(LXVIII.)
Die Mißgeburten.

[243] Wie man vor Zeiten bey den Römern allerhand Wunder Thiere auf den Schauplatz geführet / und dem Volcke vorgestellet; Also wird verantwortlich fallen / wann wir auch in unserm Schauplatz wunderliche Mißgeburten aufführen / und von denselben etliche natürliche Ursachen untersuchen. Das Wort Mißgeburt verstehen wir in einer weitschweiffigen Deutung / und dardurch alles was übel / und ausser dem ordentlichen Lauff der Natur in die Welt gebohren worden / begrieffen.

2. Die erste und oberste Ursache welcher wegen Mißgeburten gefunden werden / ist der gerechte Zorn Gottes / über unsere Sünde / und wird derselben nachgehende Straffe dadurch bedeutet. Gott aber würcket durch Affter Ursachen (per causas secundas) die zu erkündigen nicht verbotten / eines theils sich darvor zu hüten / anders theils sich über GOttes Finger zu verwundern / und seine Barmhertzigkeit um Abwendung aller angedeuten Landstraffen anzuflehen.

3. Die erste Mißgeburt welche fast in alle Länder raiset / und sich um Geld schauen lässet / ist ein doppelter Leib / und zween zusammen gewachsene Brüder / deren der gröste Lazarus / der ander Johann / nahe bey Genua in Costa einem Stättlein / erzeuget / von Johann Baptista Coloreto und Pelegrina seinem Eheweibe. Diese Mißgeburt ist zu der Welt geboren worden 1617. den 12. Mertz / da sie auch / auf gut befinden der Geistlichkeit getauffet worden. Ihre Mutter ist 3. Jahr hernach gestorben. Diese Brüder sind zusammen gewachsen vier Finger breit / ober dem Nabel / daß die Haut gantz an einander hangt / und hat doch jeder seine absonderliche Empfindlichkeit / daß der grosse nit spüret / wann man den kleinen anrühret / ja sie haben auch unterschiedliche Bewegungen deß[243] Hertzens. Der erste ist / ausser dieser Zusammenfügung mit seinem Bruder / gleich einem andern Menschen. Der andre aber hat viel einen kleinern Kopff gehabt / wie er auf die Welt kommen / nunmehr aber hat er ein sehr grosses unnd auff geschwollenes Haupt / welches sonders Zweiffel daher entstehet / weil das Haupt stettig unter sich hangt. Sein Angesicht gleichet zwar einem Menschen / ist aber abscheulich zusehen / weil er blind / taub / stum / hat grosse Zähne / und holet den Odem mehr durch den Mund / als durch die Nasen. Durch den Mund kan er keiner Speise geniessen / hat auch kein Ausladung / und nur ein sehr übel gestaltes Bein. Seine Arme sind auch kurtz / und hat an jeder Hand nur 3. Finger.

4. Der Augenschein erweiset / daß diese beede Brüder nur eine Leber und einen Magen / hingegen aber zwey Hertze / zwey Hirne / und zwo Lungen haben můssen. Zu Zeiten schläfft einer der ander wacht / einer ist kranck / der ander Gesund. Der grosse hat ihm in dreyen Kranckheiten über 30. mal die Adern schlagen lassen / zu andern Artzneyen haben die Aertzte nicht rathen wollen. Ob nun Lazarus mit diesem seinem ihm angewachsenem Bruder sehr belastet / in dem er ihn Tag und Nacht in einer Binden mit sich tragen muß / so hat ihm doch solchen die Gewonheit so leicht gemacht / daß er alle übung thut wie andere / ja so gar auch in dem Pallhauß spielet.

5. Die Natürlichen Ursachen können seyn folgende: 1. Ist die Mißgeburt in einer seltnen Fügniß oder Planeten gebohren / daher er ernehret wird / wie die Kinder in Mutter Leib durch den Nabel. 2. Ist vermuthlich / daß zuviel deß Samens zu einem / und zu wenig zu zweyen Kindern bey der Empfängniß gewesen / daraus diese Zusammenfügung entstanden 3. Kan auch solches geschehen seyn von einem Fall / welcher der Mutter diese Kinder abgetrieben hette / wann sie nicht so starck und lebhafft gewesen weren. 4. Siehet man dergleichen in einem Ey / welches zween Dottern hatt: wann nun das Häutlein darzwischen durch eine scharffe Feuchtigkeit / welche zu Zeiten in dem Samen enthalten ist / zerreiset / so schlieffen zwey an einander gewachsene Hüner / oder sie haben[244] einen Leib und vier Füsse / oder vier Flügel / etc. Fortun. Lycetus de Monstris.

6. Es ist auch nicht zuzweiffeln / daß sie zwo Seelen haben / weil sie zwey Hertze / zwey Hirn und Häupter / deßwegen sie auch absonderlich getaufft und benamet worden. Man kan auch diese Brüder für keine solche Mißgeburt halten / welche nicht unter der Menschen Zahl zu rechnen / weil sie ihren Vater geerbet / welches die andern Mißgeburten nicht fähig sind. Dergleichen gedencket auch Buchanan / in dem 13. Buch der Engländischen Geschichte.

7. Die andre Mißgeburt ist zu Augspurg geboren / genennet Barbara Ursina ( mit einem gar füglichen Namen ihrer Beschaffenheit / ein Mägdlein von 12. Jahren / deren gantzer Leib mit Haaren / oder rauen Zotten überwachsen ist / einen weisen Bart vier Finger lang / und das andre Gesicht wird mit dem Scheermesser überschoren / damit es nicht gar einem Thiere gleichet / und gleichwol sich um Geld schauen lässet. Hiervon wird um gefragt / ob man solcher Ungestalte natürliche Ursachen geben könne.

8. Erstlich halten etliche / daß solches der übermässigen Hitze zu zuschreiben / welche aus den Schweißlöchlein so viel gröbere und stärckere Haare treibe / daher man auch siehet / daß an andern Orten deß Menschlichen Leibes / wo die Hitze zusammen kommet / Haare wachsen / welche da sind ein rauhiger Dampff / so von der dritten Däuung über bleibet / unnd von der natürlichen Wärme durch die Haut getrieben und ertrocknet wird. Also erhartet der weichfliessende Aschen / und wird ein fein Glas daraus / und haben alle die / so eine zarte Haute haben / auch zarte Haare / und die in Gegenstand eine harte Haut haben / haben auch grobe und ungeschlachte Haare / wie wol an allen Thieren als Menschen zu beobachten.

9. Hingegen machet einen Zweiffel / die schwache Wärme / welche sich bey den Kindern und jungen Leuten findet / und nimmet solche erst in dem 14. oder 15. bey den Weibsbildern aber in dem 12. und 13. Jahre zu. Es ist auch der Leibe also beschaffen / das die dritte Däuung noch keinen solchen[245] rauchigen Dampff von sich geben kan / und muß man also auf eine andere Ursache bedacht seyn. Etliche wollen daß die Ursache dieser Haare sey die innerliche Kälte und Feuchtigkeit / welche durch die Schweißlöcher herrauß dringet; daher sihet man daß in den kältsten Orten die Thiere die gröbsten Haare haben. Man hat auch Exempel / daß den Leuten die Haare in einer Nacht / aus Furcht / welche Kälte verursachet / über lang gewachsen. Den Erhangten wächset das Haar nicht von natürlicher wärme / die vergeistert / sondern von der Feuchtigkeit / so die Kälte durch die Haut treibet und erhalten machet. Hingegen aber sihet man / daß die hitzigen Fieber die Haare ausfallen machen.

10. Etliche andre wollen die Ursachen der Einbildung / mit welcher die Mutter dieses haarigen Kindes / in dem dritten und vierten Monat ihrer Schwengerung um gangen beymessen. Die natürlichen Begierden bedienen sich solcher Einbildung / wie der Schmied sich deß Feuers bedienet. Die Mutter mag diese Tochter an einem Beeren / Wolff oder zottigen Hunde ersehen haben / und in dem sie solchen beharrlich zu Gesicht gefasset / und der besagten Thiere eines auch abwesend / gleichsam in einem Spiegel vermittelst der Einbildung (von den Bildern also benamet) gesehen und betrachtet / deßwegen dann dergleichen Feuchtigkeit / aus welchen die Haare werden können / durch den Nabelgang dem Kinde bey gebracht worden / daß es etlicher massen einem Beeren gleichen müssen. Weil es aber sonsten alle Glieder und den Verstand eines Menschen / ist noch zu fragen; ob es unter die Mißgeburten zu zehlen oder nicht.

11. Eine Mißgeburt wird genennet / wann eine Leibesfrucht zugleich eines Menschen und Thieres ungestalte Glidmassen hat: hier aber ist nichts Thierisches / als die Haut / und ist der so wenig ein Mißgeburt zu nennen / welcher zu viel Zehen oder zu lange Nägel / oder zu langen Fuß / etc. als diese / welche zu viel lange Haare hat. Wann wir unsern Leib betrachten / so ist er auch voller zarten Härlein / welche auß den Schweißlöchern getrieben werden / daß nun bey dieser Dirne[246] die Haare länger und stärcker / das ist zufälliger Weise geschehen / vieleicht auß oberzehlten Ursachen zugleich / und wundersam in deren Augen / so keine nutürliche Ursachen verstehen.

12. Zn Maintz haben zu Sebastian Münsters Zeiten zwey Weiber mit einander geredet / deren die eine schwanger gewesen / die dritte schleicht hinter derselben daher / und stösset ihnen die Köpffe zusammen / daß sie beede erschrecken. Was geschicht. Als die Zeit der Geburt herbey kommet / bringet diese zwo Töchter auf die Welt / welcher Stirne hart zusammen gefüget waren / und haben gelebt biß in das zehende Jahr. Eine ist viel Tage nach der andern gestorben / und hat von ihr müssen geschnitten werden / darauf sie auch erkranckt und den Geist aufgeben. Die Lehre dieser Erzehlung betrift die Schwangere / daß sie zu solcher Zeit ihrer wol in acht nehmen sollen / unnd auch alle andre / welche sie zu schertzen pflegen unwissend / daß ihnen dergleichen Unheil entstehen kan.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCXLIII243-CCXLVII247.
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