Das fünfzehnte Kapitel.

[225] Simplex von Schweden wird ledig gemacht,

Darnach er hatte gleich anfangs getracht.


Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit der Konvoi abgeloffen, und daß ich mit dem Korporal und andern mehr gefangen, auch wo wir hingeführet worden; derhalben kam gleich den andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen; dem ward der Korporal und die drei andere gefolget und ein Schreiben mitgegeben, folgenden Einhalts, das mir der Kommandant zu lesen überschickte:


»Monsieur etc. Durch Wiederbringern, diesen Tambour, ist mir dessen Schreiben eingehändigt worden, schicke darauf hiermit gegen empfangener Ranzion den Korporal samt den übrigen dreien Gefangenen; was aber Simplicium den Jäger anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser Seite gedienet, nicht wieder hinübergelassen werden. Kann ich aber dem Herrn im übrigen außerhalb Herrnpflichten in etwas bedient sein, so hat derselbe an mir einen willigen Diener, als der ich so weit bin und verbleibe

Des Herrn

Dienst-bereitwilliger

N. de S. A.«
[225]

Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb, und mußte mich doch vor diese Kommunikation bedanken. Ich begehrte, mit dem Kommandanten zu reden, bekam aber die Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde, wann er zuvor den Trommelschlager abgefertigt hätte, so morgen früh geschehen sollte, bis dahin ich mich zu gedulten.

Da ich nun die bestimmte Zeit überwartet hatte, schickte der Kommandant nach mir, als es eben Essenszeit war. Da widerfuhr mir das erstemal die Ehre, zu ihm an seine Tafel zu sitzen. Solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk ziemlich und sehr freundlich zusprechen und gedachte weder Klein- noch Großes von demjenigen, was er mit mir vorhatte, und mir wollte es auch nicht anstehen, etwas davon anzufangen. Demnach man aber abgegessen und ich einen ziemlichen Tummel hatte, sagte er: »Lieber Jäger! Ihr habet aus meinem Schreiben verstanden, unter was vor einem Prätext ich Euch hier behalte; und zwar so habe ich gar keine unrechtmäßige Sache oder etwas vor, das wider Räson oder Kriegsgebräuch wäre, dann Ihr habet mir und dem Regim. Schultheiß selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unsrer Seite bei der Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter meinem Regiment Dienst anzunehmen; so will ich Euch mit der Zeit, und wann Ihr Euch wohl verhaltet, dergestalt akkommodieren, dergleichen Ihr bei den Kaiserl. nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigenfalls werdet Ihr mich nicht verdenken, wann ich Euch wiederum demjenigen Obristleutenant überschicke, welchem Euch die Dragoner hiebevor abgefangen haben.« Ich antwortete: »Hochgeehrter Herr Obrister! (dann damals war noch nicht der Brauch, daß man Soldaten von Fortun ›Ihr Gnaden‹ titulierte, obgleich sie Obristen waren) ich hoffe, weil ich der Krone Schweden noch deren Konföderierten, viel weniger dem Obristleutenant niemalen mit Eid verpflichtet, sondern nur ein Pferdjung gewesen, daß dannenher ich nicht verbunden sei, schwedische Dienste anzunehmen und dadurch den Eid zu brechen, den ich dem Römischen Kaiser geschworen, derowegen meinen Hochg. Herrn Obristen allergehorsamst bittend, Er beliebe mich dieser Zumutung zu überheben.« – »Was?« sagte der Obrister, »verachtet Ihr dann die schwedische Dienste? Ihr müsset wissen, daß Ihr mein Gefangener seid, und eh ich Euch wieder nach Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh will ich Euch einen andern Prozeß weisen oder im Gefängnus verderben lassen; darnach wisset Euch einmal vor allemal zu richten!« Ich erschrak zwar über diese Worte, gab mich aber darum noch nicht, sondern antwortete, Gott wolle mich vor solcher[226] Verachtung so wohl als vor dem Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der Herr Obrister würde mich seiner weitberühmten Diskretion nach wie einen Soldaten traktieren. »Ja!« sagte er, »ich wüßte wohl, wie ich Euch traktieren könnte, da ich der Strenge nach prozedieren wollte. Aber bedenket Euch besser, damit ich nicht Ursachen ergreife, Euch etwas anders zu weisen.« Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet.

Jedermann kann unschwer erachten, daß ich dieselbe Nacht nicht viel geschlafen, sondern allerhand Gedanken gehabt habe. Den Morgen aber kamen etliche Offizierer mit dem Kornett, so mich gefangen bekommen, zu mir unterm Schein, mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weiszumachen, als ob der Obrister gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Prozeß machen zu lassen, da ich mich nicht anderst bequemen würde; wollten mich also erschröcken und sehen, was hinter mir stecke. Weil ich mich aber meines guten Gewissens tröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an und redete nicht viel, merkte dabei, daß es dem Obristen um nichts anders zu tun war, als daß er mich ungern in Soest sahe; so konnte er sich auch leicht einbilden, daß ich selbigen Ort, wann er mich ledig ließe, wohl nicht verlassen würde, weil ich meine Beförderung dort hoffte und noch zwei schöne Pferde und sonst köstliche Sachen allda hatte. Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen und fragte mich nochmals ernstlich, ob ich mich auf ein und anders resolviert hätte. Ich antwortete: »Dies, Herr Obrister! ist mein Entschluß, daß ich eh sterben als meineidig werden will! Wann aber mein Hochg. Herr Obrister mich auf freien Fuß zu stellen und mit keinen Kriegsdiensten zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit Herz, Mund und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider Schwed- und Hessische zu tragen oder zu gebrauchen.« Solches ließ ihm der Obrister stracks gefallen, bot mir darauf die Hand und schenkte mir zugleich die Ranzion, befahl auch dem Secretario, daß er deswegen einen Revers in Duplo aufsetzte, den wir beide unterschrieben, darin er mir Schutz, Schirm und alle Freiheit, solang ich in der ihm anvertrauten Festung verbliebe, versprach. Ich hingegen reversierte mich über obige zwei Punkten, daß ich, solang ich mich in derselben Festung aufhalten würde, nichts Nachteiliges wider dieselbige Garnison und ihren Kommandanten praktizieren noch etwas, das ihr zu Nachteil und Schaden vorgenommen würde, verhehlen, sondern vielmehr deren Nutzen und Frommen fördern und ihren Schaden nach Müglichkeit wenden, ja wann der Ort[227] feindlich attackieret würde, denselben defendieren helfen sollte und wollte.

Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagimbiß und tät mir mehr Ehre an, als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dörfen. Dadurch gewann er mich dergestalt nach und nach, daß ich nicht wieder nach Soest gangen wäre, wannschon er mich dahin lassen und meines Versprechens ledig zählen wollen. Das heißt dem Feind ohne Blutvergießung einen Abbruch getan; dann von dieser Zeit an war es mit den Soester Parteigängern soviel als nichts, weil sie mich nicht mehr hatten, welches ich ihnen zwar nicht zum Nachteil, noch mir zum Ruhm nachgeredet haben will.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 225-228.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch: Roman
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon