Das neunundzwanzigste Kapitel.

[162] Simplex erzählet, wie einem Soldaten

Alles im Paradies trefflich geraten.


Unsere Wirtin, wollte sie nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so mußte sie mich auch davon entledigen; sie machte ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife, also daß ich wieder dies Unziefers halber wie in einem Rosengarten lebte; ja es kann niemand glauben, wie mir so wohl war, daß ich aus dieser Qual war, in welcher ich etliche Monat wie in einem Ameishaufen gesessen. Hingegen hatte ich gleich ein ander Kreuz auf dem Hals, weil mein Herr einer von denjenigen Soldaten war, die in Himmel zu kommen getrauen; er ließ sich glatt an seinem Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind; seine ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von seiner wochentlichen Lehnung erkargete. Solches, wiewohl es wenig war, hub er höher auf als mancher die orientalische Perlen; einen jeden Blomeiser nähete er in seine Kleider, und damit er deren einzige in Vorrat kriegen möchte, mußte ich und sein armes Pferd daran sparen helfen. Davon kams, daß ich den treugen Pumpernickel gewaltig beißen und mich mit Wasser, oder wanns wohl gieng, mit dünn Bier behelfen mußte, welches mir eine abgeschmackte Sache war, maßen mir meine Kehle von[162] dem schwarzen truckenen Brot ganz rauh, und mein ganzer Leib ganz mager ward. Wollte ich aber besser fressen, so mochte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon inwürde. Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, auch keine Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich getan hätten, dann sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen. Wann er aber irgendshin auf Konvoi, Partei oder sonst einen Anschlag kommandieret ward, so schlenderte er mit dahin wie ein alt Weib am Stecken. Ich glaube auch gänzlich, wann dieser gute Dragoner solche heroische Soldatentugenden nicht an sich gehabt, daß er mich auch nicht gefangen bekommen hätte; dann er hätte mich lausigen Jungen ja nicht geachtet, sondern wäre meinem Obristleutenant nachgerennt. Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst über und über zerflickt dahergieng, gleichsam wie mein Einsiedel. So war sein Sattel und Zeug auch kaum drei Batzen wert und das Pferd von Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten hatte.

Solches alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins Paradeis, ein so genanntes Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen, nicht zwar, als wäre er viel nutz darzu gewesen, sondern damit er sich begrasen und wieder mondieren sollte, vornehmlich aber auch, weil die Nonnen um einen frommen, gewissenhaften und stillen Kerl gebeten hatten. Also ritt er dahin, und ich gieng mit, weil er leider nur ein Pferd hatte. »Potz Glück! Simprecht« (dann er konnte den Namen Simplicius nicht behalten), sagte er unterwegs, »kommen wir in das Paradeis, wie wollen wir fressen!« Ich antwortete: »Der Name ist ein gut Omen. Gott gebe, daß der Ort auch so beschaffen sei!« – »Freilich,« sagte er (dann er verstand mich nicht recht), »wann wir alle Tage zwei Ohmen von dem besten Vier saufen könnten, so wirds uns nicht abgeschlagen. Halt dich nur wohl, ich will mir jetzt bald einen braven neuen Mantel machen lassen, alsdann hast du den alten, das gibet dir noch einen guten Rock.« Er nannte ihn recht den alten, dann ich glaube, daß ihm die Schlacht vor Pavia noch gedachte, so gar wetterfärbig und abgeschaben sahe er aus, also daß er mich wenig damit erfreuete.

Das Paradeis fanden wir, wie wirs begehrten und noch darüber; anstatt der Engel schöne Jungfern darin, welche uns mit Speise und Trank also traktierten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam; dann da satzte es das fetteste Bier, die beste westfälische Schinken und Knackwürste, wohlgeschmack[163] und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte. Da lernete ich das schwarze Brod fingersdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte; und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so erquickte ich Leib und Seele und vergaß all meines ausgestandenen Leides. Kurzab, dies Paradeis schlug mir so wohl zu, als ob es das rechte gewesen wäre; kein ander Anliegen hatte ich, als daß ich wußte, daß es nicht ewig währen würde und daß ich so zerlumpt, zersetzt und zerlappet einhergehen mußte.

Aber gleichwie mich das Unglück haufenweis überfiel, da es anfieng, mich hiebevor zu reiten, also bedunkte mich auch jetzt, das Glück wollte es wieder wett spielen. Dann als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack und in demselbigen etliche Ehlen Scharlach zu einem Mantel samt rotem Sammet zum Futter. Das nahm ich mit und vertauschte es zu Soest mit einem Tuchhändler um gemein grünwüllen Tuch zu einem Kleid samt der Ausstaffierung mit dem Geding, daß er mir solches Kleid auch machen lassen und noch darzu einen neuen Hut aufgeben sollte. Und demnach mir nur noch ein Paar neuer Schuhe und ein Hemd abgieng, gab ich dem Krämer die silberne Knöpfe und Galaunen auch, die zu dem Mantel gehörten, wovor er mir dann schaffte, was ich noch brauchte, und mich also nagelneu herausbutzte. Also kehrete ich wieder ins Paradeis zu meinem Herrn, welcher gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht gebracht hatte; ja, er sagte mir vom Brügeln und hätte ein geringes genommen (wann er sich nicht geschämt und ihm das Kleid gerecht gewesen wäre), mich auszuziehen und das Kleid selbst zu tragen, wiewohl ich mir eingebildet, gar wohl gehandelt zu haben.

Indessen mußte sich der karge Filz und Nagenranft schämen, daß sein Junge besser gekleidet war als er selbsten; derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld von seinem Hauptmann und mondierte sich damit aufs beste mit Versprechen, solches von seinen wochentlichen Salvaguardigeldern wiederzuerstatten, welches er auch fleißig tät. Er hätte zwar selbsten noch wohl so viel Mittel gehabt; er war aber viel zu schlau, sich anzugreifen; dann hätte ers getan, so wäre ihm die Bärnhaut entgangen, auf welcher er denselbigen Winter im Paradeis liegen konnte, und wäre ein ander nackender Kerl an seine Statt gesetzt worden. Mit der Weise aber mußte ihn der Hauptmann wohl liegen[164] lassen, wollte er anders sein ausgeliehen Geld wiederhaben. Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäuleste Leben von der Welt, in welchem Keglen unser allergrößte Arbeit war. Wann ich meines Dragoners Klepper gestriegelt, gefüttert und getränkt hatte, so trieb ich das Junkernhandwerk und lustwandelte. Das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, von der Lippstadt aus mit einem Musketier salvaguardiert; derselbe war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter; und damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir vor die Langeweile in allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete, ihm Bescheid zu tun, wann er wollte. Mein Dragoner aber kegelte anstatt des Fechtens mit ihm, und zwar um nichts anders, als wer über Tisch das meiste Bier aussaufen mußte: damit gieng eines jeden Verlust übers Kloster.

Das Stift vermochte eine eigne Wildbahne und hielt dahero auch einen eigenen Jäger; und weil ich auch grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und lernete ihm denselben Herbst und Winter alle seine Künste ab, sonderlich was das kleine Waidwerk anbelanget. Solcher Ursachen halber und weil der Name Simplicius etwas ungewöhnlich und den gemeinen Leuten vergeßlich oder sonst schwer auszusprechen war, nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Darbei wurden mir alle Wege und Stege bekannt, welches ich mir hernach trefflich zunutz machte. Wann ich aber wegen üblen Wetters in Wäldern und Feldern nicht herum konnte schwärmen, so las ich allerhand Bücher, die mir des Klosters Verwalter liehe. Sobald aber die adeliche Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, ermaßen sie auch mein übriges Tun desto genauer, und weil eine ziemliche Leibsproportion und schönes Angesicht darzukam, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und Lassen vor adelig und einer liebwerten Person sehr anständig. Dergestalt nun mußte ich unversehens ein sehr beliebter Junker sein, über welchem man sich verwunderte, daß er sich bei einem so liederlichen Dragoner behülfe.

Als ich nun solchergestalt denselben Winter in aller Wollust hingebracht hatte, ward mein Herr abgelöst, welches ihm auf das gute Leben so and tät, daß er darüber erkrankte; und weil auch ein starkes Fieber dazuschlug, zumalen auch die alte Mucken, die er sein Lebtag im Krieg aufgefangen, darzukamen, machte ers kurz, allermaßen ich in drei Wochen hernach etwas zu begraben hatte. Ich machte ihm diese Grabschrift:
[165]

Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,

Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.


Von Rechts und Gewohnheit wegen hätte der Hauptmann Pferd und Gewehr, der Führer aber die übrige Verlassenschaft zu sich nehmen und erben sollen; weil ich aber damals ein frischer aufgeschossener Jüngling war und Hoffnung gab, ich würde mit der Zeit meinen Mann nicht förchten, ward mir alles zu überlassen angeboten, wann ich mich anstatt meines verstorbenen Herrn unterhalten lassen wollte. Ich nahms um soviel desto lieber an, weil mir bekannt, daß mein Herr in seinen alten Hosen eine ziemliche Anzahl Dukaten eingenähet verlassen, an welchen er sein Lebtag zusammengekratzt hatte; und als ich zu solchem Ende meinen Namen, nämlich Simplicius Simplicissimus, angab, der Musterschreiber (welcher Cyriacus genannt war) solchen aber nicht orthographice schreiben konnte, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der also heißt!« Und weil ich ihn hierauf geschwind fragte, ob dann einer in der Hölle wäre, der Cyriacus hieße, er aber nichts zu antworten wußte, obschon er sich klug zu sein dünkte, gefiel solches meinem Hauptmann so wohl, daß er gleich im Anfang viel von mir hielt und ihme gute Hoffnung von meinen künftigen Kriegstaten machte.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 162-166.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch: Roman
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon