2.

[31] »Ich bin der Gott der Musika,

Verehrt in allen Landen;

Mein Tempel hat in Gräcia

Auf Mont-Parnaß gestanden.


Auf Mont-Parnaß in Gräcia,

Da hab ich oft gesessen

Am holden Quell Kastalia,

Im Schatten der Zypressen.


Vokalisierend saßen da

Um mich herum die Töchter,

Das sang und klang la-la, la-la!

Geplauder und Gelächter.


[32] Mitunter rief tra-ra, tra-ra!

Ein Waldhorn aus dem Holze;

Dort jagte Artemisia,

Mein Schwesterlein, die Stolze.


Ich weiß es nicht, wie mir geschah:

Ich brauchte nur zu nippen

Vom Wasser der Kastalia,

Da tönten meine Lippen.


Ich sang – und wie von selbst beinah

Die Leier klang, berauschend;

Mir war, als ob ich Daphne sah,

Aus Lorbeerbüschen lauschend.


Ich sang – und wie Ambrosia

Wohlrüche sich ergossen,

Es war von einer Gloria

Die ganze Welt umflossen.


Wohl tausend Jahr' aus Gräcia

Bin ich verbannt, vertrieben –

Doch ist mein Herz in Gräcia,

In Gräcia geblieben.«


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 21972, S. 31-32.
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