Das siebenundzwanzigste Kapitel.

[268] Simplex wünscht Glück den Holländern zur Reis,

Selbsten er bleibt auf der Insel mit Fleiß.


Da ich mich nun wiederum in einem solchen guten Stand befand, ließ ich durch den Trompeter dem Volk zusammenblasen, weil die wenige Gesunde, so noch ihre Witz behalten wie obgemeldet, hin und wieder auf der Insul zerstreut umgiengen. Als sie sich nun sammleten, fand ich, daß in solcher Tollerei kein einziger verloren worden; derowegen tät unser Kaplan oder Siechentröster eine schöne Predigt, in deren er die Wunder Gottes priese, vornehmlich aber vielgemeldten Teutschen, der zwar alles beinahe mit einem Verdruß anhörete, dergestalt lobete, daß derjenige Matrose, so sein Buch und 30 Dukaten angepacket, solches von freien Stücken wieder hervorbrachte und zu seinen Füßen legte; er wollte aber das Geld nicht wieder annehmen, sondern bat mich, ich wollte es mit in Holland nehmen und wegen seines verstorbenen Kamerades armen Leuten geben. »Dann wanngleich ich«, sagte er, »viel Tonnen Goldes hätte, wüßte ichs doch nicht zu brauchen.« – Was aber das gegenwärtige Buch, so der Herr hiebei zu empfangen, anbelanget, schenkete er mir dasselbige, seiner dabei im besten zu gedenken.

Ich ließe vom Schiff Areca, spanischen Wein, ein paar westfälische Schünken, Reys und anders bringen, auch darauf sieden und braten, diesen Teutschen zu gastiern und ihm alle Ehre anzutun; aber er nahm allerdings keine Courtoisie an, sondern behalf sich mit sehr wenigen, und zwar mit der allerschlechtsten Speise, welches, wie man saget, wider aller teutschen Art und Gewohnheit lauft. Die Unseligen hatten ihm seinen vorrätigen Vin de Palm ausgesoffen; derowegen betrug er sich mit Wasser und wollte weder spanischen noch rheinischen Wein trinken; doch erzeigte er sich fröhlich, weil er sahe, daß wir lustig waren. Seine größeste Freude erwies er, mit den Kranken umzugehen, die er alle einer schnellen Gesundheit vertröstete, und sagte, er erfreue sich dermaleins, daß er den Menschen, vornehmlich aber Christen, und sonderlich seinen Landsleuten einmal dienen könnte, welcher er schon lange Jahr beraubt gewesen wäre. Er war beides, ihr Koch und Arzt, maßen er mit unserm Medico und Barbierer fleißig konferierte, was etwan an dem einen und andern zu tun und zu lassen sein möchte, weswegen ihn dann beides, die Offizianten und das Volk, gleichsam wie einen Abgott ehreten.[268]

Ich selbst bedachte mich, wie ich ihm dienen möchte; ich behielt ihn bei mir und ließ ohn sein Wissen durch unsere Zimmerleute wiederum eine neue Hütte aufrichten, in der Form, wie die lustige Gartenhäuser bei uns ein Ansehen haben; dann ich sahe wohl, daß er weit ein mehrers meritierte, als ich ihm antun könnte oder er annehmen wollte. Seine Konversation war sehr holdselig, hingegen aber mehr als viel zu kurz; und wann ich ihm etwas seiner Person halber fragte, wies er mich in gegenwärtiges Buch und sagte, in demselbigen hätte er nach Gnüge beschrieben, davon ihn jetzt zu gedenken verdrieße. Als ich ihn aber erinnerte, er sollte sich gleichwohl wieder zu den Leuten begeben, damit er nicht so einsam wie ein unvernünftig Vieh dahinsterbe, worzu er dann jetzt gute Gelegenheit hätte, sich mit uns wieder in sein Vatterland zu machen, antwortete er: »Mein Gott! was wollet Ihr mich zeihen? Hier ist Friede, dort ist Krieg; hier weiß ich nichts von Hoffart, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von Betrug, von allerhand Sorgen, beides um Nahrung und Kleidung noch um Ehre und Reputation; hier ist eine stille Einsame ohn Zorn, Hader und Zank, eine Sicherheit vor eitlen Begierden, eine Festung wider alles unordentliche Verlangen, ein Schutz wider die vielfältigen Stricke der Welt und eine stille Ruhe, darin man dem Allerhöchsten allein dienen, seine Wunder betrachten und ihn loben und preisen kann. Als ich noch in Europa lebete, war alles (ach Jammer, daß ich solches von Christen zeugen soll!) mit Krieg, Brand, Mord, Raub, Plünderung, Frauen- und Jungfernschänden etc. erfüllet; als aber die Güte Gottes solche Plagen samt der schröcklichen Pestilenz und dem grausamen Hunger hinwegnahm und dem armen bedrangten Volk zum besten den edlen Frieden wieder sandte, da kamen allerhand Laster der Wollust, als Fressen, Saufen und Spielen, Huren, Buben und Ehebrechen, welche den ganzen Schwarm der anderen Laster alle nach sich ziehen, bis es endlich so weit kommen, daß je einer durch Unterdruckung des andern sich groß zu machen offentlich praktizieret, dabei dann keine List, kein Betrug und keine politische Spitzfindigkeit gesparet wird. Und was das allerärgste, ist dieses, daß keine Besserung zu hoffen, indem jeder vermeinet, wann er nur zu acht Tagen, wann es wohlgerät, dem Gottesdienst beiwohne und sich etwan das Jahr einmal vermeintlich mit Gott versöhne, er habe es als ein frommer Christ nicht allein alles wohl ausgerichtet, sondern Gott sei ihm noch darzu um solche laue Andacht viel schuldig. Sollte ich nun wieder zu solchem Volk verlangen? Müßte ich[269] nicht besorgen, wann ich diese Insul, in welche mich der liebe Gott ganz wunderbarlicherweise versetzet, wiederum quittierte, es würde mir auf dem Meer wie dem Jonae ergehen? Nein,« sagte er, »vor solchen Beginnen wolle mich Gott behüten!«

Wie ich nun sahe, daß er so gar keine Lust hatte, mit uns abzufahren, fieng ich einen andern Diskurs an und fragte ihn, wie er sich dann so einzig und allein ernähren und behelfen könnte; item, ob er sich, indem er so viel hundert und tausend Meilen von andern lieben Christenmenschen abgesondert lebe, nicht förchte; sonderlich ob er nicht bedenke, wann sein Sterbestündlein herbeikomme, wer ihm alsdann mit Trost, Gebet, geschweige der Handreichung, so ihm in seiner Krankheit vonnöten sein würde, zu Hülfe und Statten kommen werde; ob. er alsdann nit von aller Welt verlassen sein und wie ein wildes Tier oder Vieh dahinsterben müßte. Darauf antwortete er mir: was seine Nahrung anlangete, versorge ihn die Güte Gottes mit mehrerm als seiner Tausend genießen könnten; er hätte gleichsam alle Monate durch das Jahr eine sondere Art Fische zu genießen, die in und vor dem süßen Wasser der Insul zu laichen ankämen. Solche Wohltaten Gottes genieße er auch von dem Geflügel, so von einer Zeit zu der andern sich bei ihm niederließen, entweder zu ruhen und sich zu speisen oder Eier zu legen und Junge zu hecken; wollte jetzt von der Insul Fruchtbarkeit, als die ich selbst vor Augen sehe, nichts melden. Betreffende die Hülfe der Menschen, deren er bei seinem Abschied beraubt sein müßte, bekümmere ihn solches im geringsten nichts, wann er nur Gott zum Freund habe. Solang er bei den Menschen in der Welt gewesen, hätte er jeweils mehr Verdruß von Feinden als Vergnügungen von Freunden empfangen, und machten einem die Freunde selbst oft mehr Ungelegenheit, als einer Freundschaft von ihnen zu hoffen. Hätte er hier keine Freunde, die ihn liebten und bedienten, so hätt er doch auch keine Feinde, die ihn hassen, welche beide Arten der Menschen einen jeden zum Sündigen bringen könnten, deren beiden aber er überhoben, und also. Gott desto geruhiger dienen könnte. Zwar hätte er anfänglich viel Versuchung beides, von ihm selbsten und dem Erbfeind aller Menschen, erdulden und überstehen müssen er hätte aber allwegen durch göttliche Gnade in den Wunden seines Erlösers, dahin noch seine einzige Zuflucht gestellet sei, Hülfe, Trost und Errettung gefunden und empfangen.

Mit solchem und gleichmäßigen.mehrerm Gespräch brachte ich meine Zeit mit dem Teutschen zu. Indessen ward es mit unsern Kranken von Stund zu Stund besser, so daß wir den[270] vierten Tag auch keinen einzigen mehr hatten, der sich klagte; wir besserten im Schiff, was zu bessern war, nahmen frisch Wasser und anders von der Insul ein und fuhren, nachdem wir sechs Tage sich auf der Insul gnugsam ergetzet und erfrischet, den siebenten Tag aber gegen der Insul St. Helenae, allwo wir teils Schiffe von unsrer Armada, fanden, die auch der ihren Kranken pflegten und der übrigen Schiffe erwarteten, von dannen wir nachgehends glücklich allhier in Holland ankamen.

Hierbei hat der Herr auch ein paar von den leuchtenden Käfern zu empfangen, vermittelst deren ich mit oftgemeldten Teutschen in obgesagte Höhle kommen, welches wohl eine grausame Wunderspelunke ist. Sie war ziemlich proviantieret mit Eiern, welche sich, wie mir der Teutsche sagte, in derselbigen übers Jahr halten, weil das Ort mehr kühl als kalt ist. In dem hintersten Winkel der Höhle hatte er viel hundert dieser Käfer, davon es so hell war als in einem Zimmer, darin überflüssig Liechter brennen. Er berichtete mich, daß sie zu einer gewissen Zeit des Jahrs auf der Insul von einer sondern Art Holz wachsen, würden aber innerhalb vier Wochen von einer Gattung fremder Vögel, die zu derselben Zeit ankommen und Junge hecken, alle miteinander aufgefressen; alsdann müsse er die Notdurft suchen, sich deren das Jahr hindurch anstatt der Liechter, sonderlich in besagter Höhle, zu bedienen. In der Höhle behalten sie ihre Kraft übers Jahr, in der Luft aber trücknet die leuchtende Feuchtigkeit aus, daß sie den geringsten Schein nicht mehr von sich geben, wann sie nur acht Tage tod gewesen. Und gleichwie allein durch diese geringe Käfer der Teutsche sich der Höhlen erkündiget und ihm selbige zu seinem sichern Aufenthalt zunutz gemachet, also hätten wir ihm auch mit keiner menschlichen Gewalt, wanngleich wir 100000 Mann stark gewesen wären, ohn seinen Willen nicht herausbringen können. Wir schenkten ihm bei unsrer Abreise eine englische Brille, damit er Feur von der Sonne anzünden könnte, welches auch das einzige war, so er von uns bittlich begehrete; und obzwar er sonst nichts von uns annehmen wollte, so hinterließen wir ihm doch eine Axt, eine Schaufel, eine Haue, zwei Stücke baumwollene Zeuge von Bengala, ein halb Dutzet Messer, eine Schere, zween küpfern Häfen und ein Paar Kaninchen, zu probieren, ob sie sich auf der Insul vermehren wollten, womit wir dann einen sehr freundlichen Abschied voneinander genommen; und halte ich diese Insul vor den allergesündesten Ort in der Welt, weil unsere Kranken innerhalb fünf Tagen alle miteinander wiederum zu Kräften kommen und der Teutsche[271] selbst die ganze Zeit, so er daselbst gewesen, von Krankheit nichts gewahr worden.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 268-272.
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