Capvt 3

[97] Naemi sprach einsmals zu ihr:

Solt ich nicht darnach sehen

Mein Tochter/ Ruh zu suchen dir

Daß es dir wol mög gehen?

Nun wolan/ merck was ich dir sag/

Der Mann bey dem du g'wesen/

Vnd bey des Dirnen diese tag

Du Korn hast auffgelesen/

Boas/ unser verwandter Freund

Des Nam'n du wol thust kennen/

Der wird sein Gersten worfflen heint

Diese nacht auf der Tennen.

So folg mir liebe Tochter nun/

Es soll dir seyn ohn schaden/

Was du zu dieser zeit solt thun:

Nemblich du solt dich baden/

Auch salben/ und ziehn an dein Kleid/

Vnd gehn hin auff die Tenne/

Doch merck wol die gelegenheit/

Auff daß dich niemand kenne/

Biß Boas wol getruncken hat/

So merck den Ort gar eben/

Dahin er sich zu Abends spat

Zu schlaffen thut begeben.

So kom alßdann und lege dich/

Sein Füß soltu auffdecken/[97]

Wenn er denn wird besinnen sich/

In dem du jhn thust wecken/

So wird er wol anzeigen dir/

Was du solt ferner machen.

Gehorch mein liebe Tochter mir/

Vnd folg in dieser Sachen.

Die Ruth nam diß in guter acht/

Vnd wolt nicht widerstreben/

Sprach: was ihr itzt zu mir gesagt/

Dem will ich folgen eben.

Also ging sie auffs best geschmückt

Hinab auff Boas Tennen/

Weils Abend war/ es ihr auch glückt/

Daß niemand sie thet kennen.

Vnd da Boas gelebt frölich

Getruncken hatt und gessen/

Wolt er zur ruh begeben sich/

Vnd legt sich nach dem essen

Hindr einen Mandl und Gersten hauff.

Ruth merckt den Ort mit fleisse:

Sie kam und deckt sein füsse auff/

Vnd legt sich zu ihm leise.

Da es nun kam zur mitter-nacht/

Ward Boas solches innen/

Als er von seinem schlaff erwacht/

Kont sich doch nicht besinnen.

Erschrack des ohne masse sehr/

Wandte sich hin und wider/

Vnd sieh/ ein Weib sah ligen er

Bey seinen Füssen nider.

Er sprach: Wer bist? Was machstu hie?

Gib dich mir zu erkennen.

Ich ewer Magt Ruth/ antwort sie/

Bin kommen in die Tennen.

Breit uber mich ewr Flügel nun/

Daß ich eur gunst erwerbe.[98]

Von Rechts wegen solt ihr es thun/

Dieweil ihr seyt mein Erbe.

Er sprach zu ihr: Gesegnet seyst

Mein Tochter/ von dem Herren/

Grösser gutthat hast itzt beweist/

In dem du mich in Ehren

Begerst/ und zu mir kommen bist/

Gegn mich mit Lieb umbfangen/

Vnd keines wegs auß böser lust/

Den Jünglingn nachgegangen.

Darumb solt gar nicht fürchten dich/

Alles nach deinem willen/

Was du gesagt/ will trewlich ich

Verrichten und erfüllen.

Die gantze Stadt meins volckes weiß/

Daß du ein Weib auffrichtig

Vnd tugendsam bist/ das mit fleiß/

Sich stets verhalten züchtig.

Wahr ist/ ich bin der Erb/ wie du

Sagst/ doch solt du auch wissen/

Einer gehört dir näher zu/

Dem werd ichs kundt thun müssen.

Nimt er dich morgen/ so will ich

Hierinn nicht widerstreben:

Wo nicht/ so will ich nehmen dich/

So wahr der Herr thut leben.

Daran solt gar nicht zweiffeln du/

Schlaff nur ohn furcht und sorgen.

Sie legt sich nieder da zu ruh/

Vnd schlieff biß an den morgen.

Darnach eh es ward tag und liecht/

Sie auß dem schlaff erwachte/

Ehe einr den andern kennen mücht/

Sie sich vom Bett auffmachte.

Boas hatt sie geweckt so früh/

Gedacht/ ich möcht mich schemen/[99]

Daß ein Weibs-bild gewesen hie/

Niemand soll diß vernehmen.

Er sprach: lang her dein Schürtztuch mir/

Das du hast umbgeschürtzet.

Sie hielt es ihm/ alßbald Er ihr

Drinn sechs maß Gersten stürtzet.

Legts auff sie/ ließ sie von ihm gehn/

Im tunckel und verborgen.

Sie kam da man noch nicht kont sehn

Zur Mutter früh am Morgen/

Die sprach zu jhr: wie stehts mit dir

Vnd wie bistu empfangen?

Das sag mein liebe Tochter mir

Wie ist es dir heint gangen?

Ruth zeigt Naemi solches an/

Vnd sagt ihr alles eben/

Was ihr gethan Boas der Mann/

Vnd was er ihr hatt geben.

Sechs Maß Gersten/ sprach sie/ gab er

Mir/ die hab ich genommen/

Denn er sprach du sollt itzt nicht leer

Zu deiner Schwieger kommen.

Naemi sprach: sey du nur still/

Du wirst es bald erfahren

Wie sich der handel schicken will:

Kein fleiß wird Boas sparen

(Weis ich gewiß) und ruhen nicht/

Biß er noch heut am Tage

Diß alles hab glücklich verricht/

Dran ich kein zweiffel trage.


Quelle:
Anna Ovena Hoyers: Geistliche und Weltliche Poemata, Amsteldam[!] 1650, S. 97-100.
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