492. Der Püsterich auf der Rothenburg.581

[452] Im Schlosse zu Sondershausen wird noch heute ein sonderbares Götzenbild582 verwahrt, welches einst auf der Rothenburg gefunden ward, in die Familie derer von Tütcherode kam, die die Burg zur Lehn hatten (bis 1576) und von dieser im Jahre 1546 an den Grafen Günther von Schwarzburg abgetreten ward. Es wird dieses Bild gewöhnlich Päuster, Püstrich, Beustrich, Bausterich, von den Einwohnern der Güldenen Aue aber Beusterd und von den Niedersachsen Püster (d.h. Blasbalg) genannt, weil er die Feuerflammen gleichsam von sich gepustet oder geblasen habe. Dieses Bild ist aus einem unbekannten Metall, 2 Fuß 1/2 Zoll hoch und stellt einen dicken häßlichen Jungen vor, der scheinbar aus Bosheit das Gesicht verzieht. Er ist sehr stark von Gliederbau, hat aufgeblasene Backen, eine platte Nase, dumme Gesichtszüge und einen aufgetriebenen Bauch von 2 Fuß 6 Zoll im Umfange, kniet mit dem rechten Beine, hat die rechte Hand, die aber nicht vollkommen ist, da, wie es scheint, die Masse im Gusse ausgelaufen ist, auf dem Kopfe, die linke aber auf dem Knie liegen. Der linke Arm ist nicht mehr vollständig vorhanden, er fehlt vom Ellbogen an. Diese Verstümmelung nahm einst Landgraf Moritz von Hessen mit ihm vor, der den Püstrich einst nach Cassel kommen ließ, um ihn und das Metall, aus dem er gegossen ist, näher kennen zu lernen. Er schlug deshalb die Hälfte des linken Armes ab und behielt das Stück an sich; ob er aber gleich nicht herausbekam,583 aus welchem Metall der Götze gemacht ward, hat er es doch seinem rechtmäßigen Besitzer nicht zurückgegeben. Mitten auf dem Kopfe hat die Figur ein Loch wie ein Daumen dick und ein zweites ähnliches ist statt des Mundes vorhanden, auf dem Kopfe sind die Haare glatt gekämmt und im Nacken[452] rund abgeschnitten, zwischen den Sitzbacken endlich ist ein Stück Eisen mit einem viereckigen Loche eingegossen, um ihn mittelst eines durchgesteckten Riegels festhalten zu können. Inwendig ist das Bild durchaus hohl und faßt ohngefähr 9 Maß. Die Füße fehlen beide, scheinen aber auch gar nicht daran gegossen zu sein.

Man sagt nun, daß wenn man diesen Götzen mit Wasser fülle, seinen Leib mit hölzernen Pflöcken verstopfe, hernach in das Feuer oder auf glühende Kohlen setze, er alsdann so sehr zu schwitzen anfange, daß ein Tropfen dem andern folge, sobald er aber gänzlich erhitzt werde, stoße er beide Pflöcke mit einem solchen Knalle von sich, als wenn es donnere, und hierauf werfe er aus beiden Löchern in die Höhe und Weite viele Feuerflammen.

Es sind zu verschiedenen Malen Versuche angestellt worden, ob sich dies wirklich so verhält. So hat man einst in der Schwarzburger Schloßküche eine derartige Probe gemacht, allein dieselbe ist schlecht abgelaufen, indem Alles umher in Brand und das Schloß selbst in Gefahr gerathen ist, in Feuer aufzugehen. Freilich wissen wir nicht, ob man sich zu diesem Versuche blos des Wassers, oder des Spiritus oder Oels bedient hat. Im Jahre 1814-15 wurde bei Sondershausen ein gleicher Versuch im Freien gemacht. Man füllte die Figur mit Wasser und verstopfte die Oeffnungen, die Wirkung war die gewöhnliche, wenn kochendes Wasser eingesperrt ist; die Dämpfe sprengten mit einem Knalle die Pfropfen heraus und qualmten alsdann aus den Oeffnungen. Feuerflammen bemerkte Niemand, so wenig als üble Gerüche; daraus folgt, daß man sich wahrscheinlich anderer Ingredienzen bedient hat, um Feuerflammen aus ihm heraussteigen zu lassen. Er ist eben weiter nichts als ein papinianischer Topf.

Wozu die Figur gedient habe, ist ebenfalls ungewiß. Einige sagen, die heidnischen Priester der Thüringer hätten sich ihrer bedient, um dem unwissenden Volke weiß zu machen, Gott zürne auf dasselbe, wenn sie donnere oder Feuer ausspeie, sie müßten also, dafern sie nicht des Todes sein wollten, denselben durch Opfer an Geld, Vieh, Früchte etc. zu besänftigen suchen. Als nun Karl d. Gr. durch Bonifacius alle Götzenbilder zertrümmen ließ, hätten sie den Püsterich in einer Vertiefung des Berges, auf dem man später die Rothenburg erbaute, versteckt und so sei er hierher gekommen. Allein die Gestalt hat eigentlich nichts Götzenartiges und die Bildung ihrer Haare läßt durchaus nicht auf ein vorchristliches Zeitalter schließen, ein slavischer Götze Püsterich wird aber nirgends erwähnt, auch kein ähnlicher. Eine andere Meinung ist die, die Räuber auf dem Kiffhäuser oder andern dort herum liegenden Schlössern hätten das Bild zur Vertheidigung gebraucht, weil man ihnen wegen dem Feuerspeien desselben nicht habe beikommen können. Eine noch andere Ansicht, die etwas mehr Wahrscheinlichkeit hat, ist die, daß die Mönche mit dem Bilde ihre Gaukelei getrieben und dasselbe auf der Rothenburg in die Kirche in eine Mauer hinter eine Tafel gestellt hätten. Da nun früher hierher jährlich eine große Wallfahrt angestellt ward, so sei, wenn viel Volks hier zusammengekommen, ein Mönch aufgestanden, habe gepredigt, sich sehr kläglich gestellt und gesagt, daß Gott im Himmel über ihre Sünde sehr zürne, und damit sie solches sehen möchten, werde der Püsterich bald donnern und höllisches Feuer ausspeien. Hierauf habe er befohlen, die Tafel aufzuheben, dahinter der Püsterich gestanden; wenn das geschehen, habe derselbe sich so,[453] wie eben angegeben, gezeigt und alsdann sei von dem dummen Volke reichlich geopfert worden, damit sie Gott versöhnen könnten. Freilich hätten sie nicht gemerkt, daß sie von dem Mönche also wären betrogen worden, daß ein zweiter Mönch unter der Predigt durch einen heimlichen Gang in der Mauer hinauf zu dem Bilde gestiegen sei, dasselbe auf die vorhin erwähnte Weise zubereitet und die in den Löchern steckenden Zapfen mit einem Strick behend hinweggezogen habe, wenn der predigende Mönch befohlen habe, die Tafel aufzuthun. Eine letzte fast burleske Erklärung der Figur hat der Bergkommissar Rosenthal in Nordhausen gegeben. Er sagt nämlich, der Püsterich sei nichts als eine Branntweinblase gewesen. Es sei nämlich ein Graf Heinrich von Rothenburg im zwölften Jahrhundert unter den Kaisern Heinrich VI. und Otto IV. kaiserlicher Küchenmeister (magister coquinae) gewesen (allerdings kommt in Urkunden jener Zeit ein gewisser Heinrich von Rothenburg, der aber hier den Grafentitel nicht führt, unter diesem Titel vor), als solcher sei er dem Letztern auf seinem Zuge zur Krönung nach Rom gefolgt und habe auf dieser Reise im Mantuanischen die leider noch heute vielfach exercirte Kunst erlernt, concentrirten Wein aus schlechtem herzustellen. Dies habe ihn bewogen, die Frankenhäuser und Wallhäuser Weine auf die nämliche Art zu veredeln, er habe sich also bei seiner Rückkehr zu diesem Behufe eine Destillirgeräthschaft angeschafft, welche, da sie in die kaiserliche Küche kommen sollte, die Gestalt eines Küchenjungen erhalten habe. In der Folge habe er diese Maschine mit auf die Rothenburg genommen und daraus seine Landweine abgezogen.

Sieht man sich nun die Figur genauer an, so könnte man auf den Gedanken kommen, dieser Püsterich sei vielleicht eine jener metallenen Teufelsfiguren, welche die Mongolen in der Schlacht bei Wahlstadt im Jahre 1241 vor ihrer Schlachtlinie aufstellten und welche eine feurige Masse ausspieen, durch welche die Pferde der christlichen Ritter erschreckt und beschädigt wurden. Sehr leicht könnte eine solche Figur an jener Stelle zurückgeblieben, dort später gefunden und auf irgend eine Art auf die Rothenburg gekommen sein. Möglicher Weise könnte diese Figur auch zu gleichem Zwecke den in der Umgegend von Sondershausen im Jahre 933 besiegten Hunnen gedient haben und von ihnen zurückgelassen worden sein.

Angeblich ist in der Nähe des Schützenbornes im Jahre 1632 ein broncener geharnischter Ritter auf einem ungesattelten Pferde, das hohl war und worin Flüssigkeiten gegossen werden konnten, ausgepflügt worden. Diese Figur soll nach Arnstadt gebracht, vom Fürsten Günther aber im Jahre 1731 der Dresdener Kunstkammer verehrt worden sein, wo sie sich aber nicht mehr befindet.

581

Nach Gottschalk Bd. II. S. 309 sq. und Melissantes S. 556 sq.

582

Abgebildet bei S. Ch. Wagener, Handbuch der vorzüglichsten in Deutschland entdeckten heidnischen Alterthümer. Weimar 1842. Taf. 115. No. 1138. und besser in den Curiositäten Bd. I. S. 216.

583

Professor Klaproth untersuchte die Masse (s. Schweigger, Journal für Chemie Bd. I. 1811. S. 909) und fand, daß 1000 Theile der Masse aus 916 Theilen Kupfer, 75 Theilen Zinn und 9 Theilen Blei bestehen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 452-454.
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