14.

Deß Herren Jesu Verdammung

[136] Auff die Melodie: Ade verfluchtes Thränenthal/oder: Ach lieben Christen trauret nicht.


1.

So kan bey dir deß Käysers Huld/

Mehr als ein rein Gewissen/

So muß Pilate deine Schuld

Deß Höchsten Vnschuld büssen?

So eylest du dem Richtstul zu?

So suchest du der Völcker Ruh/

Im heilgem Blutvergiessen?


2.

Ob schon die zweymal dritte Stund/

Den Oster-Rüstag theilet:

Hat doch der Völcker grimmer Bund/

Sich auff dem Platz verweilet/

Den spricht der Zage Richter an/

Schau't euren König/ schaut den Mann

Dem nur Verbrechen feilet.


3.

Weg mit Ihm! weg rufft die Gemein!

Weg/ laß am Creutz Ihn sterben!

Sol/ spricht Er: durch der Knechte Pein

Der Juden Fürst verderben?

Fort! schrien die Priester: dieses Land

Hat alle König' außgebannt

Vor seines Keysers Erben;


4.

Weil dann der grimme Blut-Tumult/

Durch keinen Glimpff zu stillen.

Verdammt Er den/ der ohne Schuld[136]

Der tollen Schaar zu willen;

Der Er/ weil kein Vermahnen gilt/

Wil durch ein vorgesteltes Bild/

Die wüttend Augen füllen.


5.

Er wäscht die beyden Hände rein/

Vnd spricht: sols ja geschehen!

So wil Ich vnbeflecket seyn/

Ihr Kläger mögt zu sehen:

Es klebe deß Gerechten Blutt

Nicht mir an: Ihr denckt was ihr thut:

Ihr seyd hierumb zu schmehen.


6.

Sie ruffen laut/ es mag sein Blutt

Auff vnser Köpffe flissen!

Wir wollen (wo man vnrecht thut)

Mit vnsern Kindern büssen.

Da ward Barrabas frey gemacht/

Vnd Gottes Sohn verspeit/ verlacht/

Hin zu der Qval gerissen.


7.

Herr/ den diß vnrecht Vrtheil heist

Vor mein verbrechen leiden!

Bedencke wenn du meinen Geist

Auffs neu mit Fleisch wirst kleiden/

Daß du vor mich schon seyst gericht/

Daß Ich von deinem Angesicht

Mög vnverurtheilt' scheiden.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 136-137.
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