Dritter Aufzug

[217] Vorhof in Kattwalds Hause wie im zweiten Akt. Die Halle ist erleuchtet und man sieht Gäste an einem langen Tische sitzen. Im Vorgrunde Leon beschäftigt. Atalus vor der Küche auf einem Steine sitzend und mit seinem Stocke spielend.


LEON einem Knechte einen großen Braten reichend.

Trag nur hinauf und sag, es sei das Letzte.

Sie mögen ihre Lust am Weine büßen.


Knecht über die Brücke in die Halle.


LEON nachdem er Atalus eine Weile betrachtet.

Nun, habt ihr überlegt?

ATALUS.

Was nur?

LEON.

Was ich euch sagte.

ATALUS.

Was sagtest du mir denn?

LEON.

Du meine Zeit,

Das hält auch gar zu schwer. So hört denn zu.

Warum ich euch hierher gebracht, ihr wißts.

Der alte Werwolf aber schöpft Verdacht.

Ich hört ihn sagen, zieh die Tochter fort,

Woll er mit ihr euch senden, weit ins Land.

ATALUS.

Das wär mir eben recht.

LEON.

So? In der Tat!

ATALUS.

Das Mädchen ist gar hübsch.

LEON.

Das merkt ich auch.

ATALUS.

Sie will mir wohl.

LEON.

Das merkt ich nicht.

ATALUS.

Seit lange.

LEON.

Doch schien es mir, als lacht sie über euch.

ATALUS aufstehend.

Mein Ohm hat mich den Studien bestimmt,

Deshalb verkehrt ich wenig nur mit Weibern.

Doch sagt man: was sich neckt, das liebt sich auch.

LEON.

Doch Necken und Verlachen, Herr, sind zwei.

ATALUS.

Ich glaub es nun einmal.

LEON.

Ei, immer denn!

Doch zieht mit der euch liebenden Geliebten

Ihr weiter fort ins Land, wie stehts dann, Herr,

Mit eures Oheims Wunsch und unsrer Flucht?[218]

ATALUS.

Da hast du wieder recht.

LEON.

So hört denn weiter.


Geschrei und Lärm von zusammengestoßenen Bechern im Hause.


LEON nach rückwärts.

Nur zu! nur zu! Das paßt in meinen Plan!

Mein Anschlag ging zuerst ins Ferne, Weite,

Nach Wochen dacht ich möglich erst die Flucht.

Doch trennt man uns, welkt alle Hoffnung hin.

Auch ist Gelegenheit ein launisch buhlend Weib,

Die nicht zum zweiten Male wiederkehrt,

Fand sie beim erstenmal die Tür verschlossen.

Nun hoff ich, daß der Wein, die fremden Speisen,

Die ich zumal gepfeffert und gewürzt,

Daß sie zum Trunk wie Sommerwärme laden.

Davon hoff ich die Herren so bewältigt –

Die Diener ahmten treulich ihnen nach –


Auf die große Pforte zeigend.


Seht ihr den Schlüssel dort in jenem Schloß?

Vergißt man den, wenns Abend, abzuziehn,

Ist frei der Weg und – Halt noch! Geht zur Seite!


Sie treten auseinander. Ein Diener kommt schwerfälligen Ganges, ein Lied mißtönig vor sich hinbrummend. Er geht zur Pforte, schließt sie ab und zieht dann den Schlüssel aus. Leon macht eine Bewegung gegen ihn, tritt aber gleich wieder zurück. Der Diener geht über die Zugbrücke ins Haus.


ATALUS lachend.

Ha, ha! Damit gings schief.

LEON.

Freut ihr euch drüber?

ATALUS.

's ist nur, weil du für gar so klug dich hältst.

LEON.

Ob klug, ob nicht, das soll die Folge lehren.

Den Schlüssel schaff ich wieder, drauf mein Wort.

Ich hab erkundigt, daß er nachts im Zimmer

Des Alten hängt, zu Häupten seines Betts.

Dort holt man ihn, tun Wein und Schlaf das ihre.


Neuer Lärm in der Halle.


Hört ihr? Doch klingts schon schwächer. Sie sind matt.

Was heut getan, ersparst du dir für morgen,

Ein Helfer wie dies Fest kommt nicht im Jahr.

Auch ist der Weg mir, den ich hergemacht,

Teils noch bekannt, teils stellt ich Zeichen,[219]

Die längre Zeit verwirret und verwischt,

So daß der Anschlag heut, wie nie, gelingt.

Kommt dann der Tag, und sind sie spät erwacht,

So sichert uns der Vorsprung, will es Gott.


Die Lichter in der Halle sind nach und nach verlöscht.


Seht, es wird dunkel oben in der Halle.

Bald haben Wein und Schlaf ihr Amt vollbracht.

Doch wird man unsre Flucht vor Tag gewahr,

So ist noch eins zu tun. Seht dort die Brücke,

So roh wie alles hier und schlecht gefügt,

Mit Pflöcken eingerammt die Tragepfähle.

Gräbt nun ein Mann der Pfeiler einen ab,

So stürzt die Brücke, wenn man sie betritt,

Und der Verfolger liegt im sumpfgen Graben.

Das sichert uns vor jenen drin im Haus,

Und auch die Knechte werden früher eilen,

Zu ziehen den Gestürzten aus dem Grund,

Als daß sie uns verfolgen, die wir fliehen.

Bis man den Zugang herstellt, sind wir weit.

So ist nun zwei zu tun, doch sind wir zwei.

Der eine schleicht ins Haus, indes der andre

Die Stützen losgräbt, wie ich euch gesagt,

Wozu hier das Gerät schon in Bereitschaft.

ATALUS.

Ich dring ins Haus.

LEON.

Ei, wahrlich! in der Tat!

ATALUS.

Hätt ich ein Schwert, der Schlüssel wäre mein.

LEON.

Hätt ich, so würd ich! – Possen! Wenn und aber

Sind, wie das Sprichwort sagt, der Pferde schlechtster Haber.

Ich will euch nicht bestreiten andre Gaben,

Doch schlauer, Herr, bin ich. Ich schleich ins Haus,

Ihr mögt indes nach Lust im Boden wühlen.

ATALUS.

So fällt das Schwerste immer denn auf mich?

LEON.

So nennt ihr das das Schwerste? in der Tat!

ATALUS Spaten und Haue mit dem Fuße wegstoßend.

Nicht rühr ich an dies niedrige Gerät.

Ich bin der Beßre, darum muß das Kühnre

Mir anvertraut sein, mir! Ich dring ins Haus.

LEON.

Und wenn euch einer in den Gängen trifft?[220]

ATALUS.

So pack ich ihn am Hals –

LEON.

Und er schreit Zeter.

Herr, kämpft mit Löwen, aber Vögel fangen,

Das laßt nur mir. Es sei, wie ich gesagt.

Mir hats eur Ohm vertraut, ich steh ihm ein,

Drum muß es gehn nach meinen klaren Sinnen.

Sonst send ich euch zu euern Pferden wieder,

Da mögt ihr denn an euerm Unmut kaum,

Indes ich selbst die raschen Beine brauche.

Was sie für mich bezahlt, ist dann wohl wett

Durch manchen Dienst, den etwa ich geleistet.

Eur Oheim harret eurer – hört ihr wohl?

Leis mit den Abendwinden, deucht mich, dringt

Zu uns her sein Gebet, das schützt, das sichert,

Und Engel mit den breiten Schwingen werden

Um uns sich lagern, wo wir wandelnd gehn.

Ich möcht euch schmeicheln, wie man Kindern schmeichelt.

Glaubt, Graben ist ein adelig Geschäft.

Was ihr auch Großes wirkt und Großes fördert,

Der euch einst eingräbt, er besiegt doch alles,

Was in euch siegt und wirkt und prangt und trachtet.

Hier ist der Spaten, tragt ihn wie ein Schwert.

Und hier die Haue – doch noch nicht, noch jetzt nicht.


Edrita erscheint auf der Brücke.


EDRITA.

Seid ihr noch wach?

LEON.

Wir sinds.

EDRITA.

So geht zur Ruh.

LEON.

Wir werdens.

EDRITA.

Habt ihr euch nun satt geplaudert?

LEON.

Man ist nicht satt, solang noch Hunger bleibt.

EDRITA.

Wenns euch erfreut, mir recht. Ich geh nun schlafen.

LEON.

Und schließest du dort oben wohl die Tür?

EDRITA.

Das ist des Vaters abendlich Geschäft,

Der selbst vor Schlafengehn die Runde hält.

Doch heute, denk ich, unterläßt ers wohl.

Er hat des Weins zu viel in sich gegossen

Und liegt nun schon und schläft. Da mag er sehn.

Ich tu nur, was mein eignes Amt. Nicht wahr?[221]

LEON.

Das sollte jeder tun.

EDRITA.

So geh denn schlafen.

Das ist zu Nacht der Müden süße Pflicht.

Und Träume wachen auf, sowie wir schlafen.

Wirst du auch träumen heut?

LEON.

Weiß ichs?

EDRITA.

Ich weiß.

Fast schlummr ich schon. Gut Nacht!

LEON.

Schlaf wohl.

EDRITA.

Ich will.


Sie geht ins Haus.


LEON nachdem er ihr eine Weile nachgesehen.

Nun geht ans Werk mit Gott! Hier das Gerät,

Doch braucht es leise, daß das Ohr der Nacht

Nicht aufhorcht eurem Tun. Vorsicht vor allem.


Er hat ihn nach rückwärts geführt.


Steigt in den Graben nur. Seht zu, hier gehts.

Die Füße setzend in des Abhangs Rasen,

Gelangt ihr leicht zum Grund, der seicht genug,

Zur Not erreichbar mit 'nem tüchtgen Sprung.


Atalus ist in den Graben gestiegen.


So gehts. Schon recht. Nun das Gerät


Er reicht ihm die Werkzeuge.


Und jenen Pfeiler rechts dort grabt mir an.

Er scheint am losesten befestigt und verrammt.

Der Grund ist weich, es geht so leicht wie Essen.


Nach vorn kommend.


Nun will denn ich mich rüsten an mein Werk.


Sich an den Hals fühlend.


Sitzt denn der Kopf noch fest? Ja, noch zur Hand.

Doch für demnächst möcht ich darauf nicht borgen.

Ob ich sie schon mit derber Unverschämtheit

So sehr an jedes Äußerste gewöhnt,

Daß Scherz und Ernst in einem Topfe quirlt

Und die Beleidgung zur Entschuldgung wird.

Mut denn, Leon, es geht nicht gleich ans Leben.


Halblaut singend.


Es war einmal –

Ja so, es gilt zu schweigen.[222]

Und dann, wenns endlich wirklich nun gelingt

Und er, der gute alte Herr – Habt acht!

Es geht zum Sturm! Den Schild hoch! Doppelschritt.


Er eilt die Brücke hinan, hinabsehend.


So recht mein Maulwurf, wühl dich in den Grund!

Doch laß ein Restchen Pflockes nur noch stehn,

Sonst droht beim Rückweg selber mir die Falle.


Man hört unten einen lautern Schlag.


Halt doch! zu laut! – Doch leise nur auch ich.


Er geht ins Haus.


ATALUS unten.

Leon!


Er wird sichtbar.


Er ist schon fort! – Der freche Bursch

Läßt mich hier fronen, während er – Geduld!

Er soll mirs seiner Zeit mit Wucher zahlen.


Er verschwindet wieder.


Verwandlung.


Kurzes Zimmer, an der Rückwand eine große bogenförmige Öffnung, daneben links eine kleinere. Beide durch Vorhänge geschlossen. Hart an der letztern eine Seitentüre.

Nach einer Pause guckt Leon durch den Vorhang des kleinen türförmigen Ausschnitts.


LEON gedämpft.

Hier ist das Zimmer, hab ich recht bemerkt,

Und dort der Raum, wo unser Werwolf ruht.

Schläft er?


Er setzt einen Fuß ins Zimmer und tritt damit etwas stärker auf, wonach er sich sogleich wieder zurückzieht und verschwindet. Nach einer Weile wieder erscheinend.


Er schläft. – Insoweit wär es gut!

Obgleich mit alledem noch nicht am besten.

Der Schlüssel hängt zu Häupten seines Betts.

Und liegt er gleich in Wein und Schlaf begraben,

So hat das Raubtier doch gar leisen Schlaf,

Wenns selber wird beraubt. – Jetzt oder nie!

Ein rascher Griff und alles ist getan.

Erwacht er auch, so hilft ein Lügenkniff.

Doch halt! das hat der alte Herr verboten,

Obs töricht gleich, höchst albern, lächerlich.[223]

Wie soll man mit den Teufeln fertig werden,

Hilft nicht ein Fund? – Wie immer! seis gewagt!


Er hat sich dem Vorhange genähert.


Wer nur den Schlüssel fänd beim ersten Griff.


Horchend.


Ich hör ihn atmen. Schnarchen, deucht mich, heißts.

Ist er so grob, was bin ich denn so sittig?


Er geht hinter den Vorhang.

Edrita erscheint am Eingang der Mittelwand, den Finger auf dem Munde. Sie tritt horchend einige Schritte vorwärts.


KATTWALDS STIMME hinter dem Vorhange.

Holla. Hallo! Den Schlüssel da –

LEON eben dort.

So hört.

KATTWALD.

Den Schlüssel, sag ich, gib! Wo ist mein Schwert?

Ich haue dich in hunderttausend Stücke.

LEON.

Hört nur!

KATTWALD.

Du höre, spricht mein Schwert.


Edrita hat gleich bei den ersten Worten sich nach der Seitentüre links gewendet und in hastiger Eile den Schlüssel aus dem Schlosse gezogen. Jetzt tritt sie damit hinter den Vorhang der Eingangstüre zurück.


LEON hervorkommend.

Nun stehe Gott uns bei! Fort den Verräter!


Er schleudert den Schlüssel von sich nach der Gegend des Eingangs.


KATTWALD mit bloßem Schwert ihm folgend.

Heraus mein Schwert! Wo ist der freche Dieb?

LEON dem Schlüssel nachblickend.

Vielleicht kann ich ihn noch beim Gehn erhaschen.

KATTWALD.

Wo ist der Schlüssel, wo?

LEON.

Ich hab ihn nicht.

KATTWALD.

Du nahmst ihn.

LEON.

Ja, ich nahm ihn.

KATTWALD.

Nun, und wo?

LEON.

Ich warf ihn, Herr, von mir.

KATTWALD zum Stoß ausholend.

So schaff ihn wieder.

LEON.

Man muß ihn eben suchen.


Sucht auf der entgegengesetzten Seite.


KATTWALD.

Such![224]

LEON am Boden suchend.

Hier ist er nicht.

KATTWALD.

Ich aber will nicht wissen, wo er nicht.

Ich frage wo er ist!

LEON aufgerichtet.

Das frag ich auch.

KATTWALD.

Such! sag ich.

LEON wieder gebückt.

Wohl, ich suche.

KATTWALD.

Frecher Bursch!

War das der kecke Spaß, die tolle Kühnheit,

Mit der du dich ins Haus –?

LEON.

Herr, hebt den Fuß.

KATTWALD.

Wozu?

LEON ihm einen Fuß emporhebend.

Hier! – ist er auch nicht.

KATTWALD.

Donner!

So machst du dich noch lustig über mich?

LEON.

Man muß doch übrall suchen.


Edrita ist während des Vorigen leise eingetreten, hat den Schlüssel vom Boden aufgenommen, den andern an dessen Stelle gelegt und sich leise wieder entfernt.


KATTWALD.

Nun wohlan!

Ich zähle: Eins, zwei, drei; und ist beim dritten

Der Diebesschlüssel nicht in meiner Hand,

Fährt dir mein Schwert in deine feisten Rippen.

Eins!

LEON.

Hört doch!

KATTWALD.

Zwei!

LEON.

Ihr wollt doch nicht –?

KATTWALD zum Hiebe ausholend.

Und –

LEON schreiend.

Possen!


Kaltblütig nach der entgegengesetzten Seite zeigend.


Wir haben ja dort drüben nicht gesucht.


Den Schlüssel aufhebend.


Hier ist das Kleinod ja. Da liegts am Boden.

KATTWALD.

Es war die höchste Zeit. Dir gings schon nah.

LEON.

Doch ist der Schlüssel leichter, oder wahrlich

Mir zittert noch die Hand.

KATTWALD.

Dort häng ihn hin.

LEON.

Es ist derselbe Schlüssel nicht.[225]

KATTWALD.

Dort, sag ich!


Er hat den Vorhang nach einer Seite zurückgeschlagen. Man sieht ein Bette, daneben ein Schemmel.


LEON zum Boden gebückt.

Man muß den andern suchen.

KATTWALD.

Tausend Donner!

So narrst du mich von neuem? Dort der Platz!

LEON.

Doch wenns der rechte nicht?

KATTWALD.

Es ist der rechte.

Weils dus bezweifelst, grad!

LEON.

Fast glaub ichs auch.

Liegt doch kein andrer ringsherum am Boden.


Zur Schlafstelle gehend.


Hier häng ich ihn denn auf.


Er tuts.


KATTWALD.

Wo? Zeig die Hände!

LEON.

Hier beide, sie sind leer.


Der Alte befühlt die Hände.


KATTWALD.

Wohl.

LEON.

Dort der Schlüssel.

KATTWALD in die Höhe fühlend, wobei er aufs Bett zu sitzen kommt.

Auch gut.

LEON.

Nun liegt und schlaft nur aus den Rausch.

KATTWALD.

Wie wäre das?

LEON.

Betrunken seid ihr, ja!

KATTWALD.

Heut schon ich dich.

LEON.

Weil ihr mich morgen braucht.

Doch werf ich Gift in alle eure Brühen.

KATTWALD.

Du sollst von allen essen mir zuerst.

LEON.

So eß ich alle auf mit meinem Freund,

Der viel ein größrer Herr in unserm Land,

Als eure rostgen Gäst und Sippen alle.

KATTWALD will aufstehen, Leon stößt schnell den Schemmel vor seine Füße, so daß er wieder hinsinkt.

Verdammt.

LEON.

Geduld! Da braucht es schnellre Beine.

Und morgen denkt nur, Herr, ihr habt geträumt,

Und alles das war nicht. Nun, gute Nacht.


Zur Türe hinaus.
[226]

KATTWALD sitzend.

Im Grund kann man dem Burschen gram nicht sein.

Er sagt grad alles raus und ist gar lustig.

Wär ich an seiner Statt, ich machts nicht anders.

Der Schlüssel wieder da und –


Sein Kopf sinkt herab, auffahrend.


Holla, Bursch!

Ja, er ist fort. Ich will von neuem schlafen.

Der Wein ist wirklich etwas schwer im Kopf


Er macht halbliegend mit der Schwertspitze den Vorhang los. Dieser fällt zu und bedeckt die Schlafstelle.


Veränderung.


Vorhof des Hauses wie zu Anfang des Aufzuges.

Leon steht auf der Brücke.


LEON.

He, Atalus! – Ich glaube gar, er schläft.


Herabkommend.


Ei, immerhin! Was nützt auch all sein Graben,

Jetzt, da mißlang, was möglich macht die Flucht.


Horchend.


Er gräbt! – O, daß ich ihn gering geachtet.

Und er genügt dem Wen'gen, was ihm oblag,

Indes ich scheitre, wo ich mich vermaß.


Nach rückwärts sprechend.


Laßt ab! – Und doch vorher noch erst versuchen,

Ob also fest gefügt das Tor, die Flügel,

Daß keine Wut, die Wut ob eignem Unsinn


Er hat sich dem Tore genähert, plötzlich zurücktretend.


Du gütger Himmel! Täuschen meine Augen?

Trügt mich die Nacht? – Im Tore steckt ein Schlüssel. –

Grabt immer, Atalus! – Es ist nicht möglich!

Wie käm er hier, der nur erst kurz noch oben –

Und doch blinkt er liebäugelnd mir herüber,


Hineilend.


Ich muß dich fassen, prüfen ob –


Den Schlüssel fassend und damit ab- und aufschließend.


Es ist!

Und Freiheit weht wie Äther durch die Fugen.


Mit gefalteten Händen.
[227]

So will der Himmel sichtbar seine Wege?

Stehn Engel um uns her, die uns beschirmen?

EDRITA die schon früher sichtbar geworden, jetzt vortretend.

Du irrst, kein Engel hilft, da wo der Mensch

Mit Trug und Falsch an seine Werke geht.

LEON.

Mit Trug und Falsch?

EDRITA.

Du willst entfliehen.

LEON.

Ich hab es nie verhehlt.

EDRITA.

Ei ja, ja doch!

Und darum hältst du dich für wahr? Nicht so?

Hast du die Wahrheit immer auch gesprochen,


Die Hand aufs Herz legend.


Hier fühl ich dennoch, daß du mich getäuscht.

Drum hoffe nicht auf Gott bei deinem Tun,

Ich selber wars, die dir den Schlüssel brachte.

Du willst entfliehn?

LEON.

Ich will.

EDRITA.

So, und warum?

LEON.

Frägst du, warum der Sklave sucht die Freiheit?

EDRITA.

Es ging dir wohl bei uns.

LEON.

Dann ist noch eins.

Ich habe meinem frommen Herrn versprochen,

So fromm, daß, denk ich seiner Abschiedsworte,

Mit dem was erst nur sprach dein Kindermund,

Ich in Beschämung meine Augen senke –

Versprochen hab ich ihm, den Neffen sein,

Dort jenen Atalus, zurückzubringen.

O kenntest du den heilig würdgen Mann!

EDRITA.

Mir sind nicht fremd die Heilgen deines Volks.

Es wandern Christenpriester wohl durchs Land,

Gewinnend ihrem Herrn verwandte Seelen,

Wofür sie Tod erdulden oft und Pein.

Sie lehren einen einzgen Gott. Und wahrlich,


Seine Hand berührend.


An was das Herz in gläubger Fülle hängt,

Ist einzig stets und eins. O fürchte nicht,

Daß, bleibst du hier, ich dich mit Neigung quäle.

Ich bin nicht, wie die Menschen oft wohl sind.[228]

Ei, das ist schön! das soll nur mir gehören,

Und das ist gut, das eign ich rasch mir zu.

Ich kann am Guten mich und Schönen freun,

Wie man genießt der Sonne goldnes Licht,

Das niemands ist und allen doch gehört.

Auch bin ich nicht mehr mein, noch eignen Rechts,

Obwohl ich schaudernd denke, wem ich eigne.

Es soll dir wohl ergehen, bleibst du hier.

Mein Vater ist nur hart im ersten Zorn,

Und jener andre – Nein, ich kann, ich mag nicht!

Bleib hier! Das andre gibt der Tag, das Jahr.

LEON.

Wie aber stünd es dann um meinen Freund?

EDRITA.

Laß ihn allein der Rettung Wege gehn.

LEON.

Du kennst ihn, wie er ist, wie rat- und hilflos.

Er fiele den Verfolgern doch anheim.

Doch ist er erst befreit, dann –

EDRITA.

Hüte dich!

Du wolltest sagen: dann kehr ich zurück.

Du kehrst nicht wieder, bist du fort erst.

LEON nach ihrer Hand fassend.

Edrita!

EDRITA.

Laß nur das! – Kannst du mich missen,

Ich kann es auch. Und nun zu nötgern Dingen.

Wo ist dein Freund?

LEON.

Er gräbt dort an der Brücke.

EDRITA.

Er gräbt?

LEON.

Der Pfeiler einen sticht er ab,

Daß ein sie bricht, wird irgend sie betreten.

EDRITA lachend.

Und der Verfolger in den Graben fällt?

Nun, das ist gut. – Dort steht die Pforte offen.

Und doch – Sieh nur, wie Trug und Arglist sich bestraft.

LEON.

Wie nur?

EDRITA.

Du glaubst dich Meister nun der Flucht,

Doch gehen weitum Wächter, rasche Knechte,

Die jeden töten, weiß er nicht das Wort,

Das nächtlich als ein Merkmal wird gegeben.

Das Wort heißt Arbogast. Merk dirs!

LEON.

Ja wohl.[229]

EDRITA.

Am Ufer dann des Flusses wohnt ein Fährmann,

Verschuldet meinem Vater und verpflichtet,

Den täusch nur, wenns die Wahrheit dir erlaubt,

Daß du im Auftrag meines Vaters gehst.

Sag ihm auch: Arbogast. Er führt dich über.


Im Graben geschieht ein stärkerer Schlag.


EDRITA.

Was ist nur dort?

LEON hineilend.

Zum Henker! Warum lärmt ihr?

ATALUS heraufsteigend.

Es war der letzte Schlag.

LEON.

Müßt ihr drum poltern?

ATALUS auf Edrita losgehend.

Hier ist das Mädchen auch.

EDRITA zu Leon.

Schütz mich vor dem!

Nun hast du deinen Freund, der dir so wert,

Und der mit Liebe lohnt dir deine Treue.

Ha, ha! Fürwahr! Du siehst recht artig aus!

Mit Kot befleckt und naß.


Sie berührt ihn mit dem Finger.


Du armer Junker!

ATALUS.

Der wollt es so!

EDRITA.

Nun aber geht ans Werk.

Denn ob mein Vater gleich im Schlafe liegt,

Wärs möglich, daß Verdacht ihn früher weckte.


Sie geht zur Pforte, um sie zu öffnen, Leon tut es statt ihrer.


Der Weg läuft anfangs grad, dann teilt er sich.

Der eine links bringt schneller wohl ans Ziel.

Doch wählt den andern rechts, er führt durchs Dickicht,

Und da die Unsern euch zu Pferde folgen,

Durchdringt ihr leicht, was jene stört und hemmt.

Den Schlüssel steck von außen in das Schloß,

Und seid ihr fort, schließ ab und wirf ihn weg.

So hält ein neues Hemmnis die Verfolger.


Leon befolgt es.


EDRITA zu Atalus.

Und kämen sie euch nach, ergreif 'nen Ast

Und fechte löwenkühn für deinen Freund.

ATALUS.

Ich sorg um mich.

EDRITA zu Leon.

Hörst du? Das klingt recht gut.[230]

Nun aber geht! Die Zeit vergönnt nicht Wort.

Die ihr als Räuber kamt, wie Diebe macht euch fort.

KATTWALD der mit Galomir am Fenster der Halle erscheint.

Dort stehn sie, schau!

EDRITA.

Nur schnell!


Die jungen Leute entfliehen, wobei das Tor offen bleibt.


KATTWALD zu Galomir.

Folg ihnen, lauf!

EDRITA.

Da bricht nun alles Wetter über mich.


Galomir ist aus der Tür gekommen und auf die Brücke getreten. Diese wankt und bricht endlich mit ihm zusammen, er stürzt in den Graben.


EDRITA vortretend.

Ha, ha, ha, ha! Der dumme Galomir!

Das haben sie recht schlau sich zugerichtet.

KATTWALD am Fenster den Spieß zum Wurf schwingend.

Verruchter Balg, des trägst nur du die Schuld!

EDRITA.

O weh, o weh! Sie bringen mich noch um!

Auch ließen jene dort den Torweg offen.

Ich dreh den Schlüssel ab und mach mich fort.

Ist erst der Zorn vorüber, kehr ich wieder.


Sie eilt durch die Pforte, die sie hinter sich zuzieht und abschließt.


KATTWALD am Fenster mit den Händen in den Haaren.

So schlage denn der Donner! Mord und Pest!

Hört mich denn niemand? Knechte! Leute! Brut!

Da steh ich denn und fresse meine Wut!


Indem er einen fruchtlosen Versuch macht, aus dem Fenster zu steigen, fällt der Vorhang.


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 2, München [1960–1965], S. 217-231.
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