8.

Doris

[79] 1730.


Bei diesem Gedichte habe ich fast nicht mit mir einig werden können, was mir zu thun zukäme. Es ist ein Spiel meiner Jugend. Was uns im zwanzigsten Jahr lebhaft und erlaubt vorkömmt, das scheint uns im siebzigsten thöricht und unanständig. Sollten wir uns nicht vielmehr der Eitelkeiten unsrer Jugend, als der unschuldigen Zeitvertreibe unsrer Kindheit schämen? Aber da einmal dieses Gedicht in so vielen Händen ist, da ich es aus denselben zu reißen unvermögend bin, so muß ich dieses Angedenken einer herrschenden, und endlich in einem gewissen Verstande unschuldigen Leidenschaft, nur aufrecht lassen. Die Jahrzahl selbst wird das übrige erklären.


Des Tages Licht hat sich verdunkelt,

Der Purpur, der im Westen funkelt,

Erblasset in ein falbes Grau;

Der Mond erhebt die Silber-Hörner,

Die kühle Nacht streut Schlummer-Körner

Und tränkt die trockne Welt mit Thau.


Komm, Doris, komm zu jenen Buchen,

Laß uns den stillen Grund besuchen[80]

Wo nichts sich regt als ich und du.

Nur noch der Hauch verliebter Weste1

Belebt das schwanke Laub der Aeste

Und winket dir liebkosend zu.


Die grüne Nacht belaubter Bäume

Lockt uns in Anmuths-volle Träume,

Worein der Geist sich selber wiegt:

Er zieht die schweifenden Gedanken

In angenehm verengte Schranken

Und lebt mit sich allein vergnügt.


Sprich, Doris! fühlst du nicht im Herzen

Die zarte Regung sanfter Schmerzen,

Die süßer sind als alle Lust?

Strahlt nicht dein holder Blick gelinder?

Rollt nicht dein Blut sich selbst geschwinder

Und schwellt die Unschulds-volle Brust?


Ich weiß, daß sich dein Herz befraget

Und ein Begriff zum andern saget:

Wie wird mir doch? was fühle ich?

Mein Kind! du wirst es nicht erkennen,

Ich aber werd es leichtlich nennen,

Ich fühle mehr als das für dich.


Du staunst; es regt sich deine Tugend,2

Die holde Farbe keuscher Jugend

Deckt dein verschämtes Angesicht;

Dein Blut wallt von vermischtem Triebe,[81]

Der strenge Ruhm verwirft die Liebe,

Allein dein Herz verwirft sie nicht.


Mein Kind, erheitre deine Blicke,

Ergieb dich nur in dein Geschicke,

Dem nur die Liebe noch gefehlt.

Was willst du dir dein Glück missgönnen?

Du wirst dich doch nicht retten können!

Wer zweifelt, der hat schon gewählt.


Der schönsten Jahre frische Blüthe

Belebt dein aufgeweckt Gemüthe,

Darein kein schlaffer Kaltsinn schleicht;

Der Augen Glut quillt aus dem Herzen,

Du wirst nicht immer fühllos scherzen,

Wen alles liebt, der liebet leicht.


Wie? sollte dich die Liebe schrecken?

Mit Scham mag sich das Laster decken,

Die Liebe war ihm nie verwandt;

Sieh deine freudigen Gespielen!

Du fühlest, was sie alle fühlen;

Dein Brand ist der Natur ihr Brand.


O könnte dich ein Schatten rühren

Der Wollust, die zwei Herzen spüren,

Die Liebe leitet zum Altar,

Du fordertest von dem Geschicke

Die langen Stunden selbst zurücke,

Worin dein Herz noch müßig war!


Wann eine Schöne sich ergeben,

Für den, der für sie lebt, zu leben,

Und ihr verweigern wird ein Scherz;[82]

Wann, nach erkannter Treu des Hirten,

Die Tugend selbst ihn kränzt mit Myrten,

Und die Vernunft spricht wie das Herz;


Wann zärtlich wehren, holdes zwingen,

Verliebter Diebstahl, reizends ringen

Mit Wollust beider Herz beräuscht,

Wann der verwirrte Blick der Schönen,

Ihr schwimmend Aug voll seichter Thränen,

Was sie verweigert, heimlich heischt,


Wann sich – allein, mein Kind, ich schweige.

Von dieser Lust, die ich dir zeige,

Ist, was ich sage, kaum ein Traum.

Erwünschte Wehmuth, sanft entzücken,

Was wagt der Mund euch auszudrücken?

Das Herz begreift euch selber kaum.


Du seufzest, Doris! wirst du blöde?

O selig! flößte meine Rede

Dir den Geschmack des liebens ein!

Wie angenehm ist doch die Liebe?

Erregt ihr Bild schon zarte Triebe,

Was wird das Urbild selber sein?


Mein Kind, genieß des frühen Lebens,

Sei nicht so schön für dich vergebens,

Sei nicht so schön für uns zur Qual!

Schilt nicht der Liebe Furcht und Kummer!

Des kalten Gleichsinns eckler Schlummer

Ist unvergnügter tausendmal.


Zudem, was hast du zu befahren?

Laß andre nur ein Herz bewahren,[83]

Das, wers besessen, gleich verlässt!

Du bleibst der Seelen ewig Meister,

Die Schönheit fesselt dir die Geister,

Und deine Tugend hält sie fest.


Erwähle nur von unsrer Jugend,

Dein Reich ist ja das Reich der Tugend,

Doch, darf ich rathen, wähle mich!

Was hilft es, lang sein Herz verhehlen?

Du kannst von hundert Edlern wählen,

Doch keinen, der dich liebt, wie ich.


Ein andrer wird mit Ahnen prahlen,

Der mit erkauftem Glanze strahlen

Der malt sein Feuer künstlich ab,

Ein jeder wird was anders preisen,

Ich aber habe nur zu weisen

Ein Herz, das mir der Himmel gab.


Trau nicht, mein Kind, jedwedem Freier,

Im Munde trägt er doppelt Feuer,

Ein halbes Herz in seiner Brust:

Der liebt den Glanz, der dich umgiebet,

Der liebt dich, weil dich alles liebet,

Und der liebt in dir seine Lust.


Ich aber liebe, wie man liebte,

Eh sich der Mund zum seufzen übte

Und Treu zu schwören ward zur Kunst;

Mein Aug ist nur auf dich gekehret,

Von allem, was man an dir ehret,

Begehr ich nichts als deine Gunst.


Mein Feuer brennt nicht nur auf Blättern,

Ich suche nicht dich zu vergöttern,[84]

Die Menschheit ziert dich allzusehr:3

Ein andrer kann gelehrter klagen,

Mein Mund weiß weniger zu sagen,

Allein mein Herz empfindet mehr.


Was siehst du furchtsam hin und wieder

Und schlägst die holden Blicke nieder?

Es ist kein fremder Zeuge nah;

Mein Kind, kann ich dich nicht erweichen? –

Doch ja, dein Mund giebt zwar kein Zeichen,

Allein dein seufzen sagt mir: Ja!

1

Den 19. Febr. 1731 heirathete der Verfasser Marianen Wyß von Mathod und la Mothe.

2

Dieses alte schweizerische Wort behalte ich mit Fleiß. Es ist die Wurzel von erstaunen und bedeutet rêver, ein Wort, das mit keinem andern gegeben werden kann.

3

Dieser Gedanke gehört eigenthümlich dem Herrn Drollinger zu. Er stund in einem verliebten Gedichte, davon man in der Sammlung seiner Poesieen keine Spur mehr antrifft, und haftete mir aus einem freundschaftlichen Gespräche im Gedächtniß.

Quelle:
Albrecht von Haller: Gedichte, Frauenfeld 1882, S. 79-85.
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