Deutschland. Ein Traum

[291] Sohn der Torheit! träume immer,

Wenn dir 's Herz im Busen schwillt;

Doch im Leben suche nimmer

Deines Traumes Ebenbild!


Einst stand ich in schönern Tagen

Auf dem höchsten Berg am Rhein;

Deutschlands Gauen vor mir lagen,

Blühend hell im Sonnenschein.


Unten murmelten die Wogen

Wilde Zaubermelodei'n;

Süße Ahndungschauer zogen

Schmeichelnd in mein Herz hinein.


Lausch ich jetzt im Sang der Wogen,

Klingt viel andre Melodei:

Schöner Traum ist längst verflogen,

Schöner Wahn brach längst entzwei.


Schau ich jetzt von meinem Berge

In das deutsche Land hinab:

Seh ich nur ein Völklein Zwerge,

Kriechend auf der Riesen Grab.


[292] Such ich jetzt den goldnen Frieden,

Den das deutsche Blut ersiegt,

Seh ich nur die Kette schmieden,

Die den deutschen Nacken biegt.


Narren hör ich jene schelten,

Die dem Feind in wilder Schlacht

Kühn die Brust entgegenstellten,

Opfernd selbst sich dargebracht.


O der Schande! jene darben,

Die das Vaterland befreit;

Ihrer Wunden heil'ge Narben

Deckt ein grobes Bettlerkleid!


Muttersöhnchen gehn in Seide,

Nennen sich des Volkes Kern,

Schurken tragen Ehrgeschmeide,

Söldner brüsten sich als Herrn.


Nur ein Spottbild auf die Ahnen

Ist das Volk im deutschen Kleid;

Und die alten Röcke mahnen

Schmerzlich an die alte Zeit:


Wo die Sitte und die Tugend

Prunklos gingen Hand in Hand;

Wo mit Ehrfurchtscheu die Jugend

Vor dem Greisenalter stand;


Wo kein Jüngling seinem Mädchen

Modeseufzer vorgelügt;

Wo kein witziges Despötchen

Meineid in System gefügt;


[293] Wo ein Handschlag mehr als Eide

Und Notarienakte war;

Wo ein Mann im Eisenkleide,

Und ein Herz im Manne war. –


Unsre Gartenbeete hegen

Tausend Blumen wunderfein,

Schwelgend in des Bodens Segen,

Lind umspielt von Sonnenschein.


Doch die allerschönste Blume

Blüht in unsern Gärten nie,

Sie, die einst im Altertume

Selbst auf fels'ger Höh' gedieh;


Die auf kalter Bergesfeste

Männer mit der Eisenhand

Pflegten als der Blumen beste –

Gastlichkeit wird sie genannt.


Müder Wandrer, steige nimmer

Nach der hohen Burg hinan:

Statt der gastlich warmen Zimmer

Kalte Wände dich empfahn.


Von dem Wartturm bläst kein Wächter,

Keine Fallbrück' rollt herab;

Denn der Burgherr und der Wächter

Schlummern längst im kühlen Grab.


In den dunkeln Särgen ruhen

Auch die Frauen minnehold;

Wahrlich hegen solche Truhen

Reichern Schatz denn Perl' und Gold.


[294] Heimlich schauern da die Lüfte

Wie von Minnesängerhauch;

Denn in diese heil'gen Grüfte

Stieg die fromme Minne auch.


Zwar auch unsre Damen preis ich,

Denn sie blühen wie der Mai;

Lieben auch und üben fleißig

Tanzen, Sticken, Malerei;


Singen auch in süßen Reimen

Von der alten Lieb' und Treu';

Freilich zweiflend im geheimen:

Ob das Märchen möglich sei?


Unsre Mütter einst erkannten,

Sinnig, wie die Einfalt pflegt,

Daß den schönsten der Demanten

Nur der Mensch im Busen trägt.


Ganz nicht aus der Art geschlagen

Sind die klugen Töchterlein,

Denn die Fraun in unsern Tagen

Lieben auch die Edelstein'.


Traum der Freundschaft – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – – – – –

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Mocht auch Aberglauben herrschen

– – – – – – – – – – – – – – – – – –

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[295] Denn die schöne Jordansperle

Hat des Römers Geiz verfälscht,

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Fort, ihr Bilder schönrer Tage!

Weicht zurück in eure Nacht!

Weckt nicht mehr die eitle Klage

Um die Zeit, die uns versagt!


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 7-8,291-296,303303.
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