(CLVIII.)

Der Sterbenden Eitelkeit.

[562] Wann eine Sonnen Finsternis an dem Himmel sich begiebet / setzet man einen oder mehr grosse Spiegel /selbige durch den Wiederschein eigentlich zu ersehen. Die Armen füllen ein Beck mit[562] Wasser / welches gleichfals solches durch die Gegenstralen erweiset. Hier wollen wir sehen eine verfinsterte Sonne scheinen in dem Spiegel der fallenden / und fast unsterblichen Eitelkeit / weil selbe sich über den Tod erstrecket / und ihre Siegesseulen gleichsam auf das Grab gepflantzet. »Unter den Eitelkeiten dieser Welt ist der Stoltz und Ehrgeitz die Hoffarbe und das Kleid / welches viel nicht ausziehē / sie legen sich dann auf das Siechbet / wie Seneca darvon redet.«

2. In dem Königreich Arragon hielte sich eine Hof Frau (Dama de Palatio) auf welcher Leben das gemeine Sprichwort erwiesen / daß in Hispanien viel Berge der Hofart / und Thäler der Armut zu finden. Ihr Nam war Donna (oder Domina Frau) Ignes, und war sie in der Hoheit der Hofhandel so ersoffen / daß sie alles was selben nicht gemäß wäre / fůr bäurisch und ihres gleichen gantz unanständig hielte. Sie wurde verheuratet an einen Grafen / dann die Titel der Edlen sind solches Landes fůr die Handwercker / welcher nicht weniger mit stoltzen Winden ausgefüllet /daß einer sagen dörffen / sein König habe so viel Königreich / als der König in Franckreich Unterthanen.

3. Seine Hofhaltung war zwar gleich einem Haußwesen eines nicht gar reichen Edelmanns / sein Stoltz aber Königlich. Dieser Herr gange mit seiner Frau Gemahlin nicht in die Kirchen / als an den Heiligen Tagen / begleitet mit allen oder vornemsten seiner Unterthanen. Sie satzen unter einem Zelt Himmel /verrichtend das Gebet auf einem Sammetenen Tepicht / und dergleichen Küssen. Für ihrem Zimmer waren Tapeten aufgehangt / das Vorzimmer war verwacht /und muste man ihnen das Getränk kredentzen / ein silbernes Teller unterhalten / und was dergleichen arme Afferey mehr gewesen.

4. Alles dieses aber kostete wenig / und hatte ein grosses Ansehen / der Landsart gemäß. Nach geraumer Zeit wolte der Tod diesem Herrn nichts besonders machen / sondern legte seine Hoheit in den Staub wie die Schrifft redet. Die hinterlassne[563] Wittib name die Trauerkleider / und war nun alles pechschwartz / daß auch bey Tag die Nacht in ihrer Kammer gewohnet (und ihrer Hofstatt Mohrenfarb worden / daß sie auch angefangen schwartzes Brod zu essen / und ihren Leinengezeug in schwartze Spinnenweben zu verwandlen.

5. Sie war mit ihrem Manne lebendig todt / und in ihrem leben begraben: ja er sahe gleichsam (schertzweis also zu reden) mehr Tag in dem Grab / als sie ausser dem Grab. Die gröste Traurigkeit war / daß ihr verstorbner Herr keinen Erben hinterlassen / und daß die Frau Wittib von den Lehen-Gůtern weichen musste / welches sie mit solcher Großmütigkeit gethan / als jener Hispanier der mit Ruten ausgestrichen worden / und seine Gravität in dem gehen beobachtet.

6. Unter diesen Aschen hegte die junge Wittib noch brünstige Liebesfuncken / welche an den ausgeleschten / und noch warmen Brand leichtlich wieder angefeuret worden / und vermählte sich also mit Alaric einem nicht reichen vom Adel / welcher auf einem Weyler dritthalb Bauren hatte: Ihre Freunde waren zwar mit dieser Heurat ůbel zu frieden / die Frau Gräfin aber musste wieder einen Mann haben. Seine Gesparsamkeit war sein grösstes Einkommen / und hatte er das Vermögen nicht / seiner Gemahlin Hofstatt zu unterhalten / wie er thun musste / jedoch nach dem verjüngten Maßstab.

7. In diesen ärmeren Stande redete die Frau Gräfin von dem Reichthum zu Hof / in was Gnaden sie bey dem König und der Königin gewesen / wie prächtig es daher gegangen / und wolte sie noch alle Zeitungen der alten und neuen Welt wissen. Die Dürfftigkeit hatte ihr noch nichts von ihrem Haußgepränge entzogen / als das Brod / welches etwas kleiner worden: das hinderte aber nicht / daß alle grosse Herren ihre Befreunde / Vättern und Schwäger seyn solten.

8. Im Ende musste sie auch den andern Mann zu Grabe tragen lassen. Ihr an vielen Orten durchleuchtiges[564] Hauß war den Schüldner verpfändet / und erhielte die Frau Gräfin von denselben die Gnade / daß sie ihre Tage darinnen beschliessen möchte. Ihr einiger Sohn lebte kurtze Zeit nach seinem Vater Alric / daß also die wenige Verlassenschafft der Wittib in den Händen verbliebe. Höret aber den Hochmut dieses armen Weibs? das Silbergeschirr war dahin / und hatte sich in Zihn verwandelt. Sie wolte lieber in dem finstern sitzen / als Lichter gebrauchen / welche nicht von Wax seyn solten. Ihre Speise mussten mit bedeckten Schüsseln aufgetragen werden / ob gleich nur Rettich / Rüben / Salat und Wegwarten darinnen. Ihre Dienerin musste ihr allezeit ein Teller unterhalten /wann sie trinken wolte / und musste sie nach und nach ihren Haußraht essen: ich wil sagen verkauffen und verzehren.

9. »Der weise Mann Sirach hat mit aller seiner Weißheit / der Armen Hoffart nicht ertragen können.« c. 25. 1. also ist fast lächerlich zu hören / wie es bey dieser Spanierin an Mangel nicht gemangelt. Ihr Zelthimmel / unter welchen sie Tafel hielte / war so abgeschaben / daß er die Zähne bleckte / keines Geldes wehrt / und nicht verkauflich war: Ihre Kammerdienerin waren so wol angethan / oder ja nicht viel besser /als die Indianerin. Ein Diener auff Schweitzerisch /aber sehr zerfetzt / bekleidet / muste eine grosse menge Schlüssel tragen / als ein Thorwärter ihrer Paläste.

10. Weil nun ihr schind-schwindsichtiges Vermögen von Tag zu Tage abzehrte / und sie ihre zerrissne Kleider nicht tragen mochte / noch neue zu schaffen Mittel hatte / zieht sie eine Nonnenkutten / wie die Franciscanerin zu tragen pflegen / an / auf welcher die Flecke und angebremte Lumpen silberne Borten sind. Ihr Tischgerätlein lässet sie irdnen machen / aus angenommener Heiligkeit und Nachfolge besagter Nonnen: doch musste man ihr zu Tische dienen / als zuvor / und war nun alles bey dieser Gräfin alt / ausgenommen die Hofart welche auch ohne Verlag sich täglich verjüngerte. Doch ist sie in dem zu loben /[565] daß sie die Armut mit gedültiger Großmütigkeit ertragen / und sich darein zu schicken wissen: da eine edle in Franken / als sie durch diesen Krieg verarmet / sich lästerlich vernehmen lassen / sie wolle lieber verdammet seyn / als Armut leiden / und hat sich auch selbst jämmerlich ersäufft.

11. Damit nun vorbesagter Gräfin Hoheit durch den Tod auch nicht zu Grund gerichtet wůrde / machte sie ein Testament und verschaffte alles / das sie nicht hatte / befahl auch daß man dreyhundert Waxliechter anzünden / alle Mönichs Orden solte mitgehen lassen / und sie wolte getragen werden von 8. Nonnen Herren Stands / etc. Liesse ihr ein hohes Grab mit Seul und Bilderwerk / von Holtz aufrichten / darzu ihre arme Unterthanen Steuer und Frondienste verschaffen musten. In der mitten wurde eine Taffel gelassen /darauff die Grabschrifft solte geschrieben werden /und zu solcher Verabfassung wurden die Licenciados (oder Gelehrten / welche oft diesen Namen führen /wann sie das Pater noster beten können) der Orten angesprochen.

12. Inzwischen sie sich nun wegen deß Begriefs entschliessen / wollen wir folgendes hieher setzen /veranlast durch einen der diese kurtze Reimzeile beygeschrieben:


Aqui yace â esta puerta,

una Muger, que no es muerta.


Dieses Grabmahl hat erworben

eine Frau die nicht gestorben.

Dieses Steinwerk so man schaut /

hat der Stoltz von Holtz gebaut /

welchem man von ihrem Leben

solt den todten Namen geben.

Alle dieser Armut Pracht /

machet daß ein jeder lacht!


Anmerckung.


Ob wol diese Erzehlung nicht traurig ist und keinen jämmerlichen Ausgang hat / ist doch zu glauben[566] daß diese aufgeblasne Heuchlerin kein gutes End werde genommen haben: massen alle andre Krankheiten und Laster heilsam / diese aber nicht / wie wir auch nicht finden / daß Christus einen stoltzen Heuchler / der sich selbsten zu betriegen gelüsten lassen / wieder zu recht gebracht habe.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 562-567.
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