Schwungkräfte der Menschheit

[155] A.


Die Zeit macht Menschen; sie nur, sie allein

Ist's, die mit leiser Hand humanisirt.

Was waren unsre Vordern? Was sind wir?[155]

Und, o wie weiter wird die Nachwelt sehn!

Wie weiter wirken!


B.


Recht und wohl, mein Freund!

Doch was sind Zeiten ohne Menschen? Wir,

Wie uns die Zeit erschafft, erschaffen Zeit.

Jahrhunderten geht Einer kühn voran;

Ein Rüstiger erschafft Jahrhunderte,

Die ohne seines Geistes Muth und Kraft

Die Welt gelassen hätten, wie sie war,

Ein Nest voll Kinder, Thoren, Bestien.

Die Zeiten ändern ohne Kräfte nichts;

Durch Menschen wird der Mensch humanisirt.


C.


Und wer erschaffet Zeit und Menschen? Wer

Erweckte jeden großen, edeln Mann,

Der seiner Zeit vorantrat? gab ihm Muth,

Rath und Gedanken, Willen, Kraft und That,

Entzündete sein Herz, Gefahren nicht

Zu scheuen, gab ihm freien, weiten Blick

Und festen Fuß, zu stehn und übern Abgrund

Hinwegzuschreiten? Der am Himmel dort

Die Sterne führt in ew'gem Reigentanz,

Der aus der Nacht die Morgenröthe ruft,

Den Blitzstrahl aus der Wolke schleudert, er

Erwecket Zeiten, Menschen.


A.


Altes Märchen!

Der Staat, Gesetze hatten ihn gereift.

Uns ist Religion die Polizei,

Und ihre Diener sind ein stehend Heer.


B.


Und wer erschuf denn Staaten? Wer ersann

Gesetz und Weisheit? War's das stehende,

Gedungne Heer?


A.


Ein Doppelhunger ist's,

Ein Doppeltrieb, der Magen und die Liebe,

Dadurch der Menschheit Weltall gravitirt.


B.


Ja, gravitirt! Zur Erde hin, zum Thier.

Vortrefflich Menschenvolk, dem Geist und Herz

Im Diaphragma wohnt! das gravitirt.


[156] C.


Ihr Freunde, laßt der Worte leeren Zwist!

Der Mensch ist mehr als Thier. Wenn Hunger nur

Und immer rege Brunst das Trieberad

Des Menschenhaufens wäre, so ist Raub

Der Hungrigen, und Krieg der Lüsternen,

Doch Ordnung, Staat und Ehe nie sein Loos.

Gesetze sind der Weisheit Kinder, nicht

Des Magens; und die Achtung fürs Gesetz,

Die für die Menschheit Glück und Leben wagt,

Sie ist ein feinerer, kein blinder Trieb.

Die Thätigsten der Menschen waren stets

Die Unbedürftigsten. In jenem Lande,

Da, wo man weder ißt noch freiet, noch

Sich freien läßt, wo keine stehnden Heere,

Kein Machtgebot der Willkür herrschet, da

Erwarten wir den seligsten der Staaten.

Und wer hienieden wie ein Genius

Denket und wirket, der humanisirt.

Licht ist sein Anblick, Segen seine Spur.


A.


Ein frommes Ideal! Der Menschheit Blüthen,

Sie blühen nach einander auf und ab.

Erst träumte Poesie sich rückwärts, vorwärts

In sel'ge Zeiten; leider war's ein Traum.

Beredsamkeit ergriff die Menschen, bis

Sie Ordnung unter das Gesetz rief; da

Verstummeten die Redner. Endlich träumte

Sich Grübelei ein neu Vermögen aus:

Vernunft. Ihr seidenes Gewebe riß,

Weil eine Spinne bald die andre fraß.

Was bleibt dem Weisen übrig als die nackte

Geschichte? Was nicht werden kann, wird nicht;

Was werden konnte, ward und –


C.


Und wird werden.

Das hoffen wir, und zwar durch edlere

Als jene Triebe.


A.


Welche edlere?


B.


Die Dichtkunst, die vergangne Zeiten wimmert',

War Wimmerpoesie. Beredsamkeit,[157]

Die nur aufregte, sie war falsche Svada.

Und jene Spinnerin, Psilosophie,

So wie die Büttelei-Religion,

Die coerciret –


C.


Freunde, laßt den Zwist!

Das heil'ge Feuer auf des Ewigen

Altar in unsrer Brust, Beredsamkeit,

Weisheit und Dichtkunst, die dies Feuer entflammt,

Daß es der Menschheit reiner, wärmer brenne,

Und jede Kunst, die bessre Zeiten fördert,

Sie alle sind von heiliger Natur

Und ew'ger Wahrheit, tausendfältiger

Verwandlung fähig, und doch stets dieselbe.

Der Menschheit Blüthen blühn nach Jahreszeiten,

Ein Garten, hier und dort umhergepflanzt,

In schönerm Glanze hier, dort neu verjüngt

Aufblühend; aber seine Wurzel ist

Unsterblich. Und was die Vernunft vernimmt,

Vernahm sie; was geschieht, das wird Geschichte,

Thierisch und menschlich. Laßt uns Menschen sein!

Der Menschheit Schwingen sind Verstand und Herz,

Und ihre Schwungkraft Reiz und Grazie.


Quelle:
Johann Gottfried Herder: Werke. Erster Theil. Gedichte, Berlin 1879, S. 155-158.
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