An die Überdeutschen

[293] Macht nur nicht so ernste Gesichter,

Am End ist ja viel doch nur Spaß,

Ihr seid nicht Geschworne noch Richter,

Und wärs auch, was hindert uns das?


Seht nur eure Nachbarn, die Franken,

Den Briten, das wandelnde Faß,

Sie richten und streiten und zanken,

Drauf heben sie lustig das Glas.


Wir wissen, ihr seid Philosophen,

Sucht Wahrheit, als gälts Blindekuh,

Doch fragen wir, was ihr getroffen,

Nimmt kaum die Bewunderung zu.
[293]

Des Jenseits Maß wär die Hierzeit,

Euch selber macht ihr zum Gott,

Doch ist er nicht klüger, als ihr seid,

Dünkt uns der Allweise nur Spott.


Auch habt ihr die Fremden geschlagen;

Das taten wohl andre vor euch:

Der Franke in stürmischen Tagen,

Der Spanier – Wen nenn ich nur gleich?


Es staken da manche dahinter,

Manch Helfer stand Mann da für Mann.

Der hitzigste war wohl der Winter,

Der schlug, als noch voll der Tyrann.


Euch schmückt ein deutsches Bewußtsein,

Als eins, nicht fältig nur ein-,

Wie sollt auch nicht einig die Brust sein,

Da eins der Zoll im Verein?


Nur, streitet ihr noch um den Glauben,

Fehlt zu Treu und Glauben die Treu,

Auch wißt ihr, hält mancher nur Tauben,

Um andre zu fangen dabei.


Auch seid ihr frei. – Nicht in Worten,

Geschriebne bewacht die Zensur,

In Taten? Noch minder, als dorten,

Wie treff ich die Sache doch nur?


Nun denn: ihr seid frei mit dem Maule.

Nun hab ich den rechten Pfiff;

Wir sitzen auf Hegelschem Gaule,

Ihr seid denn frei: im Begriff.


Und da der Begriff auch das Wahre,

Seid frei ihr in Wirklichkeit.

Man spart so Taten und Jahre,

Ist frei außer Raum und Zeit.


Und so nun mitten im Rechten,

Ziemt alles euch groß und neu,[294]

Laßt Schiller und Goethe den Knechten,

Für euch sind Dichter, die frei.


Sie machen Krieg den Tyrannen

Und rufen Erhebung euch zu;

Ihr leert einstimmig die Kannen,

Und legt um halb eilf euch zur Ruh.


Statt länger mit Griechen zu prahlen

Und anderm veralteten Schnack,

Von Goethen entstammt und Vandalen,

Sei euch auch der Väter Geschmack.


Die Nibe- und Amelungen,

Und Gunther, Gudrun, oder was?

Ists auch etwas knarrend gesungen,

Ein Deutscher! und frägt noch um das?


So viel für die Form. Um die Sache

Braucht ihr zu suchen nicht weit,

Der Stoff eurer holprichten Mache

Sei eben die Wirklichkeit.


Die Helden, die Ruhm sich erworben,

Nur gestern in eurer Näh,

Die für die Freiheit gestorben,

Heißt das in effigie.


Was sonst noch des Fortschritts Bürgschaft:

Zolleinung und Eisenbahn,

Zweikammern-, Dreifelder-Wirtschaft,

Beut sich zum Besingen euch an.


Das Dasein in all seiner Blöße,

Was sonst als Prosa sich gab;

Klatscht dichtend die eigene Größe

Auf graues Löschpapier ab.


Und so, vermengend die Richtung,

Sei, alles in eines gepackt,

Ein Daguerrotyp eure Dichtung,

So ähnlich, als abgeschmackt.

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 293-295.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Gedichte und Dramen
Medea: Trauerspiel in fünf Aufzügen. Dritte Abteilung des dramatischen Gedichts »Das Goldene Vlies«
Das goldene Vliess: Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen. (Der Gastfreund, Die Argonauten, Medea)
Gedichte Reclam
Sämtliche Werke: Erster und zweiter Band: Gedichte

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die beiden Schwestern Julchen und Lottchen werden umworben, die eine von dem reichen Damis, die andere liebt den armen Siegmund. Eine vorgetäuschte Erbschaft stellt die Beziehungen auf die Probe und zeigt, dass Edelmut und Wahrheit nicht mit Adel und Religion zu tun haben.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon