Die erste Abhandlung.

[20] Der Schauplatz stellet vor der Sophie Maierhof bey Rom.


SOPHIA.

Wer in der Eitelkeit stets güldne Stunden zählt /

Sein Perlenschwangres Haubt den Sternen fast vermählt /

Mit Göttern dieser Welt alß Brüdern umb mag-gehen

Den wird der Pöfel zwar biß an den Pol erhöhen.

Allein diß Glück ist nichts / alß Schatten / Rauch und Schnee /

Jm fall die Seele fühlt ein unergründtes Weh /

Ein Weh / das uns verletzt mit Flammen-reichen Pfeilen /

Und das kein Musa nicht noch Podalir kan heilen.

Daß mich das grosse Rom auf diese Welt gebracht1

Mit angebohrnem Glantz und ungeschminckter Pracht;

Daß Nerva und Trajan mit güldnen Ehren-Fahnen

Verewigt hier und dar die Thaten meiner Ahnen /

Daß Schönheit und Verstand mein zartes Haubt bekräntzt /

Des Eh-Betts Paradieß mit dreyen Lilgen gläntzt;2

Daß ich auf dieser Au bey silberklaren Flüssen

Kan Speise / Tranck und Schlaff in sanfter Ruh geniessen;

Das mich die Kaiserin mit Wolthat stets beblühmt /

Gantz Welschlands kluger Mund Sophiens Tugend rühmt /

Pechschwartze Sorgen nicht umb meine Glieder schweben;

Diß alles kan mir zwar verzuckern Zeit und Leben.

Ach! Aber schau ich an die doppelt' Ewigkeit /[20]

Die nach dem Sündenfall der Himmel uns bereit;

So muß die Thränen-Bach auf beide Wangen flüssen.

Du lagst / Sophie / du lagst in solchen Finsternüssen /

Aus derer Labyrinth die Seele schwerlich steigt /

Wenn nicht der grosse Gott selbst Weg' und Mittel zeigt:

O wunderseltzam Werck! Der gantze Kreiß wil dienen

Dem / der unendlich herrscht auf den gestirnten Bühnen;

Er dienet; aber Ach! Daß Weißheit und Verstand

Sich so bethören lässt den schlauen Rhadamant /

Der auf des Schöpfers Macht im Anfang stracks gewüttet /

Und unsern Bund mit Gott durch grimme List zerrüttet /

Es sucht ein iedes Thier ja die Vergnügungs Ruh:

Der Adler fleugt mit Lust der göldnen Sonne zu /

Die Krocodile spiel'n beym Nilus mit einander /

Der Flammen-reiche Pful erquickt den Salamander /

Und Menschen suchen stets bey Gott ihr höchstes Gut.

Hier strauchelt die Vernunft! Hier wirfft die Andachts-Glut

Viel tausend Funcken aus / die nichts alß Blitz gebehren /

Und vor den Himmel uns den Höllen-Pful gewehren!

Verblendtes Heidenthum! Was hat dich doch bewegt /

Daß du Stern / Sonn' und Mond; und was der Erdkreiß hegt /

Zum Abgott dir erkiest? Daß Kräuter / Bluhmen / Steine /

Gold / Silber / Holtz / Kristall / verdorrte Todten-Beine /

Ein Athemloses Bild dein Schutzherr bleiben sol?

Elender Aberwitz! Wie wol und mehr alß wol

Ist dieser Seele doch / die frey von solchen Keten

In reiner Andacht kan den wahren Gott anbeten!

Die / was sein heil'ger Mund der gantzen Welt entdeckt /

Mit frohem Geist annimmt / und ehret unbefleckt!

Mit diesem Gnaden-Oel hast du mich nun befeuchtet /

GOTT / dreymal grosser GOTT! Du hast mein Hertz erleuchtet /

Dein' Allmacht hat an mir ein solches Werck vollführt /

Daß uns mit Ehren-Preiß und Sieges-Palmen ziehrt /

In schönsten Himmel kehrt den Traur-Saal dieser Erden /[21]

Und uns aus Menschen läßt zu Seraphinen werden!

Du hast von mir die Nacht des Heidenthums verjagt:

Wie sol ich Dich erhöhn? Sophie bleibt deine Magd!

Sophie bleibt deine Magd / die sich und ihre Kinder

Auf ewig Dir verpflicht / Großmächt'ger Uberwinder!


Sophia, Alexander.


ALEXANDER.

GLück zu / Hochwerthe Frau!

SOPHIA.

Glück zu! woher so früh?

So einsam? so betrübt?

ALEXANDER.

Die Eisenharte Müh /

Und immerfrische Pein der höchstgequälten Christen

Treibt mich an diesen Ort! Es lässet sich gelüsten

Des rothen Drachens Grimm nach unsrem reinen Blut.

SOPHIA.

Welch Unstern zeiget sich?

ALEXANDER.

Ach! Die Verfolgungs-Glut

Verzehret Stadt und Land! Faustina ist vergangen

In siedendheisser Fluth / Seraphia durch Zangen

Gestürtzet in das Grab; Anthia fiell durchs Beil /

Eustachius durchs Schwerdt / Theospis durch den Pfeil;

Und Symphorosa3 wird durch jammerreiches Sterben

Nebst sieben Söhnen itzt die Märtrer-Krohn erwerben!

Kein Tempel / keine Gruft schützt Christen vor dem Fall!4[22]

SOPHIA.

O Traurens volle Post! O rauher Donner-Knall /

Der meine Brust verletzt / doch auch zugleich erquicket!

Wo rührt solch Ubel her?

ALEXANDER.

So viel aus allem blicket /

Sind eintzig und allein die Ketzer schuld hieran.

Sie weiß / daß Ebion / Zerinthus und Montan5

Nebst tausend andern mehr / sich wahre Christen nennen /

In toller Fantasie: Den Schwarm nun zu zertrennen /

Wird vom Heliodor der Kaiser stets verhetzt /

Daß Er den grimmen Stahl auf unsre Nacken wetzt /

Und in erhitztem Muth auf solche Foltern dencket /

Wodurch die Kirche werd' ins Todten Meer versencket.

SOPHIA.

Wahr ists: Die Ketzer sind der Brunnquell solcher Pein:

Denn die Religion ist ihnen nur ein Schein /6

Ein blosses Schatten-Bild und unbeseelter Götze.

Weh aber / dessen Mund die Himmlischen Gesetze

So liederlich verkehrt in eine Hand voll Wind!

Drumb ists kein Wunder nicht / daß Hadrian stets sinnt

Auf unsern Untergang / daß Er vor Wolfarths Lilgen

Das Eisenkraut uns reicht / und gäntzlich wil vertilgen.

Doch hilfft auch sehr hierzu Sveton7 und Antonin!

ALEXANDER.

Ja! Weil diß Paar regiert / so bleibt uns zum Gewien

Pech / Schwefel / Räder / Strick / Pfal / Mörsel / Creutze / Zangen /

Ein glüendeisern Pferd! Wehn ihre List kan fangen /

Umb dessen Ehr' / und Gutt und Leben ists gethan!

Strahlt etwan ein Comet auf der gestirnten Bahn /[23]

Bewegt die Erde sich / wil sich die Tyber breiten /8

Wil Hunger / Krieg und Pest so Stand alß Land bestreiten /

So heist es alsobald: Fort mit den Christen! fort

Ins düstre Löwen Haus!

SOPHIA.

Was spricht zu solchem Mord

Die frohme Kaiserin / die wahre Tugend schmücket /

Die Christum heimlich ehrt / und oft sein Volck erquicket?

ALEXANDER.

Sie trägt dem Kaiser zwar der Christen Unschuld vor;

Er aber hört sie nur mit fest-verstopftem Ohr /

Gleich Schlangen / welche nichts auf den Beschwerer hören /

SOPHIA.

Wie lange wird dann nun diß Wetter uns versehren!

ALEXANDER.

Wie lange wird denn nun die Tyranney bestehn!

SOPHIA.

Wie lange wird diß Schwerdt uns durch die Seele gehn!

ALEXANDER.

Ach Höchster! Steure doch dem Blutbegier'gen Rasen!

SOPHIA.

Ach lasse doch einmahl die Unglücks Flamm ausblasen!

ALEXANDER.

Ach ende doch einmahl die Jammer-volle Pest!

SOPHIA.

Ach schütze deine Schaar / die sich auf dich verlässt![24]

ALEXANDER.

Beweise wer du seyst / du Kaiser aller Kaiser!

SOPHIA.

Beschirme für und für die Dir geweihten Häuser!

ALEXANDER.

Führ aus Aegyptens Nacht uns ins gelobte Land!

SOPHIA.

Daß deine Majestät den Heyden sey bekant!

SOPHIA. ALEXANDER.

Erhöre / grosser Gott / was wir so sehnlich bitten /

Und wende gnädig ab diß ungerechte Wütten!


Sophia, Alexander, Fides, Spes, Charitas.


FIDES. SPES UND CHARITAS.

Seid tausendmahl gegrüßt ihr Sonnen unsrer Zeit /

ALEXANDER.

Willkommen liebste Schaar / die Jhr die Ewigkeit /

Nebst eurer Mutter sucht mit hertzlichem verlangen!

Jhr Blumen schönster Arth / kommt / laßt mich Euch umbfangen!

FIDES.

Mein Bischoff / den uns Gott zum Leit-Stern hat geschenckt /

Als unsre Seele war mit schwartzer Nacht umbschränckt /

Was könt uns lieblichers auf dieser Welt begegnen /

Als deine Gegenwart! Du kanst uns eintzig segnen /[25]

Du bist der grosse Mann / der unter Jesus Fahn

Vielmehr als Julius und Alexander kan!

Ach steh uns ferner bey in den betrübten Zeiten!

SPES.

Mein Lehrer! Dessen Haubt die Engel selbst begleiten /

Weil du gleich Engeln strahlst mit Gott geweihter Brunst /

Wie sol doch unsre Zung' erheben deine Gunst /

Womit du für und für holdseelig uns erquicket!

CHARITAS.

Mein Schutz-Herr / dessen Kraft der Höllen mich entrücket /

Und meine Kindheit stracks zur Sternen-Bahn geführt /

Wie sol ich danckbar seyn / daß du mich so geziert /

Das du mit solchem Glantz mein zartes Hertz erleuchtet!

ALEXANDER.

O Kinder! Derer Brust die Tugend selbst befeuchtet /

Die Jhr ein wahres Bild der Edlen Mutter seyd /

Wie hat eur kluger Mund mein Hertze doch erfreut /

In dem ihr Christus Knecht mit solchem eifer liebet!

Fahrt fort in dieser Gunst! Wer sich der Lieb' ergiebet /

Wer solche Flammen hegt in seiner keuschen Brust /

Dem wird die größte Pein zur aller größten Lust.

Der kan die Fantasie der vorgemahlten Sünden

Mit Löwenstarckem Muth großmüttig überwinden.

SOPHIA.

So ists: verlacht die Welt / folgt seinem treuen Rath!

Denn wer zum Vater Gott / zu Brüdern Engel hat /

Dem kan kein rauher Sturm der Eitelkeiten schaden.

Es mag Fürst Hadrian im stärcksten Balsam baden /

Ziebeth und Ambra mag durchwürcken sein Gewand;

Diß Schatten-Werck dient nichts! Wehn das Hochwerthe Pfand[26]

Der heil'gen Tauffe schmückt / der kan sich recht vergöttern /

Der bleibet stets befreyt vor allen Donner-Wettern!

FIDES.

Es sol kein Teufel mir entreissen diese Kron!

Mein Glaube stehet fest in der Religion /

Die eintzig und allein auf Christum ist gegründet!

SPES.

Frau Mutter / wo sich nicht die wahre Hoffnung findet

In meiner zarten Brust / so schätzet mich nicht werth

Der Mütterlichen Gunst!

CHARITAS.

Wird Charitas begehrt;

Hier ist sie / die kein Schmertz vom lichten Himmel trennet /

Die gegen Gott und Euch in heisser Liebe brennet!

Mich dünckt / ich sehe schon den ädlen Traum erfüllt /

Der / alß der sanfte Schlaf die müde Seel umhüllt /

Mir erst ein Paradieß der ird'schen Wollust zeigte;

Hernach / weil sich mein Geist von diesem abwerts neigte /

Und nach den Wolcken sah / ins tieffsten Kerkers-Wust

Ein scharffgeschliffen Beill vorstellte meiner Brust:

Jch fiell gantz von mir selbst! Doch alß ich nun zerfallen /

Hört' ich in einem Blick der Engel Stimm' erschallen:

Mein Haupt / das vor das Beil mit Blut und Sand befleckt

Ward mit der schönsten Kron' aus Perl' und Gold bedeckt.

O brechet nur bald an ihr höchstgewündschten Stunden!

SOPHIA.

Du hast den rechten Zweck / hertzliebstes Kind gefunden /

Durch solche Bilder prüft der Himmel unsern Geist /

Wenn etwan das Gelück mit Keilen nach uns schmeißt /

Und uns der grimme Tod mit seiner Sensen dreuet.[27]

ALEXANDER.

Jch werde gantz entzückt! Jch werde gantz verneuet.

Daß solcher Helden Muth in zärt'sten Kindern wohnt!

Ach Liebste! Bleibet treu! Wer treu bleibt / wird belohnt!

Ja wenn die gantze Welt wird in den Flammen krachen /

Wird uns die wahre Treu zu Seraphinen machen.


Sophia. Alexander. Fides. Spes. Charitas. Palladia. Honorius. nebst zwey Pagen.


PALLADIA.

Welch Wunder sehen wir? Verblend't mich mein Gesicht?

Wie? Träumt mir? Schau ich recht? Ists? Oder ist es nicht?

Daß sich Sophie erkühnt mit Christen umb-zu-gehen /

Die stündlich in Gefahr des grimmsten Todes stehen?

HONORIUS.

Es ist ein Gauckelwerck / ein falschgeschminckter Geist /

Der sich itzt in Gestalt des Röm'schen Bischoffs weist:

Sophie ist viel zu klug / die Thorheit zu vollführen /

Die weder ihrem Stand noch Alter wil gebühren!

SOPHIA.

Die Thorheit stehet schön / die Fleisch und Welt verlacht /

Und immer-hellen Tag erkieset vor die Nacht!

Die Thorheit stehet schön / die Seel' und Sinn erquicket /

Und mit den Lorbern uns der höchsten Weißheit schmücket!

Hier schwermet kein Gespenst; schaut Alexandern hier /9

Den Brunnquell unsrer Ruh / Sophiens größte Zier /

Und ihrer Kinder Trost / durch den wir noch auf Erden

Zum klügsten Seneca / zur schönsten Pallas werden![28]

PALLADIA.

Welch Dunst umbnebelt dich? Heißt dieses Weise seyn /

Wenn man vor Ehr' und Lust erkieset Schimpf und Pein?

Wenn man im düstern Schacht verfluchten Irrthums schwebet /

Jn tollem Aberwitz dem Kaiser wiederstrebet /

Und selber sich verkennt?

HONORIUS.

Entdecke / was du bist!

Halt uns nicht länger auf!

SOPHIA.

Sophie ist nun ein Christ!

Sophie ist nun ein Christ!

HONORIUS.

Pfuy! schäm dich so zu nennen!

SOPHIA.

Der darff sich schämen nicht / der Christum wil bekennen:

FIDES.

Der darff sich schämen nicht / der nach dem Himmel schaut /

SPES.

Der darff sich schämen nicht / dem Jesus sich vertraut!

CHARITAS.

Der darff sich schämen nicht / der Gott und Engel liebet /

Und sich der Ewigkeit aus reiner Seel' ergiebet!

PALLADIA.

Jhr Götter! Jch erstarr / hat diese Pest zu gleich

Die Kinder auch vergift / die Kinder / die im Reich

Deß grossen Hadrians zu Sonnen könten werden?[29]

FIDES. SPES UND CHARITAS.

Wir achten nichts den Dunst der Jammervollen Erden?

HONORIUS.

Erbärmlicher Verlust! Wo denckt ihr Albern hin?

FIDES.

Ins wahre Paradieß / wo Palm und Lorbern blühn!

SPES.

Wo unser Leib sich kehrt in ewige Narcissen.

CHARITAS.

Wo man das Himmel-Brodt kan für und für genüssen.

PALLADIA.

Weh diesem / der sein Glück so närrisch von sich stösst!

HONORIUS.

Der Zaubrer hat diß Gift den Kindern eingeflößt?

PALLADIA.

Der Hexenmeister ist der Grund-Stein solcher Plagen.

ALEXANDER.

Mein Jesus! Läßt du diß von deinem Diener sagen!

HONORIUS.

Der Diener und der Herr sind eines Titels werth.

SOPHIA.

Beschimpft den Höchsten nicht! Sagt / was ihr dann begehrt?

PALLADIA.

Sie sol sich zu dem Dienst der Alten Götter wenden![30]

SOPHIA.

Die Götzen können mir nicht Schutz und Hülffe senden.

HONORIUS.

Beschützt nicht Jupiter den Kaiserlichen Thron?

SOPHIA.

Vielmehr als Jupiter ist Gottes wahrer Sohn!

PALLADIA.

Gott ist ja nicht ein Mensch / Er zeuget keine Kinder /

SOPHIA.

Wer Gottes Sohn verwirfft / der ist der größte Sünder.

HONORIUS.

Du wirst nicht klüger seyn / als die geweihte Schaar.

SOPHIA.

Jhr blinder Irrthum stürtzt die Seelen in Gefahr.

PALLADIA.

Eur blinder Irrthum stürtzt die Seelen in die Hölle.

SOPHIA.

Wer sich zu Jesu hält / der hat die beste Stelle.

HONORIUS.

Die beste Stelle wird dir zeigen Hadrian.

SOPHIA.

Mein Hertz ist schon vergnügt auf der beblühmten Bahn.[31]

PALLADIA.

Was kan diß Hirten-Haus vor grosse Lust dir geben?

SOPHIA.

Hier kan ich früh und spat den wahren Gott erheben.

HONORIUS.

Die Götter kan man mehr im Capitol erhöhn.

SOPHIA.

Das Capitol vergeht / mein Gott wird ewig stehn.

PALLADIA.

Wer bey dem Kaiser steht / kan nimmermehr verschwinden /

SOPHIA.

Der Kaiser wird nebst Euch den Himmel so nicht finden!

HONORIUS.

Den ird'schen Göttern ist ihr Himmel auf der Welt.

SOPHIA.

Wer hier den Himmel hat / kommt nicht zum Sternen-Zelt.

PALLADIA.

Der Himmel dieser Welt wird keinen nicht verdammen.

SOPHIA.

Der Himmel dieser Welt hegt nichts / als Wollusts Flammen!

HONORIUS.

Durch diese Flammen wird erhalten Leib und Geist.

SOPHIA.

Nein! weil die Wollusts-Glut uns von der Andacht reißt.[32]

PALLADIA.

Sie können beide blühn in einer klugen Seele.

SOPHIA.

Es kan nur eine blühn in meines Hertzens Höle.

HONORIUS.

So liebet dann Sophie die Gruft der Einsamkeit?

SOPHIA.

Die Unruh herrscht in Rom / hier güldne Sicherheit.

PALLADIA.

Dort schaut sie Gold / und Gipß / und tausend Diamanten.

SOPHIA.

Hier dient mir Luft und Bach stat schönster Musicanten.10

HONORIUS.

Dort wird der Kaiser dich oft küssen auf den Mund.

SOPHIA.

Auf diesem Kuß beruht nicht meiner Wolfarth grund.

PALLADIA.

Hier deckt sie Laub und Gras / dort köstlichste Tapeten.

SOPHIA.

Kennt auch Palladia des Hofes Blut-Cometen?

HONORIUS.

Ach ändre deinen Sinn! Du bist kein Engel nicht!

SOPHIA.

Honorius / du weist / die Tugend ist mein Licht![33]

PALLADIA.

Die wahre Tugend ist im grossen Rom zu sehen.

SOPHIA.

Die Tugend wohnet nicht / wo Geilheits Lüfte wehen.

HONORIUS.

So läßt Sophia nicht von solchem Irrthum ab?

SOPHIA.

Nein! Christo bleib ich treu biß ins beschwärtzte Grab.

PALLADIA.

Wie wird der Kaiser doch den frechen Abfall straffen?

SOPHIA.

Er brauche / wie er wil / die allergrimmsten Waffen!

HONORIUS.

Du wirst in kurtzer frist den schönen Ausgang schaun!

SOPHIA.

Mir wird vor keiner Qual in dieser Sache graun!

PALLADIA.

Der Kaiser sol alsbald die schnöde That erfahren!

SOPHIA.

Der Kaiser aller Welt wird seine Magd bewahren.[34]


Reyen


Der Religion / der Vernunft / des Glaubens und der Ketzer.

Der Schau-Platz verändert sich in einen Tempel.


RELIGION.

Mein weisses Licht beschämt der Sonnen-Glantz /

Mein silbern Kleid Sapphir und Diamant /

Die Flammen sind mein schönster Ehren-Krantz /

Der Sternen Gold mein rechtes Vaterland:

Gott ist mein Schatz / die Engel meine Brüder.

Zeit / Höll' und Tod sinckt vor mir bebend nieder.

Ost / West / Sud / Nord laufft meiner Schönheit nach /

Ein ieder wil mich heissen seine Braut;

Doch wehm beliebt mein sanftes Schlaf-Gemach /

Dem muß so Glaub' alß Liebe seyn vertraut:

Denn wenn Vernunft den tollen Zepter führet /

Da wird bey mir nur Ach und Weh verspühret.

So reicht mir nun den unverfälschten Kuß /

Die ihr das Licht der Ewigkeit verlangt /

Das Paradieß / den Zucker-reichen Fluß /

Wo man mit Palm und Sieges-Kronen prangt /

Wo für und für die reinen Seraphinen

Mit Himmel-Brodt und Nectar mich bedienen!

VERNUNFT.

Wer ist doch die / die sich so hoch erhebt /

Jn Jhrem Wahn schon bey den Sternen schwebt /

Jhr stoltzes Haupt mit Perl' und Gold beblühmet /

Und sich so frech alß eine Göttin rühmet?

Religion! Was ist doch deine Pracht?

Elendes Weib! Ein Schwaden-voller Schacht /

Ein blosser Traum / ein eingebildtes Wesen /

Wo keiner kan im Leben recht genesen![35]

Jch aber bin die Fürstin dieser Welt /

Die Luft / See / Glutt / und Erd' und Mensch erhält!

Mein Glas / mein Stab / mein Zirckel wird bezeigen /

Daß die Vernunft auch über dich kan steigen.

GLAUBE.

Schweig Thörichte / und laß die Göttin stehen!

Ob derer Glantz Dian und Zevs verschwindt!

Ein Welt-Kind wird dein Schau-Glas zwar erhöhen /

Doch dieser nicht / der himmlisch ist gesinnt.

VERNUNFT.

Wer wil doch nicht der grossen Narrheit lachen!

Ein blinder wil des andern Schutzherr seyn?

Vernunft muß ja den wahren Abriß machen /

Wie ieder Mensch geh in den Himmel ein.

GLAUBE.

Der Abriß ist aus diesem Buch zu nehmen /

Diß zeiget uns die rechte Sternen Bahn:

Drumb wollest du doch deine Sinnen zähmen!

Was hier geschicht / ist alles wolgethan.

VERNUNFT.

Jst's wolgethan? Laßt uns den inhalt schauen:

Welch toller Schwarm der Vögel zeigt sich hier?

Du kanst hinfort auf solches Glätteis bauen /

So wirst du seyn beglücket für und für!

GLAUBE.

Djß Grillen-Werck entspringt aus deinen Händen /

Wenn sie zuvor nicht reiner Glaube wäscht:

Denn keiner wird hier an den Hafen lenden /

Der nicht bey mir der Klugheit-Flammen lescht.[36]

VERNUNFT.

Ha! toller Wahn! Ha! ungereimtes sprechen!

So Schrift / als Wort muß ja auf mir beruhn;

Sonst würde Gott sein Urtheil selber schwächen /

Und wüste nicht der Glaube / was zu thun.

GLAUBE.

Mein brennend Hertz fleugt eintzig nach den Sternen /

Dahin Vernunft nicht ihre Flügel schwingt.

VERNUNFT.

Dein Flügel-Paar muß sich vom Pol entfernen /

Wenn dir Vernunft nicht flug und Beystand bringt.

GLAUBE.

Der Glaube siegt durch eig'ne Andachts-Strahlen.

VERNUNFT.

Dje Augenblicks mein Fern-Glaß dämpfen kan /

Schau! Welche Glut in deines Hertzens-Schaalen!

GLAUBE.

Auch in der Asch seh' ich den Himmel an.

Die Funcken sind ein Vorspiel neuer Flammen.

VERNUNFT.

Aus dieser Asch' entsteht kein Phönix nicht;

Es füge denn mein Richtscheit sie zusammen.

GLAUBE.

Dein Schau-Glaß wird verwandelt in kein Licht:

Jch aber kan die Berge selbst bewegen.11

VERNUNFT.

Durch meinen Arm.[37]

GLAUBE.

Der Glaube thuts allein.

VERNUNFT.

Auch die Vernunft.

GLAUBE.

Jch bringe Glück und Seegen.

VERNUNFT.

Aus meinem Quell.

GLAUBE.

Quillt Sorgen-volle Pein.

Jch herrsche bloß in Gott geweihten Sachen!

Jch bin die Perl' in der Religion!

VERNUNFT.

Jch muß dir nur kund meine Stärcke machen.

Jhr Söhne auf! Erscheint vor meinem Thron!

Wir wollen schaun / wer unter uns wird grünen.

DIE ACHT KETZER unter der Erden.

Wir werden dich / O Mutter / stracks bedienen!


Acht Ketzer steigen aus einer Höle / dehren ieder nach ertheiltem Kusse der Religion ein stücke von ihrem Kleide reisset und sich damit bedecket.


EBIONITA.

Religion / du allerliebste Braut /

Es hat sich dir mein Ebion vertraut:

Ist Ebion dein Buhler nun gewesen /

So laß / auch mich durch diesen Kuß genesen.[38]

CERINTHIANUS.

Religion / mein Zuckersüsses Licht /

Es hat sich dir Cerinthus ja verpflicht!

Cerinthus, der dich kühnlich mögen küssen;

Drumb lasse mich auch solcher Gunst genüssen!

BASILIDIANUS.

Religion / du Labsal meiner Brust /

Basilides war dir ja wol bewust /

Der oft geruht auf deinen Marmel-Wangen:

Ach lasse mich auch einen Kuß erlangen!

GNOSTICUS.

Religion / du hochgeschätzter Gast /

Kein Gnosticus war iemahls dir verhaßt:

Drumb wo du liebst hochfliegende Gedancken /

So schleuß mich ein in deinen Liebes-Schrancken!

MONTANISTA.

Religion / du Engel dieser Welt /

Wofern dein Witz was vom Montanus hält /

Der Dir zu Ruhm stets lag in Höl und Klippen /

So labe mich mit deinen Purpur-Lippen.

VALENTINIANUS.

Religion / du allerschönster Schwan /

Dir war ja lieb mein Valentinian:

Weil dieser nun stets deinen Glantz vermehret /

So leide auch / daß dich sein Diener ehret!

OPHITA.

Religion / du Wunder unsrer Zeit /

Zu deinem Dienst steht dieser Molch bereit;

Wo du nun nicht verschmähest meine Schlangen /

So lasse mich auch einen Kuß erlangen![39]

ADAMIANUS.

Religion / du fruchtbar Paradieß /

Die du geheilt des Adams Apfel-Biß;

Ach wärme mich / der ich dir nackend diene /

Mit einem Kuß auf der geweihten Bühne!

ALLE KETZER.

Du Sonne darffst auch Stern und Fackel nicht;

Nihm / Mutter / an die Zeichen unsrer Pflicht /

Zu welchen auch die Sclavin wird verfüget!

VERNUNFT UND ALLE KETZER.

So hat Vernunft dem Glauben obgesieget!


Der Schau-Platz wird in einem Augenblick über und über verfinstert / Die entkleidete Religion singet im Schatten also.


Jhr Heuchler / geht / prahlt nur mit meinem Rocke /

Auf dessen Kraft ihr gantz vergeblich baut!

Denn wer Gott dient bloß mit zerstücktem Schmucke /

Der ist nicht mein noch ich bin seine Braut!

Quelle:
Johann Christian Hallmann: Sämtliche Werke. Band 2, Berlin und New York 1975, S. 20-40.
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