Das XV. Kapitel.

[61] Mit was vor Konditionen sie den Ehestand ledigerweis zu treiben einander versprochen.


Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich damals meine Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg richten können; dann meine angenommene Mutter mit noch zweien von meinen Pferden und etwas an baren Gelt erkundigt mich und gab mir den Rat, ich sollte mich aus dem Krieg zu meinem Gelt auf Prag oder auf meines Hauptmanns Gütter tun und mich im Frieden haushäblich und geruhlich ernähren; aber ich ließe meiner unbesonnenen Jugend weder Weisheit noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier gebrauet wurde, je besser es mir schmeckte. Ich und gedachte meine Mutter hielten sich bei einem Markedenter unter demjenigen Regiment, darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann gewesen, allwo man mich seinetwegen ziemlich respektierte; und ich glaub auch, daß ich wieder einen wackern Offizier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil unsere Kriegsmacht von 20000 Mannen in drei Heeren bestehend, schnell auf Italia marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen gemacht, brechen mußte, siehe, da gedachten wenig Witzige an das Freien, und dannenhero verbliebe ich auch desto länger eine Wittib; überdas hatten auch etliche nicht das Herz, andere aber sonst ihr Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir extra oder nebenher etwas zuzumuten; darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich, weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, daß mich männiglich vor ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer langwürigen Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige Musketier, so mir in der Okkasion, die ich mit obengedachten beiden Reutern gehabt, zu Hülfe kommen, dergestalt an mir vergafft und vernarret, daß er Tag und Nacht keine Ruhe hatte, sondern mir manchen Trab schenkte, wann er nur Zeit haben und abkommen konnte. Ich sahe wohl, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er aber die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courasche zu entdecken, war bei mir die Verachtung so groß[61] als das Mitleiden. Doch änderte ich nach und nach meinen stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, eine Offiziererin zu sein; dann als ich des Markedenters Gewerb und Handtierung betrachtete und täglich vor Augen sahe, was ihm immerzu für Gewinn zugieng, und daß hingegen mancher braver Offizier mit dem Schmalhansen Tafel halten mußte, fieng ich an darauf zu gedenken, wie ich auch eine solche Markedenterei aufrichten und ins Wert stellen möchte. Ich machte den Überschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen und fande solches, weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in meiner Brust vernähet wußte, gar wohl bastand zu sein. Nur die Ehr oder Schand lag mir noch im Weg, daß ich nämlich aus einer Hauptmännin ein Markedenterin werden sollte; als ich mich aber erinnerte, daß ich damals keine mehr war, auch wohl vielleicht keine mehr werden würde, siehe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng bereits an, in meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Gelt auszuzapfen und ärger zu schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren tun mag.

Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen Heer über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es mit meines Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne daß er noch das geringste Wort darvon mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem Vorwant, ein Maß Wein zu trinken, zu meines Markedenters Zelt und sahe so bleich und trostlos aus, als wann er kürzlich ein Kind bekommen und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder gewüßt hätte. Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte, erkühnete er gleichwohl also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau Hauptmännin (dann Courasche dorfte er mich nicht nennen), wann ich Ihr mein Anliegen erzählen sollte, so würde ich Sie entweder erzörnen, daß Sie mir Ihre holdselige Gegenwart gleich wieder entzuckt und mich in Ewigkeit Ihres Anschauens nicht mehr würdigt, oder ich würde einen Verweis meines Frevels von Ihr empfangen, deren eins von diesen beiden genugsam wären, mich dem Tod vollends aufzuopfern.« Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann Euch deren eins kann umbringen, so kann Euch auch ein jedes davon erquicken; und weil ich Euch dessentwegen verbunden bin, daß Ihr mich, als wir in den Vierlanden zwischen Hamburg und Lübeck lagen, von meinen Ehrenschänderen errettet, so gönne ich Euch herzlich gern, daß Ihr Euch gesund und satt an mir sehen möget«.[62] – »Ach meine hochgeehrte Frau!« antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel; dann da ich Sie damals das erstemal ansahe, fieng auch meine Krankheit an, welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich Sie nicht mehr sehen sollte! Ein wunderbarlicher und seltsamer Zustand, der mir zum Rekompens widerfahren, dieweil ich mein hochehrende Frau aus Ihrer Gefährlichkeit errettete!« Ich sagte: »So müßte ich einer großen Untreu zu beschuldigen sein, wann ich dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte?« – »Das sag ich nicht!« antwortet mein Musketierer. Ich replizierte: »Was habt Ihr dann zu klagen?« – »über mich, über meine Unglückseligkeit«, antwortet er, »und über meine Verhängnus, oder vielleicht über meinen Vorwitz, über meine Einbildung oder, ich weiß selbst nicht, über was! Ich kann nicht sagen, daß die Frau Hauptmännin undankbar sei, dann um der geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden Reuter verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft genugsam, welchen mein hochehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich beraubte, damit er Sie Ihrer Ehr nicht schändlich berauben sollte. Meine Frau Gebieterin,« sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten Stand, der mich so verwirret, daß ich auch weder meine Verwirrung noch mein Anliegen noch mein oder Ihre Beschuldigung, weniger meine Unschuld oder so etwas erläutern möchte, dardurch mir geholfen werden könnte. Sehet, allerschönste Dam! ich sterbe, weil mir das Glück und mein geringer Stand nicht gönnet, Ihrer Hoheit zu erweisen, wie glückselig ich mich erkennete, Ihr geringster Diener zu sein.« Ich stunde da wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch sehr jungen Musketierer solche, wiewohl untereinander und, wie er selbst sagte, aus einem verwirrten Gemüt laufende Reden hörete; doch kamen sie mir vor, 'als wann sie mir nichtsdestoweniger einen muntern Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der einer Gegenlieb würdig und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner Markedenterei, mit welcher ich damals groß schwanger gieng, rechtschaffen zu bedienen. Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein Freund! Ihr nennet mich fürs erste Euer Gebieterin, fürs zweite Euch selbst meinen Diener, wann Ihrs nur sein könntet; fürs dritte klagt Ihr, daß Ihr ohne meine Gegenwart sterben müßt. Daraus nun erkenne ich eine große Liebe, die Ihr vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir nur, wormit ich solche Liebe erwidern möge; dann ich will gegen einen solchen, der mich von meinen Ehrenschändern errettet,[63] nicht undankbar erfunden werden.« – »Mit Gegenlieb,« sagte mein Galan; »und wann ich dann würdig wäre, so wollte ich mich vor den allerglückseligsten Menschen in der ganzen Welt schätzen.« Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst bekennet, daß Euer Stand zu gering sei, bei mir zu sein, der Ihr zu sein wünschet, und was Ihr gegen mir mit weitläuftigen Worten weiters zu verstehen gegeben habt. Was Rats aber, damit Euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung der Undankbarkeit und Untreu, Ihr aber Euers Leidens entübrigt werden möchtet?« Er antwortet, seinesteils sei mir alles heimgestellt, sintemal er mich mehr vor eine Göttin als vor eine irdische Kreatur halte, von deren er auch jederzeit entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens, die Servitut oder Freiheit, ja alles gern annehmen wollte, was mir nur zu befehlen beliebte. Und solches bezeugte er mit solchen Gebärden, daß ich wohl erachten konnte, ich hätte einen Narren am Strick, der eher in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen als in seiner Libertät ohne mich leben würde.

Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen, dieweil das Wasser trüb war; und warum wollte ichs nicht getan haben, da doch der Teufel selbst diejenige, die er in solchem Stand findet, wie sich mein Leffler befande, vollends in seine Netze zu bringen unterstehet? Ich sage dies nicht, daß ein ehrlicher Christenmensch, den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu folgen, an mir ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern daß Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was er vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du erfahren, daß ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen erwiesen, dergestalt wieder eingetränkt, daß du vor ein Pfund, so du ausgeben, wieder ein Zentner eingenommen. Aber diesen meinen Galanen brachte ich so weit, daß er mir folgende Punkten eingieng und zu halten versprach:

Erstlich sollte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er anderergestalt mein Diener nicht sein könnte, ich aber keine Musketiererin sein möchte.

Alsdann sollte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer Ehemann alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, ebendesgleichen zu tun schuldig sein und ich ihme hinwiederum.

Jedoch sollte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirche nicht ehe bestättigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm befruchtet.[64]

Bis dahin sollte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur selbsten haben und behalten, in aller Maß und Form, wie sonst ein Mann das Gebiet über sein Weib habe.

Kraft dessen sollte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern noch abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern Mannesbildern konversiere oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst Ehemänner zum Eifern verursachte.

Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Markedenterin abzugeben, sollte er zwar in solchem Geschäfte das Haubt sein und der Handelschaft wie ein getreuer und fleißiger Hauswirt so tags so nachts emsig vorstehen, mir aber das Oberkommando sonderlich über das Gelt und ihn selbsten lassen und gehorsamlich gedulten, ja ändern und verbessern, wann ich ihne wegen einiger seiner Saumsal korrigiern würde. In Summa, er sollte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten und angesehen werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir obenangeregte Schuldigkeit in allweg in acht nehmen. Und solches alles verschrieben wir einander.

Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, sollte er zum siebenden gedulten, daß ich ihn mit einem sonderbaren Namen nennete, welcher Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden sollte, wormit ich ihn das erstemal etwas zu tun heißen würde.

Als er mir nun alle diese Punkten eingangen und zu halten geschworen, bestättigte ich solches mit einem Kuß, ließe ihn aber vor diesmal nicht weiter kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich hingegen griffe mich an und brachte unter einem andern Regiment zu Fuß zuwegen alles, was ein Markedenter haben sollte, und fieng an, mit dem Judenspieß zu laufen, als wann ich das Handwerk mein Lebtag getrieben hätte.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 61-65.
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