädten getheilt. Mittags war ich beym Misel, dann stellte ich einen Ritter fast im Gusto von Takanno vor, denn ich war prächtig vom Theatertrödel, drauf tanzt ich, und da es im Thal sehr schön doch sehr feucht ist sucht ich Sie auf und fand Sie nicht. Gute Nacht! Es kommt hierbey Ihr Anteil Spargel, nebst andern Raritäten aufs Fest. G. d. 13. May 1780.[219]


4/948.


An Charlotte von Stein

[14 Mai.]

Haben Sie die Güte mir drey Schokolate Tassen zu schicken und auf 3 Personen Schokolade. Ich kriege Besuch. Zu Mittag bitt ich mich zu Ihnen zu Gaste.

d. 1. Pfingstag 1780.

G.


4/949.


An Johann Christian Kestner

[14. Mai.]

Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon lange hab ich den Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir's einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wäre artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und wer von den Kindern schreiben kan auch einige Zeilen drein schrieben dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu dencken ob sich gleich die Arbeit vermehrt.

Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des Kriegs Departements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen. Ordnung,[220] Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschafften von denen ich täglich etwas zu erwerben suche. Übrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem Guten beladen zurückgekommen.

Für Henningsens Deducktion danck ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die ganze Sache zeugt von nicht sehr klaaren Begriffen. Adieu Grüse Frau und Kinder und behaltet mich lieb.

Pfingstsonntag 1780.

Goethe.


Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich dencken, es ist ein ganz trefflich Gedicht. Wenn ein deutscher Dichter ist so ist ers. Meine Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Übung in dem Talente das mir eigen ist. Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt, Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und lange Weile. Verschiednes hab ich für's hiesige Liebhaber Theater, freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.[221]


4/950.


An Charlotte von Stein

[15. Mai.]

Ich schicke Ihnen und Frizzen ein Frühstück. Ernst darf nicht davon essen. Sie sehen es geht bey mir auch festlich zu und Kuchen werden gebacken. Schicken Sie mir das Landschafftgen und die Pinsel pp. den Atlas nicht ich fürchte er wird nass. Adieu beste. d. Pfingstmontag 80.

G.


Ich erhalte alles. Diesen Mittag komm ich, ich kan Ihrer Einladung nicht widerstehn, ich wollte nach Tiefurth.


4/951.


An Charlotte von Stein

Von denen Gedichten lass ich nur einige abschreiben, dann sollen Sie sie wieder haben. Sie hätten mir wohl auch sagen können wie Sie geschlafen haben und dass Sie wohl sind. d. 16. May 1780.

G.


4/952.


An Charlotte von Stein

Der Herzog ist wie man sich allenfalls vorstellen konnte gestern in Neehaufen geblieben, und hat noch spät dem Prinzen, Knebeln, und mir eine Einladung[222] auf heute geschickt. Wir gehen um sechs von Tiefurt ab, und ich reite eben hinunter. Adieu meine allerliebst. Heut Nacht sind wir hoff ich alle wieder da.

d. 17. May 80.

G.


4/953.


An Charlotte von Stein

Es wäre sehr abenteuerlich wenn Sie eine von denen zwey weisen sizzenden Figuren, vorgestern Abend auf der Esplanade gewesen wären, denen ich ausgewichen bin. Erst hielt ichs für ein vertrautes Pärgen das ich nicht stören wollte, nachher glaubt ich zwey Frauens zu sehn die mir wegen ihrer weisen Kleidung an dem Orte seltsam vorkamen, doch war ich schon zu weit vorbey um meine Neugier mit Schicklichkeit befriedigen zu können. Ich habe ein sehr groses Vergnügen verlohren das ich mir anderwärts zu ersetzen bitte. d. 18ten May 80.

G.


4/954.


An Johann Gottlob Immanuel Breitkopf

Wohlgebohrner

Hochgeehrtester Herr

Die verlangten Kupfer von Wilhelmsthal folgen hierbei und es ist mir angenehm wenn ich dadurch etwas zu kompletirung Dero schönen Werkes beitrage.

[223] Mit dem verlangten Bücherverzeichniss wird es etwas mehr Schwierigkeiten haben, indem sie durch alle Katalogos nach ihren Materien zerstreut sind, doch habe ich auch deswegen Auftrag gegeben und ich hoffe auch damit dienen zu können.

Empfehlen Sie mich Ihren werthen Angehörigen und erhalten mir die Fortdauer Ihrer Freundschaft.

Weimar d. 18. Mai 1780.

Ew. Wohlgeb.

ergebenster Diener

Goethe.


4/955.


An Charlotte von Stein

Da ich gestern Abend nach hause kam, fand ich ein gar gutes Zettelgen von der Herdern, gewisse Dinge hängen doch närrisch zusammen.

Diesen Mittag ess ich bey Hofe, Abends seh ich Sie im Conzert. Lieben Sie mich. d. 21. May 80.

G.


4/956.


An Charlotte von Stein

Hier ist das beste Papier das ich habe, auch Struensees Schicksaal, und nähere Nachricht vom Buch Chevila. Gern bin ich wieder bey Ihnen, ich war im begriff mich anzumelden. d. 24. May 1780.

G.[224]


4/957.


An Charlotte von Stein

Ich dachte nicht dass sie mir entgehen könnten, drum kam ich halb achte wieder wie die Tauben zum gewohnten Futter. In Ihrer Abwesenheit lass ich mir doch etwas Sauerbraten hohlen, und geb Ihnen dagegen eine gute Nacht. Adieu. Grüsen Sie Steinen.

d. 25. May 1780.

G.


4/958.


An Charlotte von Stein

Lassen Sie mir doch sagen wie Sie sich befinden. Wenn Sie wohl sind; so ist der Morgen zu schön als dass Sie mich nicht besuchen sollten.

d. 29. May 1780.

G.


4/959.


An Jakob Friedrich von Fritsch

[Juni 1780?]

Der Herzog hat mir gesagt, dass er dem Rittmeister die vierte Ration nicht geben wolle, auch dass er wünsche nunmehr mit weiterm Bitten verschont zu werden.

Könnten Ew. Exzell. dieses den Rittmeister wissen lassen, so würden Sie dem Herrn eine Unterredung[225] spaaren die er gar gerne umgehen mag; er war wieder sehr unzufrieden dass man das was er nicht positiv abschlägt gleich für versprochen anzunehmen gewohnt ist.

G.


4/960.


An Auguste Gräfin zu Stolberg

Für Ihr Andencken liebes Gustgen danck ich Ihnen recht herzlich. Die kleine gute Schardt will ein Zettelgen von mir, sie ist in meinem Garten mit mehr Gesellschafft an einem schönen schwülen Abend. Lange hab ich mir vorgesetzt Ihnen etwas zu schicken und zu sagen, es ist aber kein stockigerer Mensch in der Welt als ich wenn ich einmal ins stocken gerathe. Grüsen Sie die Brüder, schreiben mir wieder einmal von sich, und knüpfen Sie wenn Sie mögen den alten Faden wieder an, es ist ia dies sonst ein weiblich Geschäfft. Adieu. Den 3. Juny 1780.

G.


4/961.


An Charlotte von Stein

[3. Juni.]

Gustgen ist ein sehr gut Wesen, und kan sich nicht drin finden dass sie gar nichts von mir hört. Guten Abend aus der Finsterniss.

G.[226]


4/962.


An Charlotte von Stein

Ich schicke Ring und Muster und freue mich auf dies Zeichen der Liebe. Reisen Sie glücklich. Heut Abend erwart ich Sie. Bitten Sie Stein ob er nicht will mein Pferd heut Nachmittag nach Erfurt schicken und mir Morgen früh von hier aus bis hinüber ein andres geben dass ich frisch zu reiten kan. Adieu Adieu.

d. 4. Jun. 1780.

G.[227]


4/962a.


An Carl Ludwig von Knebel

Weimar den 4. Junius 1780.

Reise-Route durch die Schweiz.

Nr. 1.

Wenn du nach Stuttgart kommen solltest, so such' den Expeditionsrath Hartmann auf, der zu Expeditionen ganz vortrefflich ist. Sein Bruder ist in Gotha beim Prinzen August. Er hat uns bei unserm letzten Aufenthalt viel Gefälligkeit erzeigt. In Schaffhausen den Herrn Im Thurn, einen stillen aber sehr verständigen und gefälligen Mann und Freund von Lavatern. Du grüssest ihn und seine Frau wie alle folgenden, die ich dir in Ehren nenne. Sein Weibchen ist ein gar feines gutes hypochondrisches Wesen. Er wird dir alles sehr gerne zeigen. Versäume nicht von da über Stein auf Constanz zu gehen. Es liegt sehr glücklich, so verfallen es an sich selbst ist. An dem[358] Wege liegt Clarisek, wo jetzo Kaufmann wohnt. Vermeide diesen Menschen, wenn's auch Gelegenheit gäbe ihn zu sehen. In Costniz selbst, wenn du schön Wetter hast, wirst du gewiß Lust haben zu bleiben. Die verschiedenen Theile des Sees zu sehen muß höchst angenehm seyn, wir konnten nichts davon genießen. Von da auf Frauenfeld wo ein altes Weib wegen ihres außerordentlichen Gedächtnisses merkwürdig ist. In Winterthur besuchst du den Maler Schellenberg. In Zürch überlaß ich dich Lavatern. Von da laß dich auf Richterswiel führen zum Doktor Hoz, ein sehr braver und liebevoller Mann. Wenn du von da aus einen recht interessanten Weg machen willst, so mußt du alles zu Fuße gehn. Du packst, wenn du mir folgen willst, schon zu Zürich so viel zusammen, als du au 14 Tage brauchst, und richte dich nur sehr leicht ein. Denn unter Wegs zieht man die alten Hemden und Strümpfe durchs Wasser und zieht sie den andern Morgen wieder an. Deinen Koffer spedirst du mit einem Fahrzeuge auf Luzern, wo er dich erwarten kann, du aber gehst von Richterswiel auf Maria-Einsiedel, wo dir das prächtige Gebäude in der Wüste, her Fürst den du besuchen mußt, der Schatz und die ganze klösterliche Einrichtung sehr wohl gefallen werden. Von da geht ein beschwerlicher Stieg nach Schwiz hinunter, wo man aber die schönste Aussicht antrifft. Ich rathe immer zu solchen Touren, wenn sie auch nur einige Stunden sind,[359] ganze Tage zu nehmen und sich ja nicht zu übertreiben und zu übereilen. Es gilt dieses für alles was noch kommt. In Schwiz ist das Hedlingerische Medaillen Cabinet zu sehen, auch Zeichnungen von diesem trefflichen Künstler. Von Schwiz geht man nach Brunnen am vier Waldstätter See und fährt auf Flüelen. Dieser Weg ist mit das größte was man auf der ganzen Reise zu sehen kriegt. Unterwegs steigt man einen Augenblick in Tells Capelle aus. Von Flüelen geht man zu Fuß auf Alldorf. Von da ein sehr schönes Thal hin bis zu dem Fuß des Gotthards, wo ich dir rathe am Steg zu übernachten und den andern Morgen bei guter Tagzeit hinauf zu steigen, aber auch alsdann nicht weiter als Wasen zu gehen und diesen Weg, dergleichen du nicht wieder finden wirst, recht zu genießen. Alsdenn auf den Cotthard zu den Capucinern und wenn du dich recht umgesehen hast, so steig alsdenn den Berg wieder durch eben den Weg herunter. Wenn ich jemals in die Gegend käme, ohne daß mich etwas drängte, so würde ich mich eine ganze Zeit daselbst aufhalten, welches dir vielleicht so wohl werden wird. Du kommst, wie ich gesagt habe, den alten Weg bis Flüelen zurück, setzest dich auf den See und fährst grad auf Luzern. Daselbst besuchst du den General Pfeiffer, der das merkwürdige Modell von der umliegenden Gegend gemacht hat, den du vom Herzog und mir grüssen und versichern kannst, daß es uns[360] sehr leid gethan hat, seine Bekanntschaft nicht zu machen. An der bisher beschriebenen Tour, die sich in wenig Tagen zwingen läßt, kann man viele Monate kauen und nach deiner Art zu seyn würd' ich dir fast rathen, diese Gegenden mit einem sachten Genusse recht einzuschlürfen. Ich bin die beiden Male nur wie ein Vogel durch, und sehne mich immer wieder hin. Wäre nun deine Zeit verstrichen oder du hättest genug, so könntest du über Solothurn und Basel, an welchem letzten Orte dir Herr Gedeon Burkhardt gewiß gefällig seyn wird, wieder nach Deutschland eintreten. In Emmendingen besuchst du meinen Schwager, nachdem du vorher bey Freiburg die Hölle gesehen hast und versäumst nicht in Colmar Pfeffeln zu besuchen und das übrige versteht sich von selbst.


Nr. 2.

Hättest du aber in Luzern noch Zeit und Lust dich auszubreiten, so schlag ich dir noch eine Tour vor, wovon ich zwar einen Theil nicht, und einen andern nicht auf die Art gemacht habe, doch kannst du versichert seyn, daß er dich trefflich vergnügen wird. Du schickst deinen Koffer wieder von Luzern auf Bern, nimmst wie das vorigemal ein kleines Packet mit und fährst auf dem See von Luzern auf Stansstad im Canton Unterwald. Von da gehst du auf Stans, sodann aufs Kloster Engelberg und kommst über den Engstliberg im Canton Bern ins Hasliland.[361] Grund, nennen sie, wie ich mich erinnere ein sehr kleines eingeschränktes Thälchen, wodurch die Aar fließt, von da machst du dich auf Meiringen, von da auf Tracht, am Brienzer See, fährst zu Schiff auf Interlacken, gehst auf Untersewen, das Thal hinein auf Gründelwald um die Gletscher zu sehen. Von da, wo möglich über den Berg nach Lauterbrunnen um den Staubbach und die hintern Gletscher, dem Steinberg gegen über, zu sehen. Dann auf Untersewen zurück, zu Schiff über den Thunersee, wo du im Vorbeigehen an der Beatenhöhle halten läßt und kommst auf Thun. Frage daselbst nach einem Peter Kocher, der unser Schiffer und Führer auf der Reise war und den wir was ehrlichs zum Narren gehabt haben. Wenn du ihm einen Gruß von uns bringst wird er eine kindische Freude haben. Von Thun fährst du in einem Miethwagen nach Bern, vielleicht triffst du Retourchaisen an. In Bern bringst du dem Hauptmann Sinner, Sohn des Avoyérs, viel Complimente. Sagst Herrn von Kirchberger von Gottstedt sehr viel Gutes von mir. Es ist dieses ein verständiger und braver Mann, besuchst den Maler Aberli und Herrn Pastor Wyttenbach der ein eifriger Bergläufer und geschickter Naturkundiger ist, und siehst was dort zu sehen ist, was dir ein jeder leicht anzeigt. Willst du hier deine Reise schließen, so gehst du von hier auf Solothurn, Basel und so weiter. Hast du aber da noch Lust dich tiefer einzulassen, so[362] will ich dir noch einen Weg vorschreiben, von dem du dich aber mußt alsdann nicht abwendig machen lassen, weil man die Gegenden, durch die ich dich fühlen will, in zwanzigerlei Kombinationen besuchen kann und jeder der dir räth, die Sache anders ansieht. Da ich aber das Ganze kenne, versichre ich dich, daß auf meine vorzuschlagende Weise, die meisten und interessantesten Gegenstände an einander gekettet sind.


Nr. 3.

Von Bern auf Murten, Auenche, Pajerne, Moudon, Lausanne. Diesen Weg kannst du im Wagen machen. In Lausanne suchst du Matthäi auf, der bei dem Grasen Forstenburg Hofmeister ist. Von Lausanne miethest du Pferde und gehst auf Lutri, Culli, Vevay, Villeneufe, Aigle, wo die Salzwerke zu sehen sind, Bex und von da nach St. Moriz ins Wallis. Auf Martinach wo du auf dem Weg die Pissevache siehst. Von da rath ich dir bis Sion das Land hinauf zu gehen, dich auf dem Schlosse Turbillon umzusehen und alsdenn wieder zurück auf Martinach. Hier mußt du deine Pferde verlassen und die weitere Reise zu Fuß antreten. Du wirst am besten thun wenn du zu der ebengedachten Tour gleich in Lausanne Pferde miethest und sie alsdenn von Martinach zurückschickst. Von Martinach steigst du einen sehr beschwerlichen Weg, doch immer besser zu Fuße, als auf Maulthieren, über Trient nach Valorsine und[363] Chamouni. Dort wendest du einige Tage an, um die Merkwürdigkeiten der Eisberge mit Bequemlichkeit zu sehen. Gehst auf Maulthieren bis Salenche, von da auf Cluse, siehst zwischen diesen beiden Orten, wenn du zu halsbrechendem Klettern Lust hast, die Caverne de Balme, weiter auf Bonneville und Genéve. Besuche ja die Herrn Hubert, Saußure und Bonnet, die all auf ihren Landgütern sind. Beide letzte kannst du auf deiner Reise nach Lausanne sprechen. Versäume nicht in Fernay die Fußtapfen des Alten zu verehren und kehre über Nion, Rolle, Morges nach Lausanne zurück. Von da grad auf Yverdun, von Yverdun auf Neuschatell. Willst du von da aus die merkwürdigen Thäler des Vallengin besuchen, so erkundige dich dort herum, ich bin nicht da gewesen. Von Neuschatell auf Biel, von da durchs höchst interessante Münsterthal auf Basel; freilich ist dieses Nr. 3 eine sehr wichtige und weitläuftige Tour. Es könnte seyn, daß dir nur gelegen wäre den Genfersee zu sehen, also liesest du von Lausanne aus den Weg durchs Wallis fahren und gingst grad auf Genéve, wieder auf Lausanne zurück und so weiter auf Yverdun. Indeß muß ich das wiederholen, was ich schon gesagt habe, wenn du dieser meiner Anweisung wie einer Ordre folgst, so entgeht dir in der Nähe der Gegend wo du dich herumdrehst gewiß nichts sehr merkwürdiges. Dagegen wenn du dich irre machen läßt und einen Ort vor den andern nimmst, so bist[364] du entweder zu unangenehmen Hin und wiederreisen genöthigt oder du verwickelst dich in die gebirgige Gegend. Nicht, daß ich, da mir das Land so bekannt ist, nicht noch zehnerlei Arten vorschlagen wollte, doch muß am Ende eine gewählt seyn und für dich halt ich diese für die beste. Deine Sache wird nunmehr seyn dir von Lavatern ein kleines Zettelchen geben zu lassen, wen und was du noch an den verschiedenen Orten zu sehen hast; ferner dich, ehe du jede Station antrittst, wol um die Weiten zu erkundigen, dich nicht zu übereilen und auf Wind und Wetter acht zu geben. Nur im flachen Lande zu fahren, übrigens Pferde und Maulthiere vorzuziehen und in ganz gebirgigten Gegenden lieber gleich zu Fuße zu seyn. Man bezahlt die Maulthiere und geht nachhero doch. Die Verschiedenheit des Geldes wird dich sehr chikaniren und überhaupt müssen die phantastischen Fußgänger in der Schweiz theuer bezahlen. Es ist nöthig mit den Boten und Trägern, Schiffern und wen man braucht voraus zu akkordiren, man giebt ihnen doch immer zu viel. Man muß vermeiden gegen Bettler, Kinder u.s.w. unterwegs zu freigebig zu seyn, wie man meistenstheils zu thun pflegt, wenn man guten Humors ist, denn der Kerl, der mit dir geht, sieht gleich daß es ein Herr ist, dem's auf ein paar Thaler auf oder ab nicht ankommt und das pflanzt sich von Wirthshauß zu Wirthshauß, von Boten zu Boten fort. Dich nicht zu übereilen und[365] wenig aber gut zu sehen ist was ich dir vorzüglich rathe. Auf meiner ersten Reise machte ich nur die Tour die hier unter Nr. 1 steht; und hatte nach meinen damaligen Umständen genug. Die zum Dictionaire de la Suisse gehörende Charte mußt du dir in Schafhausen oder Zürich gleich zu verschaffen suchen, sie ist sehr gut und zum Verständniß meines Reisevorschlags unentbehrlich. Lebe wohl.

Goethe.[366]


4/963.


An Johann Kaspar Lavater

Du bist immer braver als man denckt, weil du doch immer am Ende das äusserste thust, aber dafür deswegen auch kein Poet, wie neulich iemand sehr wohl von deiner Offenbaarung bemerckte, wo du denn doch eine gewaltsame Streifung in das Gebiete der Dichtkunst geführt hast.

Lass mich bald hören dass du wieder wohl bist.

Noch ist von Wasern nichts angekommen ich bitte drum.

Ein Geistlicher auf dem Harz hat geweisagt dass ihr alle untergehn sollt vom Gotthart bis an den Mayn.

[227] Mit dem Fürsten von Dessau habe ich neulich in Leipzig über dich gesprochen. Er wird dir schreiben und dir selbst sagen dass er dich liebt und schäzt. Ob er sich gleich auch zu Anfang in die Dedication nicht zu finden wusste. Er ist auch einer von denen die sich iezo verwundern dass man sich von dem falschen Propheten die Eingeweide konnte bewegen lassen. Alle, auf die der Kerl gewirkt hat, kommen mir vor wie vernünftige Menschen, die einmal des Nachts vom Alp beschweert worden sind, und bei Tage sich davon keine Rechenschaft zu geben wissen.

Mit den Nachrichten von Wasern thust du mir eine wahre Wohlthat. Ich erwarte sie mit vielem Verlangen.

Vielleicht schik ich dir ehstens ein Portrait von dem Herzog Bernhardt aus dem hiesigen Haus um mir's von Lipfen stechen zu lassen. Wenn er aber, wie du schreibst balde verreist, so muss ich damit einen andern Weeg nehmen. Ich scharre nach meiner Art Vorrath zu einer Lebensgeschichte dieses als Helden und Herrschers wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner kurzen Laufbahn ein Liebling des Schiksaals und der Menschen gewesen ist, zusammen und erwarte die Zeit wo mirs vielleicht glüken wird, ein Feuerwerk draus zu machen. Seine Jahre fallen, wie du wahrscheinlich nicht weisst, in den dreissig-Jährigen Krieg. Sein und seiner Brüder Familien-Gemählde interessirt mich noch am meisten da ich ihren[228] Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wieder kommen, so nahe bin. Übrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus um die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe zu nöthigen, und allenfalls irgend einen König der an Zeichen und Wunder glaubt ins Bokshorn zu iagen.

Die regierende Herzogin musst du in der ganzen Silhouette nicht erkannt haben. Es ist die stehende Frau die mit dabei ist. Die Sizende ist die Herzogin Mutter.

Das Kupfer nach Juels Bild ist sehr fatal. Nicht eben an der Phisiognomie, aber mir kommts vor, als wenn ein Geist hätte wollen eines guten Freundes Gestalt anziehen, und hätte damit nicht können zurecht kommen, und gukte einen aus bekannten Augen mit einem fremden Blik an, so dass man zwischen Bekanntschaft und Fremdheit in einer unangenehmen Bewegung hin und wieder gezogen wird.

Wegen des Portos wollen wir's künftig so machen dass wir etwas zusammensparen und es auf einmal schiken.

Was du von Albrecht Dürern neuerdings wieder gekriegt hast schik mir ia alles bei Gelegenheit her. Ich gebe die deinen nicht heraus biss sie kompletter ist als iezt. Müller aus Rom schreibt mir dass sie iezt in grossem Werthe drinne stehn.

[229] Die apokalyptische Vignetten sind sehr kleinlich gegen den grossen Inhalt und deine grosse Manier.

In weniger Zeit wird Herr von Knebel, der bei dem Prinzen Constantin ist und nun eine kleine Reise vor sich macht zu dir kommen. Du wirst viel Vergnügen an seinem Umgang haben und begegne ihm wohl.

Weimar d. 5. Juni 1780.

G.


4/964.


An Charlotte von Stein

[5. Juni.]

Adieu liebes Gold, behalten Sie mich lieb. Schreiben Sie mir manchmal etwas und wenn ichs auch nur bey meiner Rückkunft fände. Was mir die Götter geben ist auch Ihr. Und wenn ich heimlich mit mir nicht zufrieden bin so sind Sie wie die ehrne Schlange zu der ich mich aus meinen Sünd und Fehlen aufrichte und gesund werde. Denn die Götter haben den Menschen Vielerley gegeben das Gute dass sie sich Vorzüglich fühlen und das Böse dass sie sich gleich fühlen. Adieu. An den Trähnen der Carlingen schein ich schuld zu seyn, und bins auch. Ich seh aber auch in diesem wieder dass – ja man sieht nichts – Adieu.

G.[230]


4/965.


An Charlotte von Stein

Gotha Montags [5. Juni] Abends 7.

Es ward würcklich warm als ich von Ihnen wegritt, und ein Pferd das nur Schritt geht, merck ich wohl muss ich im Leben nicht reiten. Ich unterhielt mich wie mit Ihnen von meiner ganzen militarischen Wirthschafft, erzählte Ihnen das geheimste davon, das eben nicht scandaleus ist, wie es gegangen ist, geht, und wahrscheinlich gehn wird, Sie hörten mir gedultig zu und waren geneigt auch zu meinen Mängeln und Fehlern ein freundlich Gesicht zu machen. NB der Eklat den der Rittmeister mit der Caroline macht, ist blos um das Gehässige auf mich zu wälzen, und ist im innern doch wieder dumm. Wenn ich wiederkomme sollen Sie was Sie wollen von der Sache wissen, mit dem Beding dass Sie mich gegen niemand vertheidgen.

Drauf unterhielt ich mich mit beyliegender Posse, kam so durch Erfurt, und zulezt führt ich meine Lieblings Situation im Wilhelm Meister wieder aus. Ich lies den ganzen Detail in mir entstehen und fing zulezt so bitterlich zu weinen an, dass ich eben zeitig genug nach Gotha kam. Man hat mir im Thor gesagt dass ein Quartier im Mohren für mich bestellt sey. Wo ich auch eingezogen bin und erwarte ob Sie mir etwas schreiben und schicken wollen.

[231] Um den Donnerstag erwart ich ein gros Packet von Ihnen worinn alle schöne Freundinnen etwas beylegen werden.

Ich wollt gern Geld drum geben wenn das Capitel von Wilhelm Meister aufgeschrieben wär; aber man brächte mich eher zu einem Sprung durchs Feuer. Dicktiren könnt ichs noch allenfalls, wenn ich nur immer einen Reiseschreiber bey mir hätte. Zwischen so einer Stunde wo die Dinge so lebendig in mir werden, und meinem Zustand in diesem Augenblick wo ich iezt schreibe ist ein Unterschied wie Traum und Wachen.

Dienstag d. 6ten Jun. früh. Der Reitknecht geht ab und soll Ihnen diesen Grus bringen. Adieu bestes. Leben Sie wohl und vergnügt, lieben Sie mich denn ich bedarfs. Grüsen Sie die kleine und Frizzen.

G.


4/966.


An Charlotte von Stein

Mit dem schönen Wawagen komm ich in fremden Landen mir sehr kurios vor, als wenn man auf einem neuen Theater und frischen Dekorationen mit bekannten Akteurs spielt.

Ich sage Ihnen einen guten Morgen, dancke fürs Briefgen und kann Nachricht geben dass ich mich ganz gut aufführe. Adieu. Es geht nun hübsch bunt.

[Gotha] d. 7. Juni 80.

G.[232]


4/967.


An Carl Ludwig von Knebel

So schläfrig ich bin will ich dir noch einen Grus schreiben. Diese Woche ist mirs in Gotha ganz gut gegangen, lass dir von der Stein wenn du willst was weiters erzählen. Nächstens mehr. Lass von dir hören.

[Gotha] d. 11. Jun. 80.


4/968.


An Friedrich Müller

Ihren Brief mein lieber Müller habe ich geschwind erhalten und ersuche Sie, so oft Sie Laune haben fortzufahren und mich mit Ihren lebhaften Beschreibungen zu sich zu versezen. Erzählen Sie mir von Menschen, von der Kunst, der Stadt, dem alten und neuen was Ihnen durch den Sinn geht. Nur bitt ich Sie versäumen Sie ia nicht mir etwas zu schiken, es sei was es wolle, zeichnen Sie nur einige Ruinen, es braucht nichts ausgeführtes zu sein. Jedermann fragt darnach, und die Leute sind selten die glauben ohne Zeichen und Wunder zu sehen. Was meine eigne Zeichnungen betrifft haben Sie sehr recht es fehlt mir an Fleis mir eine gewisse leichte Bestimmtheit zu erwerben. Besonders da ich nur sehr abgerissen der Liebeswerke mit den Musen zu pflegen[233] habe und mit der Wahl der Gegenstände ist es auch eine kuriose Sache. In diesen Gegenden, wo so wenig Sommer ist, wo das Laub so kurze Zeit schön bleibt wo man das Bedürfnis des Schattens der Quellen, der feuchtlichen Zufluchtsörter so selten fühlt, wo die Gegend selbst gemein ist und nur allenfalls ein schon vollkommnes Künstler Auge zur Nachahmung reizt, (denn freilich ist am Ende nichts gemein was trefflich nachgeahmt wird) hier gewöhnt man sich leicht an eine Liebschaft zu Dingen die man immer sieht, unter allen Jahrs- und Tagzeiten sich selbst gleich findet, denen das Enge, beschränkte Bedürfniss noch einen besonderen Reiz giebt und woran sich Haltung Licht und Reflexspiel leichter Buchstabieren lassen. Ich meine verfallne Hütten, Höfgen, Strohdächer, Gebälke und Schweinställe. Man ist in glüklichen Stunden oft an solchen Gegenständen vorbeigegangen, findet sie zur Nachahmung immer bereit da stehen, und da man gerne von der Welt und den Prachthäusern in das Niedrige flieht, um am Einfachen und Beschränkten sich zu erholen, so knüpft man nach und nach so viel Ideen auf solche Gegenstände, daß sie sogar zaubrischer als das Edle selbst werden. Ich glaube, dass es den Niederländern in ihrer Kunst so gegangen ist.

Aber ich will Ihre Warnung in einem seinen Herzen behalten und wenigstens so viel als möglich das beste aussuchen. Radieren thu' ich gar nicht mehr. Das Zeichnen nach der Natur wird wie es[234] Umstände und Lust erlauben fortgesezt. Leben Sie wohl.

Weimar, den 12. Juni 1780.

Goethe.


Sagen Sie mir ob die Addresse richtig ist.[235]


4/968a.


An Ludwig Christian Lichtenberg

Das versprochene Stük Vase folgt hiebey. Es ist ein wenig schmuzig geworden, doch kann man alles gut darauf erkennen.

Haben Sie die Güte sich des von mir bestellten Sonnen Microscops zu der Camera obscura anzunehmen. Noch um eins muss ich Sie bitten. Ich habe, wenn ich mich nicht irre, unserm Künstler einen Schaden zugefügt den ich ihm eine gute Art ersezen mögte. Da er uns die dreifach zusammengefügte Gläser zeigte, lies ich eines, unwissend dass sie getheilt sein, auf die Erde fallen. Er war zwar zu bescheiden um sich etwas merken zu lassen aber ich glaube gesehen zu haben dass an der einen Seite ein Splittergen ausgespungen ist. Wolten Sie die Güte haben mir den Werth eines solchen Glases anzuzeigen und mir dadurch Gelegenheit geben ihn, da ich ohnedies wegen der Bestellung sein Schuldner werde, auf einige Weise zu entschädigen. Sie können der aufrichtigen Versicherung trauen dass ich die angenehmen Stunden Ihres belehrenden Umgangs öfters zu geniessen wünschte.

Weimar den 12ten Juni 1780.

Goethe.[10]


4/969.


An Charlotte von Stein

d. 14ten Juni Abends nach 7. An meinem Schreibtisch. Es regnet, und der Wind spielt gar schön in meinen Aschen.

Ich suche Sie und finde Sie nicht, ich folge Ihnen nach und erhasche Sie nicht. Es ist nun die Zeit da ich Sie täglich zu sehn gewohnt bin, ausruhe und mich mit Ihnen in ganz freyen Gesprächen von dem Zwang des Tags erhohle.

Ihren Ring erhielt ich gestern und dancke Ihnen für das schöne Zeichen. Er ist ein Wunderding er wird mir bald zu weit am Finger bald wieder völlig recht.

Oeser ist hier und gar gut, schon hab ich seinen Rath in vielen Sachen genuzt er weis gleich wie's zu machen ist, das Was bin ich wohl eher glücklich zu finden. Er will in Ettersburg eine Dekoration mahlen und ich soll ein Stück machen. Diese Woche hat ich noch zu thun, wenn es von Sonnabenb über den Sonntag fertig werden kan, so mags gehn, ich[235] wills der Jöchhausen dicktiren und wie im Kopf habe solls in zwölf Stunden inclusive essen und trincken fertig seyn. Wenns nur so geschwind gelernt und die Leute ins Leben gebracht wären, ich will die Vögel nehmen, eigentlich nur die oberste Spizzen oder den Raam abschöpfen denn es muss kurz seyn. So kommt noch die Thorheit und macht uns neu zu schaffen. Thut nichts es bringt doch die Menschen zusammen, unterhält den Prinzen dem eine grose Rolle zugedacht ist, und bringt ihn von Tiefurt weg. NB von weiten hab ich schon meine Maasregeln genommen seine Wirthschafft zu ordnen und Oeser hat mir auf der Herreise (er kam mit der Herrschafft von Leipzig) ohne es zu wissen, durch Gespräche ohngefähr guten vorläufigen Dienst gethan.

Von der Dessauer Reise ist iedermann zufrieden. Von der Herzoginn werden Sie hören dass sie in Potsdam gewesen ist, und wie.

Steinen hab ich nur im Vorbeygehn gesehn, Frizzen gar nicht. Wenn der Stamm fällt fallen die Äste. Grüsen Sie die kleine. Wenn mein Stück fertig ist und ich kanns möglich machen lass ichs abschreiben und schicks Ihnen.

Übrigens geht alles seinen dezidirten Gang, ich wende alle Sinnen und Gedancken auf, das nötige im Augenblick und das schickliche zur Situation zu finden, es sey hohes oder tiefes, es ist ein sauer Stückgen Brod, doch wenn mans erreichen könnte[236] auch ein schönes. Die grösste Schwürigkeit ist dass ich das Gemeine kaum fassen kan. Unbegreifflich ists, was Dinge die der geringste Mensch leicht begreifft, sich drein schickt, sie ausführt, dass ich wie durch eine ungeheure Klufft davon gesondert bin. Auch geht mein gröster Fleis auf das gemeine. Sie sehen ich erzähle immer vom ich. Von anderm weis ich nichts, denn mir innwendig ist zu thun genug, von Dingen die einzeln vorkommen kan ich nichts sagen, nehmen Sie also hier und da ein Resultat aus dem Spiegel den Sie kennen. Ich freue mich auf die Camera obscura und auf einen Brief von Ihnen der auch nur von Ihnen handeln muss. Adieu für heute Adieu Gold. Sie haben doch wohl rathen können warum ich verlangte dass Sie mit einem v das C. und S. von einander trennen sollten, wenn Sies recht auslegen ists recht artig, ich zweifle fast, Sie werden das glänzende Püncktgen nicht treffen.


4/970.


An Charlotte von Stein

d. 15ten Juni nach Mitt.

Meine Rosen blühen nicht auf, meine Erdbeeren werden nicht reif sie wissen wohl dass sie nichts zu eilen haben. Stein sagt, er schicke morgen etwas an Sie und ich will dieses Briefgen mit geben. Bald seh ich auch etwas von Ihnen hoff ich.

[237] An den neuen Weegen wird schönes bereitet, wir werden auch wieder da zusammen gehn.

Alles ist äusserlich ruhig.

Die Waldner ist noch nicht wieder da.

Der Herzog kaufft wieder ein Pferd, das sehr unbequem trabt, weil er schon mehr unbequeme hat, welches sich hören lässt.

Adieu. Grüsen Sie die Imhof. Er weis wohl nicht mehr viel von mir.


4/971.


An Charlotte von Stein

[24. Juni.]

An dem unsäglichen Verlangen Sie wieder zu sehen fühl ich erst wie ich Sie liebe. Die Sachen hängen wunderlich in dem Menschen zusammen. Diese Sehnsucht nach Ihnen trifft auf eben die Nerve wo der alte Schmerz, dass ich Sie das erste Jahr in Kochberg nicht sehen durfte, sich verteilt hat, bringt eben die Empfindung hervor, und erinnert mich, wie eine alte Melodie, iener Zeit.

Noch wart ich auf einen Brief von Ihnen, das Zettelgen hab ich, mit Knebels Brief.

Oeser hat mancherley gutes in Bewegung gesezt. Der erste Ackt der Vögel ist bald fertig. Ich wollte Sie könnten an Platituden so eine Freude haben wie ich, das Stück würde Sie herzlich zu lachen machen.

[238] Ein geringes Geschenck, dem Ansehn nach, wartet auf Sie wenn Sie wiederkommen. Es hat aber das merckwürdige dass ich's nur Einem Frauenzimmer, ein einzigsmal in meinem Leben schencken kan.


d. 26. Jun.

Gestern war ich in Ettersburg und dicktirte der Jöchhausen mit dem lebhaffteften Muthwillen an unsern Vögeln, die Nachrichten von Feuer in Gros Brembach iagte mich fort, und ich war geschwind in den Flammen. Nach so lang trocknem Wetter, bey einem unglücklichen Wind war die Gewalt des Feuers unbändig. Man fühlt da recht wie einzeln man ist, und wie die Menschen doch so viel guten und schicklichen Begriff haben, etwas anzugreifen. Die fatalsten sind dabey, wie immer, die nur sehen was nicht geschieht, und darüber die aufs nothwendige Gerichteten Menschen irre machen. Ich habe ermahnt, gebeten, getröstet, beruhigt, und meine ganze Sorgfalt auf die Kirche gewendet, die noch in Gefahr stund als ich kam und wo ausser dem Gebäude noch viel Frucht die dem Herrn gehört, auf dem Boden zu Grunde gegangen wäre. Voreilige Flucht ist der gröste Schaden bey diesen Gelegenheiten, wenn man sich anstatt zu retten widersezte, man könnte das unglaublige thun. Aber der Mensch ist Mensch und die Flamme ein Ungeheuer. Ich bin noch zu keinem Feuer in seiner ganzen Acktivität gekommen als zu[239] diesem. Nach der Bauart unsrer Dörfer müssen wirs täglich erwarten. Es ist als wenn der Mensch genötigt wäre, einen zierlich und künstlich zusammengebauten Holzstos zu bewohnen, der recht, das Feuer schnell aufzunehmen, zusammen getragen wäre.

Aus dem Teich wollte niemand schöpfen denn vom Winde getrieben schlug die Flamme der nächsten Häuser wirblend hinein. Ich trat dazu und rief es geht es geht ihr Kinder, und gleich waren ihrer wieder da die schöpften, aber bald musst ich meinen Plaz verlassen, weils alllenfalls nur wenig Augenblicke auszuhalten war. Meine Augbrauen sind versengt, und das Wasser in meinen Schuhen siedend hat mir die Zehen gebrüht, ein wenig zu ruhen legt ich mich nach Mitternacht, da alles noch brannte und knisterte im Wirthshaus aufs Bett, und ward von Wanzen heimgesucht und versuchte also manch menschlich Elend und unbequemlichkeit. Der Herzog und der Prinz kamen später, und thaten das ihrige. Einige ganz gewöhnliche und immer unerkanndte Fehler bey solchen Gelegenheiten hab ich bemerckt.

Verzeihen Sie dass ich mit Bildern und Gestalten des Gräuels Sie in Ihre Freuden verfolge. Es fiel mir in der Nacht und denen Flammen ein, wie das Schicksaal wüthet und nun Sicilien wieder bebt und die Berge speyen, und die Engländer ihre eigne Stadt anzünden und das alles im aufgeklärten 18ten Jahrhundert.

[240] Wie ich heut früh hereinritt wie schön wärs gewesen wenn ich Sie hätte zum guten Morgen grüsen können. Adieu Sie müssen nun bald wieder kommen. Adieu liebste.

Die Kinder haben mir Briefgen gebracht.

Grüsen Sie die Imhof und die kleine.

Meine Erdbeeren stehn verlassen, bald schick ich sie da, bald dort hin, es will nirgends hafften.

Clauer macht Oesers Büste recht hübsch.

Meine Rosen blühen bis unters Dach, und solang als das mein Haus deckt, kan nicht ein willkommnerer Gast hineintreten als Sie. Adieu liebste. als ich gestern zum Feuer kam, war das erste dass ich meinen Ring abthat und in die Tasche steckte.

G.


4/972.


An Carl Ludwig von Knebel

d. 24. Jun. 80.

Spät wirst du diesen Brief erhalten, doch zur guten Zeit, denn du wirst bey Lavatern seyn.

Es geht alles hier ruhig und gemein zu. Von der Dessauer Reise sind die Herrschaften sehr zufrieden. Die Herzoginn hat ihre Schwester gesehen, die Wöllwarth hat eine kindische Freude in Potsdam gewesen zu seyn. Ich habe indess meinen Gothischen Besuch abgelegt, und bin zufrieden von ihnen und sie hoff ich von mir nach fünf Tagen mancherley Unterhaltung[241] geschieden. Die Waldner war zu gleicher Zeit drüben.

Oeser ist hier und hat viel gutes veranlasst, alle Künste in denen wir sachte des Jahrs fortklempern hat er wieder um einige Grade weiter gerückt. Wenn man nur immer fleisig ist, und es auch nicht sehr zuzunehmen scheint; so macht man sich doch geschickt, durch das Wort eines verständigen schnell vorwärts gebracht zu werden. Die Theater Mahlerey hat er sehr verbessert, Farben und Methoden angegeben pp. Den ersten Ackt der Vögel, aber ganz neu, werden wir ehstens in Ettersburg geben. Sobald er fertig ist schick ich eine Abschrifft an dich, er ist voller Muthwillen, Ausgelassenheit und Thorheit. Der Prinz beträgt sich recht gut. Ich hab schon einiges gethan seiner Haushaltung eine gute Richtung zu geben. Gustel hat einen Dienst, den wäre er also los, und braucht keinen neuen vor der Hand. Wir wollen eins nach dem anderen ins beste zu bringen suchen.

Deine Rechnungen bey Paulsen hat der Herzog bezahlt . . . . . . . . . . . . was dich . . . den Prinzen . . ., vielleicht wäre der Prinz auch iezt . . . . . . also abgethan, du bist reine und es kommt nur auf dich an, ob du dich für die Folge so erhalten willst und kannst.


[242]

d. 3. Jul.

Die Stein macht noch nicht Mine wiederzukommen Oeser ist weg, Klauer hat seine Büste gar gut gefertigt. Ich bin allein, und mit unter geplagt man kan sich weder auf Holz, Stein, Erz, Feuer, Wasser noch Menschen verlassen. Lass dirs ia wohl seyn in der Fremde. Man nimmt von den Vortheilen der Erdbewohner sein Stückgen, und lässt ihnen ihre Beschwerden. Ich hoffe von dir zu hören. Adieu. Den Brief der Werthern hab ich aufgemacht, weil er zu weislich gesiegelt war, aber kein Wort drinn angesehn. Adieu.

G.


4/973.


An Charlotte von Stein

Es ist nicht ganz hübsch von Ihnen dass Sie Sich vom Herrn Vetter die Tour machen lassen, indess ich fast aller Miseley entsagt habe, es mir auch gar nicht schmecken will.

Wenn Sie mir's recht ausführlich erzählen, und mir auch sonst romantischen und dramatischen Stoff mitbringen, wird Ihnen diese Untreue verziehen. Die Werthern ist in sehr betrübten Umständen, das arme Herzgen weis gar nicht recht worans ist, seit dem ihr alter moralischer Verehrer fort ist, der die unmoralischen vertrieben hatte. Wenn ich nicht soviel zu thun hätte wäre mir's auch elend. Manchmal in ruhigen[243] Augenblicken die doch höchst selten sind fühl ich auch eine grose Lücke. Sie kommen noch so bald nicht wieder merck ich.

Oeser geht heute weg. Unsre Vögel rücken vor. In Ettersburg ist viel gezeichnet worden. Clauer hat Oesers Kopf gut gearbeitet. Die Kinder sind wohl. Kästner ist Pagen Informator mit 130 rh. jährlich, exclusive d. Tisch und Wohnung. Machen Sie Ihre Einrichtung drauf. Wenn Sie nun Carolinen nehmen wollen gehts vielleicht an. Adieu beste liebste. d. 28. Jun. 80.

G.


4/974.


An Charlotte von Stein

Ihre grose Vorlust mir zu schreiben hat sich wohl in ein und den andern freundlichen Gedancken aufgelöst den Sie mir über die Berge zuschicken. Nicht so mit mir Sie sollen Briefe haben, bis Sie sagen hör auf.

Stein ist nicht hier, Friz ist gar freundlich.

Heut Abend fand ich Ihrer Mutter Fächer im Stern, und hernach begegnet ich ihr mit der Reinbaben und geleitete sie zu meinen Wohnungen hinaus. Herders sind wieder von Ilmenau zurück und haben mich zum Eintritt mit unangenehmen Sachen unterhalten, die sie nichts angehn. Ich habe beschlossen die Frau nächstens beym Lippen zu kriegen und ihr meine[244] Herzensmynung zu sagen, sie mag alsdenn referiren, und es ist sehr gut dass mann sich erklärt, und gewisse Dinge ein für allemal nicht leidet. Die neuen Weege werden immer saubrer und zusammenhängender. An Masken zu den Vögeln arbeiten Schumann und Mieting mit aller Kunst. Jeri und Bätely will noch nicht flott werden, über die Sandbäncke der Zeitlichkeit.

Mein Leben ist sehr einfach und doch bin ich von Morgends in die Nacht beschäfftigt, ich sehe fast niemand als die mit denen ich zu thun habe. Gestern hab ich bey der Gräfinn gessen, sie war gar artig und sagte recht sehr gute Sachen. Der Herzog ist nach Ringleben wo Wasserbaue müssen veranstaltet werden, auch nimmt er sich des abgebrannten Brembachs an, und sorgt für die Leute, und für klugen Aufbau. Mir mögten manchmal die Knie zusammenbrechen so schweer wird das Kreuz das man fast ganz allein trägt. Wenn ich nicht wieder den Leichtsinn hätte und die Überzeugung dass Glaube und harren alles überwindet. Es könnte ia tausendmal bunter gehn und man müsste es doch aushalten. Wenn Sie nicht bald wiederkommen oder dann bald nach Kochberg gehn, muss ich eine andre Lebensart anfangen. Eine Liebe und Vertrauen ohne Gränzen ist mir zur Gewohnheit worden. Seit Sie weg sind hab ich kein Wort gesagt, was mir aus dem innersten gegangen wäre. Einige Vorfälle und die Lust mit[245] den Vögeln die ich immer Sonntags der Jöchhausen dicktirt habe, sind gute Sterne in der Dämmrung geworden. Recht wohl Dämmrung.

Aber freylich tausend und tausend Gedancken steigen in mir auf und ab. Meine Seele ist wie ein ewiges Feuerwerck ohne Rast. Clauer hat Öfers Kopf recht schön gearbeitet. Der Alte ist fort. Wundersam ist doch ieder Mensch in seiner Individualität gefangen, am seltsamsten auserordentliche Menschen; es ist als wenn die viel schlimmer an gewissen Ecken dran wären als gemeine.

Wenn ich ihn nur alle Monat einen halben Tag hätte, ich wollt andre Fahnen aufstecken. Adieu mein Brief muss fort. Grüsen Sie die kleine und die Imhof.

Sagen Sie mir ein Wort wenn ich auf Ihre Wiederkunft rechnen kan. Adieu Engel.

d. 30. Jun. 80. Weimar.

G.


4/975.


An Johann Heinrich Merck

Weimar, d. 3. Juli 80.

Seitdem du deinen Garten hast, hört man wenig von dir. Dein letzter Brief über Mosern an den Herzog war uns sehr willkommen. Schreibe ja von dieser Sache mehr, es unterhält und nützt, und wenn[246] die Leute heurathen, oder auf irgend eine Weise sterben, so ist billig, daß drüber räsonnirt wird.

Oeser ist 14 Tage in Ettersburg gewesen und hat uns zu mancherlei Guten geholfen. Klauer hat seinen Kopf ganz allerliebst bossirt, er soll in Gips gegossen und in unsern grauen Stein gehauen werden.

A propos, von Steinen hab ich jetzo etwas sehr Angenehmes und unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den wir zum Bergwesen herbeiziehen, lass' ich eine mineralogische Beschreibung von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten, mit seiner Beschreibung überein nummerirt, mit, woraus ein sehr einfaches, aber für uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, das gut und nützlich, ich will eben nicht sagen, einträglich ist.

Du thätest mir einen Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, die nicht weit von Euch im Gebürge liegen und wo große abgesägte Stücke davon glauben machen, daß die Römer ihre Obelisten daher geholt haben. Wenn du einmal Gelegenheit findest, zu erforschen, was der Feldberg auf seiner höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn zu wissen.

Wenn du dem Herzog wieder schreibst, sei nur ja recht weitläufig über die seltsame Catastrophe von Mosern. Es ist möglich, daß der Mensch noch drei-, viermal so verändert, eh er stirbt; was einmal in der[247] Natur stickt, zwingt den Menschen zu handeln; er findt doch noch in Deutschland Herren genug, die seiner bedürfen, ob es gleich immer jedem sehr thöricht scheinen muß, daß er sich einer so vortheilhaften Lage hat begeben mögen.

Schick doch ja die Dürerische Holzschnitte zurück; ich brauch sie äußerst nothwendig und wenn du die schöne Jahreszeit über den Gersaint entbehren kannst mit dem Supplemente, so schick mir ihn mit.

In Ettersburg wird elektrifirt und Anstalten zu neuen wunderseltsamen Schauspielen werden gemacht. Die Herzogin war sehr vergnügt, so lang Oeser da war, jetzo geht's freilich schon ein wenig einfacher zu. Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u s.w., daß keine Minute leer war.

Adieu! laß bald von dir hören.

Weil noch so viel Platz übrig ist, will ich dir von unsern neusten Theater Nachrichten etwas Ausführlichers mittheilen.

In etwa 14 Tagen

wird auf dem Ettersburger Theater

vorgestellet werden:

der Vögel,

eines Lustspiels nach dem Griechischen und

nicht nach dem Griechischen, [248] Erster Act,

welcher für sich ein angenehmes Ganze ausmachen

soll.

Hiernach wird ein Epilogus von M. Schröter gehalten

werden, wie folgt:

Der erste, der den Inhalt diese Stücks nach seiner Weise auf's Theater brachte, war Aristophanes, der Ungezogne. Wenn unser Dichter, dem nichts angelegner ist, als euch ein Stündchen Lust und etwa auch Beherzigung nach seiner Weise zu verschaffen, in ein und anderem gesündiget; so bittet er durch meinen und euch allerseits um Verzeihung. Denn, wie ihr billig seyd, so werdet ihr erwägen, daß von Athen nach Ettersburg mit einem Salto mortale nur zu gelangen war. Auch ist er sich bewusst, mit so viel Gutmüthigkeit und Ehrbarkeit des alten declarirten Bösewichts verrufne Späse hier eingeführt zu haben, daß er Eures Beifalls sich schmeicheln darf. Auch bitten wir euch, zu bedenken, denn etwas Denken ist dem Menschen immer nütze, daß mit dem Scherz es wie mit Wunden ist, die niemals nach so ganz gemessnem Maas, und reinlich abgezogenem Gewicht gegeben werden. Wir haben, nur gar kurz gefasst, den Eingang des ganzen Werks zur Probe hier demüthig vorgestellt; sind aber auch erbötig, wenn es gefallen hat, den weiteren weitläufigen Erfolg von dieser wunderbaren doch wahrhaften Geschichte nach unsrer besten Möge vorzutragen.[249]


4/976.


An Charlotte von Stein

d. 3. Juli 80.

Stein behauptet zwar ein Brief heut auf die Post gegeben, werde Sie nicht mehr in Mörlach treffen. Ich dagegen glaube dass man Sie nicht weglässt, wenn man Sie hat, dass Sie sich halten lassen und die Abwesenden wie billig nicht in Anschlag kommen.

Wir wollen uns lieb und werth behalten, meine beste. Denn des lumpigen ist zu viel auf der Welt, und wenig zuverlässig, obgleich dem Gescheuten alles zuverlässig seyn sollte, wenn er nur einmal Stein für Stein und Stroh für Stroh nimmt. Es ist aber nichts schweerer als die Sachen zu nehmen für das was sie sind.

Ich hab Ihnen artige und unartige Dinge zu vertrauen.

Der erste Ackt der Vögel ist nahe fertig, dazu hat Ihre Abwesenheit geholfen. Denn solang Sie da sind lass ich mir's in unbeschäfftigten Stunden so wohl seyn und erzähle Ihnen und pp was alles in dem Augenblick mir die bewegte Seele eingiebt dem mach ich Lufft, wenn sichs thun lässt, und wenn Sie nicht da sind hab ich niemand dem ich soviel sagen kan da muss es einen andren Ausweeg suchen.

Wenn Sie nur meine Rosen sehn sollten, und geniessen sollten den Geruch des Jelängerielieber und[250] den Duft heut nach dem Regen, und das frische Grün von der gemähten Wiese und Erdbeeren, die iezt früh die Waldner geschickt kriegt. Das werden Sie alles besser haben, aber truz allen Bettern niemanden finden der Sie mehr liebt als ich.

Grüse an die Kleine und die Imhof. Die Männer gehn mich nichts an. Adieu.


4/977.


An Johann Kaspar Lavater

Mit Verlangen erwart' ich die Fortsezung deiner Briefe über Wasern. Biss iezt sind nur die zwei ersten angekommen. Es geht mit dieser Sache wie mit allen wichtigen Begebenheiten, iedermann spricht davon und urtheilt drüber und niemand ist davon unterrichtet.

Lipsen erwarten wir. Du wirst wohl thun mir etwas von dem Plane zu schreiben, den du mit ihm hast, worauf er ausgeht und wohin er geht.

Mochels Urne hab' ich auch gelesen, oder vielmehr etlichemal hin und her geblättert, denn durchzulesen war ich's nicht im Stande. Dein Lob ist übertrieben.

Wie kannst du sagen: Vortreflich geschrieben? da der Verfasser weder Freiheit im Begriff noch im Stil hat, es sind Seiten wo die Perioden so in einander geknüttet sind, dass man sie etlichemal lesen muss um[251] zu rathen, was er will. Ich will nicht sagen dass es schlecht geschrieben, aber es ist doch so eng! und an den Hauptpunkten sind ihm die Gedanken wie weggeschnitten. Die Armseeligkeit sieht, wie einzelne Felsgen aus einem grossen See, hier aus der weitläuftigen Märte von Stuben-Experimental-Psychologie heraus dass man gar wohl schliessen kann, auf was vor einem Grund und Boden das Gewässer ruht. Kaufmannen hätte man noch weit treffender schinden können und was von dir und seinen übrigen Freunden gesagt ist lässt sich noch sehr halten, ich wollte allenfalls den Spargel schon tiefer aus der Erde herausgehoben haben, dieser Ehrenmann ist billig genug ihn nur so weit er grün ist und hervorgukt abzuschneiden.

Herder hat wieder einen Preiss in Berlin gewonnen, wie du wohl schon aus den Zeitungen wissen wirst. Ich hab die Abhandlung noch nicht gelesen. Es war zu gleicher Zeit in einem andern Fach einer aufgestellt den er auch hätte gewinnen können wenn er nur gewollt hätte.

Wieland ist gegen dich sehr gut gesinnt. Er hat seine Launen und bedenkt, sonderlich in Prosa nicht immer alles was er schreibt. Ich weis es zwar nicht, aber es ist möglich, dass dir zu Ohren gekommen ist, er habe in einer und der andern Stelle dich zu neken geschienen, es ist aber gewiss nichts als höchstens eine Art von humoristischem Leichtsinn, der sich dieses[252] und ienes ohne Consequenz erlaubt. Ich habe ihn geradezu selbst drüber gefragt und er hat mich versichert dass er sich keiner als guter Gesinnungen gegen dich bewusst seie.

Sein Oberon wird so lang Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleiben wird als ein Meisterstük poetischer Kunst geliebt und bewundert werden.

Dass der alte Bodmer, der einen grossen Theil des zurükgelegten 18ten Jahrhunderts durchgedichtet hat, ohne Dichter zu sein, über eine solche Erscheinung wie der Schuhu über eine Fakel sich entsezt, will ich wohl glauben. Der arme Alte, der sich bei seinem ewigen Geschreibe, nicht Einmal durch den Beifall des Publici hat anerkannt gesehen, was doch weit geringern als ihm passirt ist, muss freilich bei allen solchen Produktionen einen unüberwindlichen Ekel empfinden. Ob Oberon dir etwas sein wird glaub ich nicht, davon ist aber auch die Rede nicht. Von Hirzeln hab' ich den zweiten Theil seines philosophischen Weltweisen nicht erhalten, sag ihm dass ich dadrüber betrübt bin, es ist aber eine Lüge, denn es ist mir scheuslich, was der Mensch von sich giebt.

Der Prophet der euch den Untergang drohet heißt Ziehen, war Pfarrer zu Zellerfeldt auf dem Harz. Er ist vor kurzem gestorben. Die Erdbeben die er voraus gesagt hat sind eingetroffen. Was ich noch[253] von ihm gesehen habe daraus scheint mir ein tiefes Gefühl aber eine kurzsinnige, durch ausgebreitete Belesenheit nicht aufgeheiterte Combinationsart hervorzuscheinen. Er hängt alles an einander und citirt die Bibel wie die Evangelisten das alte Testament.

Grüs deine Frau und Kinder ich wünsche dir herzlich wieder ein bleibendes Geschöpf mehr ins Haus, und ihr Gesundheit und guten Muth zu Schwangerschafft.

Schicke die Zeichnung der Darrmaschine. Einandermal lass uns akkordiren eh wir bestellen. Ich dächte wir könnten das gelernt haben.

Grüs Bäben. Sie mag mir in die Composition von Kaysern auf meine Wasserstrophen schicken.

Lass dir Wasers Nachrichten angelegen seyn, auch eine Silhouette von ihm.

Knebeln gönnst du gewiss was du von Zeit entübrigen kannst.

Wären wir nur um l00 stunden näher. Schreibe mir offt dass man sich lebendig bleibt.

Passe ia auf die Dürers auf.

Die Cenci ist angekommen leider ein wenig verschoben, lass künftig die Packer aufmercksamer seyn. Die Kupfer meist verwischt. Auch an den Füslis. Wofür ich dir dancke. Lebe aber und abermal wohl, und lass uns einander stärcken im Edlen, und erhalten[254] im Licht, denn des lumpigen, und dämmrigen ist gar zu viel in der Welt.

d. 3 Juli 1780.

G.


NB Ich bin freymaurer geworden! Was sagt ihr dazu?


4/978.


An Johann Friedrich Charpentier

Wohlgeborner

Hochgeehrter Herr

Schon unter dem 3. Jenner dieses Jahrs hatten Ew. Wohlgeboren die Gefälligkeit, dem Herrn Kammerpräsident von Kalb die Nachricht zu geben, daß die bei Herrn Zingg bestellte Karte des ilmenauer Bergreviers nach dem Versprechen desselben nahezu fertig sein könnte und daß man sich des Empfangs der Platte sowol als der vierhundert gebetenen Abdrücke nächstens gewärtigen könne. Wahrscheinlich haben sich unvorhergesehene Hindernisse in den Weg gestellt und ich erbitte mir, da mir gegenwärtig dies Geschäft aufgetragen worden, nur einige wenige Nachricht: woran es bisher gelegen und wie weit es mit dem Stich gekommen.

Es ist mir ein vorzügliches Vergnügen mit Ew. Wohlgeboren bei dieser Gelegenheit näher bekannt zu werden, da ich mir aus Ihren so sehr beliebten Schriften so manches Nützliche eigen gemacht habe.

[255] Ich füge noch eine Bitte hinzu: In Ihrer »Mineralogischen Geographie der Kursächsischen Lande« haben Sie Liebhabern kleine, unter Ihrer Aufsicht gefertigte Sammlungen von allen Gesteinarten dortiger Gebirge angeboten; ich wünschte eine solche zu besitzen, um mir dadurch das Lesen Ihres schätzbaren Werks doppelt interessant zu machen.

In Erwartung einer gefälligen Antwort habe ich die Ehre mich mit besondrer Hochachtung zu unterzeichnen

Ew. Wohlgeb.

gehorsamster Diener

Weimar, den 4. Juli 1780.

Goethe.


4/979.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen meine beste! Wie lang hab ich Sie nicht gesehen. gestern Abend kamen Sie nicht herunter. Wollen Sie mich zu Mittage? Abends muss ich nach Ettersburg. d. 22. Juli 80.

G.


4/980.


An Charlotte von Stein

[Ettersburg, 23. Juli.]

Bis 9 Uhr hat ich geschlafen, bis 10 mich angezogen, dann von Zimmer zu Zimmer die viertelstunden mit Morgengrüsen weggeplaudert. Nun sind[256] die Steine der Frl. Thusnelde in Ordnung gebracht und es wird noch wenig dicktirt werden, und ich schicke durch Gözzen einen guten Tag. Gestern Abend wurde noch Scapin und Piarrot anprobirt und ich gefiel mir selbst sehr wohl ob gleich von aussen Einsiedel mehr Beyfall erhielt. Wir wollen sehn ob wir die Leute betrügen können dass sie glauben als säh es bei uns scapinisch aus. Wegen der entsezlichen Hizze werd ich mich spät von hier in der Kühlung wegmachen. Ich hoffe noch ein Wort von Ihnen zu hören vielleicht kommen Sie mir entgegen. Ich gehe auf Lüzzendorf zu.

G.


4/981.


An Charlotte von Stein

Knebel schreibt mir dass er auch einige Worte von Ihnen zu sehen wünscht. Hier ist sein Brief, heut Abend kan ich ein Zettelgen mit wegschicken. Die berühmten Handschue kommen hierbey. Adieu meine beste. Heut Mittag hab ich Behrischen bey mir. Heut Abend seh ich Sie wohl. d. 24. Juli 80.

G.


4/982.


An Johann Kaspar Lavater

Mir ist herzlich lieb dass du uns durch Knebel näher kommst. Gewiss ist, dass an so einem kleinen[257] Orte, wo eine Anzahl wunderbaarer moralischer Existenzen sich an einander reiben, eine Art von Gährung entstehen müsse, die einen lieblich säuerlichen Geruch hat, nur gehts uns manchmal wie einem der den Sauerteig selbst essen sollte. Es ist eine böse Kost. Aber wenn es in kleiner Portion zu andrem Meel gebracht wird, gar schmackhafft und heilsam.

Dass du Freude an meiner Iphigenie gehabt hast, ist mir ein auserordentlich Geschenck. Da wir mit unsren Existenzen so nah stehn, und mit unsern Gedancken und Imaginationen so weit auseinander gehn, und wie zwey Schüzzen, die mit den Rücken aneinander lehnend, nach ganz verschiednen Zielen schiessen; so erlaub ich mir niemals den Wunsch dass meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue mich deswegen recht herzlich dass ich euch mit diesem wieder ans Herz gekommen bin.

Adieu. Die Dürers schick ich gleich wenn die, die du dazu schicken willst einrangirt sind. Du hast recht, ich treibe die Sachen als wenn wir ewig auf erden leben sollten.

Knebeln innliegendes.

Ich bin neugierig ob du an der Apokalypse nichts verdorben hast.

Mir ists neulich so gegangen dass ich habe aus einem Stück ein duzzend Verse herauskorrigirt, die ich, da es der Herzog zu sehen kriegte wieder restituiren musste.

[258] Grüse Bäben. Schicke von Wasern bald. Adieu bester. Der Herzog grüsst.

d. 24. Jul. 80.

G.


Wir werden zwar in unserm Leben keine grosse Phisiognomen werden, doch thust du wohl wenn du uns auch etwas mittheilst.

Bei Gelegenheit von Wielands Oberon brauchst du das Wort Talent als wenn es der Gegensaz von Genie wäre, wo nicht gar, doch wenigstens etwas sehr subordinirtes. Wir sollten aber bedenken dass das eigentliche Talent nichts sein kann als die Sprache des Genies. Ich will nicht schikaniren, denn ich weis wohl was du im Durchschnitt damit sagen willst, und zupfe dich nur beim Ermel. Denn wir sind oft gar zu freigebig mit algemeinen Worten, und schneiden, wenn wir ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so grade durch, wie durch einen weisen Bogen Papier.

Denn wenn ich ein solches Werk auch blos als ein Schnizbildgen ansehe, so wird doch der feinsten Scheere unmöglich, alle kleinen Formen, Züge und Linien, worinn der Werth liegt heraus zu sondern. Es ist nachher noch eins was man nicht leicht an so einem Werke schäzt weil es so selten ist; dass nemlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat als was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst[259] und Feinheit so vieles wegzulassen gebührt ihm freilich der grösste Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt.

Was deine dikhirnschaaligen Wissenschaftsgenossen in Zürich betrift und was sie von Menschen die unter einem andern Himmel gebohren sind, reden, bitt ich dich, ia nicht zu achten. Die grössten Menschen die ich gekannt habe, und die Himmel und Erde vor ihrem Blik frei hatten, waren demüthig und wussten, was sie Stufenweis zu schäzen hatten. Solches Kandidaten und Klostergesindel ziert allein der Hochmuth. Man lasse sie in der Schellenkappe ihres Eigendünkels sich ein wechselseitiges Conzert vorrasseln. Unter dem republikanischen Druk und in der Atmosphäre durchschmauchter Wochenschriften und gelehrten Zeitungen würde ieder vernünftiger Mensch auf der Stelle toll. Nur die Einbildung, Beschränkung und Albernheit hält solche Menschen gesund und behaglich.

G.


Sage Kaysern dass ich indess auf 12 Exemplare subscribire.

Grüse Bäben.[260]


4/982a.


An Carl Ludwig von Knebel

Mein lieber Bruder, wir freuen uns von dir zu hören und du bist in gutem Andencken. Mit Lavatern ist dir's gewiss wohler geworden als du selbst weisst, wenn du von ihm weg bist, wirst du erst spüren was man gewinnt einige Zeit in seiner Athmosphäre gewesen zu seyn.

Auf Genv schick ich dir hundert Carolin. Du verlangst zweyhundert ich weis aber nicht wo ich sie hernehmen soll.

Aus beyliegender Rechnung siehst du wie du stehst. Magst du nicht zurück wenn die hundert Carolin zu Ende sind, so schreibe doch grad an den Herzog und den Prinzen und mache aus was sie dir noch bestimmt geben sollen. Denn empfingst du iezt 200 Carol. so hättest du aufs künftige Jahr nur noch 200 rh. Verzeih mir dass ichs so scharf nehme! ich habe nicht dagegen was dir der Herzog und der Prinz weiter zur Reise aussezzen wollen. Nur voraus! Es ist gar bös, wies so offte geschehen ist, es ihnen stillschweigend vom Leibe zureissen und es nachher abschreiben zu lassen. Der Herzog hat, wie ich dir geschrieben habe, Vaulsen für dich bezahlt, und die Schattulle hat ohne dess immer über all zu flicken.

Dass Lavatern meine Iphigenie wohl gethan hat ist mir eine grose Freude.

[11] Es grüst dich alles.

Ich bin immer wie schwimmend und manchmal auf dem Rücken ausruhend.

Der erste Ackt meiner Vögel ist fertig

Adieu. Gott gebe dir gute Augen und ein fröhlich Herz.

d. 24 Jul. 80.

G.


[Beilage.]


1.) Zum Quartal Mich. und Weihn.1780

von Serenissimorh 300.-

2.) Auf eben diese Quartale von

Durchl. dem Prinzen" 100.-

3.) Extraordinarie von dem Prinzen"400.-

Zusammenrh800.-


Davon erhalten 500 rh als:


Vorschuss aufN. 1300rh

N. 2100-

N. 3100-

uts.


Auf 1781 zu erwarten:


Von Serenissimorh 600

Von des Prinzen Durchl." 600

vom Jahre 1780 Rest" 300

rh 1500

Davon Gegenwärtig650

bleiben aufs Jahr 81rh 850[12]


Sobald ich von Streibern in Eisenach Nachricht habe an welch Haus er Ordre gegeben hat schreib ich dirs und du kriegst wohl diesen Brief und den folgenden in Luzern. Du wohnst in Genf in der Waage dort sollst du auch was von uns finden. Alles grüst.

Der Knaben Kopf ist sehr schön aber nicht von Albrecht Dürer doch ein Original. Die Kupfer sind lauter Kopien.

Der Kopf hat das Zeichen

1780

ich habe noch nicht nachgesehen wens bedeutet. er ist mit unglaublicher Naivetät gemacht, ie länger man ihn ansieht, iemehr gefällt er. Berisch von Dessau ist hier. In Ettersburg siehts gut aus. Ich bin in die Passion der Mineralogie gefallen.[13]


4/983.


An Johann Kaspar Lavater

Bestelle beyliegenden Brief sorgfältig an Knebeln es ist Geldswerth drinne. Ich bin dir immer nah und mir ists wohler dass du uns näher und näher geworden bist.

Grüse Bäben! Wie ist die Gesundheit deiner Frau? Leb wohl und schreib mir bald es sey was es wolle.

d. 28. Jul. 1780.

G.


4/984.


An Carl Ludwig von Knebel

Du erhälst einen Brief auf die Herren Morin Lombard und Borel nach Genv, mit der Ordre dir hundert Carolin auszuzahlen.

Deinen Brief von Richtensweyer erhielt ich gestern und das was du drinne begehrst ist ziemlich durch diese Anweisung erfüllt. Brauchst du gegen das Ende deiner Reise noch etwas wird sich auch Rath finden.

Hoze ist ein gar guter Mann und muss dir besonders wohlgethan haben. Ein Büstgen und auch den Sattel für ihn will ich besorgen.

Wolltest du Herrn Pastor Wytenbach in Bern Bitten dass er mir einige Stückgen Granit und Gneus vom Gotthard und andern Bergen schickt und was er sonst von Gebürgarten entbehren kann. Er mag es[261] nur an Lavatern schicken, von dem erhalt ichs nachher leichter. Ich will ihm dagegen auch etwas aus unserer Gegend übermachen.

Dass du mit Genv schliesen willst ist gar wohl gethan, du kommst zur rechten Zeit wieder hast eine schöne ganze Tour gemacht. Nur hüte dich vor dem Winter man verdirbt sich das genossne Gute wenn man in der bösen Jahrszeit reist. Gebe Gott dass du alsdenn gerne und zufrieden in deinem Zustand mit uns leben magst.

Hier leben wir einige Zeit her ruhig neben einander, was sich aneinander geschlossen hat bleibt, und das andre stört sich wenigstens nicht.

Nimm innliegenden Brief wohl in Acht denn dem Überbringer werden 100 Carolin ausgezahlt da man dich dort nicht kennt.

Es grüst dich alles. Der erste Ackt meiner Vögel ist fertig und wird nächstens aufgeführt.

Ich habe viel guten Humor, bin aber dabey immer hypochonder selon Mdm de Fr. Adieu. Moser ist aus darmstädtischen Diensten, das du wohl noch nicht weisst. Die Elende alte Rothenhahn ist gestorben.

d. 28. Jul. 80.

G.


Wenn du nach Emmedingen kommst; so lies ihnen die Iphigenie ich habs lange versprochen und nicht geschickt.[262]


4/985.


An Johann Friedrich Charpentier

Wohlgeborner

Hochgeehrter Herr

Nochmals wiederhole ich mit aufrichtigem Dank für die bisherige Bemühung die angelegentliche Bitte, daß doch ja Ew. Wohlgeboren so gütig sein möge, durch diensame Vorstellungen und Erinnerungen Herrn Zingg zu baldigster Fertigung der versprochenen Karte zu bewegen. Die Zeit rückt herbei, daß die Nachricht von dem ilmenauer Werk in das Publicum treten soll und es würde uns in große Verlegenheit setzen, wenn die Abdrücke alsdann nicht bei Handen wären.

Die für mich bereitete Steinsammlung erwart' ich mit Verlangen und ersuche Sie, mir solche mit dem Postwagen unter meiner Adresse hierher zu senden und mir zugleich was ich dafür schuldig geworden, gefällig zu melden.

Der ich die Ehre habe mit vollkommener Hochachtung zu verharren

Ew. Wohlgeb.

gehorsamster Diener

den 31. Juli 1780.

Goethe.[263]


4/986.


An Adam Friedrich Oeser

Ihre Briefe habe ich übergeben und Ihre Aufträge ausgerichtet. Wahrscheinlich erhalten Sie mit der heutigen Post auch Ihre Büste und ich hoffe dass Sie einigermassen mit der Arbeit zufrieden sein werden. Ich habe mit Clauern gesprochen, wegen des Verlangens das Sie haben ihn auf eine Zeit bei Sich zu sehen. Er scheint unentschlossen und ich wünschte selbst, eh ich Durchl. dem Herzog etwas davon sage und um Urlaub für ihn bitte, näher unterrichtet zu sein, auf was für eine Art, wie lang und zu welchem Zwek Sie ihn bei Sich zu haben wünschen, denn nach allen diesem wird der Herr mich gewiss fragen. Klauer selbst scheint wegen einiger näherer Bestimmung verlegen und ich wollte selbst rathen mit ihm dadrüber so ausführlich und deutlich als möglich zu handeln. Es giebt bei Arbeiten des Künstlers die schweer zu schäzen sind meistentheils zulezt ein Misvergnügen, wenn man sich nicht gleich Anfangs zusammen auf einen festen Fus gesezt hat. Es bleibt ihm ohnedem auch hier noch verschiedenes zu thun, wo er unter ein Viertel Jahr schweerlich fertig wird.

Ich schike hier versprochenermassen ein Exemplar der berühmten Correspondenz die ich mir zu seiner Zeit wieder zurük erbitte. Ich weis nicht ob es[264] Ihnen gehen wird, wie mir, sie ist mir in der Erzählung hübscher und lustiger vorgekommen als sie mir gedrukt erscheint.

Wollen Sie etwa einige architektonische Zeichnungen für Durchl. den Prinzen hierher schiken so würde ich sorgen dass sie kopirt werden.

Indem ich dieses schreibe sind Sie wohl in einer wichtigen Handlung begriffen, wozu ich alles Glükwünsche. Vielleicht steht die Statue schon auf ihrem Plaz und ich bin recht neugierig sie zu sehen.

Leben Sie recht wohl. Denken Sie gelegentlich an die Aufträge mit denen wir Sie belästigt haben.

Weimar den 3. Aug. 1780.

Goethe.


4/987.


An Charlotte von Stein

Heute Mittag sehen Sie mich bey Tische. Ich werde diesen Morgen fleisig seyn um ein freundlich Gesicht von Ihnen zu verdienen. Hier ist ein Brief von Rousseau.


d 4. Aug. 80.

G.


4/988.


An Charlotte von Stein

Schon bin ich wieder zurück und mögte wissen wie Sie leben? Wann gehn Sie heut Abend aus?[265] wohin? und wie zurück? Mit werd ich wohl nicht gehn, vielleicht schleich ich Ihnen zu begegnen. Adieu beste! d. 4. Aug. 80.

G.


4/989.


An Johann Kaspar Lavater

Weimar den 8. August 1780.

Die Kiste ist wirklich angekommen und ich finde den Riss sehr schön und gut. Er ist iust nicht wohlfeil aber der Preiss ist auch so ungeheuer nicht, wie du ihn machst. Deswegen wirst du künftig hin so gut sein und immer gleich schreiben, was eine Sache kostet, damit man nicht inzwischen denke, es gelte haut und haar. Nun aber bitte ich dich, denn es fehlt noch die Hauptsache, der Process wie es gemacht wird, wie viel Zeit man braucht, wie viel Leute dabei angestelt sind u.s.w.

Mit grossem Verlangen sehe ich dem waserischen Ende entgegen. Nimm dich zusammen so bald möglich und schik mirs.

Unter denen Kupfern die du geschikt hast waren vier bis fünf Albrecht Dürers die du noch nicht besasest, und einige bessere Abdrüke. Ich hab sie schon eingeordnet, das Buch dazu ist bestellt und du erhälst sie nächstens. Versteht sich die Kupfer, der Holzschnitte sind noch zu wenig. Unterdess hab ich auch von Martin Schön und Lukas von Leiden sehr[266] gute Sachen die dein gehören, diese sollen nach und nach auch zierlich zusammengebracht werden, und folgen.

Ferner schik ich dir mit der fahrenden Post, das Manuskript das der alte Bodmer verlangt hat, der Herzog hat sich dafür bei dem Herzog von Gotha verbürgt und es kommt ihm hauptsächlich drauf an dass du eine Sicherheit zu erhalten suchst, das Buch wenn der alte stirbt ohne Umstände aus dem Nachlass heraus nehmen zu können. Ueberleg' es und händige es nicht anders als gegen einen Schein aus.

Knebeln ist es im Ursner Thal ganz wohl geworden. Er hat sich glaub ich drei Tage drinn aufgehalten.

Mit dem zweiten Portrait des Herzogs ist es wieder Unglük, man verkauft doch sonst die grossen Herrn in den schändlichsten Karikaturen. Das Unglük bei diesem ist aber dass es mit Geist in ein ganz fremdes Wesen übergetragen ist. Die ganze Welt wünscht nichts mehr als ein Bild vom Herrn und wenn ich diese iemanden anbiete so ist als wenn sie Brod verlangten und ich gäb ihnen einen Stein. Schreibe mir was von dem Befinden deiner Frau.

Adieu lieber.

G.


4/990.


An Charlotte von Stein

Noch einen guten Morgen meine beste! Kehren Sie mit diesem Besemgen noch alles weg was Sie[267] etwa gegen mich haben, und glauben Sie dass ich Sie herzlich liebe. Der Morgen ist sehr schön, es wird ein heiser Tag, doch will ich bald möglich wieder da seyn. Adieu. d. 9. Aug. 80.

G.


4/991.


An Johann Friedrich Krafft

Ich danke für den Antheil an meinem Befinden, auch darüber bitt ich sich zu beruhigen, denn wir halten durch keine Sorge einen Menschen unter den Lebendigen. Gewohnt, jeden Tag zu thun, was die Umstände erfordern, was mir meine Einsichten, Fähigkeiten und Kräfte erlauben, bin ich unbekümmert, wie lang es dauern mag, und erinnere mich fleisig jenes Weisen, der auch drei wohlgenutzte Stunden für hinreichend erklärt hat.

Was Sie selbst betrifft, will ich Sie unter Diejenigen aufzeichnen, deren Versorgung ich nach meinem Todte meinen Freunden hinterlasse.

Weimar, d. 11. Aug. 1780.

G.


4/992.


An Carl Ludwig von Knebel

Den 13. August 1780.

Lieber Bruder, ich habe deinen Creditbrief auf Genv contremandirt und Streibern aufgetragen, daß[268] er an Lavatern 60 Louisdor auszahlen soll lassen. Richte dich also darnach.

Deine glückliche Reise freut mich sehr; komm, ich bitte dich, zurück, wenn dirs das Herz sagt. Du wirst nichts hier verändert finden, Gott sey Dank und leider, wie du's nehmen willst. Ich bin der alte Hoffer und hoffe immer es soll auch mit dir gut gehen. Gegen den 25. geh ich mit dem Herzog nach Ilmenau u.s.w. Hast du etwas zu schreiben, so schick's an die Stein und wenn es etwas ist was sie ausrichten kann schreib's ihr gleich, wenns auch Geldsachen wären, ich will ihr darüber meine Anweisungen hinterlassen. Wir kommen vor 4 Wochen nicht wieder. Adieu, genieße der freien Luft, denn zu Hause hängt immer ein leichtes sorgliches Gewebe über den Menschen. Adieu, heut werden meine Vögel probirt. Du findst sie in Frankfurt, wo du nun doch durch mußt. Adieu, schreibe bald.

G.


4/993.


An Charlotte von Stein

Ich ersuche Sie um die Vögel die ich meiner Mutter schicken will. Diesen Mittag hab ich einen Gast, kan also nicht kommen mit meinem besten zu essen. Adieu. eh ich weggehe such ich Sie auf. und diesen Abend bin ich bey Ihrem Bruder. Adieu allerliebstes. d. 14. Aug. 80.

G.[269]


4/994.


An Charlotte von Stein

Nachdem ich Sie zweymal bey sich gesucht, haben mich falsche Stimmen in den Stern, auf die Wiese bis in meinen Garten gelockt, ich glaubte Sie immer vor mir zu hören, nun will ich in Ihrem Andencken einen stillen Abend geniessen und mich auskühlen, und über heut und morgen nachdencken. Der Herzog wünscht die Vögel zu Ende dieser Woche da giebts noch was zu treiben. Schicken Sie mir einen Bissen mit Freundlichkeit, und Herdern den Jaques le fataliste. Adieu beste.

d. 15. Aug. 80.

G.


4/995.


An Charlotte von Stein

Das Conseil wird heute hoffentlich nicht zu lange werden. Ich will zu Tische kommen und ein fröhlich Mittagmahl halten. Dancke für alles was Sie gutes an mir thun, durch Liebe und Freundlichkeit.

d. 16. Aug. 80.

G.


4/996.


An Charlotte von Stein

[17. August.]

Ich bin auf dem Sprunge auszugehn, und hab heute da diesen Abend Hauptprobe ist, eine Menge[270] zu schaffen. auch um 10 noch privat Probe mit den Misels, also seh ich Sie wieder nicht bey mir.

G.


4/997.


An Johann Kaspar Lavater

Der Herzog will dir das Geld von denen Capitalien geben die er bey der Landschafft auch zu 4 pr Cnt stehen hat, biss das aber aufgekündigt und in der Ordnung ist must du warten. Ich will sorgen dass es bald möglich bey dir, oder wo du es hin willst ankommen kan. Schreib mir wenn du es nothwendig brauchst.

Wir werden auf vierzehn Tage verreisen und einige entfernte Ämter besuchen die der Herzog von seinen Besiztümern noch nicht gesehen hat.

Ich sammle neuerdings zur Mineralogie will mir dein Bruder Docktor etwas von seinem Überfluss zukommen lassen, so macht mirs viel Vergnügen. Kannst du mir sonst was dergleichen ohne viel Umstände verschaffen so thus. Es müsste wohl eingepackt nach Franckfurt an meine Mutter mit einem Fuhrmann geschickt werden dass das Porto nicht so hoch käme. Adieu. Grüs dein Weib und Bäben.

d. 18. Aug. 80.

Goethe.[271]


4/998.


An Charlotte von Stein

[18. August.]

Noch einen Abschied von dem Theaterstübgen aus. Es ist ganz gut gegangen und ich dencke es soll toll genug werden wenn nur die Hizze nicht wäre die über den Spas geht. Adieu beste! morgen Abend seh ich Sie wieder.

G.


4/999.


An Charlotte von Stein

[Ettersburg, 18. August.]

Ein Wort Gute Nacht in gröster Eile durch den Bedienten der Herzoginn die fortfährt. Die Commödie ist gut gegangen.

G.


4/1000.


An Charlotte von Stein

[19. August.]

Auch einen guten Morgen müssen Sie haben, meine allerbeste und den Abendgrus bring ich selbst wenn ich Sie nur finde.

Hierhausen schläft sichs trefflich. Ein lustiger Streich ist mit Wielanden passirt, es geht doch nicht[272] närrischer zu als wo Menschen beysammen sind. Adieu. So ist artig aus einander seyn wenn man sich in einer Stunde reichen kan. Adio Liebste.

G.


4/1001.


An Charlotte von Stein

[20. August?]

Ich kam spät von Ettersburg fragte bey Ihnen an, ging dann nach hause und schrieb Mercken. Einmal wollt ich Ihnen entgegen gehn.

Dancke für den Braten. Ich habe noch von dem Hirsch. Adieu allerliebst.

G.


4/1002.


An Johann Kaspar Lavater

Man wird dir lieber Bruder 60 Louisdor für Knebeln auszahlen lassen, schicke sie ihm wohin ers verlangt. Deine 1000 rh. will ich besorgen, du sollst ehstens nähere Nachricht hören. Danck für Wasern, fahre ia fort. Gott erhalte dich grüse Bäben.

Ich bin dein immer bewegter im höchsten und niedrigsten in Weisheit und Thorheit umgetriebner

d. 23. Aug. 80.

G.

lies innliegendes und schick es Knebeln.[273]


4/1003.


An Charlotte von Stein

Die schöne Frau wird mir heute den ganzen Tag wegnehmen. Ich weis noch nicht ob sie gegen Abend oder Morgen früh weggeht.

Sie ist immer schön sehr schön, aber es ist als wenn Sie mein liebstes entfernt seyn müssten wenn mich ein andres Wesen rühren soll. Wir sind sehr artig. Der Herzog hat mir doch gestern Abend ein Eckgen meines Krams verrückt. Heute früh fahren wir nach Tiefurt, essen Mittags bey mir pp.

Auf Morgen Abend hoff ich Sie mit allem lieben und leidlichen bey mir zu sehn.

d. 27. Aug. 80.

G.


4/1004.


An Charlotte von Stein

[27 August 1780?]

Geseegnete Mahlzeit. Wir werden zwar von den Raben gesättigt, doch möchten wir auch was von Ihren Händen haben, also vergessen Sie uns nicht.

G.


4/1005.


An Johann Kaspar Lavater

Der Rath Bertuch der des Herzogs Privat Casse führt, wird mit heutiger Post an dich wegen der[274] tausend Thaler schreiben, wie, wann und wo du sie erheben kanst. Mache mit ihm alles aus, du wirst eine Handschrifft ausstellen, weitere Sicherheit kannst du wohl nicht machen. Sey höflich gegen den Mann doch nicht zu gut.

Die überschöne Branckoni ist so artig gewesen und ist auf ihrem Rückweg über Weimar gegangen. Ich habe sie anderthalb Tage bewirthet und herumgeführt, u.s.w. Sie grüsst dich herzlich und ist liebenswürdig wie immer.

Adieu lieber Mensch. Die 60 Ldr für Knebeln lass ich contre mandiren, er hat sie in Basel erhoben. Grüs alles. Adieu. Weimar, an meinem 31ten Geburtstag d. 28. Aug. 80.

G.


4/1006.


An die Marquise Branconi

In meiner Eltern Haus komme ich Ihnen mit einem Grus entgegen, auf denen Schwellen wo ich in meinem Leben mit so tausendfach veränderten Empfindungen hin und wieder gegangen bin. Seyn Sie recht willkommen und nehmen Sie den schönsten Danck für die Paar Tage die Sie uns gegönnt haben. Erst iezt spür ich dass Sie da waren, wie man erst den Wein spürt wenn er eine Weile hinunter ist. In Ihrer Gegenwart wünscht man sich reicher an Augen, Ohren und Geist, um nur sehen, und glaubwürdig[275] und begreiflich finden zu können, dass es dem Himmel, nach so viel verunglückten Versuchen auch einmal gefallen und geglückt hat etwas Ihresgleichen zu machen. Ich müsste in diesen anscheinenden Hyperbeln, die doch nur pur platte Prose sind, fort und fort fahren um Ihnen zu sagen was Sie zurückgelassen haben, und weil sich doch auch das, wie man zu sagen pflegt nicht schickt, so muss ich darüber abbrechen, und das beste für mich behalten.

Reisen Sie glücklich, empfehlen Sie mich Ihrer sanft augenbrauigen Reisegefährtinn, und dem Herrn Dechant.

Meine Mutter schreibt mir gewiss gleich, sagen Sie ihr etwas für mich. Sie wissen ia so schönes, und das schöne so schön zu sagen, dass es einem immer wie in der Sonne wohl wird, wenn man sich's gleich nicht träumen lässt dass sie um unsertwillen scheint.

Das Versprochne ist bestellt, und zum Theil in der Arbeit.

di Vossignoria ††††issima

Weimar

il servo ††††issimo

d. 28 Aug. 80.

Goethe


Ich überlasse Ihrer grösseren Kenntniss der italienischen Sprache, statt der Kreuze die schicklichsten Epithets einzusezzen, es passt eine ganze Litaney hinein.[276]


4/1007.


An Charlotte von Stein

[1. September.]

Der Herzog will diesen Mittag bey mir essen. Wollen Sie von der Parthie seyn; so sagen Sie ein Wort, und ich komme aus dem Confeil, Sie abholen. Wenn Sie Sich eine Gefährtinn mitbringen soll auch die willkommen seyn.

G.


4/1008.


An Sophie von La Roche

Sie erhalten liebe Mama einen Brief von einem zwar ungezognen doch nicht ganz ungerathnen Sohne, der eine gute Gelegenheit ergreifft sich wieder bey Ihnen zu produziren. Herr von Knebel ein sehr braver Mann aus unserm Kreise wird zu Ihnen kommen, den bitt ich gut zu empfangen und ihm beyliegendes zu geben.

Wollen Sie mir alsdenn sagen ob er Ihnen gefallen, und etwas von Sich dazufügen werden Sie mich sehr vergnügen.

Vor wenig Tagen hab ich Mad. de Branckoni hier gesehen, mit ihr von Ihnen gesprochen, und die Frauenzimmer Briefe empfohlen.

Eben fallt mir ein dass Sie vielleicht eine meiner iezzigen Lieblingsneigungen füttern können wenn Sie so freundlich seyn wollen.

[277] Ich gebe, seit ich mit Bergwercks Sachen zu thun habe, mit ganzer Seele in die Mineralogie. Wenn Sie mir durch irgend einen dienstbaaren Geist, deren auf Ihren Winck eine Legion wimmelt etwas aus Ihrer Gegend, oder sonst zusammen tragen liesen, würden Sie mir ein Fest machen. Da ich kein Brod verlange sondern nur Erz und Steine so geht das ia wohl.

Addio! Wieland ist wohl und will wieder sein eigen Haar ziehen.

Wenn man Boden in seiner Stärcke sehen will, muss man gegen Sie einen Diskurs anfangen, dann beisst und hackt er.

Übrigens leben wir so gut als in irgend einer Zeitlichkeit möglich ist, und ich bin wie immer der nachdenckliche Leichtsinn, und die warme Kälte. Nochmals Adieu. Grüsen Sie die Töchter, und wenn Herr v. La Roche noch etwas von mir weis so empfehlen Sie mich ihm.

Da Herr v. Knebel auch wohl nach Düsseldorf geht, so gebe Gott dass er mir mit unserm alten Friz eine angenehme Vereinigung auswürcke. Wir sind ia denck ich alle kluger geworden, es ist Zeit dass man aufs Alter sammelt und ich möchte wohl meine alten Freunde, die ich auf ein oder andre Weise von mir entfernt sehe, wieder gewinnen, und wenn möglich in einem konsequenten guten Verhältniss mit ihnen weiter und abwärts gehn.

[278] Es fällt mir noch eine Menge ein doch will ich schliessen.

Weimar d. 1. Sept. 80.

Goethe.[279]


4/1008a.


An Carl Christian von Herda

Hochwohlgebohrner

Hochgeehrter Herr,

Die von Ew. Hochwohlgeb. mir kommunicirte Akten, das Kalten-Nordheimer Steinkohlenwerk betr. folgen mit dem montägigen Postwagen dankbarlich wieder zurück. Über die Sache selbst will ich bei einer vorhabenden Reise nach Ilmenau, mit dem Steiger Schreiber das weitere sprechen, und Ihnen von dem Resultate Nachricht geben. So viel bleibt wohl gewiß, daß an und vor sich, ohne Rücksicht auf das ilmenauer Steinkohlenwerk wohl schwerlich einiger Vortheil von dieser Unternehmung zu erwarten sein mögte.

Durchl. der Herzog haben selbst eine kleine Reise nach dem Oberlande vor und es würde mir sehr angenehm sein, wenn ich auf der Rückreise das Vergnügen haben könnte, in Eisenach müdlich zu versichern wie sehr ich mit der vollkommensten Hochachtung sei

Ew. Hochwohlgeb.

gehorsamster Diener

Weimar den 1 Sept. 1780.

Goethe.


Auf Ew. Hochwohlgeb. Anfrage die ich nach Schluff dieses Briefs erhalte, kan ich antworten: daß ich nicht zweifle es werde Durchl. angenehm seyn Sie in der[13] Zillbach zu finden, wo Sereniff. ohngefähr d. 12ten dieses eintreffen könnten. Nur bitte ich es in der Stille zu thun denn wenn sich die Gesellschafft weiter vermehren sollte mögte es dem HErrn beschwerlich fallen. Viele Empfehlungen der Frau Gemahlinn.[14]


4/1009.


An Johann Kaspar Lavater

Hier kommen endlich die Albrecht Dürerischen Kupfer. Es sind ihrer gegenwärtig noch nicht mehr als hundert bekannt. In dem beikommenden Büchelgen sind sie deutlich beschrieben. Dieienigen Blätter die du besizt sind mit einem x gezeichnet, die andern leer gelassen und hinten am Ende ist das Verzeichniss zusammengeschrieben, von denen Originalblättern die dir noch fehlen. Ich hab mir sie auch notirt und werde gewiss Gelegenheit finden sie nach und nach zu komplettiren, da du einmal so weit bist.

Für eben diese fehlende Originalien und auch für die gute Kopien ist Plaz gelassen und die Zahlen und Buchstaben drüber geschrieben, so dass wenn dir ein Blat unter Händen kommt du gar nicht fehlen kannst.

Am besten wird sein dass du einen deiner dienstbaren Geister recht drinne initiirst dass er sichs recht bekannt mache und du ihm wenn ein Blat vorkomme es zum einrangiren und einzeichnen übergeben kannst. Kriegst du ein solches fehlende Blat so schreibe mir gleich die Nummer, damit ich sie in meinem Catalogo[279] auslösche und dir kein doppeltes anschaffe. Hast du aber welche doppelt, so schik mir sie, theils kann ich sie zu einer Sammlung brauchen die ich mir selbst mache, theils kann ich sie auch an Kupferhändler vertauschen.

d. 3. Sept. 80.

G


Innliegende Manuscripte an Bäben. Sie mag sehen ob etwas für dich dabey ist.


4/1010.


An Charlotte von Stein

Adieu nochmals allerbeste, leben Sie wohl und vergnügt. Hier die Briefe über Wasern, die Reisebeschreibung an die Waldner, schreiben Sie mir, und behalten mich lieb. Und pflegen unsre krancke Fürstinn, und schreiben das bewuste auf. Adieu. lieber Engel.

d. 5. Sept. 80.

G.


4/1011.


An Charlotte von Stein

[5. September.]

Von Dienstädt wo ich gefüttert habe noch ein Adieu. Mit Krebsen und Schafkäs hab ich hier ein gut Mittagessen gehalten. Adieu liebste. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so geht ein Bote nach Ilmenau, Seidel wirds bestellen. Eine Brücke hab[280] ich gezeichnet es will gar nicht mehr fort. Grüsen Sie Lingen und machen sich Donnerstag recht lustig und dencken an mich und schicken mir Freytags etwas.

G.


4/1012.


An Charlotte von Stein

d. 6. Sept. 80. Auf dem Gickelhahn dem höchsten Berg des Reviers den man in einer klingernden Sprache Alecktrüogallonax nennen könnte hab ich mich gebettet, um dem Wuste des Stäbgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen. Wenn nur meine Gedancken zusammt von heut aufgeschrieben wären es sind gute Sachen drunter.

Meine beste ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen, an den Plaz wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern angezeichnet steht geküsst und wieder geküsst dass der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete um mir auf seine Art wenigstens zu antworten. Ich bat den hundertköpfigen Gott, der mich so viel vorgerückt und verändert und mir doch Ihre Liebe, und diese Felsen erhalten hat; noch weiter fortzufahren und mich werther zu machen seiner Liebe und der Ihrigen.

Es ist ein ganz reiner Himmel und ich gehe des Sonnen Untergangs mich zu freuen. Die Aussicht ist gros aber einfach.

[281] Die Sonne ist unter. Es ist eben die Gegend von der ich Ihnen die aufsteigenden Nebels zeichnete iezt ist sie so rein und ruhig, und so uninteressant als eine grose schöne Seele wenn sie sich am wohlsten befindet.

Wenn nicht noch hie und da einige Vapeurs von den Meulern aufstiegen wäre die ganze Scene unbeweglich.


Nach 8. – Schlafend hab ich Provision von Ilmenau erwartet, sie ist angekommen auch der Wein von Weimar, und kein Brief von Ihnen. Aber ein Brief von der schönen Frau ist gekommen mich hier oben aus dem Schlafe zu wecken. Sie ist lieblich wie man seyn kan. Ich wollte Sie wären eifersüchtig drauf, und schrieben mir desto fleisiger.


4/1013.


An Charlotte von Stein

d. 7. Sept. Die Sonne ist aufgegangen das Wetter ist hell und klar. Diese Nacht war ein Wenig Wind und ich werde heut zu meinem Weeg schöne Zeit haben. Es geht auf Goldlauter und auf den Schneekopf. Eh ich aufbreche einen Guten Morgen.

Ilmenau d. 7. Abends. Meine Wandrung ist glücklich vollendet und ich sizze und ruhe, indess Sie im Geschwirre der Menschen umgedreht werden, und[282] Illuminationen zubereitet sind. Wir sind auf die hohen Gipfel gestiegen und in die Tiefen der Erde eingekrochen, und mögten gar zu gern der grosen formenden Hand nächste Spuren entdecken. Es kommt gewiss noch ein Mensch der darüber klaar sieht. Wir wollen ihm vorarbeiten. Wir haben recht schöne grose Sachen entdeckt, die der Seele einen Schwung geben und sie in der Wahrheit ausweiten. Könnten wir nur auch bald den armen Maulwurfen von hier Beschäfftigung und Brod geben. Auf dem Schneekopf ist die Aussicht sehr schön. Gute Nacht. Ich bin müde. Dencken und schwäzzen ginge noch an, das schreiben will nicht mehr fort. Es sind hübsche Vorfälle – gute Nacht ich kan doch nichts einzelnes erzählen.

d. 8. Sept. Nach zehenstündigem Schlaf, bin ich fröhlich erwacht. O dass doch mein Beruf wäre immer in Bewegung und freyer Luft zu seyn, ich wollte gerne iede Beschweerlichkeit mit nehmen die diese Lebensart auch ausdauern muss. Nachher hab ich verschiednes durchgeredt und untersucht. Die Menschen sind vom Fluch gedrückt der auf die Schlange fallen sollte sie kriechen auf dem Bauche und fressen Staub. Dann las ich zur Abwaschung und Reinigung einiges griechische davon geb ich Ihnen in einer unmelodischern, und unausdrückendern Sprache wenigstens durch meinen Mund und Feder, auch Ihr Theil.[283]


Und wenn du's vollbracht hast,

Wirst du erkennen der Götter und Menschen unänderlich Wesen

Drinne sich alles bewegt und davon alles umgränzt ist,

Stille schaun die Natur sich gleich in allem und allem

Nichts unmögliches hoffen, und doch dem Leben genug seyn.


Wenn Sie sich dies nun wieder übersezzen so haben Sie etwas zu thun, und können gute Gedancken dabey haben.

Der Herzog hat uns bis gegen drey in Erwartung gehalten. Staff hat viel aufgetragen, und wir waren lustig. Über des Herzogs Diät Zettel, das was er darnach nicht essen darf, und wovon er sich dispensirt, und worauf er wieder hält, hab ich sonderliche Betrachtungen gemacht. Es sind bey seinem vielen Verstand so vorsäzliche Dunckelheiten und Verworrenheiten hier und da. Auch ists kurios dass ihn wenn er von zu Hause weg und z.E. hier ist, wie gewisse Geister des Irrthums anwehen, die mir sonst soviel zu schaffen gemacht haben, weil ich selbst noch nicht vom Moly gegessen hatte, davon ich nun anhaltende Curen gebrauche. O Weiser Mambres wann werden deine Spekulationen aufhören.

Ihr Brief und Zettelgen kam mir recht willkommen. Verlieren Sie den Glauben nicht dass ich Sie liebe sonst muss ich einen grosen Bankrut machen.

Wie lieb ist mirs dass ich den Ball und die[284] Illumination nicht mitgelitten habe. zwar wenn Sie artig waren hätt es doch gehalten.

Herders haben, merck ich die Minute abgepasst dass ich weg wäre, um einen Fus in Ihr Haus zu sezzen, ich bitte die Götter auch dass ich darüber recht klar werden möge, und einsehen möge was bey der Sache an mir liegt, bis dahin ist mirs eckelhafft.

Jezt leb ich mit Leib und Seel in Stein und Bergen, und bin sehr vergnügt über die weiten Aussichten die sich mir aufthun, diese zwey lezten Tage haben wir ein gros Fleck erobert, und können auf vieles schliessen. Die Welt kriegt mir nun ein neu ungeheuer Ansehn.

Morgen früh gehts von hier weiter.

Ich hätte fast Lust damit Sie noch was menschliches hörten, Ihnen das leere Blat mit Übersezzungen aus dem Griechischen auszufüllen. Doch bin ich Lingen auch ein Wort schuldig, und vor Schlafengehn bring ich wohl noch etwas zusammen.


4/1014.


An Charlotte von Stein

[Ilmenau, September 1780?]

Sagen Sie mir durch diesen Boten ein Wort, und schlagen noch ein Couvert drum an Herrn Krafft in Ilmenau. Geben Sie auch dem Boten einen Schein dass er den Brief gebracht hat.

G.[285]


4/1015.


An Charlotte von Stein

[Ilmenau] v. 9. Sept. Heute hab ich mich leidend verhalten das macht nichts ganzes, also meine liebste ist mir's auch nicht wohl. Des Herzogs Gedärme richten sich noch nicht ein, er schont sich, und betrügt sich und schont sich nicht, und so vertrödelt man das Leben und die schönen Tage.

Heut früh haben wir alle Mörder, Diebe und Hehler vorführen lassen und sie alle gefragt und konfrontiert. Ich wollte anfangs nicht mit, denn ich fliehe das Unreine – es ist ein gros Studium der Menschheit und der Phisiognomick, wo man gern die Hand auf den Mund legt und Gott die Ehre giebt, dem allein ist die Krafft und der Verstand pp. in Ewigkeit Amen.

Ein Sohn der sich selbst und seinen Vater des Mords mit allen Umständen beschuldigt. Ein Vater der dem Sohn ins Gesicht alles wegläugnet. Ein Mann der im Elende der Hungersnoth seine Frau neben sich in der Scheune sterben sieht, und weil sie niemand begraben will sie selbst einscharren muss, dem dieser Jammer iezt noch aufgerechnet wird, als wenn er sie wohl könnte ermordet haben, weil andrer Anzeigen wegen er verdächtig ist. pp.

Hernach bin ich wieder auf die Berge gegangen, wir haben gegessen, mit Raubvögeln gespielt und[286] hab immer schreiben wollen, bald an Sie, bald an meinem Roman und bin immer nicht dazu gekommen. Doch wollt ich dass ein lang Gespräch mit dem Herzog für Sie aufgeschrieben wäre, bey Veranlassung der Delinquenten, über den Werth und Unwerth menschlicher Thaten. Abends sezte Stein sich zu mir und unterhielt mich hübsch von alten Geschichten, von der Hofmiseria, von Kindern und Frauen pp. Gute Nacht liebste. Dieser Tag dauert mich. Er hätte können besser angewendet werden, doch haben wir auch die Trümmern genuzt.

Stüzzerbach d. 10ten Abends. Es will mir hier nicht wohl werden, in vorigen Zeiten hat man so manch leidiges hier ausgestanden.

Heut wars in den Sternen geschrieben dass ich mich sollte in Ilmenau rasiren lassen, darüber ging das Pferd erst mit mir durch, und hernach versanck ich in ein Sumpffleck auf der Wiese. Früh hab ich einige Briefe des grosen Romans geschrieben. Es wäre doch gar hübsch wenn ich nur vier Wochen Ruh hätte um wenigstens Einen Theil zur Probe zu liefern.

Schmalkalden d. 11ten Nachts. Heut war ein schöner und fröhliger Tag wir sind von Stüzzerbach herüber geritten, unserm Fuhrwerck nur ist es in den Steinweegen elend gegangen. An allen Felsen ist geklopft worden, Stein entzückt sich über alle Ochsen wie wir über die Granite. Der Herzog ist ziemlich[287] passiv in beyden Liebhabereyen, dagegen hat ihm her Anblick sovieler Gewehre in der Fabrick wieder Lust gemacht. Ich habe ieden Augenblick des Tags genuzt, und mir noch zulezt eine Scene aus einem neuen Trauerspiel vorgesagt, die ich wohl wieder finden mögte. Gute Nacht Gold! Ich vermuthe Sie in Kochberg und da wird dieser Brief einen bösen Umweeg machen müssen.

Zilbach. d. 12. Nachts. Wieder einen Tag ohne eine augenblickliche unangenehme Empfindung. Theils hab ich gesehen, theils in mir gelebt, und nichts geredt, wenn ich nicht fragte. Wir sind im Stahlberge bey Schmalkalden gewesen und reichliche Betrachtungen haben wir gemacht. Sie müssen noch eine Erdfreundinn werden es ist gar zu schön, Sie haben Sich ia schon mir zu gefallen über mehreres gefreut.

Wir sind hier spät angekommen, weil Prinzen und Prinzessinnen niemals von einem Ort zur rechten Zeit wegkommen können, wie Stein bemerckte, als ihm die Zeit lang werden wollte, inzwischen dass Serenissimus Flinten und Pistolen probierte. Ich hingegen kriegte meinen Euripides hervor und würzte diese unschmackhaffte Viertelstunde.

Dann ist die grösste Gabe für die ich den Göttern dancke dass ich durch die Schnelligkeit und Manigfaltigkeit der Gedancken einen solchen heitern Tag in Millionen Theile spalten, und eine kleine Ewigkeit draus bilden kan.

[288] Gleich ienem angenehmen Mirza reis ich auf die berühmte Messe von Kabul, nichts ist zu gros oder zu klein wornach ich mich nicht umsehe, drum buhle, oder handle und wenn ich mein Geld ausgegeben habe mich in die Prinzess von Caschemire verliebe, und erst noch die Hauptreisen bevorstehn, durch Wüsten, Wälder Bergzinnen und von dannen in den Mond. Liebes Gold wenn ich zulezt aus meinem Traum erwache, find ich noch immer dass ich Sie lieb habe und mich nach Ihnen sehne. Heute wie wir in der Nacht gegen die erleuchteten Fenster ritten, dacht ich wenn sie doch nur unsre Wirthinn wäre. Hier ist ein böses Nest, und doch wenn ich ruhig mit Ihnen den Winter hier zubringen könnte dächt ich, ich mögts. Gute Nacht liebstes. Briefe von Ihnen krieg ich wohl so bald nicht zu sehen. Meine Blätter sind numerirt, und gleich beschnitten, und so solls fortgehn. Addio. Dieses geht über Eisenach.


4/1016.


An Charlotte von Stein

Zilbach d. 12. Nachts. Das vorige Blat ist gefaltet und gesiegelt um Morgen fort zu gehen, nun noch Gute Nacht auf dieses.

Kalten Nordheim d. 13ten Abends. Der Herzog liest, Stein raucht mit Arnswalden eine Pfeife, und wenn ich nichts zu thun oder zu beobachten habe,[289] mag ich nur mit Ihnen reden. Von der Zillbach sind wir gegen Mittag hier angekommen, und ich finde hier kein Intresse als was mir Bäty von Wiesewässerungen vorerzählt die sie in der Gegend eingerichtet haben. Morgen wollen wir alles besichtigen und ich werde auch mein geliebtes Dorf Melpers zu sehen kriegen. Auf der Reise hab ich Ihnen recht offt gedanckt dass Sie mich haben saure Gurcken essen gelehrt, wie man der Ceres den Gebrauch der Früchte verdanckte, bey heisen Ritten war mirs offt erquickend. Was werden Sie im schönen Mondschein anfangen? und wann werden mich Ihre Briefe erreichen! – Der Recktor hat dem Herzog eine böse Serenade gebracht aus der ich mir nichts gemerckt habe als: Meine Freundinn ist mein.

d. 14ten Nachts. Endlich nachdem ich 15 Stunden gelebt habe finde ich einen ruhigen Augenblick Ihnen zu schreiben. Wenn ich doch einem guten Geist das alles in die Feder dicktiren könnte was ich Ihnen den ganzen Tag sage und erzähle. Abends bin ich abgetragen und es fällt mir nicht alles wieder ein. In Melpers hab ich viel Vergnügen gehabt, Bäty hat seine Sachen trefflich gemacht. Unter andern Betrachtungen sind folgende.

Man soll thun was man kan einzelne Menschen vom Untergang zu retten.

Dann ist aber noch wenig gethan vom Elend zum Wohlstand sind unzählige Grade.

[290] Das Gute was man in der Welt thun kan ist ein Minimum pp.

Und dergleichen Tausend. Die Sache selbst erzähl ich Ihnen mündlich.

Hernach haben wir heis gehabt und ein sehr pfiffiges Kind dieser Welt bey uns zu Tische. Dann hat mir ein böser Prozess einige Stunden Nachdenckens und Schreibens gemacht.

In meinem Kopf ists wie in einer Mühle mit viel Gängen wo zugleich geschroten, gemahlen, gewalckt und Oel gestossen wird.

O thou sweet Poetry ruf ich manchmal und preise den Marck Antonin glücklich, wie er auch selbst den Göttern dafür danckt, dass er sich in die Dichtkunst und Beredsamkeit nicht eingelassen. Ich entziehe diesen Springwercken und Caskaden soviel möglich die Wasser und schlage sie auf Mühlen und in die Wässerungen aber eh ichs mich versehe zieht ein böser Genius den Japsen und alles springt und sprudelt. Und wenn ich dencke ich sizze auf meinem Klepper und reite meine pflichtmäßige Station ab, auf einmal kriegt die Mähre unter mir eine herrliche Gestalt, unbezwingliche Lust und Flügel und geht mit mir davon.

Und so bin ich Reisemarschall und Reisegeheimderath und schicke mich zum einen wie zum andern.

Nehmen Sie dieses ewige peri heautou gutmutig auf, es ist noch nicht alle, denn wenn ich den ganzen Tag, Welthändel getrieben habe die ich nicht erzählen[291] kan, muss ich Ihnen die Resultate auf mich sagen, und in Gleichnissen lauff ich mit Sanchos Sprüchwörtern um die Wette.

Heute in dem Wesen und Treiben, verglich ich mich einem Vogel der sich aus einem guten Entzweck in's Wasser gestürzt hat, und dem, da er am Ersauffen ist, die Götter seine Flügel in Flosfedern nach und nach verwandeln. Die Fische die sich um ihn bemühen begreifen nicht, warum es ihm in ihrem Elemente nicht sogleich wohl wird.

So einen Menschen wie Baty zu haben, ist ein Glück über alles, wenn ich ihn entbehren sollte, und müsste meinen Garten geben ihn zu erhalten ich thäts.

Neuerdings hab ich mirs zur Richtschnur gemacht: in Sachen die ich nicht verstehe, und es thut einer etwas das ich nicht begreife, so macht ers dumm, und greiffts ungeschickt an. Denn das was schicklich und recht ist begreifft man auch in unbekannten Dingen, wenigstens muss es einer einem leicht und bald erklären können. Die meisten Menschen aber haben dunckle Begriffe, und wissen zur Noth was sie thun.

Der Husar wartet. Es ist schon spät. Stein spricht viel von Oekonomie und da fast nichts weiter vorkommt ists ihm wohl, übrigens sizzt er und macht Anmerckungen die ich ihm an der Nase ansehe.

Der Herzog ist gar brav gegenwärtig und mässig, aber sein Körper will nicht nach, man merckts nicht eher als wenn er sich so ziemlich ordentlich hält, wo[292] man die schlimmen Augenblicke nicht auf Rechnung des Zuviel schiebenkan.

Adieu. Wenn ich von Ihnen weg bin, werd ich in allem fleisiger, denn es wird mir nirgends wohl, daher ich mein Vergnügen in der Arbeit suchen muss. Nach der Lehre dass Fleis immer eine Unbehaglichkeit voraussezt. Adieu Gold. Grüsen Sie die kleine Schwägerinn.

Caroline könnte mir wohl für meine Verse auch was artigs sagen. Vielleicht ists unterweegs. Haben Sie der Waldner ihr Theil an der Krebsscheere gegeben.

NB. Von Gesteinen ist sehr viel gesammelt worden und über den Basalt der hiesigen Gegend hat der Dekanus von hier einen kühnen Einfall gehabt. Addio.

G.


4/1017.


An Charlotte von Stein

[15. September.]

Dieses zum Danck für Ihren Brief, und statt alles andern was ich von heut zu sagen hätte. Kaltennordheim.

G.


4/1018.


An Charlotte von Stein

Heute geht mirs recht übel und es ist mir alles in den Weeg gekommen dass ich Ihnen nicht die Continuation[293] meines mikroscopisch metaphisisch politischen Diarii durch diese Ochsenpost überschicken kann.

Nehmen Sie diesen unnumerirten herzlichen Grus bestes Gold und erhalten Sie mir Ihre Liebe.

Hierbey folgt eine leidige Scizze unsres leidigen Aufenthalts den wir im Augenblicke verlassen.

Leben Sie wohl. Gott erhalte Sie. Ich habe nichts zu thun als die Verworrenheiten unsrer Diegos aus einander zu klauben – O Julie.

d. 18ten S. 1780

Kalten Nordheim.

G.


4/1019.


An Charlotte von Stein

[Ostheim] d. 18. [September] Abends.

Nur dass ich im Zusammenhang bleibe eine gute Nacht. Wir sind in Ostheim unter viel Cärimonien angekommen, es hat sich alles ausgepuzt und in eine Reihe gestellt. Die Kinder sahen gar gut aus.

Ich hab einige Tage her pausirt im Schreiben, einmal weil ich zu wenig, und dann weil ich zu viel zu sagen hatte. Gott giebt mir zur Buse für meine eigne Sünden die Sünden andrer zu tragen. Und in meinem immer bewegten Zustand, beneid ich den der mich um etwas bittet und dem ich durch eine kleine Gefälligkeit seine Wünsche ausfüllen kan und selbst niemand habe der mir – doch ich will nicht[294] ungerecht und undanckbaar seyn. Gute Nacht Gold. Wäre ich mein eigner Herr heut früh gewesen, so hätt ich mich zum Ochsentreiber gesellt und hätte Ihnen die Thiere überbracht. Adieu.


d. 20. früh.

Gestern haben wir die Wiesenverbesserungen gesehen die Baty bey drey Dorffschafften besorgt hat. Er rührt sich recht, und wird noch vor Winters manches zu Stand bringen. Das schöne Wetter ist mit Wolcken und Nebeln auf einmal überzogen worden, die Berge brauen und es ist kein Heil mehr. Meine Natur schliesst sich wie eine Blume wenn die Sonne sich wegwendet.


d. 21ten.

Ihr liebes Blat vom 12ten bis zum 16ten empfang ich heut. Morgen gehts auf Meinungen wo sich denn das Theater verändern wird. Lang kans auch nicht währen und hernach hab ich nur Einen Plan dessen Ansicht mich beschäfftigt und vergnügt. Der Steine von Thüringen hab ich nun satt, das vorzüglichste kenn ich und das übrige lässt sich schliesen oder von andren hören.

In bürgerlichen Dingen, wo alles in einer gemessnen Ordnung geht, lässt sich weder das Gute sonderlich beschleunigen noch ein oder das andre Übel herausheben, sie müssen zusammen wie schwarz und weise Schaafe Einer Heerde unter einander zum Stalle herein und hinaus. Und was sich noch thun liese,[295] da mangelts an Menschen, an neuen Menschen, die doch aber gleich auf der Stelle ohne Misgriff das gehörige thäten.

Mit der Nürnberger Reise ists nichts, die Herzoginn geht mit Oesern nach Manheim. Also seh ich Sie bald wieder. Ich sehne mich nach Hause wie ein Krancker nach dem Bette. Wenn die Wolcken über der Erde liegen sehnt man sich nicht hinaus.

Ich mögte iezt etwas recht artigs für Sie und Ihre Misels haben! Nichts Fremdes ist eingelaufen, und heute stockts in meinem eignen.


Abends.

Da ich zu Wercke ging Ihnen und Ihren Misels ein hübsch und neu Lied auf zu schreiben, kam der Herzog und wir stiegen, ohne Teufel oder Söhne Gottes zu seyn, auf hohe Berge, und die Zinne des Tempels, da zu schauen die Reiche der Welt und ihre Mühseeligkeit und die Gefahr sich mit einemmal herabzustürzen. Nachdem wir uns denn ganz bedächtlich entschlossen Stufenweis von der Höhe herabzusteigen und zu übernehmen was Menschen zugeschrieben ist, gingen wir noch in den anmutigen Spaziergängen heroischer Beyspiele und geheimnissvoller Warnungen herum, und wurden von einer solchen Verklärung umgeben dass die vergangene und zukünftige Noth des Lebens, und seine Mühe wie Schlacken uns zu Füssen lag, und wir, im noch irrdischem Gewand, schon die Leichtigkeit künftiger seeliger Befiederung,[296] durch die noch stumpfen Kiele unsrer Fittige spürten.

Hiermit nehm ich von Ihnen Abschied, und möchte gern in den feuchtlichen Gängen um Ihre Fenster heut Abend erscheinen.

Der Recktor bringt eine Serenade, das Volck jauchzt über seines Landesherrn Gegenwart, und alle alte Übel werden, wie die Schmerzen eines Gichtischen nach einer Debauche, in unzähligen Supplicken lebendig.


Hier wieder eine Lücke die durch ein langes Gespräch mit dem Herzog verursacht wurde das so lebhafft und luminos war als das vorige. Worinn einiger guten Wercke Rechenschafft gegeben, und ein neues zu stande gebracht wurde, und so ein fröhliges Ende eines sonst elenden Tags.

Gute Nacht Gold ich möchte im dreyfachen Feuer geläutert werden um Ihrer Liebe werth zu seyn. Doch nehmen Sie die Statue aus korinthischem Erz, wie der Engel Ithruriel, um der Form willen an. Denn es kan Sie ein bessrer nicht besser lieben.

Grüsen Sie was um Sie artig ist. Lingen verliert etwas dass dieses Blat No 12 nicht mit Versen angefüllt ist, es war ihr verschiednes zugedacht, womit sie ihr Kopfküssen hatte parfümiren können.

Grüsen Sie Carlen und die andern.

Dies Blat geht über Ilmenau. Adieu.

G. il penseroso fedele.[297]


4/1020.


An Charlotte von Stein

Nur einen guten Morgen mit diesem Boten. Ich war diese Zeit nicht fleisig, meine numerirten Blätter sind nur angefangen, und so mag ich sie nicht fortschicken. Wir gehn übermorgen nach Meiningen, und weis Gott wohin wir alsdenn auseinander geschlagen werden. Addio.

d. 20. Sept. Ostheim.

G.


4/1021.


An Johann Kaspar Lavater

Ostheim vor der Rhön [etwa 20. September.]

Erst heut erhalt ich deine Briefe vom 2ten und 9ten dieses Monats, wir sind in einigen entfernten Ämtern des Fürstenthums Eisenach, und sehen verschiedene neue, gute und nüzliche Veranstaltungen in der Nähe, die seit vergangnem Frühiahr im Werck sind.

Es ist gut dass du die 60 Ldr behalten hast, Bertuchs Brief wird angelangt seyn, es soll dir nunmehr soviel noch aufgezahlt werben dass du 1000 rh. voll hast.

Deine Frage über die Schöne kan ich nicht beantworten. Ich habe mich gegen sie so betragen, als ich's gegen eine Fürstinn oder eine heilige thun würde. Und wenn es auch nur Wahn wäre, ich mögte mir solch ein Bild nicht durch die Gemeinschafft[298] einer flüchtigen Begierde besudlen. Und Gott bewahre uns für einem ernstlichen Band, an dem sie mir die Seele aus den Gliedern winden würde.

Das Tagewerck das mir aufgetragen ist, das mir täglich leichter und schweerer wird, erfordert wachend und träumend meine Gegenwart diese Pflicht wird mir täglich theurer, und darinn wünscht ich's den grössten Menschen gleich zu thun, und in nichts grösserm. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Lufft zu spizzen, überwiegt alles andre und lässt kaum Augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksaal in der Mitte, und der Babilonische Thurn bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen und wenn ich lebe, sollen wills Gott die Kräffte bis hinauf reichen.

Auch thut der Talisman iener schönen Liebe womit die Stein mein Leben würzt sehr viel. Sie hat meine Mutter, Schwester und Geliebten nach und nach geerbt, und es hat sich ein Band geflochten wie die Bande der Natur sind.

Adieu Liebster, bleibe mir nah im Geist. Mit den Dürers die langsam gehen, wegen der Kosten, kommen Blumen und Kräuterbüschel die ich am Weeg sammle. Lass sie nur wenige sehn, und nur keinen prätendirenden Schrifftsteller, die Buben haben mich[299] von ieher aus- und nachgeschrieben und meine Manier vor dem Publiko stinckend gemacht.

Schicke mir was dich däucht.

Auf deine Offenbaarung wart ich, deine Veränderungen sollen mir Unterhaltung seyn mit dir und ein Studium ächter Kritick.

Herder fährt fort sich und andern das Leben sauer zu machen.

Der Herzog ist sehr gut und brav. Wenn ich nur noch einigen Raum für ihn von den Göttern erhalten kan. Die Fesseln an denen uns die Geister führen, liegen ihm an einigen Gliedern gar zu enge an, da er an andern die schönste Freyheit hat.

Seitdem ich keine Phisiognomische Prätension mehr mache wird mein Sinn sehr scharf und lieblich, ich weis fast in der ersten Minute wie ich mit den Leuten dran bin.

Wenn du mir meine Sachen hübsch zurückschickst und sie nicht propalirst, sollst du mehr haben. Es ist doch wohl einmal etwas für dich drunter.

Im Phisiognomischen sind mir einige Hauptpunckte deutlich geworden, die dir wohl nichts neues sind, mir aber von Wichtigkeit wegen der Folgen.

Hab ich dir das Wort

Individuum est ineffabile

woraus ich eine Welt ableite, schon geschrieben?

Wegen des Bodmerischen Manuscripts ist es gut.

Grüse Bäben und deine Frau.

G.[300]


4/1022.


An Charlotte von Stein

Meiningen d. 24. Sept. 80.

Seit dem ich hier bin macht mein Schreiben eine Pause. Es lässt sich nicht so wie von Felsen und Wäldern sogleich sagen, wie man mit Menschen dran ist, und besser man wiederholt sich nicht ieden Eindruck, sondern lässts eine Weile fortgehen.

Wir wären sehr undanckbaar wenn wir uns hier nicht gefallen sollten, man ist im möglichsten verbindlich und die Unterhaltung ist mancherley.

Die ersten Paar Tage sind mir sauer geworden, weil ich weder Leichtigkeit noch Offenheit habe mit den Menschen sogleich zu leben, iezt aber gehts besser. Es ist mir auch ein Unglück, ich habe gar keine Sprache für die Menschen wenn ich nicht eine Weile mit ihnen bin.

Adieu. Grüsen Sie was um Sie ist.

Stein ist nach Hildburghausen um zu condoliren der Herzog ist todt wie Sie wissen werden. Adieu Beste, hier schick ich Ihnen den Unsinn eines Menschen. Adieu.

G.[301]


4/1023.


An Jakob Friedrich von Fritsch

Im Begriff von Meinungen abzureisen melde ich Ew. Exzell. mit wenigem, den Fortgang der hiesigen Unterhandlungen in der bewussten Sache.

Die Gesinnungen welche man gegen unsern gnädigsten Herrn zeigt scheinen ungeheuchelt zu seyn, und man hat versprochen das mögliche zu thun um die Unterthane dahin zu bringen, dass sie nochmals ihr Intresse der Herschafft in die Hände legen mögen.

So schweer dies wegen des alten Mistrauens seyn mag, so ist doch dieser Weeg, als freylich für uns der vortheilhaffteste ernstlich zu versuchen. Käme es alsdenn zu einer Conferenz so würde Herr v. Dürckheim einer der Commissarien werden, und es liesse sich mit billiger Nachgiebigkeit von unsrer Seite, das beste von dem Ausgange hoffen.

Serenissimus haben einige andre Personen die auf dieses Geschäfft Einfluss haben könnten dem äusserlichen Anscheine nach, durch ein gutes Betragen in ihr Interesse gezogen, und also wäre zur ersten Einleitung das mögliche geschehen. Was weiter nötig ist, um die Sache in der besten Form vorrücken zu machen, wird sich bey Seren. baldiger Rückkunft überlegen lassen. Ein gefälliges Benehmen in der Burgauer Unterhandlung und Aufopferung ienes[302] Petitorii mögte von der glücklichsten Würckung seyn, wie Ew. Excell. vor der Abreise noch selbst erwähnten.

Die Frau Herzoginn hat verschiedentlich drüber gesprochen und es ist ihr an baldiger Beendigung gelegen.

Das Wetter ist sehr übel, und wird die Reisenden bald nach ihrer Heimath nötigen.

Die Mineralogischen Merckwürdigkeiten am Thüringer Walde her, sind fleisig aufgesucht worden.

In der Ruhl ist eine grose Zusammenkunft der Herzoge von Sachsen gewesen, da Seren. Gothanus auch hinzukam, sie haben auf der Wartburg zu Mittag gegessen, und auf dem Schlosse Altenstein über Glücksbrunn sich einige Tage erlustigt.

Wenn Ew. Exzell. auf ein weiteres Detail neugierig sind kan ich bey meiner Rückkunft aufwarten.

Die Bekanntschafft mehrerer der sehr ehrwürdigen Brüder hat mir ein besonder Vergnügen gemacht, und mich die Vorteile meiner Aufnahme fühlen lassen.

Die Arbeiten die Baty im Oberlande gemacht hat verdienen allen Beyfall.

Verzeihen Ew. Exzell. meinen Lakonismus und die Metabases es allo genos, erhalten mir Ihre unschäzbaare Gewogenheit und empfehlen mich dem Herrn Coll. Schnaus auf das beste.

Meiningen

Ew. Exzell. ganz gehorsamster

d. 1. Oktbr. 80.

Goethe.[303]


4/1024.


An Charlotte von Stein

den 10. Okbr. Abends. Dass sich doch Zustände des Lebens wie Wachen und Traum gegen einander verhalten können!

Was Sie mir heut früh zulezt sagten hat mich sehr geschmerzt, und wäre der Herzog nicht den Berg mit hinauf gegangen, ich hätte mich recht satt geweint. Auf ein Übel häuft sich alles zusammen! Ja es ist eine Wuth gegen sein eigen Fleisch wenn der Unglückliche sich Lufft zu machen sucht dadurch dass er sein Liebstes beleidigt. Und wenns nur noch in Anfällen von Laune wäre und ich mirs bewusst seyn könnte; aber so bin ich bey meinen tausend Gedancken wieder zum Kinde herabgesezt, unbekannt mit dem Augenblick, dunckel über mich selbst, indem ich die Zustände der andern wie mit einem hellfressenden Feuer verzehre.

Ich werde mich nicht zufrieden geben biss Sie mir eine wörtliche Rechnung des Vergangnen mir vorgelegt haben, und für die Zukunft in Sich einen so schwesterlichen Sinn zu überreden bemühen, der auch von so etwas gar nicht getroffen werden kan. Ich müsste Sie sonst in den Momenten meiden wo ich Sie am nötigsten habe. Mir kommts entsezlich vor die besten Stunden des Lebens, die Augenblicke des Zusammenseyns verderben müssen, mit Ihnen, da[304] ich mir gern iedes Haar einzeln vom Kopf zöge wenn ich's in eine Gefälligkeit verwandlen könnte, und dann so blind, so verstockt zu seyn. Haben Sie Mitleiden mit mir. Das alles kam zu dem Zustand meiner Seele darinn es aussah wie in einem Pandämonium von unsichtbaaren Geistern angefüllt, das dem Zuschauer, so bang es ihm drinn würde, doch nur ein unendlich leeres Gewölbe darstellte.

Nachdem ich Alles durchkrochen, (das Thal hatte mich sehr freundlich empfangen) nachdem ich die neuen Weege fertig und sehr schön, und mancherley zu thun gefunden, durch die Bewegung selbst, ward mirs viel besser.

Hier ist das Lexikon wieder, es soll Ihre. Mein Seidel hat übereilt meinen Nahmen hineingeschrieben, ich dencke dass es drum nicht weniger Ihre gehören kan.

Schicken Sie mir Wasers Ende, und den Schreibtischschlüssel.

In Belveder ist man artig und das Prinzessgen gar allerliebst.


d. 11. Nachts.

Knebel, hofft ich, sollte mir etwas von Ihnen mitbringen, sonst hätt ich meinen Boten schon heute fort geschickt. Nun nicht eine Zeile, nicht ein welckes Blat, nichts was Ihnen nichts gekostet hätte.

Er hat mit mir gegessen, die Schrötern auch, wir haben in Steinen gelebt und zulezt war der Mondschein[305] sehr schön. Das Thal ist liebreich die Blätter fallen einzeln, und iedes wechselt noch erst zum Abschied die Farbe.

Gute Nacht, meine beste. Ach man weis nicht was man hat, wenn man gute Nacht mit Hand und Mund sagen kan.

d. 12ten früh 6. Guten Morgen! Mein Bote geht. Vielleicht hör ich heute noch etwas von Ihnen. Grüsen Sie Lingen und geben ihr innliegendes. Adieu. Adieu. Auch Steinen in seinem Laboratorio und Frizzen.


4/1025.


An Johann Heinrich Merck

Weimar, den 11. Oct. 1780.

Deinen Brief habe ich auf einer kleinen Reise erhalten, die der Herzog nach einigen Ämtern, die er gegen Franken oder vielmehr in Franken besitzt, gethan hat. Bäty treibt seit einem halben Jahre dort seine Anstalten und ich habe mit dem größten Vergnügen auch endlich einmal etwas gethan gesehen und eine befohlne Einrichtung ordentlicher, geschwinder und ausführlicher vollbracht, als es das gnädigste Rescript nicht besagen konnte. Dieses Wunder hat bei dem Herzog auch große Freude erregt. Was er gemacht hat, sind eigentlich Abzugsgräben und Wässerungen. Er hat sie mit einem solchen Verstand nach der Sage und Gelegenheit einer jeden Wiese, nach so[306] richtigen Grundsätzen und mit so schicklichen und nöthigen Abänderungen an jedem Orte ausgeführt, daß man in einem Bezirk von wenigen Meilen sich eine gar schöne Kenntniß dieses ganzen Wesens erwerben kann. Es ist in Allem ein Mensch, wie es sehr wenige gibt, und wir bleiben dir immer für die Acquisition verbunden. Er weiß nicht allein seine Anlagen auf das pünktlichste zu bestimmen, sondern auch mit den Menschen so gut umzuspringen, daß Alles geschwind und leicht vor sich geht. So lang er im Dienst ist, hat er noch über Niemand geklagt und Niemand über ihn. Er steht sich so ziemlich. Außer seinen 300 Rthlrn. hat er bei seiner jetzigen Abwesenheit Quartier und Essen frei, welches die Gemeinden tragen, wo er sich aufhält. Ich will auch noch sonst für ihn sorgen. Er wird auch gar honnorable behandelt, und hat eine große Freude an seiner eignen Sache. Es widersetzt sich kein Mensch, das auszuführen, was er angibt, weil meistentheils die Leute gleich das Schickliche und Nützliche davon erkennen mögen. Besonders erlebte er einen großen Triumph, daß eine seiner Anlagen so ein großes Aufsehen machte, daß des Nachts Würzburgische Unterthanen herüber kamen, die Gräben heimlich zu messen, und seine Art abzulernen. Ich will ihn veranlassen, daß er dir einmal selbst schreibt, in seiner Sprache nimmt sich Alles besser aus.

Mit den Mennoniten sind wir nun auch einig[307] geworden. Es sind Juden und Schelmen, so gut als andre, sonst mögen sie in ihrer Sache vortrefflich seyn.

Wenn sie's auch nicht mit dem Herzog zu thun gehabt hätten, wäre doch vielleicht nichts draus geworden. Die Kammer wollt nicht gern herunter und doch wars dem Kammerpräsidenten bange, weil er merkte, daß der Herr darauf versessen war und schickte sie uns in die Zilbach auf den Hals. Bäty verschwendete vergebens seine Beredtsamkeit, und wenn ichs recht sagen soll, so hatte der Herzog, da wir sie zuletzt zu ihm brachten, unsere Gesinnungen verhört und, weil große Herrn mit Zahlen nicht umzugehen wissen, ihnen wirklich vom Pachtquantum zu viel erlassen. Inzwischen ist die ganze Sache eine Kleinigkeit und an dem Gute, wenn sie's wieder herstellen, hat man doch immer den Vortheil.

In Meinungen haben wir eine Menge Kunst- und andere Sachen von Herzog Anton Ulrichen her, in gehöriger Erbschaftsconfusion gefunden. Der Herzog konnte nicht ruhen, bis er ihnen vier Gemählde abgehandelt hatte. 3 Ruysdaele, wovon einer von seiner höchsten Zeit ist. Ein ganz fertiges Kunstwert, komponirt und wie es in einen Rahm gehört und jeden Pinselstrich und jedes Tupfchen doch mit dem nächsten, wahrsten Naturgefühl. Die zwei andern sind auch immer von ihm, obgleich weniger. Ferner ein Gesellschaftsstück von le Ducq, gemahlt, was man mahlen kann. Ich habe bei der Gelegenheit auch einige vortreffliche[308] Zeichnungen erwischt. Unter andern eine, aber leider höchst beschädigte von Callot nach Andreas del Sarto mit braunem Bister auf weiß Papier, wie's ein altes hinten aufgeklebtes Zettelchen, das zugleich den Preiß auf zwanzig Thaler angibt. Drei Schafgruppen auf einem halben Foliobogen, Studium von Heinrich Roos ganz vortrefflich. Es sind keine natürliche Schafe, sondern es ist, als wenn ein Gott nachdem er sie gemacht hat, zu ihnen sagte: sie sind gut, und an der Ruhe, an der thierischen Zufriedenheit, die er in sie gelegt, sich selbst ergötzte.

Sei doch so gut und schreib mir, wie man es am gescheutsten macht, eine Kupferstichsammlung zu rangiren.

Die Anfrage ist etwas weitläufig, doch kannst du mir mit Wenigem einige Anleitung geben. Besonders zeige die Bücher an, die man zu Rathe ziehen kann, besonders ob von einzelnen Meistern Catalogi und wo sie zu finden sind, wie Gersaint von Rembrand und Hüsgen von Dürern. Es ist dies ein Auftrag, den mir der Herzog gegeben hat, und an dem ihm viel gelegen ist.

Wegen deines Raphaelischen Werks will ich's nächstens ausmachen.

Nun muß ich dir noch von meinen mineralogischen Untersuchungen einige Nachricht geben. Ich habe mich diesen Wissenschaften, da mich mein Amt dazu berechtigt, mit einer völligen Leidenschaft ergeben und habe,[309] da du das Anzügliche davon selbst kennst, eine sehr große Freude daran. Ein junger Mensch, der auf der Freiberger Akademie studirt und von daher eine außerordentlich reine Nomenclatur und eine ausgebreitete Kenntniß des Details mitgebracht hat, ist mir vom größten Nutzen. Denn daran fehlt mir's just, und ich habe weder die Namen einzelner Körper, mit denen man gewöhnlich so konfus ist, noch auch gewisse andere bestimmte Begriffe zusammenbringen können. (NB. Die Freiberger Akademie verdient wirklich vieles Lob.) Und so lass' ich diesen Menschen seit ungefähr einem halben Jahr, wie ich dir's auch werde geschrieben haben, das Land durchreisen und schränke mich nicht philisterhaft, wie die neuesten Kursachsen darauf ein, ob dieser oder jener Berg dem Herzog von Weimar gehört, oder nicht. Wie ein Hirsch, der ohne Rücksicht des Territoriums sich ässet, denk ich muß der Mineraloge auch seyn. Und so hab ich vom Gipfel des Inselberges, des höchsten vom Thüringerwald, bis ins Würzburgische, Fuldische, Hessische, Kursächsische, bis über die Saale hinüber und wieder so weiter bis Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge und Ausschickungen getrieben. Habe die meisten Stein, und Gebirgarten von allen diesen Gegenden beisammen und finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles zusammen, und durch die[310] Kramereien einiger Vorgänger bin ich im Stande, einen kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang ich erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen anderer zu studiren und zu nutzen. Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiß bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist die Welt umlaufen könnte, diesen seltsamen zusammengebauten Ball ein vor allemal erkennen und uns beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im höchsten Sinne gethan hat, weswegen auch Franzosen und Teutschfranzosen und Teutsche sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil das ehrsame Publicum alles außerordentliche nur durch den Roman kennt. Hast du des de Saussure Voyage dans les Alpes gesehen? Das kleine Viertel, das ich davon noch habe lesen können, macht mir sehr viel Liebe und Zutrauen zu diesem Manne. Ich habe vor, wenn ich das Buch durchhabe, ihn, oder einen andern Genfer, den ich kenne, um die Steinarten zu bitten, die er beschreibt, es ist das einzige Mittel,[311] wie man sich kann verstehen lernen. Ich weiß nicht, wie's mit dir ist, aber du siehst, daß mir's Ernst ist. Kannst du und willst du mir Etwas von der Art sammeln, so machst du mir einen vergnügten Augenblick. NB. Wir haben ganz unstreitige Vulkans entdeckt, einen ungeheuern Krater, Asche, Schörlkrystallen drinne, Lavaglas, Lava, Tarassteine, und alle Sorten von Basalt, nicht etwa zusammengesucht und gelesen und erkümmerlicht, sondern Alles in einem Bezirke von wenigen Stunden und mit Händen greifbar. Nimm nun dazu, was wir von Cassel und Frankfurt wissen, über das Alles gehet nun jetzt meine Speculation. Ich würde herzlich vergnügt seyn, wenn du von deiner Seite Etwas daran beitragen wolltest, allenfalls auch nur durch den Hesse, ich wollte ihm meine Gedanken sagen, was ich untersucht haben möchte, und wer mir von seiner Gegend aus helfen will, soll von hier aus eine complette Gebirgsart und Erzsammlung haben, mit wenig Worten, die die Folge davon deutlich machen.

Lebe wohl und schreibe bald wieder.

Was hast du zu des La Roche Veränderung gesagt?

Grüse deine Frau und besuche die Mutter einmal, sie hat etwas für dich, das du lesen sollst, wenn du's nicht schon gesehen hast: die Vögel.

Eben erhielt ich deinen Brief.

[312] Wir sind schon in Eisenach gewesen. Sehr wohl hätt ich dich wieder auf der Wartburg empfangen wollen, wo ich doch nur Eine Nacht war. Ich seh dich also nicht, wenn du nicht Lust hast die neun Meilen hierher zu machen, oder mir einen Rendevous schreibst. Auf einige Tage könnt ich abkommen, und komm in aller Stille etwa auf Kreuzburg. Das liegt dir noch näher und nach Eisenach mag ich nicht hinein. Du müßtest mir zeitig schreiben und mir auf Einen Tag auf oder ab sagen können.

Adieu! Der Momper ist trefflich; ich hab mir ihn angemaßt. Sieh, daß du mir so was in Cassel eroberst.

Was sind die Caracche schön! Ach lieber Gott, daß man so lang leben muß, eh man so was sieht und sehen lernt!


4/1026.


An Charlotte von Stein

d. 12. Octbr. 80 Nachts. Mein Vergnügen vor Schlafengehn ist zu dencken dass meine Botin glücklich bey Ihnen angelangt seyn wird. Gute Nacht beste. Der Herzog ist wohl in Belvedere und hat mir etwas hoff ich von Ihnen mitgebracht.

d. 13. Nachts. Durch die Botin und Steinen hab ich etwas von Ihnen, nun bin ich still und vergnügt wenn Sie mir etwas sagen.

[313] Es ist wunderbaar und doch ists so, dass ich eifersüchtig und dummsinnig bin wie ein kleiner Junge wenn Sie andern freundlich begegnen. Gute Nacht Gold. Seit denen Paar Tagen bin ich noch nicht zur Ruhe gekommen als schlafend, das ist mir aber am gesundsten.


Um Mitternacht vom Sonnabend

auf den Sonntag.

Ihr Bote war wieder weg als ich Ihr Zettelgen erhielt. Wenn die Sonne wieder aufgegangen ist schick ich Ihnen meine Alte. Seit heut früh um sechs hab ich nicht Ruhe gehabt und noch nicht. Wenn man nur nicht zu schlafen brauchte und immer ein Interessantes dem andren folgte! Ich bin wie eine Kugel die rikochet aufschlägt.

Der Mond ist unendlich schön, Ich bin durch die neuen Wege gelaufen da sieht die Nacht himmlisch drein. Die Elfen sangen.


Um Mitternacht wenn die Menschen erst schlafen

Dann scheinet uns der Mond

Dann leuchtet uns der Stern,

Wir wandlen und singen

Und tanzen erst gern.


Um Mitternacht

Wenn die Menschen erst schlafen

Auf Wiesen an den Erlen

[314] Wir suchen unsern Raum

Und wandlen und singen

Und tanzen einen Traum.

Gute Nacht. Meine Feder laufft zu schläfrig.


[15. October.]

Sonntags früh. Sie erhalten schöne Trauben, dagegen sagen Sie mir dass Sie Sich wohl befinden und mich lieben. Gestern ist alles von Belvedere herein. Heute gehts nach Hof. Grüsen Sie Lingen und geben ihr einige süse Beeren in meinem Nahmen. Grüsen Sie Frizzen hier sind ein Paar Bücher, ich weis nicht ob sie ihn unterhalten werden. ich will was bessers suchen.

Schicken Sie mir das Waserische.

Knebel ist recht gut.

Glück zum schönen Wetter!

G.


4/1027.


An Johann Kaspar Lavater

Weimar den 13. Okt. 1780.

Deine Schrift über Wasern ist nunmehro ganz bei mir angekommen, und ich danke dir in meinem und vieler Menschen Namen dass du dir diese Mühe geben wollen. Es ist ein Meisterstük von Geschichte, und ich darf dir wohl sagen, dass du, als Mensch, Bürger und Schriftsteller, mich mehr dabei interessirt[315] hast, als der Held selbst. Ich meine noch nie so viel Wahrheit der Handlung, solchen Psychologischen und politischen Gang ohne Abstraktion beisammen gesehen zu haben, und eins von den grössten Kunststüken, das dich aber die Natur und der Ernst bei der Sache, gelehrt hat, ist iene anscheinende Unparteylichkeit, die sogar widrige facta mit der grössten Naiveté erzählt, iedem seine Meinung und sein Urtheil frei zu lassen scheint, da sich doch am Ende ieder gezwungen fühlt, der Meinung des Erzählers zu sein. Du hast in allem Sinne sehr wohl gethan in dieser Sache auch ein Wort mit zu reden, es ist ein schön Monument für die Nachkommenschaft, und dein Vaterland hat dir dafür Dank zu sagen. Was das grosse Publikum betrift so hätte es um dessentwillen weniger bedurft, alle honnette Leute, die auserordentlich für Wasern portirt sind, haben gleich kreuzige! geschrien, so bald ich ihnen versicherte, er habe noch nebenher gestolen und falsche Obligationen gemacht, auf dieses hat man ihn ohne weiters dem Henker übergeben und die Herren von Zürich völlig entschuldiget, und so thu' ich deinen Willen indem ich den besten das Manuscript vorlese, und den andern einen Auszug erzähle der nach ihrem Sinne ist. Über den Menschen selbst ist nichts zu sagen. Ich wenigstens habe mit der Beschreibung davon genug, und ergöze mich am Anschauen desselben, wie an der Beschreibung und Abbildung eines andern Meerwunders ohne ihn[316] klassifiziren, oder drüber pragmatisiren zu wollen. Schlözer spielt eine scheusliche Figur im Roman, und ich erlaube mir eine herzliche Schadenfreude, weil doch sein ganzer Briefwechsel die Unternehmung eines schlechten Menschen ist.

Deine Geldsache kann nun auch sogleich in Richtigkeit gebracht werden. Ich habe deinen Brief an Bertuchen vor mir und darüber folgendes zu sagen:

1. Es wird von dir keine weitere Versicherung verlangt, als dass du beiliegenden Schein1, abschreibst, unterschreibst und besiegelst. Es erfährt das weiter niemand, geht niemanden nichts an, und ich kann nicht denken, dass Gefahr dabei sein soll, denn so gern ich dir auch was zu Gefallen thue, so ist's in mei ner Situation gar zu unangenehm, des Herzogs Schuldner zu sein, oder zu scheinen.

Das übrige soll gehalten werden, wie du schreibst, nur scheint darinn ein Verstos zu sein, dass du an Herrn Gedeon Burkhardt für Herrn v. Knebel nur funfzig Louis d'or willst ausgezahlt haben, da ich doch damalen befohlen, dass man dir sechzig übermachen soll. Ich habe die Rechnung von meinem Banquier noch nicht, diese wird alles erklären. Und da dir nach deiner Rechnung noch 76 Louis d'or zu erhalten noch übrig bleiben, so würdest du, wenn du damalen schon 60 erhalten hättest, gegenwärtig nur noch 66[317] empfangen. Ich kann davon in wenig Tagen Nachricht haben und, ohne auf deine Antwort zu warten, soll das Geld sodann gleich abgehen.

Ich danke dir für den Tomas Morus, er ist ganz vortreflich gezeichnet. Wollte Gott Lips hätte bei seinem schönen Talent auch einen solchen Sinn an der Natur. Meine Iphigenie mag ich nicht gern, wie sie iezo ist, mehrmals abschreiben lassen und unter die Leute geben, weil ich beschäftigt bin, ihr noch mehr Harmonie im Stil zu verschaffen und also hier und da dran ändere. Sei so gut und sag das denenienigen zur Entschuldigung, die eine Abschrift davon verlangten. Ich habe es schon öfters abgeschlagen.

Da ich soweit bin, sehe ich deine ältere Briefe an mich nach. Deine Rechnung, wie sie auf beiliegendem Blate steht verändert sich also, wie schon gesagt und du kannst die 66 Louis d'or nunmehro gleich erhalten.

Lebe wohl lieber Mensch und fahre fort mit uns zu leben. Knebel ist angekommen, und hat dich wieder recht lebhafft zu uns gebracht. Adieu. Schreib mir auch einmal wieder einen ausführlichen Brief. Grüse Bäben.

d. 13. Oktbr. 80.

G.


Eben erhalt ich deinen Brief vom 30. 7br.

Für die Schöne und dich ist mirs leid dass ihr euch nicht gesehn habt. Es ist eine schöne Sache[318] ums sehn. Wollte Gott ich wäre dir die Hälfte näher und könnte alle Jahr dich einmal acht Tage haben.

Dass du über mich glauben magst ohne zu sehn ist mir sehr lieb. Du wirst auch wenig sehn. Gewiss auch hast du recht dass der Gedancke im Menschen das beste ist, von dem Capital das er doch hat, und wie er mit wuchern möchte, um es aufs tausendfältige zu treiben, es entstehe draus Gewinnst oder Verlust.

Den guten Lands und Hausvater würdest du näher, mehr bedauern. Was da auszustehn ist spricht kein Zeuge aus. Herrschafft wird niemand angebohren, und der sie ererbte, muss sie so bitter gewinnen als der Erobrer, wenn er sie haben will, und bitterer.

Es versteht dies kein Mensch der seinen Würckungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat.


Dancke für die Silhouetten Auslegung hier ist wieder eine. Du thust mir eine Wohlthat, ich schicke dir wenn du mir antwortest manchmal solch ein Gesicht. Ich hab ohne bestimmtheit unendlich ähnlich Gefühl zu deinem.


1 Dieser kommt mit dem Gelde.[319]


4/1028.


An die Marquise Branconi

Weimar, d. 16. Oktbr. 80.

Erst heute find ich Ruhe zu einer schrifftlichen Unterhaltung mit Ihnen, und nehme ein kleines Blättgen, ein sehr kleines gegen die Menge Sachen die ich Ihnen zu sagen habe. Hätte ich diese Zeit her ein halbduzzend Geister zu Sekkretairs gehabt, denen man zu Pferde, bey Tafel, in dem Vorzimmer und allenfalls auch träumend dicktiren könnte; so würden Sie iezzo ein paar Ries Papier erhalten, vollgeschrieben von tausend Einfällen, Empfindungen, Bemerckungen, Geschichten und Vorfällen, dass Sie bei dem blosen Anblicke das Entsezzen befallen müsste.

Der Verlauf vom 27. Sept. allein würde einen starcken Band machen.

Diesen schönen Tag, dessen beste Stunden ich mit der Feder in der Hand, meine gesammelte Gedancken an Sie gerichtet, zuzubringen hoffte, hab ich im Gefolg unsrer Fürsten auf der Strase, bey Tische, beym Tanz und soweiter hingebracht. Wo sind Sie gewesen? Ich hoffe es bald zu hören, bald zu erfahren wo Sie gegenwärtig sind, dass ich mein Versprechen nach und nach erfüllen kan. Die Zeichnung des niedrigen Thals die Sie verlangten, geht diese Woche an meine Mutter ab, sie erhält den Auftrag abzuwarten, biss sie von Ihnen erfährt wohin das Packet zu schicken[320] ist. Machen Sie dem bunten Blätgen ia ein freundlich Gesicht es soll Sie, wie ihm befohlen ist, mehr an die Bewohner, als an Wiese, Bäum und Hütten erinnern. Ihr Brief hätte nicht schöner und feyerlicher bey mir eintreten können. Er suchte mich auf dem höchsten Berg im ganzen Lande, wo ich in einem Jagdhäusgen, einsam über alle Wälder erhaben, und von ihnen umgeben eine Nacht zubringen wollte.

Es war schon dunckel, der volle Mond herauf, als ein Korb mit Proviant aus der Stadt kam, und Ihr Brief, wie ein Packetgen Gewürz oben auf. Meine Mutter ist recht glücklich gewesen Sie bey sich zu haben. Die gute Frau schreibt auch eine Epoche von dem Tage Ihrer Bekanntschafft. So gehts dem Astronomen, wenn an dem gewohnten und meist unbedeutenden Sternhimmel, sich Gott sey Danck, endlich einmal ein Komet sehen lässt.

Wir hoffen dass Sie von der wohlthätigen Art sind, und versprechen uns also ein gutes Jahr.

Wie ich Ihnen meine Schweizer Briefe wollte abschreiben lassen, fand ich sie noch so mangelhafft dass ich es aufschieben musste. Sobald als möglich will ich sie noch einmal durchsehn, und sie sollen Ihnen an einem Winterabende aufwarten. Dagegen hoff ich auch Ihre Schicksaale zu lesen, und wie Sie Sich mit den Felsen befreundet haben. Die Aufführung der Wassergötter nicht zu vergessen.

Leben Sie wohl, empfehlen mich den Ihrigen.

[321] Gewiss nehm ich den lebhafftesten Anteil an allem was Sie betrifft, und verlange sehr zu hören wie es Ihnen bisher gegangen ist.

Der arme Lavater hat Sie versäumt hör ich.

Goethe.


4/1029.


An Charlotte von Stein

Dancke für alles aufs beste.

Im Begriff nach Mühlhausen zu fahren, wo Mephistopheles Merck hinkommt schick ich noch zwey Fasanen von der gestrigen Jagd.

Nunmehr werd ich Sie recht bitten bald herein zu kommen es ist Zeit in allem Sinne. Helfen Sie uns leben, Theilen Sie Ihre Zeit mit uns.

Adieu grüsen Sie Lingen, das kühle Feuer leuchtet gar schön. Ich habs Nachts um mein Bett gestellt.

Adieu, Sonntag Abends bin ich wohl wieder da lassen Sie mich etwas von Ihnen finden, und kommen Sie ia bald.

d. 20. Oktbr. 80.


Eben kommt die Herzoginn.


4/1030.


An Charlotte von Stein

Wir hören dass Sie nicht wohl sind, und es vermehrt diese Nachricht iedes Übel an dem wir kranck[322] liegen, sagen Sie uns nur ein Wort, wir brauchen Trost.

Hier leben die Menschen mit einander wie Erbsen in einem Sacke, sie reiben und drücken sich, es kommt aber nichts weiter dabey heraus, am wenigsten eine Verbindung. Knebel ist sehr gut.

Gestern ward Robert und Kalliste gespielt lassen Sie Ihre Correspondentinnen drüber sprechen.

Hier schick ich Süsigkeiten, sonst fehlt mirs an allem ausser an Gedancken.

Stein wird erst auf eine Pferdeiagd ausgehn wie ich höre, und dann erst zu Ihnen, dann wird noch eine Weile draussen gekramt werden und so kommen Sie immer nicht. Es wäre doch besser für Sie und uns. Dass Lingen neulich meine Trauben süs schmeckten, ist kein Wunder, sie sind durch dreyer Verliebten Hände gegangen eh sie zu ihrem Munde kamen.

Grüsen Sie Frizzen.

Mit dem Rahmen haben Sie vergessen mir die Kupfer zu schicken, ich kan nicht fortfahren.

Adieu beste behalten Sie mich lieb. Mein Vater ist sehr kranck.

Mit Mercken hab ich einen sehr guten Tag und ein Paar Nächte verlebt. Doch macht mir der Drache immer bös Blut, es geht mir wie Psychen da sie ihre Schwestern wiedersah.

Der Herzog ist recht vergnügt rasch und wohl, das ist das beste in der ganzen Sache. Dencken Sie[323] doch an das was wir wegen der Herzoginn Badreise gesprochen haben.

Ich habe den Mädgen Bodens Stück zu lesen gegeben, die wollen Ihm die Augen auskrazzen, dass er ihnen solche Masken zu denckt. Es ist doch unerhört! So ein Mangel an Beurtheilung.

Grüsen Sie Lingen.

Gott erhalte Sie. Addio.

d. 25. Oktbr. 80.

G.


4/1031.


An Johann Heinrich Merck

[27. October.]

Auf deinen Brief dient zur Antwort dass wir von den Gemählden behalten wollen


No. 26 Jakob Steenf. 75

- 69 Roos72

- 45 Mompre24

- 87 |St. Vree60

88 |– – – –

f231

Davonab ein Ouart mit57

wärenetwaf174


Wegen der Kupfer hab ich dir neulich schon geschrieben. Seh was du machst.

Überhaupt kannst du künftig von uns vierteljährig auf 5 Carolin rechnen das mag nun für Ein gut[324] blat seyn oder für mehrere, such und erwische was guts. Deinen Brief ohne Datum krieg ich erst heute d. 27 Oktr. Der Herzog hat eine böse Hand von einem Hunde Biss aus Eisenach gebracht. Er ist viel zu hause und drum wollt ich dass du bald was zu gucken schicktest. Adieu. Übrigens wär mirs sehr gelegen wenn du mir einiges Geld auf Weynachten heraus negotiirtest. Ade. Nur die Gemählde sehr gut gepackt alle in Rahmen, keins gerollt pp.

G.


4/1032.


An Carl Ludwig von Knebel

[28. October.]

Lieber Bruder ich will tugendhaft seyn und morgen nicht mit nach Kochberg gehen. Ein gut Werk, das auch Euch nutze ist, lockt mich an. Es sind gewisse Dinge in Gährung, denen ich abhelfen muß, und morgen der Tag ist mir von Bedeutung.

Gehst du noch, so grüsse die Stein recht herzlich. Montags kriegt sie einen Brief von mir. Ich bin wie der Bock, der für die Sünden der Gesellschaft in der Wüste spaziren muß.

Adieu, behalte mich lieb. Grüße auch Lingen und Frizzen und bring mir etwas mit.

G.[325]


4/1033.


An Charlotte von Stein

Um diese Stunde hofft ich bey Ihnen zu seyn. Knebel ist allein weg weil mein alter Beruf mich hält. Ich will heute den Tag in Tiefurt zubringen, es sind gewisse Dinge in Gährung denen Lufft muss gemacht werden. Knebel ist gar brav, und wenn er beharrt, kan er uns unendlich nuzzen, gebe Gott sein Gedeihen dazu. Die Mittlerschafft kleidet ihn gar gut, er sieht alles reiner und würckt nur zu wahren Zwecken.

Ich weis nicht warum, aber mir scheint Sie haben mir noch nicht verziehen. Ob ich Vergebung verdiene weis ich nicht, Mitleiden gewiss.

So gehts aber dem der still vor sich leidet, und durch Klagen weder die seinigen ängstigen noch sich erweichen mag, wenn er endlich aus gedrängter Seele Eli, Eli, lama asabthani ruft, spricht das Volck, du hast andern geholfen hilf dir selber, und die besten übersezzens falsch und glauben er rufe dem Elias.

Nur keine Gedanckenstriche in Ihren Briefen mehr, Sie können versichert seyn dass ich sie immer mit dem schlimmsten ausfülle. Wenn Sie wiederkommen werden Sie mir doch die Geschichte vertrauen, dagegen hab ich Ihnen auch eine wunderbaare Catastrophe zu entdecken, die Sie wissen müssen. Ich dencke der Baum unsrer Verwand- und Freundschafft ist lange genug[326] gepflanzt und fest genug gewurzelt dass er von den Unbilden der Jahrszeit und der Witterungen nichts mehr zu besorgen hat.

Die Kupfer hab ich nicht erhalten.

Die Zusammenkunft mit Merck hat mir geschadet und genuzt, das lässt sich in dieser Welt nicht trennen.

Lingen soll keine Verse mehr von mir kriegen, noch mehr Freundlichkeit als die allgemeine Höflichkeit erlaubt. Glauben Sie mir die Menschen die sich um uns bekümmern thätens nicht wenn sie mit sich selbst was bessers anfangen könnten. Wenigstens thäten sie's anders.

Sagen Sie mir doch wenn Sie kommen.

Man mögte Robert und Kalliste gerne wieder sehn, und ich mögts nicht gerne geben lassen biss Sie wieder da sind, denn eine dritte Vorstellung folgt nicht sobald.

Adieu. Grüsen Sie Lingen und Frizzen. Auch Knebeln der wohl noch bey Ihnen ist.

Weimar d. 29. Oktbr. 80.

G.


4/1034.


An Charlotte von Stein

So einen bösen Vorhang mir Ihr Brief herunter wirft, und neue Nebel meine schönsten Aussichten decken; so ist mirs doch wilkommner als Ihr anfänglich gleichgültig thun, da Sie mirs ausreden und mich beruhigen wollten.

[327] Möge es Ihnen recht wohl seyn. Knebel hat mir gesagt dass Sie recht vergnügt sind.

Es macht mich nachdencken dass es Frizzen geht wie mir. Danck für die Bratens wir wollen sie in Gesellschafft mit guten Wesens verzehren. Die kleine lehrt mich Schach u.s.w. Grüsen Sie Stein und Lingen recht schön und auch meinen Bruder nicht in Christo sondern in der Unart und der Unbethulichkeit.

d. 2. Nov. 80.

G.


4/1035.


An Johann Kaspar Lavater

Auch wieder lieber Bruder einige Worte nach dem A.B.C.

a) Die Kupfer die noch hier sind wäre mir lieb wenn du sie dem Herzog überliesest, er sammlet iezt und hat schöne Freude und Sinn dran. Für dich sind unter dem ganzen Wust höchstens ein halb duzzend Lukas v. Leyden schäzbaar. Dagegen will ich dir die Albrecht Dürers was mir in die Hände kommt ausantworten.

b) Gott seegne dich für deine Freude an meiner Künsteley. Ich kan's nicht lassen ich muss immer bildeln.

c) Deine Waserische Geschichte gehört eben recht dir weil sie so aus Noth dem innersten entrissen ist.

Lies doch wo du Zeit findest das Diarium der Revolution in Neapel durch Masaniello, wenn du[328] es noch nicht kennst. Dir gewiss wie mir unschäzbaar.

f) Das von Herdern kenn ich noch nicht.

g) Der Schein ist gut. Von dieser Obliegenheit wird dich der Herzog nächstens auf eine schöne und freundliche Art befreyen. Das Geld wirst du nun haben.

h) Hast du denn selbst eine Iphigenie.

i) Lass mir wo möglich durch Bäben ein näher Wort sagen wie dir ist. Lieber Bruder lass uns immer näher zusammenrücken. Die Zeit kommt doch bald wo wir zerstreut in die Elemente zurückkehren werden aus denen wir genommen sind.

k) Täglich wächst der Herzog und ist mein bester Trost.

1) Was thust du für Gera? du Treiber.

m) Danck für die Worte über die Silhouette. Es ist eine edle Seele und liebt dich wie man lieben kan. Schick mir doch dein Bild für sie ich hab ihr meins geborgt.

Grüse Frau, Kinder und alles. Schreib mir immer es sey was es wolle.

Gieb meine Sachen an Bäben die weis wo mit hin. Adieu.

d. 3. Nov. 80.

G.[329]


4/1036.


An Friedrich Müller

Weimar den 6. November 1780.

Ihr lezter Brief hat mir ein grosses Vergnügen gemacht. Es ist sehr gut, wenn man sich einmal misversteht, daraus kommt manche gute Erklärung und man sieht erst, dass man recht einig ist. Versäumen Sie ia nicht, mir manchmal über Gegenstände der Kunst zu schreiben, besonders lassen Sie mich über Raphaelen, Michelangele, Caracci und wen Sie wollen, etwas hören. Erzählen Sie mir fortan die Geschichte Ihres Aufenthalts in Rom und geben Sie mir Nachricht von Ihren Arbeiten und Gesundheit. Ich lebe mehr in diesen Sachen als Sie glauben können, und es nimmt niemand einen wärmern, obwohl nicht ganz reinen, Antheil an dem Künstler als der Liebhaber der selbst pfuscht. Sie können mir kein grösseres Vergnügen machen.

Es wird nunmehr bald iährig, dass ich Ihnen Ihre Pension zugeschikt habe. Ich mögte aber gern erst was hier von Ihnen vorzuweisen haben, ehe ich Ihren Gönnern und Freunden wieder Ihren Nahmen nenne. Zu Ende Oktobers oder Anfang Novembers, schreiben Sie, soll ich die zwei Bilder von Ihnen haben. November hat zwar nicht lange angefangen, doch will ich Sie lieber erinnern und treiben, als dass Sie mir am Ende zu spät kommen sollen. Thun[330] Sie's doch ia, und geben ein Lebenszeichen von Sich. Wenn Sie mir nur einige Landschaften, nur einige Skizen, wie ich Sie drum bat, geschikt hätten, ich wäre zufrieden gewesen, und hätte auch andere können zufrieden stellen. Der Glaube an das, was man nicht sieht ist sehr rar. Und eine einzige geistreiche Skize überzeugt ieden weit mehr als Alles was ich erzählen kann, was Müller in Rom thut. Schreiben Sie mir also ia, ich bitte bald, ob ich was erhalte. Nehmen Sie, ich bitte, dieses nicht etwa von einer unangenehmen Seite, die Menschen sind, und vielleicht mit Recht, so gesinnt, dass sie ihres Säens sichtliche Früchte sehen wollen. Ich weiss wohl, wie es dem Künstler oft zu Muthe ist, aber eben des wegen, glaube ich wohl zu thun, wenn ich Sie ermahne. Schiken Sie mir ia und schreiben Sie mir bald, und sagen Sie ein Wort, was an der Geschichte ist, dass Sie sich zu der katholischen Religion begeben haben. Es verändert in unserer Angelegenheit gar nichts, nur mögt ich, wenn die Sache wahr ist, Fragenden die wahre Umstände erzählen, und wäre es nicht wahr, mit Grunde widersprechen können. Leben Sie wohl und antworten mir ia gleich.

Goethe.


1780

5/1037.


An Charlotte von Stein

Heut sinds fünf Jahre dass ich nach Weimar kommen bin. Es thut mir recht leid dass ich mein Lustrum nicht mit Ihnen feyern kan.

Gestern hatten wir recht schön und wunderbaar Wetter, kamen sehr vergnügt hierher. Ihrer Liebe wieder ganz gewiss, ist mirs ganz anders, es muss mit uns wie mit dem Rheinweine alle Jahre besser werden. Ich rekapitulire in der Stille mein Leben seit diesen 5 Jahren, und finde wunderbaare Geschichten. Der Mensch ist doch wie ein Nachtgänger er steigt die gefährlichsten Kanten im Schlafe. Behalten Sie mich lieb. Das muss einen befestigen dass man mit allem guten bleibender und näher wird, das andre wie Schaalen und Schuppen täglich von einem herunter fällt.

Der Prinz hat auch wie ich mercke eine politisch sentimentalische Visite gemacht.

Der Graf v. d. Lippe ist angekommen. Vielleicht ist schon Donnerstags Comödie. Wenn Sie wieder kommen müssen wir doch einmal einige Politika tracktiren. Die Erde bebt immer fort. Auf Candia sind[1] viel Orte versuncken. Wir aber auf dem uralten Meeresgrund wollen unbeweglich bleiben wie der Meeresgrund.

Adieu Grüsen Sie Lingen. Es warten ihrer eingemachte Früchte. Auch Steinen und Frizzen.

Kommen Sie glücklich.

Weimar, d. 7. Nov. 80.

G.


5/1038.


An Frau von Hendrich

Die versprochene Silhouette kommt erst iezt weil ich sie nicht eher schicken wollte bis ich zugleich was Lavater über die Ihrige sagen würde mit vermelden könnte.

Er schreibt

In der Silhouette ist

a. sehr viel Poetismus

b. Feiner reiner Sinn

c. Kindliche Gutmüthigkeit

d. Wohlanstelligkeit

Nun sehn Sie ob das Alles in Ihnen ist oder ob Sie einen Theil hineingeschnitten haben. Die andre kommt mit bey. Nächstens erhalten Sie auch ein Bild von Lavater.

Legen Sie mich auch den durchlauchtigsten Herrschafften zu Füssen. Meinen gnädigen Hofdamen bringen Sie einen alten Tischnachbar ins Gedächtniss.

[2] Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Gemahl und bleiben Sie meiner vollkommensten Achtung versichert.

Weimar, 7. Nov. 80.

Goethe.


5/1039.


An Charlotte von Stein

[12. Februar.?]

Ich wollte anfragen ob Sie diesen Nachmittag zu Hause sind? Ich käme von Hof herüber und brächte die erste Scene vom Tasso mit. Es scheint mir räthlich zu seyn daß wir uns nach und nach mit diesem Stück bekannt machen. Knebeln wollte ich es sagen laßen.

G.


5/1040.


An Carl Ludwig von Knebel

[12. Februar.?]

Ich danke dir deinen Morgengruß und deine Expectoration. Schon ist es Trost, daß wir auch eine Masse sind, die übereindenken. Heut früh ist die erste Scene des Tasso fertig geworden. Ich gehe an Hof und lese sie auch diesen Nachmittag bey Frau von Stein wenn nichts hindert.

Ich möchte Euch nun nach und nach mit dem Stück bekannt machen und mich mit Euch zum Schluß ermuntern.

Der deinige

G.[3]


5/1041.


An Charlotte von Stein

Heut will ich in der Stille zubringen.

Friz kommt mit Kupfern beladen zurück, auch bringt er ein Kästgen, davon Sie Carolingen was geben können wenn sie gut Englisch lernt. Lassen Sie mich wissen wo Sie heut Abend sind.

Adieu beste. Mein Erster Ackt muss heute fertig werden.

d. 12ten Nov. 80.

G.


5/1042.


An Charlotte von Stein

Lassen Sie mich meine beste Ihnen einen guten Morgen sagen, hierhaussen ist es wild und trüb, die Wolcken liegen der Erde und dem Geiste schwer auf. Doch ist unter der Hülle mein erster Ackt fertig geworden, ich mögt ihn gerne lesen, dass Sie Theil an allem hätten was mich beschäfftigt. Sagen Sie mir dass Sie mich lieben, und ersezzen das Licht der Sonne. Heut ein Jahr waren wir auf dem Gotthart.

d. 13. Nov. 80.

G.


5/1043.


An Carl Ludwig von Knebel

[13. November.]

Dein kleiner Bote fand mich schreibend am Tasso. Ich bin heute nicht unglücklich an der Arbeit gewesen.

[4] Es ist mir leid, daß du bey Hofe speisest, sonst könnten wir zusammen essen; ich bin zu Hause.

Lebe wohl. Ich hoffe Euch bald wieder etwas zu lesen.

G.


5/1044.


An Charlotte von Stein

Da der Tag anbricht mag ich schon wieder bey Ihnen seyn, und nehme also Ihre Einladung zu Mittage an. Ich hoffe das Conseil soll kurz werden. Verzög es aber so essen Sie nur und heben mir etwas auf. d. 14. Nov. 80.

G.


5/1045.


An Charlotte von Stein

Ihr gütigs Zureden und mein Versprechen haben mich heute früh glücklich den IIten Ackt anfangen machen. Hier ist der 1ste mög er in der Nähe und bey wiederhohltem Lesen seinen Reiz behalten. Lassen Sie ihn niemand sehen. Ich will heute spazieren laufen und zu hause essen. Adieu.

d. 15. Nov. 80.

G.

Der Zeichentisch ist wieder angekomen und eingeräumt.


5/1046.


An Charlotte von Stein

Danck für den guten Morgen. Wenn Sie erlauben so komm ich zu Tische und bring auch etwas mit.

[5] Frühmorgens nehm ich mir vor zu Hause zu bleiben und bestelle mein Essen, wenns gegen Mittag kommt zieht mich das alte Verlangen zu Ihnen. Behalten Sie den Ackt wie Sie wollen, er wird mir erst lieb da Sie ihn lieben. Schicken Sie mir doch gleich die Adresse des Brockenburgs in Rudolstadt.

d. 16. Nov. 80.

G.


5/1047.


An Carl Ludwig von Knebel

[16. November.]

Ich dancke dir herzlich für dein freundliches Wort. Es trifft mich eben beym Tasso an dem ich um desto lebhaffter arbeite, als mich mein nächstes und ich mögte sagen einziges Publikum ermuntert. Ich sehne mich recht nach der Stunde in der ich dir ihn senden kann. Lebe wohl. und 1000 Danck für deinen Antheil.

G.


5/1048.


An Charlotte von Stein

Lassen Sie mir wissen ob Sie in die Kirche gehen? und wie Ihr Mittag und Nachmittag eingetheilt sind, ich mögte gern das Portefeuille vorwärts bringen.

Mein Stück ist heute vorgerückt, dessen Ende Sie mit keinen freundlichen Erinnerungen zu beschleunigen gesinnt sind. Adieu beste. d. 19. Nov. 80.

G.[6]


5/1049.


An Charlotte von Stein

Der Himmel sey mit Ihnen und mache Ihnen recht wohl, aber nicht der untere der heute sehr leidig ist. Geschrieben ist worden heute früh, wenig, doch stockts nicht. Behalten Sie den Anteil den ich offt leider einen Augenblick nicht fühle an dem was mich angeht und helfen mir leben. Und lassen mir den Glauben dass ich auch etwas zu Ihrer Zufriedenheit beytrage. d. 20. Nov. 80.

G.


5/1050.


An Louise von Göchhausen

[21. November.]

Die lieben Reisenden sollen mir willkommen seyn. Alles andre soll wo nicht heut Abend doch zur rechten Stunde fertig werden.

Leben Sie wohl und Danck.

G.

Ich schreibe an Tasso und kann nichts weiter dencken.


5/1051.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen beste. Sagen Sie mir wie's Ihnen geht und ob Sie noch heut Abend mit Ihren Freunden kommen. Das Wetter ist wild und wüst wir wollens aber hinaussperren. Die kleine Werthern[7] und Knebel kommen von Daura auch zu uns. Gestern war ein sehr böser Weeg. Wie ist Ihr Abendessen abgelaufen? d. 21. Nov. 80.

G.

Heut früh war ich nicht fleisig.


5/1052.


An Charlotte von Stein

[21. November.]

So lang ich Bleystifft beym Aufmachen eines Zettelgens sehe wird mirs nicht wohl. Ich bedaure Sie herzlich. Bleiben Sie ruhig und hören Sie auch den Arzt.

Mir hat er ein Regim vorgeschrieben dem ich folge und soll auch etwas einnehmen. Knebel hat kuriose Sachen über den 1sten Ackt gesagt. Aber gute.

G.


5/1053.


An Charlotte von Stein

Lassen Sie mir sagen wie Sie sich befinden. Gestern Abend wollt es nicht recht, meine Gäste waren artig und disponirt, doch schiens als wenn ein Meelthau drein gefallen wäre. Heute ess ich bey der Herzoginn Mutter, und sehe Sie einen Augenblick. Der Schnee macht doch die Welt fröhlicher, ich fürchte nur er hält nicht. d. 22. Nov. 80.

G.[8]


5/1054.


An Charlotte von Stein

Sagen Sie mir wie Sie geschlafen haben, und dass Sie mich lieben. Hufland hat mir ein böses Frühstück geschickt.

Geben Sie doch überbringern den 1. Ackt des Tasso mit, ich will weiter schreiben lassen. Die erste Scene des zweiten Ackts ist so ziemlich fertig.

d. 23. Nov. 80.

G.


5/1055.


An Charlotte von Stein

Ich dancke für den Anteil meine beste. Das Unvermeidliche muss ertragen werden. Nur bitt ich Sie sich täglich zu sagen dass alles was Ihnen an mir unangenehm seyn konnte aus einer Quelle kommt über die ich nicht Meister bin, dadurch erleichtern Sie mir viel. Adieu beste. Heut ist Conseil und war poetischer Rasttag.

d. 24. Nov. 80.

G.


5/1056.


An Charlotte von Stein

Es geht mir heute ganz wohl, meine liebste und beste. Ich habe etwas geschrieben um nicht stecken zu bleiben. Heut Mittag ess ich mit Knebeln, und gegen Abend mögt ich wohl Lingen und Ihnen die erste Scene des II Ackts lesen.

d. 25. Nov. 80.

G.[9]


5/1057.


An Charlotte von Stein

Soll ich auf heut Abend noch den Rehbraten zurecht machen lassen. Nachmittage will ich spazieren lauffen. Wie befinden Sie Sich. Ich bin fleisig in allem Sinn. d. 27. Nov. 80.

G.


5/1058.


An Charlotte von Stein

Wenn Sie mögen lass ich den Rehrücken braten und bring ihn zu Ihnen dass wir ihn zusammen verzehren. Wollen Sie einen Gast dazu bitten?

d. 29. Nov. 80.

G.

Heut ist vor Tag geschrieben worden.


5/1059.


An Charlotte von Stein

[30. November.]

Ich wills doch erzwingen dass Sie von meinem Rehrücken essen sollen. Geseegnete Mahlzeit an die ganze Gesellschafft.

G.


5/1060.


An Charlotte von Stein

Wir müssen einander in Sprachen und allem forthelfen. Dancke, recht sehr. Darf ich heut mit[10] Ihnen ein Feldhuhn verzehren? Hier ist ein Billet das sich zu mir verlohren. Es freut mich dass man nicht glaubt Sie könnten wo anders hin schreiben.

d. 2. Dez. 80.

G.


5/1061.


An Ferdinand Kobell

Ihre Gemälde, mein lieber Kobell, sind richtig angekommen, und haben viel Vergnügen verursacht. Unsere Durchl. Herrschaften sind sehr damit zufrieden, und werden sich drein theilen. Ich werde sorgen, dass Sie den Betrag dafür so bald als möglich erhalten. Ich habe dieser Tage her wie mit einem Stäbchen dabei gestanden, und einem jeden, der es hören wollte, die Auslegung davon gemacht. Man kann diese Stücke, besonders wenn sie beisammen sind, recht als einen Text tractiren, um über die Kunst zu lesen. Mir hat es ein grosses Vergnügen gemacht, daraus auch wieder Ihren Reichthum an Erfindung zu sehen, zu beobachten wie gewiss Sie Ihrer Sache sind, und dass Sie eben machen können was Sie wollen. Ich wünsche, dass Ihnen die Achtung Ihres gleichzeitigen Publikums so völlig zum Genusse werden möge, wie die Nachwelt sie nur meist zu spät dem Künstler gewährt. Bei denen Zeichnungen, die unsere Durchl. Herzogin Amalie von Ihnen mitgebracht, habe ich mich der angenehmen Stunden erinnert, da wir sie in Ihrer Stube durchblätterten.

[11] Ich habe auch für mich eine kleine Zeichensamm lung angefangen, wenn Sie mir dazu etwas aus Ihrer Fülle gönnen wollten, würden Sie mich sehr verbinden. Unterdessen habe ich mich auf den Raub gelegt, und unsern Reisenden etwas abgezwackt. Bestellen Sie doch ein Duzend Zeichnungen von Ihrem Bruder in Rom, dagegen 24 Dukaten zu Diensten stehen. Er soll sie aber ja, wenigstens zum Theil nach der Natur nehmen, und sie dann ausführen, wie er will.

Sie selbst haben Durchl. dem Herzoge einige ausgeführte Zeichnungen versprochen, auch diese vergessen Sie nicht. Gewiss, Ihre Kunst kann nach ihrem ganzen Umfang, dem innern Werthe nach, nicht mehr geschätzt werden, als bei uns.

Der Musikus Kranz von hier, der einige Zeit in Mannheim bleiben soll, wird Sie besuchen, und ich bitte Sie um einige Gefälligkeit gegen diesen guten Menschen.

Empfehlen Sie mich gelegentlich dem Herrn von Dalberg auf das Beste.

Weimar den 3. Decembre 1780.

Goethe.


5/1062.


An Charlotte von Stein

Ich soll nicht zu den Feldhünern kommen. Man hat mich nach Hofe zitirt. Heut Abend kommen Sie[12] ia wohl auch hinauf. Adieu beste. Der Sonntag ist mir kein Ruhetag. d. 3. Dez. 80.

G.


5/1063.


An Charlotte von Stein

Auf meine gestrige Beichte befind ich mich um ein gros Theil leichter und besser, möge sie doch vollkommen werden. Der Reif dieses Morgens war mir auch sehr willkommen. Heut ist Conseil nachher will ich in der Stille zu Hause essen, und Sie gegen Abend aufsuchen. Hier ist das Halstuch zurück, und ein Frühstuck für Frizzen. d. 4. Dez. 80.

G.


5/1064.


An Philipp Erasmus Reich

Wollten Sie die Güte haben mir die Geschichte der Mis Sidney Bidulph im engl. Original zu verschaffen. Angenehm wäre mirs, wenn ich sie noch vor Weihnachten haben könnte. Auch bitt' ich um eine Rechnung was ich diese Zeit schuldig geworden.

Weimar den 4. Dez. 1780.

Goethe.


5/1065.


An Charlotte von Stein

Auf die gestrige Eisfahrt hab ich sehr gut geschlafen. Wenn Sie nur einen Augenblick gekommen[13] wären! Ich esse wieder draussen und nähme wohl ein Stück Braten an, mein Gözze solls im Vorbeygehen mit nehmen. d. 6. Dez. 80.

G.


5/1066.


An Johann Friedrich Krafft

Der Amtmann soll sich nicht von jedem panischen Schrecken in so grose Bewegung bringen lassen und das seinige zu thun fortfahren.

Es wäre mir angenehm, solch einen Vorschlag zu sehen, wie der Steuerkasse geholfen werden könnte.

Ich danke für die Excerpten, es ist eine grose und beschwerliche Arbeit.

d. 6. Dez. 80.

G.


5/1067.


An Charlotte von Stein

Dancke liebe beste dass Sie mein Mittagessen durch ein Gericht haben wollen schmackhafft machen. Ich habe mich beschäfftigt und mir ists wohl. Hier ist auch das Portefeuil. Ohngeachtet hundert Pinselstrichen und Tupsgen ists immer noch nicht fertig, lassen Sies aber machen, und gebens noch unsern Meinungern mit. Adieu allerliebste. d. 8. Dez. 80.

G.[14]


5/1068.


An Charlotte von Stein

Zum Tanze schick ich dir den Straus

Mit himmelfarbnem Band,

Und siehst du andern freundlich aus,

Reichst andren deine Hand,

So denck auch an ein einsam Haus

Und an ein schöner Band.

d. 9. Dez. 80.

G.


5/1069.


An Charlotte von Stein

Sagen Sie mir meine beste wie Sie geschlafen haben? Wie Sie Sich befinden? denn ich fürchte dass Ihnen mögte nicht wohl seyn. Ists Ihnen aber so, und können Sie mir den heutigen Tag schencken, so soll er mir in mehr als einer Betrachtung Sabath seyn.

Seit Donnerstag Abends kan ich Sie versichern bin ich nicht einen Augenblick von Ihnen gewichen. Gestern und vorgestern hab ich meine Pflicht gethan, aber was ist Pflicht ohne die Gegenwart der Liebe. Adieu liebste wenn Sie wollen so seh ich Sie bald.

d. 10. Dez. 80.

G.


5/1070.


An Charlotte von Stein und N.N.

d. 11 Dez. 1780.

Aus Kötschaus Thoren reichet Euch

Ein alter Hexenmeister,

[15] Confeckt und süsen rothen Wein

Durch einen seiner Geister.


Der sollt wenn er nicht heiser wär

Euch auch dies Liedgen singen,

Doch wird er einen holden Grus

Von mir Euch überbringen.


Kein Wetter kan der arme Tropf

Am hohen Himmel machen,

Sonst sollt euch Sonne Mond und Stern,

Zu Eurer Reise lachen.


Genieset weil Ihre süse seyd

Auch etwas süses gerne

Und denckt bey Scherz und Fröhlichkeit

An einen in der Ferne.


Der gerne mögt mit mancher Lust

Euch Schönen zu vergnügen

An iedem Weeg, in iedem Busch

Im Hinterhalte liegen.


Den Ihr drum als Oresten saht

Als Scapin sich gebärden,

Und der nun mögt zu Eurem Spas

Auch Wirth von Kötschau werden.

G.[16]


5/1071.


An Charlotte von Stein

Zwar wollt ich heut wieder durchs Entbehren erfahren wie lieb ich Sie habe. Ich dencke doch aber ists besser Linsensuppe mit Ihnen aus der Pasteten Schaale zu essen also komm ich um 12 Uhr.

d. 12. Dez 80.

G.


5/1072.


An Charlotte von Stein

Ich schicke Ihnen unsre Locke wieder, und verlange sehr zu wissen wie Ihnen die Nachtfahrt bekommen ist. Mein Bote brachte mir um ein Uhr das Zettelgen vors Bette das mir ein gros Vergnügen gemacht hat. Sind Sie wohl; so kom ich heute zu Tisch.

d. 13. Dez. 80.

G.


5/1073.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen meine beste. Sie erhalten die guten Begleiter wieder die Sie mir mit gegeben bis auf eins das ich selbst bringe. Ich habe vielerley zu thun und werde wohl zu Hause essen. Man hat mich gestern gescholten dass ich so spät kam. Man war sehr artig und die Gesellschaft ganz belebt. Gegen Abend seh ich Sie wenn Sie sonst nichts vorhaben. Adieu meine[17] einzige. Ich habe wieder wundersame Gedancken mitzutheilen. d. 14. Dez. 80.

G.


5/1074.


An Charlotte von Stein

Hier ist der Brief an die Frl. Thunger. schicken Sie mir ihn mit dem Portefeuil wieder, aber ich bitte bald. Sagen Sie mir dass Sie wohl sind, und dass Sie mir das Capital noch lange stunden wollen, das ich in meinem weitläufigen und gefährlichen Handel so nothwendig brauche. Adieu beste.

d. 16. Dez. 80.

G.


5/1075.


An Charlotte von Stein

[17. December.]

Ihr Bote ist noch nicht da, ich will voraus schreiben. Gestern bin ich noch lange spazieren gegangen es war sehr schön, und mein warmer Pelz hielt mich wohl. Ich hab eine grose Unterredung mit meinen Bäumen gehabt, und ihnen erzählt wie ich Sie liebe. Heut will ich viel wegarbeiten, Jagemannen zu Tisch bitten, und immer an Sie dencken.

Ich bin offt versucht worden Ihnen zuvorzukommen. Nach Tisch mahl ich am Portefeuil, und heut Abend geh ich um Ihr Haus herum.[18]


5/1076.


An Charlotte von Stein

Ich schicke zartes Papier zum Einpacken des Portefeuille. Heut will ich recht fleisig seyn um einen guten Abend bey Ihnen zu verdienen.

d. 18. Dez. 80.

G.


5/1077.


An Charlotte von Stein

Kaum hab ich noch Einen Augenblick Ihnen guten Morgen zu bieten. Grüsen Sie Steinen ich hoffe er ist besser. Lieber blieb ich zu Hause wäre fleisig, und sähe dann Sie.

d. 19. Dz. 80.

G.


5/1078.


An Charlotte von Stein

[21. December.]

Ich habe mich zur Einsamkeit entschlossen. Schicken Sie mir doch meinen Pinsel Tusche Muscheln u.s.w. Auf heut Abend ists bestellt bringen Sie Bier mit, ich sorge für Wein, laden Sie einige gute Geister ein. Es wäre artig wenn man den Prinzen hohlte vielleicht thu ichs. Um 7 ist mein Essen bereit. Adieu Lucken und Staffen könnte mans auch sagen. Dass es nur Menschen giebt. Adieu.

G.[19]


5/1079.


An Charlotte von Stein

Was man thut ist doch immer besser als was man sagt, Sie geben mir mit Ihrem Geschenck den Muth wieder den Sie mir gestern genommen haben. Ich dancke recht sehr und weihe hiermit Ihre Feder ein. Adieu beste. Ich esse heut bey Fritschens, wahrscheinlich sind Bechtolsheims da. d. 24. Dez. 80.

G.


5/1080.


An Charlotte von Stein

[25. December.]

Den ganzen Morgen bin ich schon im Begriff zu Ihnen zu gehen. Heut zu Mittag bin ich bey Hof. Dancke fürs überschickte und freue mich Sie mit dem Muff, bey der Musick zu sehn. am Cristtag der mir auch ein Geburtsfest Tag ist. 80.

G.


5/1081.


An den Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha

Durchlauchtigster Herzog,

Gnädigster Herr

Daß ich nach so vieler Zeit und mancherlei Bemühungen nur so wenig in allem Sinne überschicken kann, würde mich beschämt machen, wenn ich nicht[20] von Ew. Durchl. Nachsicht ganz gewiß wäre, worauf ich bei einem solchen Unternehmen vorzüglich Rechnung machen muß. Nur Einiges unterstehe ich mich hier anzuführen, auf was für Anlässe und in welcher Ordnung die Bemerkungen entstanden sind, die ich Ew. Durchl. unterthänig überreiche, alsdann scheinen die darauf gebauten Risse und Meinungen weniger abenteuerlich und gewagt.

Als ich den Einfall hatte, durch den Bergverständigen Voigt in Ermangelung praktischer Arbeit die thüringischen Gegenden untersuchen zu lassen, fingen wir bei dem Ettersberge als unserm nächsten Punkte an, bemerkten sorgfältig die Oberfläche der Berge sowohl als die zu Tage ausgehenden Lagen an den Abhängen und breiteten uns auf diese Weise weiter aus, wo wir in einer Gegend, deren Tiefen unerforscht sind, nur genau Acht haben konnten, wie in einer Folge vom Erdstriche ganz fremde Lagen unter einander einschießen oder auf einander liegen. Das Ilm- und Saalthal waren uns hier im Großen, was die Wasserrisse auf jedem Berge im Kleinen sind. Wir entdeckten aber hier nur das obere Tuffsteinlager N, das Kalchgebirge M, die Lettenstreifen L, das schwache Gipslager K und das mächtige Sandlager J. Wir wußten, daß dieses letzte auch bei Ilmenau sichtbar war und suchten es daselbst um so mehr wieder auf, als wir ohnedies das Grundgebirge dort vermutheten, und fanden uns in unsern Erwartungen nicht betrogen.

[21] Aus den Nachrichten des vorigen Bergbaues sowohl als aus dem, was theils über Tage, theils in den tiefen Stollen sichtbar ist, wußten wir, daß unter dem Sande der Stinkstein H, unter selbigem der Gips G, noch tiefer das Dachgestein F und endlich das mit Gold angelegte Kupferflöz E folgte, worunter das Todeliegende D ansteht. Da wir nun bei näherer Untersuchung, wo sich das Flöz an den Thüringerwald anlegt, es mit seinem sandigen Untergesteine an der Sturmhaide auf dem Porphyr B ruhen fanden, und aus diesem wieder an sehr vielen Stellen der Granit A hervorstach, so glaubten wir nun nicht mehr fehlen zu können, wenn wir die Lagen des diesseitigen Thüringens auf solche Weise angäben.

Weil uns bekannt war, daß die Flöze bei Eisleben und Bottendorf mit wenigen Abänderungen eben so lägen, so unterstunden wir uns, das Flöz als einen allgemeinen Niederschlag der alten Wasser unter Thüringen fortzusetzen, und weil der Gibichenstein und der Petersberg bei Halle wirklich auf ihren Gipfeln denselben Porphyr wie der Schneekopf haben, so wagten wir auch dieses Gestein unter allen Lagen, und tiefer den Granit unsichtbar fortlaufen zu lassen. Eben so wurde aus gleichen Erfahrungen die südwestliche Gegend von Thüringen nach der Rhön zu bestimmt. Vielleicht wird es nach dieser Vorarbeit in wenigen Jahren möglich, den unterirdischen Zusammenhang des Harzes mit unserm Thüringerwalde[22] auf das Wahrscheinlichste anzugeben, zu welcher fortzusetzenden Betrachtung mich der Antheil, den Ew. Durchl. an diesen Bemühungen nehmen, vorzüglich ermuntern wird. Vorausgesetzt, daß die Betrachtungen der Erdoberfläche so sorgfältig als möglich angestellt werden, habe ich, um den großen Riß nicht gar zu hypothetisch und abenteuerlich scheinen zu machen, in die weiße Linie, die ihn umgiebt, zwei kleine Sternchen angebracht. Wenn Ew. Durchl. an beiden einen Faden quer über's Blatt anschlagen, so wird, ich will nicht sagen durchgängig, aber doch meistentheils, was über dem Faden ist, durch bergmännische Erfahrungen bewiesen werden können, was drunter ist, läßt sich freilich nur schließen. Ich nehme hiervon die schornsteinförmige Gestalt des Tolmars und die da zwischen liegenden untern Flözschichten gegen die Rhön zu aus, die ganz willkührlich angegeben sind.

Es sei mir erlaubt, noch etwas Weniges über die Basaltberge dieser südwestlichen Seite und die vulcanischen Producte der Rhön anzufügen. Auf der nordöstlichen Seite des Thüringerwaldes und in denen ganzen nach uns gekehrten Gegenden findet sich nicht die mindeste Spur von Basalt oder irgend einem andern vulcanischen Producte. Vielleicht sind die Basaltberge bei Stolpen die ersten, die auf diesem Striche wieder vorkommen, dagegen sich drüben der Tolmar, die Gleichberg und sodann die ganze Rhön unwidersprechlich basaltisch zeigen, auch hinter der[23] Rhön bei Hersfeld und weiterhin in's Fuldische, offenbare Craters mit allen vulcanischen Producten, deren nur einige hier beiliegen, von dem diesen Sommer dahin abgeschickten Voigt entdeckt worden. Wenn man nun nimmt, daß die Vulcane sodann rechts bis Cassel hinauf und weiter links bis Frankfurt, ja bis Andernach fortgehen, so würde es eine in der Folge höchst interessante Untersuchung werden, ob und wie sich die ungeheure vulcanische Wuth des gedachten großen Erdstriches an dem unerschütterlichen Grundgebirge des Thüringerwaldes gebrochen und dieses ihm gleichsam wie ein ungeheurer Damm widerstanden. Verzeihen mir Ew. Durchl. diesen vielleicht etwas zu kühnen und schnellen Flug. Aber wie der Hirsch und der Vogel sich an kein Territorium kehrt, sondern sich da äst und dahin fliegt, wo es ihn gelüstet, so, halt' ich davon, muß der Beobachter auch sein. Kein Berg sei ihm zu hoch, kein Meer zu tief. Da er die ganze Erde umschweben will, so sei er frei gesinnt wie die Luft, die Alles umgiebt. Weder Fabel noch Geschichte, weder Lehre noch Meinung halte ihn ab zu schauen. Er sondere sorgfältig das, was er gesehen hat, von dem, was er vermuthet oder schließt. Jede richtig aufgezeichnete Bemerkung ist unschätzbar für den Nachfolger, indem sie ihm von entfernten Dingen anschauende Begriffe gibt, die Summe seiner eigenen Erfahrungen vermehrt und aus mehreren Menschen endlich gleichsam ein Ganzes macht. Was[24] die Wissenschaft, von der hier die Rede ist, unendlich erschwert, ist die unbestimmte Terminologie. Einmal thut die poetisch-figürliche an sich sehr lebhafte und interessante Bergmannssprache dem reinen Ausdrucke in solchen Sachen sehr vielen Eintrag, sie ist theils von den bergmännischen Begriffen unzertrennlich geworden, theils ist sie wieder höchst uneigentlich und macht, wenn man in wissenschaftlicher Verbindung sie unter andern eigentlichen Worten braucht, nothwendig Verwirrung. Ein anderes Übel entstehet aus den trivialen Namen, die Bergleute, ja sogar Bergverständige verschiedener Gegenden den Gesteinarten aufgehängt haben. Doch sehe ich die beste Hoffnung vor mir, daß durch die Bemühung der freiberger Akademie und durch die Ausbreitung so vieler Schüler daher ein großer Theil dieser Beschwerde gehoben werden wird.

Ew. Durchl. werden durch das Ganze finden, daß wir uns über die Entstehung unserer Gebirge kein Wort erlaubt haben. Es ist dies meist die Thorheit derjenigen, die ein Paar Berge beschrieben, daß sie zugleich etwas zur Erschaffung der Welt mit beitragen wollen. Noch eins muß ich freilich mit beifügen. Bei dieser Sache, wie bei tausend ähnlichen, ist der anschauende Begriff dem wissenschaftlichen unendlich vorzuziehen. Wenn ich auf, vor oder in einem Berge stehe, die Gestalt, die Art, die Mächtigkeit seiner Schichten und Gänge betrachte und mir[25] Bestandtheile und Form in ihrer natürlichen Gestalt und Lage gleichsam noch lebendig entgegenrufe, und man mit dem lebhaften Anschauen so ist's einen dunkeln Wink in der Seele fühlt so ist's erstanden! wie wenig kann ich freilich davon mit den abgebrochenen Musterstückchen und den wieder auf der andern Seite zu generalisirten Durchschnitten überschicken. Doch ich eile mich ohne Bedenken meiner Pflicht zu entledigen, und bitte um Ew. Durchl. Schutz und Erlaubniß auch in Ihren Landen diese allgemeinen Begriffe durch Erfahrung noch nähre bestimmen zu dürfen. Vielleicht findet sich bei solch einer Untersuchung etwas den Menschen näher Nützliches und Einträgliches. Wenigstens erfährt man gewiß, was man besitzt, und die dunkeln Seiten der Dinge, an die sich Projectmacher und Schatzgräber anhängen, werden lichter.

Wie Vieles und Merkwürdiges hätt' ich noch hinzuzufügen, das ich bis auf die Stunde verspare, wenn ich des Glücks, Ew. Durchl. unterthänigst aufzuwarten, wieder theilhaftig werde. Doch finde ich es billig, Ew. Durchl. noch auf eine Schrift aufmerksam zu machen, die für mich nicht ohne Nutzen gewesen; sie stehet in dem ersten Theil der ältern erfurtischen Akademieacten und führt den Titel: Historia terrae et maris ex historia Thuringiae per montium deseriptionem eruta a Georgio Christiano Fuechsel. Diese Schrift war, wie mir von einem seiner überbliebenen[26] Freunde erzählt worden, erst deutsch aufgesetzt, hatte nachher das Unglück, weil in jenen Acten die deutsche Sprache nicht erscheinen sollte, von einem Andern ins Lateinische übersetzt zu werden; dadurch ist sie so verunstaltet und schwer zu verstehen geworden, daß, so genau ich mit den Sachen bekannt bin und so sehr sie mich interessiren, doch gestehen muß sie noch nicht ganz gelesen zu haben. Doch habe ich soviel daraus gesehen, daß er bis auf Weniges eben die Erfahrungen, worauf wir uns gründen, auch gemacht hat und seine Erdschichten eben so über einander herlegt. Das Wenige, worin wir von einander abgehen, hoff' ich in der Folge auch noch zu berichtigen. Wie ich denn alle Aufsätze hiervon an Trebra'n zu communiziren im Begriff stehe, mit der inständigen Bitte, daß er auf eben die Weise vom Gipfel des Brocken, der aus Granitfelsen besteht, bis in die tiefsten Schachten der Harzer Bergwerke, wie ich es gethan, die Schichten stufenweise verfolgen möge. Wenn wir nun also gegen einander zurücken, uns über die Namen der Gesteinarten vergleichen und so verschiedene Gebirge mit einerlei Augen sehen, können wir wohl ein hübsches Stück Land für die Naturgeschichte erobern. – Die kleine Sammlung ist so eingerichtet, daß man sie nach und nach in jedem Fache complettiren kann. Indessen ist sie hinreichend zum nähern Verständniße der Risse sowohl als der Anmerkungen.

Ew. Durchl. werden verzeihen, daß dieser Brief[27] nicht von meiner eigenen Hand ist. Die so lang aufgehaltene Kiste hätte noch einen Posttag warten müssen und es war mir schon verdrießlich, daß sie nicht vor den Feiertagen abging. Ich empfehle mich zu fortdauernden Gnaden und unterzeichne mich mit aufrichtiger Verehrung

Ew. Durchl.

Weimar, den 27. Dec.

unterthänigster

1780.

Goethe.


5/1082.


An Charlotte von Stein

Guten Morgen beste. Von meinem Franckfurter heiligen Christ schick ich Ihnen ein Teil. Ich habe einen Morgen gehabt, der bunter war als die gestrige Redoute. Bleiben Sie mir. Adieu. Schicken Sie mir durch Überbringern das Wachstuch Packet, ich brings wieder.

d. 30. Dez. 80.

G.


5/1083.


An Charlotte von Stein

Dancke meine Beste, und wäre nicht schon heut früh des Wesens so viel geworden, hätt ich schon angefragt, ob Sie mich heute zu Tisch haben wollen? Es ist aber auch Sonntags bey mir als wärs Jahrmarckt. Gestern Abend ist mirs herzlich weh geworden, recht von Grund aus, davon mündlich mehreres.

[28] Der Abschied des dicken, ist freylich nicht ohne unangenehmes für mich gewesen, und giebt mir auf die erste Zeit viel mehr zu thun. Doch ists immer besser mit solchen Menschen auf keine Art verwandt zu seyn. Adieu beste. Mein Tasso dauert mich selbst er liegt auf dem Pult und sieht mich so freundlich an, aber wie will ich zureichen, ich muss auch alle meinen Waizen unter das Commissbrod backen. Gestern sagte mir Oertel, ich wollt ich wäre wieder so iung wie Sie ich wollte mirs besser zu Nuzze machen.

d. 31. Dez. 80.

G.


Quelle:
Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 5, S. 1-29.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon