178. Der schwarze Friedrich zu Liegnitz.

[192] (S. Büsching, Volkssagen [Leipzig 1820] S. 61 etc.)


Vor zweihundert Jahren hausete in der Gegend von Liegnitz ein grausamer Räuber, der schwarze Friedrich oder der Bruchmörder genannt, ein Mensch von bewunderungswürdiger List und Stärke. Alle Spione täuschte er, allen Nachstellungen wußte er zu entgehen, und wo keine List half, da wirkte seine mächtige Faust, mit der er seine Armbrust spannte und eine ganze Stunde weit schoß.

Dieser Mensch hielt eine große Bande in Eid und Pflicht und machte die Gegend weit und breit so unsicher, daß die Einwohner ihres Lebens nicht froh wurden. Niemand wagte sich ohne starkes Geleite auf die Straße und selbst ganze Schaaren von Begleitern schützten nicht, wenn der schwarze Friedrich mit allen seinen Blutgesellen anrückte. Große Preise waren auf seinen Kopf gesetzt, aber Niemand konnte den Aufenthalt desselben ergründen.

Nun ging in der Schenke eines bei Liegnitz gelegenen Dorfes lange Zeit ein junger wohlgebildeter Mann aus und ein, um sich, wie man bald sah, um die artige Tochter des Wirthes zu bewerben. Das Mädchen war ihm nicht unhold und da er sowohl durch seine Kleidung, als auch durch seinen Aufwand verrieth, daß er nicht arm war, so hinderten die Eltern diese Bewerbung nicht, ja sie erlaubten sogar, daß er ohne Zeugen mit ihrer Tochter ins Feld oder Sonntags in die Kirche nach Liegnitz gehen konnte. Eines Tages kam aber das Mädchen nicht wieder nach Hause, man durchsuchte alle Winkel, wo sie sein könne, vergebens, sie war verloren, und auf einmal kam das Gerücht zu ihren Ohren, daß der schwarze Friedrich gesehen worden sei, wie er, in vollem Jagen, ein Frauenzimmer fest in den Armen haltend, nach dem Bruch zu geritten sei. Es war die Wirthstochter, einer der Gesellen des Räuberhauptmanns hatte die Rolle des Verliebten gespielt, um das Mädchen in die Hände seines Gebieters zu spielen.

Kaum war sie in der Höhle des Räubers angekommen, so nahm er ihr einen fürchterlichen Eid ab, daß sie diese Höhle ohne sein Wissen nie verlassen wolle. Er drohte im Uebertretungsfalle, ihre Eltern auf eine grausame Art zu ermorden und sie selbst langsam zu Tode zu martern. Das Mädchen mußte natürlich den Eid leisten. Von nun an war sie ganz in der Gewalt dieses Wütherichs, mußte seine Häuslichkeit besorgen und ihm zur Frau dienen. Das Tageslicht erblickte sie nur Minuten lang, so lange[192] sie damit zubrachte, die eiserne Thüre der Höhle dem ankommenden ober abgehenden Friedrich zu öffnen. Mit den Andern geraubten Kleidern und Schmuckgegenständen mußte sie sich dann putzen und wenn sie dies nicht wollte, oder überhaupt klagte und weinte, erhielt sie Schläge. So hatte sie eine lange jammervolle Zeit geschmachtet, als ihr Friedrich eines Tages ankündigte, er habe jetzt einen weiten Zug in das Böhmerland vor; sie mußte ihm noch einmal schwören, die Höhle nicht zu verlassen, und dann nahm er zärtlichen Abschied.

Mit neuer Stärke erwachte jetzt in der Armen die Sehnsucht nach Freiheit und den Ihrigen, allein da stand ihr ihr Eid entgegen, den sie nicht brechen konnte, und überdies schreckte sie die Furcht vor Friedrich und seinen Gesellen von jeglichem Fluchtversuche ab. Indessen sie fand einen Ausweg, sie hatte nur geschworen, die Höhle nie zu verlassen, sie beschwichtigte also ihr Gewissen damit, daß sie annahm, auf kurze Zeit könne sie schon aus der Höhle weggehen, nur müsse sie allemal wieder dahin zurückkehren. Sie zog sich also ordentlich an, steckte zur Vorsicht um den Weg nach der Höhle wieder zu finden, ein Säckchen mit Erbsen zu sich, öffnete mit einem der zahlreichen Dietriche, die Friedrich zurückgelassen hatte, die eiserne Thüre, suchte dann den ersten besten Fußsteig und ließ auf demselben in kleinen Zwischenräumen Erbsen fallen, um sich wieder zurecht zu finden. Sie wagte nicht zu den Ihrigen zu gehen, weil sie fürchtete von denselben zurückgehalten zu werden, sie wendete sich also nach Liegnitz und beschloß dort in eine Kirche zu gehen, um hier Gott um Beistand und Erleuchtung über das, was sie thun solle, zu bitten. Als sie in die Kirche zu St. Peter und Paul eintrat, ward gerade ein feierliches Abendmahl gehalten, sie warf sich voll Inbrunst vor dem Altar nieder und betete in glühender Andacht zu Gott um Rath und Hilfe. Da kam ihr auf einmal ein glücklicher Gedanke, sie eilte in halber Todesangst durch die Betenden und sprach leise, ohne Jemanden anzusehen: »Höret was ich Euch sagen werde! Wer den Weg zu der Höhle des schwarzen Friedrichs wissen will, der folge mir.« Mit diesen Worten lief sie zur Kirche hinaus, man hatte sie jedoch verstanden, ein großer Haufe Leute folgte ihr von weitem und immer mehrere stießen unterwegs dazu. Als sie aber in die Höhle trat, hörte sie auf einmal ihren Namen rufen, erschrocken sprang sie zurück und winkte der Schaar, die ihr folgte. Friedrich stand in der Höhle, vor der eisernen Thüre, er war vorzeitig zurückgekehrt, allein jetzt konnte er nicht wieder entrinnen, die Begleiter des Mädchens packten und entwaffneten ihn und schleppten ihn nach Liegnitz, das Mädchen aber kehrte zu ihren Eltern zurück. Sie erhielt eine ansehnliche Belohnung von dem Rathe zu Liegnitz und der schwarze Friedrich ward im Jahre 1661 hingerichtet. Sein Bogen wird übrigens noch zu Liegnitz gezeigt. Man hat ein altes Volkslied hierüber, welches indessen diese Begebenheit anders erzählt:


Ein Mörder in diesem Land,

Der schwarze Friedrich genannt,

Hat durch diesen Bogen viel Leut' getödt;

Er auch ein solches Pfeiflein hätt,

Wenn er das pfiff, sehr viel Gesellen

Zum Raub und Mord sich bald einstellen.

Einstmals ein' Magd gefangen nahm,

Die braucht er viel Jahr ohne Scham

Zum Laufen zur gewissen Stund',

Daraus sehr große Lieb' entstund.[193]

Endlich auf sehr Bitten und Flehen,

Erlaubt er ihr in die Stadt zu gehen,

Doch mußt' sie sich verschwören viel,

Daß sie ihn nicht verrathen will.

Nachdem die Magd in die Stadt ist kommen,

Hat sie ihn doch zu verrathen vorgenommen,

Damit sie aber ihren Eid nicht gebrochen,

Hat sie die Wort' zu einem Stein gesprochen;

Bei St. Peter und Paul Kirchen ist geschehen,

Dies haben viel Menschen gehört und gesehen.

Sprach: »Stein, Dir will ich deuten an

Wie man den Mörder bekommen kann.

Alle Tag' wenn die zwölfte Stund' ablief,

Muß ich ihn lausen, bis daß er schlief,

Damals ist er wohl zu bekommen,

Allein muß werden in Acht genommen,

Daß man vor's erst nimmt sein Hut und Pfeifelein,

Sonst bekommt Ihr nicht das Vögelein.«

Darauf ward er bald gefangen

Und hat seinen rechten Lohn empfangen.

Zum Gedächtniß in 1661 Jahr

Dieser Bogen vom Rathhaus herein verehret war.41

41

Aehnlich ist unten die Sage Nr. 195.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 192-194.
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