1337. Das Glück der Grafen Ranzau.200

[1078] (Verschieden erzählt bei Grimm, Deutsche Sagen Nr. 4 Bd. I. S. 45. Happel, Relat. Curios. Bd. I. S. 236. [Hamburg 1683 in 4°.] Müllenhoff S. 329 etc. Hier nach Smidt, Schleswig-Holstein Bd. II. S. 243 etc.)


Eins der berühmtesten und ältesten Geschlechter in Holstein, ursprünglich von den Herzögen in Schlesien abstammend, ist das der Grafen von Ranzau. Nun wohnte einst ein solcher Graf von Ranzau auf Schloß Breitenberg, der hatte viele Jahre seines Lebens im Kriege zugebracht, wodurch sein ohnehin hartes Gemüth noch mehr verhärtet worden war. Er galt bei seinen Unterthanen für einen Tyrannen, denn er war ungeheuer hoffärthig und stolz. Ganz anders war aber das Gemüth der Gräfin Anna (Walstorp), seiner Gemahlin, von der es bekannt ist, daß sie ein einziges Mal, um Christi willen, ihren Gemahl belogen hatte. Dies ging aber so zu.

Den Grafen trieb es oft in den Wald, und wenn er Morgens mit dem frühesten Strahl hinauszog, kam er erst spät in der Nacht vom fröhlichen Jagen heim. Diese Abwesenheit benutzte die fromme Gräfin, dem Herrn der Herren wohlgefällig zu dienen, sie versah sich mit Speise, Wein und heilsamen Arzneien, ging in die Hütten der Armen und Kranken, wo sie im Namen ihres Gemahls, um Jesu willen, Werke der Barmherzigkeit übte und beim Abschiede den Leuten empfahl, eifrig für das Wohl ihres Gebieters zu beten, damit sie fortfahren könne ihnen beizustehen. Allein der Graf wußte ihr diese Sorge für sein Seelenheil wenig Dank, er verbot ihr sogar auf das Bestimmteste, fernerhin mit dem gemeinen Volke in Berührung zu kommen, wem sie ein Almosen zugedacht, der könne es eben so gut von einem Knechte in Empfang nehmen. Das betrübte die fromme Frau gar sehr und nur mit schwerem Herzen befolgte sie das Gebot ihres Gemahls, denn es waren gar viele, die der Hilfe bedurften. Eines trüben November-Morgens aber, als der Graf hinausgezogen war zum Wald, vermochte Gräfin Anna dem Drange ihres Herzens nicht länger zu widerstehen, sie füllte einen Korb mit Gaben aller Art und da sie keine der Mägde dem Zorne des Grafen preisgeben[1078] wollte, nahm sie ihn selbst in die Hand, deckte ein Tüchlein darüber, empfahl sich der Mutter Gottes und ging über den Schloßhof. Als sie nun auf dem schmalen Wege anlangte, der durch ein dichtes Gebüsch in das nahe Dorf führte, sprengte der Graf, der nur zum Schein auf die Jagd geritten war, um den Gehorsam seiner Gattin zu prüfen, aus dem Dickicht hervor und rief: »Halt, Frau Gräfin, ehe Ihr weiter geht, werdet Ihr mir sagen, wohin Ihr Euch begeben wollt und was Ihr in jenem Korbe verborgen habt.« Die Gräfin stockte zwar zuerst, sprach dann aber mit fester Stimme: »Mein Gemahl, ich war im Begriff, nach der neuen Kapelle, welche Ihr am Eingange des Buchenwaldes habt erbauen lassen, zu gehen und mit den Blumen, welche hier in diesem Korbe sind, das Bildniß der h. Gnadenmutter zu bekränzen.« Der Graf aber sprach: »Wo sollen in dieser Jahreszeit, wo nur Eis und Schnee auf den Feldern ist, Blumen herkommen? Ich fürchte, Ihr habt gelogen!« und damit riß er schnell den Deckel von dem Korbe hinweg, allein welches Wunder, aus dem Korbe dufteten ihm eine große Anzahl der schönsten und seltensten Blumen in der reichsten Farbenpracht entgegen, die man bis dahin in dieser Gegend noch nicht gesehen hatte. Der Graf aber rief: »Nun Ihr müßt fürwahr bei dem Himmel in ganz besonderer Gnade stehen, daß er Euch so aus der Verlegenheit geholfen hat!« Die Gräfin aber sank auf ihre Kniee und sprach unter heißen Thränen: »Verzeiht mir, mein Herr und Gemahl, ich hatte in bester Absicht gelogen, ich wollte an das Siechbett eines armen Kranken gehen, darum sagte ich, es seien Blumen im Korbe, und nun hat Gott meine Liebesgabe in Blumen verwandelt, also meine Lüge zur Wahrheit gemacht!« Da hob der Graf seine Gemahlin vom Boden auf und sagte viel milder als gewöhnlich: »Geht mit Gott Eure Wege, ich will Euere frommen Werke fortan nicht stören.« Damit ritt er nach dem Walde zurück, legte aber von Stund an sein rauhes und wildes Wesen gegen seine Gemahlin ab und hinderte sie nie mehr in ihren frommen Werken. Eines Abends war der Graf überaus ermüdet von der Jagd zurückgekehrt und legte sich alsbald schlafen. Die Gräfin ruhte ihm zur Seite und war nahe daran, ihr Auge zu schließen, als sie bemerkte, daß sich ein heller Schein im Gemach verbreitete. Sie richtete sich auf und gewahrte ein zwei Fuß hohes Weiblein, das hatte eine hohe Mütze auf dem Kopfe und eine Laterne in der Hand, worin statt des Lichtes ein Karfunkelstein leuchtete. Darum war es so Tageshelle. Die Gräfin entsetzte sich vor dem Spuk und wollte ihren Gemahl wecken, aber sie vermochte nicht den Mund zu öffnen und mußte es dulden, daß das Weiblein näher trat, sich tief vor ihr verneigte und mit wohlklingender Stimme sagte: »Allerfrömmste Frau, wollet mir eine Gabe gewähren, um die ich in aller Demuth bitte. Meine Tochter liegt daheim und soll gebären, sie hat große Schmerzen und ersehnt Euern Beistand, so kommt denn nun und ehe es zu spät wird, ich will Euch fleißig führen!« Die Gräfin aber antwortete: »Es sei so wie Ihr bittet.« Damit stand sie auf und hüllte sich in ihr Gewand. Nun ging das Weiblein voran durch lange Gänge und weite Säle, die gar kein Ende nehmen wollten, so daß der Gräfin Furcht ankam und sie stillstehend leise fragte: »Sind wir bald am Ziele?« – »Bald«, sagte das Weiblein und sie schritten durch das Thor in den innern Schloßhof. Die Gräfin sah sich um, aber es war Alles ganz anders, als sie es zu sehen gewohnt war. Darum stand sie abermals still und fragte: »Sind wir bald am Ziele?« und das Weiblein[1079] sagte wieder »bald« und blieb an der Mauer stehen. Es öffnete sich eine Thüre, die sonst von Niemandem bemerkt worden war, und Beide stiegen eine hellerleuchtete Treppe hinab. Dann folgte ein langer Gang, dann wieder eine Treppe, dann wieder ein Gang und so fort. Das Weiblein schritt rüstig vorwärts, die Gräfin aber stand still und sprach: »Jetzt gehe ich nicht weiter, bevor Du mir nicht sagst, wohin Du mich führst und ob wir bald da sind!« Da sprach das Weiblein: »Wir sind zur Stelle, Du bist in dem Reiche der Unterirdischen.«

Die Gräfin aber befand sich plötzlich in einem großen Gewölbe, welches mit Gold, Silber und Krystall geschmückt war, Karfunkelsteine hingen von der Decke herab und strömten Tageshelle aus. Wohin die Gräfin sah, erblickte sie die kleinen unterirdischen Männer und Weiber, die Kinder aber waren so klein, daß sie sie nicht sehen konnte, denn sie ragten nicht über ihren Schuh hinaus. Alle trugen goldene Gefäße mit Edelsteinen gefüllt, die wie Früchte geformt waren. Sie boten ihre Schätze der Gräfin an, allein diese nahm nichts an, sondern folgte ihrer Führerin bis an das Ende des Gewölbes, wo die Kranke lag. Die Gräfin legte die Hand auf das Haupt der Leidenden und alsobald genas diese von einem gesunden Knaben. Darüber war große Freude bei den Unterirdischen, denn der Neugeborene war der Erbe ihres Reiches und ein solcher hatte ihnen lange gefehlt.

Als nun für die Kranke jede Gefahr vorüber war, schritt das Weiblein wieder vor der Gräfin her und führte sie nach ihrem Schlosse zurück. Das dauerte aber diesmal gar nicht lange, denn ehe die Gräfin sich dessen versah, stand sie auf der Schwelle ihres Schlafgemachs. Da reichte das Weiblein der Gräfin drei hölzerne Stäbe und sprach: »Lege diese unter Dein Kopfkissen, so werden sie, wenn Du erwachst, in Gold verwandelt sein. Dann aber lasse von diesem Golde einen Becher201, eine Spindel und funfzig Pfennige machen. Das Alles bewahre sorgsam auf und sage es Niemandem, außer Deinem Gemahle. Bei diesen drei Dingen wird nämlich das Glück Deines Hauses sein. Du wirst nämlich Deinem Gemahl drei Kinder gebären, und diese werden die Stammeltern großer und mächtiger Geschlechter sein. Dem Aeltesten der Knaben gebührt der Becher, das bedeutet ihm große Herrschaft zu Wasser und zu Lande, Kriegsglück und ununterbrochene Ehren, die so lange dauern, als er mit dem Becher aus dem eigenen Brunnen schöpfen kann. Deinem zweiten Knaben gieb die Pfennige; sie bedeuten den großen Reichthum, den er für sich und sein Vaterland erwerben wird. Heiße Deinem Sohne die Pfennige wohl in Acht zu nehmen, denn so lange sie in dem Beutel eines Ranzau sind, wird überall die Fülle sein, und jeder Bettler im Lande täglich eine Kanne Wein und ein gebratenes Lamm haben. Die Spindel gieb Deinem Töchterlein, damit sie spinne einen goldenen Gürtel, den die Jungfrauen Deines Hauses tragen sollen, denn es wird sein ein Gürtel der Keuschheit und Frömmigkeit!« Als das Weiblein dies gesagt hatte, erlosch der Karfunkel in der Laterne und sie war verschwunden, die Gräfin aber legte die hölzernen Stäbe unter das Kissen und schlief zur Stelle ein. Am andern Morgen, als der Graf erwachte, und seine Hausfrau wider Gewohnheit schlafend fand, weckte er sie auf und fragte nach dem[1080] Grunde, sie aber erzählte ihm, was ihr in der Nacht geschehen war. Zwar wollte es der Graf nicht glauben, und meinte, sie habe geträumt, allein sie warf die Kissen bei Seite und der Graf sah drei schimmernde Goldstangen vor sich liegen. Nun war die Zeit des Staunens an den Grafen gekommen. Aus den drei Goldstangen aber wurden ein Becher, eine Spindel und fünfzig Pfennige gemacht und diese drei Dinge vererbten sich seit jener Zeit von Kind zu Kindeskind in dem Hause der Ranzauer. Die Verständigen haben diese Kleinode stets heilig gehalten, die Unverständigen ihrer aber nicht geachtet. Die Spindel ist noch heutigen Tages auf Breitenberg und der Becher zu Rastorf202, von den Pfennigen aber weiß Niemand mehr etwas, und daher kommt es wohl auch, daß die Bettler und Hausleute in Holstein Mangel leiden.

200

Etwas Aehnliches ist das sogenannte Glück von Edenhall (Luck of Edenhall), jener Becher von Glas, orientalische Arbeit, in einem in Europa gefertigten Etui aus dem 15. Jhdt., der Familie Musgrave in Cumberland gehörig. Abgebildet in Lyson's Magna Britannia, Section Cumberland, p. CCIX. S.a. Brand, Popul. Antiq. T. II. p. 284.

201

Nach einer andern Erzählung hätte sie einen goldenen Säbel oder einen goldenen Hering statt eines Bechers anfertigen lassen sollen.

202

Nach einer andern Erzählung hätte ein Graf von Ranzau zu Eutin Alles in Besitz, mit Ausnahme eines einzigen goldenen Pfennigs, der sich in einem Kabinet in Frankreich befinde.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 1078-1081.
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