Der Kuss

[64] Einst fand bei ihren Schafen

der muntre Titirus

die junge Kloë eingeschlafen.

Er raubt ihr einen süßen Kuß

und fliehet schnell, die Schläferin erwachet,

von seinem kühnen Raub geweckt,

sieht sich allein, doch bald entdeckt

sie den Verwegnen, der, versteckt

im Busche, ihres Zornes lachet

und sie mit reifen Brombeern neckt.

Die Schöne, tief beleidigt,

verweist ihm weinend seinen Raub,

indes, versteckt in Moos und Laub,

bei allen ihren Klagen taub,

er sich mit lautem Lachen nur verteidigt.

Doch endlich, als die Kleine gar nicht schweigt

und immer lauter klaget, steigt

er aus dem luftigen Asyl herunter.

»Was, Närrchen«, spricht er, »ficht dich an?

Wer uns hier sähe, dächte Wunder

was Arges ich dir angetan!

Was ists denn weiter, als daß ich dich küßte!

und darum weinst du dir die Augen blind?«

»Ach, das ists eben«, schluchzt das arme Kind,

»warum ich weine, wenns die Mutter wüßte,

daß mich ein hübscher Knabe küßte,

weiß Gott, es wär um mich geschehn!«

Der Hirte lachet bei dem Flehn[64]

des Mädchens. »Nun, bei meinem Leben,

das ist doch sonderbar«, spricht er.

»Doch kränkt dich ein geraubter Kuß so sehr,

so will ich ihn dir gerne wiedergeben.«

»Ach, Lieber, ja, das tue«, spricht

erfreut die kleine Schöne

und wischt des Schmerzes bittre Träne

schnell von dem reizendem Gesicht.

Der frohe Hirt umschlingt sie mit den Armen,

preßt sie an seinen Busen und

drückt einen langgedehnten, warmen,

beseelten Kuß auf ihren Rosenmund.

Das Mädchen sieht vor sich zum Boden nieder,

erseufzt aus tiefer Brust und legt

die weißen Händchen tiefbewegt

aufs Herz, das tobend ihr im Busen schlägt.

»Nun«, spricht sie, »nun hab ich ihn wieder,

den Kuß, und meine Ehr ist unversehrt!«

Der Hirte will laut lachend gehen;

doch kaum hat er den Rücken ihr gekehrt,

als er das Mädchen rufen hört,

und lauter lachend bleibt er stehen

und fragt, was ihr Begehren sei!

Sie spricht mit schamgesenktem Blicke:

»Ach, du gabst mir nur einen Kuß zurücke

und stahlst mir doch im Schlafe zwei!«

»Nun wohl«, ruft Titirus,

»du sollst auch deinen zweiten Kuß

zurückbekommen, ich bin billig!

Das ganze Dorf bezeugt mir das!«

Er spricht es und zieht sie zu sich ins Gras.

Die blöde Kleine folgt ihm willig.

Die Wange hochgefärbt von Scham und Glut,

sitzt sie auf seinem weichen Schoße,

und der gefährliche Bezahler ruht

nicht eher, bis ihr Mund gleich einer Rose,

die in dem Strahl der Abendsonne blüht,

von mehr als hundert Küssen glüht.[65]

Die Schöne fing nun wieder an zu weinen,

daß er, statt des verlangten einen,

ihr mehr als hundert Küsse gab;

und sollte sie sich nicht zu Tode grämen,

mußt er den Überschuß zurückenehmen,

man rechnete nun wieder ab,

der Schäfer aber hört nicht auf zu irren,

man mußte stets von neuem subtrahieren,

und kurz, ein alter Hirt,

der abends sie im tiefen Gras entdeckte,

fand ihre Rechnung so verwirrt,

daß er mit Zeterschrein sie voneinander schreckte.


Den 30ten Dezember 1808


Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 64-66.
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