44. Das Bernauische Bier.88

[53] In der Mittelmark ist das Bernauische Bier wegen seines guten und aromatischen Geschmackes von vielen Jahren her in sonderlicher Achtung gewesen und daher durch die ganze Mark und Pommern häufig verführet und bei großen Ausrichtungen zum Ehrentrunk gebraucht worden. An jedem Brautage ward daselbst in einer Schenkstube folgende Probe dieses Bieres veranstaltet. Es erschienen einige zur Prüfung eingeladene Brauherren in ledernen Beinkleidern mit einer Kanne ihres frisch gebrauten Bieres, von welchem Einer dem Andern zu trinken gab. Fand nun dasselbe gegenseitig Beifall, so war dies noch lange nicht genug. Die Knechte bestrichen die Schemel der Brauherren, welche in einem Kreise standen, mit ihrem Biere, und nur derjenige, welcher mit seinen Beinkleidern an dem Schemel kleben blieb, konnte sein Bier gut nennen, gelang dies nicht, so wurde es für schlecht erkannt. Es hat nun ein Liebhaber dieses Getränkes zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ein besonderes Gedicht darauf gemacht, welches seinem größten Theile nach also lautet:


Schönster Preiß von allen Säften

Werthestes Bernauer Bier,

Welcher Trank kann dir an Kräften

Und an Tugend gehen für?

Keiner, keiner kann dir gleichen,

Aller Nektar muß dir weichen;

Ja es ist gar nichts auf Erden,

Das dir kann verglichen werden.


Wer dich sieht im Glase stehen

Recht in deiner Majestät

Möchte gleich im Durst vergehen,

Bis er näher zu dir geht.

Da wird Herz und Seel entzukket

Wenn man dich so frisch verschlukket,

Ja du kannst den Geist und Leben

Solchen schwachen wiedergeben.


Dich muß billig jeder loben,

O du edler Nektarsaft;

Denn durch deine Wunderproben

Wird verdoppelt Geist und Kraft.

Mancher wär vor zwanzig Jahren

Schon in Nobis Krug gefahren,

Wenn er dich nicht brav gelekket

Und den Tod so abgeschrekket.


Thee, Coffee und Chocolade,

Trinke Wasser, wer da will;

Ros solis und Limonade,

Diese acht ich auch nicht viel;

Wein ist theuer und zu hitzig,

Brantewein macht aberwitzig;

Alle diese müssen passen

Und Bernau die Ehre lassen.[53]


Zerbster, Kroßner und Rupiner,

Breihan auch von Halberstadt,

Duchstein, Kotbußer, Berliner,

Was man sonst für Tränke hat,

Alles sind zwar gute Säfte;

Doch Bernauer giebt mehr Kräfte.

Diesem müssen alle weichen

Und vor ihm die Segel streichen.


Summa, allen Groß und Kleinen,

Jung und Alten ist's gesund.

Wer mir will den Schluß verneinen,

Der hat weder Schmack noch Mund,

Ja wer diesen Nektar siehet

Und nicht gleich den Hut abziehet,

Der soll seinen Frevel büßen

Und nur Wasser trinken müssen.


Doch wer ihn will recht gebrauchen

Und genießen den Geschmack,

Muß vor allen Dingen rauchen

Eine Pfeife gut Tobak.

Denn so wird es erst recht schmekken,

Daß man muß die Finger lekken,

Ja die beiden Medicinen

Werden uns vor allen dienen.


Hiermit sey genug besungen

Der Stadt Bernau schönes Bier;

Ist es nun nicht recht gelungen,

Trete nun ein ander für.

Niemand kann es besser machen

Als wie er versteht die Sachen.

Doch wer Bernausch Bier verachtet,

Der ist werth, daß er verschmachtet.


Von diesem Biere wird aber in der Mark folgende Geschichte erzählt, daß nemlich ein gewisser Lehrling in Berlin für seinen Meister habe in einer zinnern Flasche Bernauer Bier holen sollen, derselbe sey aber mit der Entfernung des Ortes von Berlin unbekannt gewesen, habe also gemeint, der Meister schicke ihn direct dorthin, statt daß derselbe doch ihn eben nur in ein Wirthshaus in Berlin geschickt hatte, um sich dort dasselbe geben zu lassen. Der Knabe sey auch richtig nach Bernau gelaufen, allein als er dort angelangt und das Bier gekauft, war es bereits Abend geworden und als et nun tief in der Nacht nach Berlin zurückgekehrt war, da siel ihm erst ein, wie dumm er gewesen; aus Furcht vor der Strafe getrauete er sich nicht nach Hause zurückzukehren, sondern grub die Flasche sammt dem Biere vor dem Thore in die Erde, ging unter die Soldaten und kam soweit, daß er Hauptmann wurde. In dieser Würde wollte er sich doch einst seinem vorigen Meister zeigen, welcher dergleichen große Veränderung von seinem Lehrling nicht glauben wollte, von selbigem aber durch die in seiner Gegenwart ausgegrabene Flasche überzeugt ward, in welcher das Bier so wohl erhalten gewesen, daß es einem Oel ähnlich und so wohl geschmeckt, als wenn es noch frisch gewesen.

88

Nach Bekmann, Th. III. S. 651.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 53-54.
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