Dritter Aufzug

[395] Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhänge bricht bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkäufe liegen, brennt noch trübe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch beim Sofa gegen die Wand. – Draußen auf dem Treppenflur hört man Kinder lärmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Sänger selbst unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, daß man die Textworte hören kann: »Des freuet sich der Engel Schar ...« Selicke sitzt vor dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. – Toni steht etwas seitwärts von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide beobachten ihn mitleidig. – Walter hockt auf dem Sofa, weint still vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke bin, gähnt ab und zu aus Übermüdung und zittert vor Frost. – Albert steht neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und schielt dabei ab und zu zum Bett hinüber.


FRAU SELICKE mit müder Stimme, halb weinend. Die Lampe fängt an zu riechen, Toni! ... Lösch aus! ... 's is hell draußen! ... Der Lärm auf dem Flur! ... Die kennen keine Sorgen ...


Toni löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben ins Zimmer. – Toni will auf die Flurtür zugehen und den Kindern verbieten, die draußen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.


FRAU SELICKE. Die sind fidel! ... Sie tritt zu Selicke hin und[395] legt ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme. Vater! ... Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, vor sich hin brütet, achtet nicht auf sie. Vater! ... Komm! ... Vater! ... Ihre Worte gehen in Weinen über.

SELICKE rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck. Du! ... Mein Linchen! ... Schluchzt unterdrückt.

FRAU SELICKE lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint. Vater, komm! ... Komm hier fort! ...

SELICKE. Du! ... Mein Linchen! ... Warum du? Starrt vor sich hin.

FRAU SELICKE immer noch in derselben Stellung. Komm, Vater! ... Wir wollen uns von jetzt ab – rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig sein ... Es soll nun anders werden bei uns ... Nich wahr, Vater?

SELICKE richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem toten, ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen, wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über das Bett und küßt die Leiche. Weich, zärtlich. Leb wohl! ... Leb wohl, mein gutes Linchen! ... Du hast's gut! ... Du hast's gut! ...


Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sofa noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das Fenster gewandt, laut schneuzt.

Kleine Pause.


FRAU SELICKE wieder in Tränen ausbrechend. Warum hat uns – der liebe Gott das – Kind genommen?! ... Und ich ... und ich – muß mich – weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muß mir selber zur Last sein ... und ... euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm das eben sagte: er hat mich – kaum angesehn! ... Schluchzt krampfhaft in ihr Taschentuch, in das[396] sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat. Laut, sehnsüchtig. Ach, hol mich bald nach, mein Linchen! Hol mich bald nach! ...

TONI sie sanft umfassend. Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ... Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...

FRAU SELICKE. Unser einz'ges ... unser einz'ges ...

TONI. Ach! ... Beißt die Lippen zusammen. Ihr Oberkörper zuckt von unterdrücktem Schluchzen.

FRAU SELICKE. Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bißchen Leben? ... Und doch ... war sie immer ... so fröhlich und munter ... unsre einz'ge, einz'ge Freude ... Schluchzt. Ach, was hatte man weiter von der Welt ...? ...

TONI drückt Frau Selicke an sich. Mutterchen!

FRAU SELICKE. Was soll nun hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich aufhängen oder ... ins Wasser gehn ...

TONI. Mutterchen! ... Ach Gott! ...

ALBERT tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie. Laß man, Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ...

FRAU SELICKE. Ja! Für euch! ... Für euch wohl ... Für mich is es 's beste, Linchen holt mich nach ... So bald als möglich!

ALBERT. Nein, Mutterchen! ... Es soll dir noch recht gut gehn! Warte man!

FRAU SELICKE weinend. Ach, ja, ja ...

TONI ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand. Walter, komm!

WALTER müde. Mich friert so!

TONI. Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg dich hin! ... Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen!

WALTER steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.

TONI. Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf!

WALTER schmiegt sich an Frau Selicke. Mutterchen! ... Mutterchen! ...[397]

FRAU SELICKE. Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg dich schlafen! ... Du bist todmüde! ...


Walter und Albert gehen in die Kammer.


TONI tritt wieder zu Frau Selicke hin. Du solltest dich auch 'n bißchen ruhn, Mutterchen!

FRAU SELICKE nervös; bitterlich weinend. Siehste? ... Siehste, Toni? ... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ... Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n du? ... Wer bist 'n du? ... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein elendes, elendes Leben gewesen die dreißig Jahre! ... Ach, wollt ich froh sein, wollt ich froh sein, wenn ich an deiner Stelle wäre, mein Linchen! ... Betrachtet die Leiche. ... Sieh mal, Toni! ... Wie hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein'n ordentlich an! ... Wie schön weiß ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben blonden Härchen! ... Diese Worte gehen wieder in Weinen über. Die lieben blonden Härchen! ...

TONI die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat. Ach nein, Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! – Er ist ganz verändert! ...

FRAU SELICKE. Nein! Nein! Der wird nie anders! In dem Blick ... wie er mich so ansah ... da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn du's doch wärst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so gerne Platz machen! Weiß Gott im hohen Himmel! ... Ach – so – gerne!

TONI traurig. Nein! Das hat er sicher nicht gedacht!

FRAU SELICKE. So gerne wollt ich ihm den Gefallen tun! ... So recht aus Herzensgrunde wünscht ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe Gott grade mich ausersehen hätte ... Hat wieder zu weinen angefangen.

TONI. Nein, Mutterchen! Du mußt nicht so was denken! ... Siehste, wir müssen uns jetzt alle recht zusammenschließen! ... Sei nur recht gut und geduldig mit ihm ... Du[398] sollst sehn, dann wird es besser ... dann – wird alles gut werden!

FRAU SELICKE. Ach, ich bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ... Ich bin ja immer, jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich mit 'm gewesen! ... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! ... Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bißchen Ruh und Frieden ... nur ein bißchen Ruh und Frieden ...


Es klopft an Wendts Tür.


FRAU SELICKE halb für sich, sich erinnernd. Ach Gott, Herr Wendt! Laut. Herein!

WENDT tritt ein. Er ist bleich und sieht überwacht aus. Seine Backen scheinen etwas eingefallen zu sein.

FRAU SELICKE weinend. Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab ich auch noch nich denken können! ... Sie müssen ja gleich abreisen ... Mein armer Kopf is mir ganz verwirrt ...

WENDT. Oh ... Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu. Meine liebe, gute Frau Selicke ... Drückt ihre Hand.

FRAU SELICKE mit der Schürze an den Augen, ist mit ihm ans Bett getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen. Sehn Sie ... da ...


Wendt steht mit ihr in stummer Trauer vorm Bett.


TONI. Mutterchen! Komm!

FRAU SELICKE sich die Augen trocknend, sich zusammennehmend. Ja, ich will ... Um elf geht Ihr Zug, Herr Wendt?

WENDT. Ach!


Handbewegung. Frau Selicke will auf die Küchentür zu.


TONI man merkt ihr große Ermattung an. Laß nur, Mutterchen! ... Ich will das schon alles besorgen! Du mußt unbedingt ein bißchen ruhn! Komm, Mutterchen! Komm! ...


Frau Selicke läßt sich willenlos von ihr langsam zur Kammer führen. Toni drückt leise die Tür hinter ihr zu. Sie[399] bleibt einen Augenblick mit allen Anzeichen großer Müdigkeit bei der Tür stehen, nimmt sich dann zusammen und macht ein paar Schritte auf die Küchentür zu. – Die Uhr schlägt neun.


WENDT beim Bett, leise. Und heute – wollt ich – mit deinen Eltern reden ...

TONI äußerst abgespannt. Was?.. Neun schon? ... Ach ja, ich muß ja noch ... Sie müssen ja – um elf – fort ... Sie geht mit müden Schritten, wie mechanisch, auf die Küchentür zu.

WENDT wiederholend. Fort ...

TONI stehenbleibend, ihn mit ausdruckslosem Blick ansehend. Was? ...

WENDT mehr ängstlich als überrascht. Und – Toni! Du sagst Sie?!

TONI. Wie? Ach so ... hab ich ... Ach ja! Mit einem müden Lächeln. Das ist nun auch – vorbei ...

WENDT wie vorhin. Vor ... Vorbei?!

TONI wie im Selbstgespräch. Das ist jetzt nun – alles – anders gekommen ...

WENDT seitwärts sehend. Toni!

TONI. Ach! ... Ich bin ganz ... mir ist ... Ah ... Sie sinkt in einem Anfall von physischer Schwäche gegen seine Schulter.

WENDT besorgt. Toni! ... Was ist dir?! Beobachtet sie ängstlich. Ihre Augen sind geschlossen, um ihren Mund liegt ein gequältes Lächeln.

WENDT besorgt. Herrgott! ... Liebe Toni!


Sie schlägt die Augen wieder auf.


WENDT. Ist dir besser?

TONI. Ja ... Es war mir nur ... so ... ein Augenblickchen ... Sie macht sich sanft von ihm frei.

WENDT erfaßt ihre Hand. Halt aus, meine gute, liebe Toni ... Halt aus! ... Nur noch eine Weile! ... Nur noch eine kleine Weile! ... Du armes Mädchen! ... Alles ist so – über uns hereingekommen! Seufzt. Nur noch eine[400] kleine Weile! ... Es wird alles gut! ... Es muß ja alles wieder gut werden! ...

TONI hysterisches Weinen.

WENDT. Toni!!

TONI. Ach, mir ist ... Faßt sich. Ja! ... Wir dürfen jetzt nicht mehr – daran denken! ... Ich habe das nicht nur so – hingesagt! ... Das ist nun – vorbei! ...

WENDT. Ach, du weißt ja nicht, was du ... Wir wissen ja nicht – jetzt ...

TONI müde, gequält. Ach, wenn ich doch tot wär! ...

WENDT nach einer Pause. Das – ist dein ...

TONI bleibt stumm.

WENDT. Du – sagst das mit – voller Überlegung?

TONI leise. Ja!


Pause. Wendt stumm an dem Tisch, auf welchen er sich schwer gestützt hat; Toni neben ihm, ihn ängstlich beobachtend.


TONI. Du mußt doch selbst sehn, daß es – jetzt nicht mehr geht.

WENDT. Mit voller Überlegung? ... Nein! – Ach was! – Das kannst du ja gar nicht!.. Siehst du! Das kannst du ja gar nicht! ... Es ist ja unmöglich, daß wir die Verhältnisse jetzt klar übersehen können! ...

TONI. Ach nein! ... Ich weiß ganz genau, wie jetzt alles kommen wird! ... Wir können und werden uns nie heiraten! ...

WENDT. Nie? ...

TONI traurig mit dem Kopfe schüttelnd. Nein! ... Nie! ...

WENDT. Nie! ... Er hat sich auf den Stuhl vor dem Tisch sinken lassen, der noch von gestern abend dasteht. Stumm, finster, den Kopf in beiden Händen, vor sich hin starrend.

TONI beunruhigt, mitleidig. Siehst du! ... Du mußt doch sehn, daß ich jetzt – hier – nicht fort kann! ... Ach, du weißt ja! ... Du hast ja gehört! ... Diese schreckliche,[401] schreckliche Nacht! ... Ich kann, ich kann doch nicht anders! ... Nachdenklich. Wenn es jetzt auch so aussieht, als ob sie anders wären! Ach! Das scheint ja nur so! ... Traurig. Das dauert ja doch nicht lange! Bei der nächsten Gelegenheit – ist es wieder – wie vorher, und noch viel – noch viel – schlimmer ...

WENDT dumpf vor sich hin. Noch – schlimmer! ...

TONI ernst und traurig. Ja! ... Noch schlimmer! ... Pause. Ja, wenn Linchen noch ... Ihre Stimme zittert. Wenn sie dem Vater so auf den Knien saß beim Essen ... so neben ihm ... wenn sie sich an ihn schmiegte ... und ihm – was vorschwatzte ... oder: wenn sie sich zankten ... wenn sie dann – weinte ... und bat ... mit ihrem rührenden Stimmchen ... Ach! Sie hat sie immer wieder heiter gemacht und – getröstet ... Ja! Aber jetzt ... Ist in Weinen ausgebrochen. Ach, du weißt das ja alles gar nich! ...


Pause.


TONI. Was soll werden? ... Sag doch selber! ... Zu uns nehmen – könnten wir sie ja doch nicht! ... Du weißt ja, wie er is! ... Und – die Mutter allein? ... Das läßt er nicht! ... Er hat sie ja viel, viel zu lieb! ... Er kann sich nicht von ihr trennen! ... Und unterstützen? ... Sie lächelt müde. Das siehst du ja selber: Das kann ja gar nichts nützen! ... Darauf kommt es ja gar nicht an! ... Ach Gott! Ich darf gar nicht daran denken! ... Die arme, arme Mutter! ... Und dann – die andern!.. Der arme Walter! ... Nein! Leise. Es ist ganz unmöglich, ganz unmöglich, daß ich fort kann! ... Und – das kann noch lange, lange Jahre so fortdauern! ...

WENDT nach einer Weile, halb zu sich selbst, seitwärts, zwischen den Zähnen. Und – da mußt du dich also – opfern! ...

TONI nachdenklich. Die armen, armen Menschen!

WENDT. Dein ganzes Leben in diesem Elend verbringen![402] Dein ganzes Leben! ... Das soll man ertragen?! ... Ist aufgesprungen. Das ist ja unmöglich, Toni! Das ist ja unmöglich!

TONI sanft. Ach, doch!

WENDT. Toni!

TONI. Und wenn sie noch schlecht wären! ... Sie sind aber so gut! Alle beide! Ich habe sie ja so lieb! ...

WENDT leise; einfach konstatierend, nicht vorwurfsvoll. Ja! Mehr als mich! ...

TONI. Ach, du bist ja viel glücklicher!

WENDT. Glücklicher? Ich?!

TONI. Ja, du! Du! ... Du bist ja noch jung und hast noch so viel vor dir! ... Aber sie haben ja gar nichts mehr auf der Welt! Gar nichts! ...

WENDT stöhnt auf.

TONI leise. Wir könnten ja doch nie so recht glücklich sein! ... Ich hätte ja keine ruhige Stunde bei dir, wenn ich wüßte, wenn ich fortwährend denken sollte, daß hier ... Nein, nein! ... Das wäre ja nur eine fortwährende Qual für mich! ... Das siehst du ja auch ein!

WENDT. Ich? ... ein?!

TONI. Ja!

WENDT zuerst vollständig fassungslos, dann. Gut! Dann bleib ich hier! ... Verzweifelt. Ich habe den Mut nicht, ohne dich, Toni! ... Toni! – Auf sie zu.

TONI erschrocken, schon in seinen Armen. Flehend. Hier?! ... Nein! Ach, nein! ...

WENDT. Und wenn alles in Stücke geht!

TONI. O Gott! ... Ach, nein! ... Nein! ... Deine Eltern ...

WENDT. Meine Eltern?! – Hä! – Wohl mein Vater?! Dieser orthodoxe, starrköpfige Pfaffe und ... Äh! Die ist mir ja auch nicht mehr das! ...

TONI. Oh!

WENDT bitter. Ja, ja, meine liebe Toni!

TONI. Und deine Stellung?[403]

WENDT. Meine Stellung?! Hä! – Was ist mir denn meine Stellung! Leiser. Ich habe nur dich, Toni! Nur dich! ...

TONI. Ach! – Aber sieh doch ... Nein! Das würde dir ja auch nichts nützen!

WENDT. Nichts nützen?!

TONI. Nein, nein! ... Ach, nein! Das geht ja nicht! ... Ach, das würde ja alles ganz anders werden, als du dir's jetzt vorstellst! ... Du bist ja nicht so an alles das gewöhnt!.. Und dann: Eh du dir dann wieder eine neue Stellung verschafft hast! ... Alles das! ... Nein, nein! ... Es ist so gut von dir, so gut! Aber es nützte ja doch nichts! ... Ach, siehst du denn das gar nicht ein?

WENDT stöhnt schmerzlich auf.

TONI einen Einfall bekommend. Ach na ... Und dann – siehst du! ... Eigentlich: Wir haben ja noch gar nichts verloren? ... Später könnten wir ja – vielleicht – immer noch zusammenkommen?

WENDT sie fest ansehend. Später?

TONI etwas verlegen. Nun ja? ... Ich ...

WENDT wie vorher. Später?

TONI mit einem gequälten Lächeln. Ich ... Nun ja – Warum denn nicht? Ich ... e ... Wir müßten vielleicht noch – ein paar Jahre warten! ... Aber unterdessen kannst du ja ... Sie hat während der letzten Worte nach dem Bett hingesehn. Hach?! Ist zusammengefahren, sich fest an ihn klammernd.

WENDT mit zitternder Stimme. Um Gottes willen! Was ist dir denn, Toni?!

TONI wieder aufatmend und sich über die Stirn streichend. Mir war – als wenn sich – im Bette dort etwas – bewegte ...

WENDT gleichfalls unwillkürlich zum Bett hinsehend. Sucht sie zu beruhigen. Du bist so erregt, Kind!


Pause.[404]


TONI. Wir vergessen ... Wir müssen – vernünftig sein! ... Lächelnd. Ach! – Sieh mal? – mir – ist – schwindlich! ... Ich bin – doch – ein bißchen – angegriffen ...

WENDT sie stützend. Du hast dich so erschrocken, Toni! ...

TONI mit mattem Lächeln. Laß nur! – Es ist – schon wieder gut! ... Sie ist mit gefalteten Händen vor das Bett Linchens getreten. Weint. Ja! – Du siehst ... Mein liebes, liebes Linchen! ... Mein Schwesterchen! ...

WENDT hinter ihr.

TONI weinend, wendet sich zu ihm. Sieh doch!

WENDT abgewandt. Toni ...

TONI. Ich bitte dich! – Ich bitte dich! –

WENDT sie ansehend. Aufs tiefste erschüttert. Hat ihre Hand ergriffen. Demütig. Toni! – Oh, was bin ich gegen dich! – Wie muß ich mich vor dir schämen! ...

TONI abwehrend. Ach ... Ernst. Aber: wir dürfen nicht! Nicht wahr?

WENDT sich abwendend. Du hast recht! Hat ihre Hand wieder fallen lassen. ... Ja! Du brauchst mich nicht! – Du bist groß und mutig und stark und ich so klein, so feig und – so selbstsüchtig! Beschämt. Ich – Tor ich! ... Ja! Du hast recht! – Seufzt tief auf. Wir dürfen nicht! ...

TONI seine Hand ergreifend und ihm die ihre auf die Schulter legend; sieht ihm in die Augen. Nicht wahr, Gustav? ... Wir dürfen doch nicht nur an uns denken?!

WENDT im tiefsten Schmerz. Ihre Hand drückend. Ach! – Mädchen! –

TONI. Du bist so gut gewesen! ... Du hast's so gut mit uns gemeint! ...

WENDT gequält. Ist denn nur keine, keine Möglichkeit?! ... Herrgott!! ...

TONI schmiegt sich an ihn. Siehst du: Ich muß ja doch auch aushalten!

WENDT schmerzlich. Toni! – Toni! –

TONI immer in derselben Stellung. Wieder mit einem Lächeln.[405] Ach, wenn man so den Tag über arbeitet, weißt du! ... Wenn man sonst gesund ist und immer tüchtig arbeiten kann: Da denkt man an nichts! ... Da hat man keine Zeit, an was zu denken! ... Und du – du weißt so viel! Du kannst so viel nützen ...

WENDT düster. Ich? Nützen?

TONI. Ach ja!

WENDT. Nützen! ... Ja früher! Wenn ich noch wie früher wär! ... Aber jetzt?! Jetzt?! ...

TONI. Ach, das ist ja nur so für den Augenblick! ... Du kannst glauben: Das ist nur so für den Augenblick! ... Wenn du erst dort bist ... Das ist so ein schöner, schöner Beruf, Pastor!

WENDT. Ich glaube an alles das nicht, womit ich die Leute trösten soll, liebe Toni! Und ich kann nicht – lügen!

TONI lehnt den Kopf an seine Schulter. Zu ihm auf. Aber wenn nun ... Wenn du mich nun ... Hättest du dann gelogen?

WENDT. Wie meinst du?

TONI. Ich meine: Wenn du mich – geheiratet hättest und du wärst dann Pastor gewesen, dann hättest du doch ebensogut den Leuten was vorgelogen, wenn du überhaupt an das alles nicht glaubst? ... Du sagtest doch gestern – ich weiß nicht mehr, wie du's ausdrücktest! ... Aber – ... Ja! – Wir hätten dann, was mit dem Leben versöhnte! – So ungefähr! – Es war so schön! ...

WENDT. Mädchen! – Mädchen! –

TONI. Ach, laß doch! – Du hast dort zu tun und ich – hier! – Und wenn wir dann – manchmal aneinander denken, dann – wird es uns leichter werden! ... Nicht wahr? ... Mit mildem Scherz. Ich will mal sehn, wie oft mir das Ohr klingt! ... Ach ja! Wenn man nichts zu tun hat, dann denkt man so an alles, und dann sieht alles – viel schlimmer aus, als es ist! ... Aber wenn man arbeitet, dann schafft man sich alles vom Halse! ...

WENDT. Ja! Ja! Du hast wieder recht, wieder recht! ... [406] Sieht sie innig an. Ach Mädchen! – Du wunderbares Mädchen! Wie könnt ich jetzt ohne dich leben! ...

TONI ängstlich. O nein, nein! ... Das sagst du ja nur so! – Das wäre doch schlimm, sieh mal, wenn du das nicht könntest, wenn du bloß von mir abhingst! – Lieber Gott! Ich bin ja so dumm! – Ich weiß ja nichts!

WENDT. Ich meine nicht so! – Du hast recht! – H! ... Wir müssen uns darein finden!

TONI freudig, sich an ihn drückend. Ach, siehst du! – Das ist gut von dir! Das ist gut!

WENDT. Aber, nicht wahr? Ich habe dich doch gefunden und du – du machst mich jetzt zu einem anderen Menschen! ... Du hast mich überhaupt erst zu einem gemacht, liebe Toni! ...

TONI. Ach, ich! ...

WENDT innig. Ja! Du! ... Das Leben ist ernst! Bitter ernst! ... Bitter ernst! ... Aber jetzt seh ich, es ist doch schön! – Und weißt du auch warum, meine liebe Toni? Weil solche Menschen wie du möglich sind! – ... Ja! So ernst und so schön! ... Streichelt ihr über das Haar.

TONI leise, selbstvergessen, glücklich. Ach ja! ... Ach, aber das ist gut von dir! ... Ich wußte ja ...


Pause. Sie sehen sich in die Augen.


TONI schmerzlich, sehnsüchtig, aufseufzend. Ach, du! ...

WENDT sie fest an sich pressend. Hm? Du! ... Toni! ...

TONI in Gedanken an ihm vorbeisehend. Ach ja!

WENDT schmerzlich. Toni! – Toni! – Preßt sie eng an sich.

TONI mit erstickter Stimme. Still ... Sei still ...

WENDT verloren. Toni ... Beugt sich über sie und will sie küssen.

TONI mit erstickter Stimme. Laß! ... Ich – höre – die Mutter! ... Ich muß nun ... Wir müssen nun daran denken! ... Nicht wahr? ...

WENDT. Toni! Ich bleibe noch! ... Einen Tag! ... Einen einzigen Tag![407]

TONI wie vorher. Nein! ... Bitte!.. Bitte!.. Mir zuliebe! ...

WENDT. Ach! ... Leb wohl! ... Küßt sie.

TONI seinen Kuß erwidernd, mit tränender Stimme. Leb – wohl! ... Sie drückt sich gegen seine Brust. Leb wohl! ...


Es klingelt. Toni will aufmachen.


WENDT hält sie zurück. Laß! Ich werde aufmachen! – 's wird wohl nur der alte Kopelke sein ... Er geht aufmachen. Toni zieht sich in die Küche zurück.

KOPELKE noch im Korridor. Danke scheen! Danke scheen! ... Juten Morjen, werter, junger Herr! – Na? Schon uf 'n Damm? ... Wie steht 't denn mit unse Kleene? – Aha! Ick weeß schon! ... Se schläft noch! Scheeniken! ...

WENDT. Nein, sie ... Bitte, treten Sie ein, Herr Kopelke!

KOPELKE tritt geräuschlos ein. Er hat ein kleines Paketchen unterm Arm. Bleibt einen Augenblick bei der Tür stehen und sieht sich um. Juten Morjen! ... Nanu?! Keener da?! ... Det is jo hier noch so 'ne Wirtschaft?! ... Zu Wendt hinter sich zurückflüsternd. Sagen Se mal, et is doch nich etwa ... He?! ...

FRAU SELICKE lugt aus der Kammer. Ach, Sie sind's, Herr Kopelke? Tritt ein.

KOPELKE. Ja, ick! ... Juten Morjen, Frau Selicken! ... Ick wollt mal ... Sagen Se mal, et ...

FRAU SELICKE weinend. Ach, Herr Kopelke! ...

KOPELKE besorgt. Nanu? Et ist doch nich ...

FRAU SELICKE in Tränen ausbrechend. Ach! Nun brauchen Sie – nicht mehr – Herr Kopelke ...

KOPELKE das Paketchen auf den Tisch legend. Det hat sick doch nich – verschlimmert?!

FRAU SELICKE. Hier! ... Da! ...


Sie ist mit ihm ans Bett getreten.

Kopelke steht eine Weile stumm da und gibt einige grunzende Laute von sich.[408]


FRAU SELICKE. Diese Nacht um zwei ...

KOPELKE mit bebender Stimme. Biste tot, mein liebet Linken? ... Tritt zu Frau Selicke und nimmt ihre Hand. Frau Selicken! ... Meine liebe Frau Selicken! ... Det ... Sehn Se!.. Det ... Hm! ... Hm! ... Er hält einige Augenblicke, seitwärts sehend, ihre Hand. Wo is denn Edewacht?

FRAU SELICKE. Drin in der Kammer! ... Er sitzt da und – und – rührt sich nich.. Wie tot! ... Ach Gott, ach Gott, ach Gott! ...

KOPELKE. Hm! ... Wendet sich wieder zum Bett und betrachtet die Leiche. Un ick dacht ... Hm! ... Un ick hatt ihr da – noch 'ne – Kleenigkeet – mitjebracht! ... Hm! ... Nu is det – nich mehr – needig! ... Nu hat se det – freilich – nich mehr – needig! ... Hm! ... Hm! ...

TONI tritt in die Küchentür und sieht in die Stube nach Frau Selicke.

KOPELKE. Liebet Freilein! ... Kopelke gibt ihr die Hand, Toni sieht still seitwärts. Liebet Freilein! ...


Toni geht zu Frau Selicke.


TONI. Mutterchen! Da bist du ja schon wieder? ... Hast du denn nicht ein bißchen geschlafen?

FRAU SELICKE. Nein! – Kein Auge hab ich zutun können! – Nur so ein bißchen gedämmert! ... Wie's klingelte, war ich gleich wieder wach! ... Haste denn Herrn Wendt ...

TONI. Ja! Laß nur! Ich gehe schon! Leg dich aber wieder hin, Mutterchen! Hörst du?

FRAU SELICKE. Ja, ja! ...

TONI geht in die Küche zurück.

FRAU SELICKE. Warten Sie, Herr Kopelke! – Ich werde meinem Manne sagen ... Ab in die Kammer.

KOPELKE tritt vom Bett zu Wendt hin, der die ganze Zeit über ernst beiseite gestanden hat. Die armen Leite! – Die armen Leite! – Jott! Ick sag immer: warum muß et bloß[409] so ville Elend in de Welt jeben? – Äh, Jottedoch! – ... Sie woll'n nu heite ooch reisen?

WENDT zerstreut. Ja! – Gleich nach den Feiertagen tret ich meine Stellung an.

KOPELKE. Ja, ja! – Det wird Ihn'n nu ooch so nich passen! – Na, wissen Sie, werter, junger Herr! Det lassen Se man jut sind! Die Beffkens un der schwarze Rock un det so: det is jo alles Mumpitz! – Sowat macht 'n Paster jo nich! Damit kenn'n Se sick trösten! – Da sitzt der Paster! Verstehn Se? Da! Klopft sich auf die Brust. ... Un denn, wissen Se: in die zwee Jahre haben Se hier wat kennenjelernt, wat mennch eener sein janzet Leben nich kennenlernt, un wat Beßres, verstehn Se, hätt Ihn'n janich passiern können! ... Ick wünsch Ihn'n ooch 'ne recht jlickliche Reise! – Wah mich immer sehr anjenehm, werter, junger Herr! Wah mich immer sehr anjenehm! ... Un, Se kommen doch später hier mal widder her? Wat? ...

WENDT nachdrücklich. Ja, das werd ich! – Über kurz oder lang! ... Ich danke Ihnen, Herr Kopelke!

KOPELKE ihm die Hand drückend. Scheeniken! Scheeniken! Det is recht von Sie!


Frau Selicke kommt aus der Kammer.


FRAU SELICKE. Es is nichts mit 'm anzufangen! – Gehn Sie nur selber zu 'm rein, Herr Kopelke! ... Ach Gott, ja! ...

KOPELKE nimmt ihre Hand. Kinder! – Kinderkens! ... Laßt man jut sind! Wir kommen ooch mal an de Reihe! ...


Verschwindet hinter der Kammertür.

Draußen fangen die Glocken zum Frühgottesdienst an zu läuten. Das Läuten dauert bis gegen Schluß.


FRAU SELICKE. Da läuten sie schon zur Kirche! ... Ach, wer hätte das gedacht, daß Sie mal so von uns fortziehen würden, Herr Wendt! ... Unter solchen Umständen! ... Weint. Lassen Sie sich's recht gut gehen! Gibt ihm die Hand. Und grüßen Sie Ihre Eltern unbekannterweise recht[410] schön von uns! ... Erleben Sie bessere Feiertage – und – denken Sie manchmal an uns ...

WENDT. Ja! – Das werd ich sicher, liebe Frau Selicke!

FRAU SELICKE. Wo bleibt denn Toni? Sie haben ja gar nich mehr so viel Zeit ...

TONI kommt mit Frühstück und Kaffeegeschirr; in der andern Hand trägt sie ein Köfferchen. Im Vorbeigehn zu Wendt. Bitte!

WENDT nimmt ihr es ab und stellt es neben sich unter den Sofatisch. Ich danke Ihnen ...

FRAU SELICKE mit der Schürze vor den Augen. Schluchzend. Ach Gott ja! Ach Gott ja!

TONI hat das Frühstück in Wendts Zimmer getragen und kehrt nun wieder zu ihrer Mutter zurück. Sie umarmt sie und küßt sie. Zärtlich. Mutterchen! – Muttelchen!..

FRAU SELICKE zu Wendt, immer noch schluchzend. Ja, grüßen Sie sie nur! Grüßen Sie sie nur recht von uns!

WENDT ihre Hand ergreifend. Ich danke Ihnen, Frau Selicke! Ich danke Ihnen! Für – alles! Ihre Hand drückend. Leben Sie wohl! Zu Toni, die mit dem einen Arm noch immer ihre Mutter umschlungen hält, ebenfalls ihre Hand ergreifend. Leben Sie wohl! Ich ...


Toni hat sich an die Brust ihrer Mutter sinken lassen und vermag ihm nicht zu antworten. Ihr ganzer Körper bebt vor Schluchzen.


WENDT sich plötzlich über ihre Hand, die er immer noch nicht losgelassen hat, bückend und sie küssend. Ich komme wieder! ...

Quelle:
Naturalismus_– Dramen. Lyrik. Prosa. Band 1: 1885–1891, Berlin und Weimar 1970, S. 395-411.
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Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

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Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

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Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

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