Vierzehnter Auftritt

[31] Rosalinde. Später Alfred.


ROSALINDE allein. Er weint und tanzt zugleich. Wie leichtsinnig doch diese Männer sind! Er wird sich schnell zu trösten wissen, während ich arme Frau einsam und verlassen um ihn traure, bis ... der andere kommt! Nein, der andere darf nicht kommen; ich gehe hinunter und lasse alle Türen schließen. Geht gegen die Tür. Ja, ich sperre zu! Kehrt langsam wieder um. Ich kann nicht, ich darf aber auch nicht! Ich habe geschworen, und was man geschworen hat, muß man halten, sonst ist man verloren. Horcht gegen die Tür. Man kommt; er ist's! Setzt sich. Er wird mich trösten wollen, da wird er sich aber irren. Ich bleibe untröstlich!

ALFRED in der Tür. Er brummt!

ROSALINDE mit einem Seufzer. Er brummt!

ALFRED bemerkt den Wein auf dem Tisch. Sie haben, wie ich sehe, schon dafür gesorgt, mich gastlich zu empfangen. Danke für die freundliche Aufmerksamkeit! Füllt ein Glas.

ROSALINDE pikiert. Machen Sie keine Umstände, bitte!

ALFRED. Sie haben recht. Da sind ja auch die Attribute des legitimen Hausherrn: Schlafrock und Kappe! Wohlan, ich will mich auf einen Augenblick in mein verlorenes Paradies zurückträumen. Ich will mir einbilden, Ihr Gemahl zu sein. Zieht seinen Rock aus und bekleidet sich mit Schlafrock und Kappe.

ROSALINDE. Mein Gott, was tun Sie denn?

ALFRED. Kommod mach ich mir's! Ißt und trinkt. Hast du keinen Appetit, liebes Weibchen?

ROSALINDE. Das ist doch zu arg!

ALFRED. Morgen früh keinen Kaffee, liebe Alte! Ich bitte um ein russisches Frühstück: Kaviar, Roastbeef, Heringssalat ...

ROSALINDE. Zum Frühstück! Er wird doch nicht ...

ALFRED. Und Rostopschin ... ich liebe starke Getränke!

ROSALINDE mit aufgehobenen Händen. Ich bitte, ich[31] beschwöre Sie, verlassen Sie mich jetzt! Ich habe Sie empfangen, um meinen Schwur zu halten. Doch nun genug! Sie werden durch Fortsetzung dieses Scherzes nicht diejenige kompromittieren wollen, die Ihnen einst teuer war.

ALFRED. Kompromittieren will ich Sie nicht, aber Ihren Wein will ich auch nicht stehen lassen. Also trinken wir Einschenkend. und singen wir dazu!

ROSALINDE. Nein, nicht singen; nur nicht singen!!

ALFRED. Ei, warum denn nicht? Sie haben doch einst meinen Tenor so gern gehört!

ROSALINDE. Ach, das ist's ja eben! Nur zu gerne!

ALFRED schenkt ein und trinkt. Frisch gesungen!

Nr. 5. Finale


Trinklied


ALFRED.

Trinke, Liebchen, trinke schnell,

Trinken macht die Augen hell.

Sind die schönen Äuglein klar,

Siehst du alles licht und wahr.

Siehst, wie heiße Lieb' ein Traum,

Der uns äffet sehr,

Siehst, wie ew'ge Treue Schaum –

So was gibt's nicht mehr!

Flieht auch manche Illusion,

Die dir einst dein Herz erfreut,

Gibt der Wein dir Tröstung schon

Durch Vergessenheit.

Glücklich ist, wer vergißt,

Was doch nicht zu ändern ist!

Sing, sing, sing, trink mit mir,

Sing mit mir – Lalalala!

ROSALINDE.

Ach, was tut man hier?

BEIDE.

Glücklich ist, wer vergißt,

Was doch nicht zu ändern ist!

ROSALINDE.

Er geht nicht von hinnen,

Schläft hier wohl noch ein.

Was soll ich beginnen?

ALFRED.

Stoß an!

ROSALINDE.

Nein, nein![32]

ALFRED.

Ach!

Trinke, Liebchen, trinke schnell,

Trinken macht die Augen hell.

Mach doch nur kein bös Gesicht,

Sei hübsch lustig, grolle nicht!

Brachst du einmal auch die Treu,

Das sei dir verziehn.

Schwöre wieder mir aufs neu,

Und ich glaub dir kühn!

Glücklich macht uns Illusion,

Ist auch kurz die ganze Freud.

Sei getrost, ich glaub dir schon

Und bin glücklich heut!

ROSALINDE.

Ach!

BEIDE.

Glücklich ist, wer vergißt,

Was doch nicht zu ändern ist!

ROSALINDE spricht. Ich höre Stimmen; man spricht unten. Weh mir! Zu Alfred. Hören Sie, man kommt die Treppe herauf!

ALFRED. Das geniert mich nicht!

ROSALINDE. Himmel, welche Lage!


Quelle:
Johann Strauß: Die Fledermaus. Text nach H. Meilhac und L. Halévy von C. Haffner und Richard Genée, Stuttgart 1976, S. 31-33.
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